Christoph Ransmayr Die Schrecken des Eises und der Finsternis

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Inhaltsangabe zu „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ von Christoph Ransmayr

Es ist der Herbst 1872. Eine österreichisch-ungarische Expedition unter Leitung von Carl Weyprecht und Julius Payer bricht auf, einen Wasserweg zur Beringstraße zu finden. Doch ihr Schiff, die Admiral Tegetthoff , friert nur wenige Wochen nach der Abreise im Packeis fest. Während die Welt um sie herum erstarrt, nutzen die beiden Männer die Tage in der Finsternis für wissenschaftliche Aufzeichnungen. Der eine bedacht, der andere getrieben von der Suche nach unentdecktem Land. Nach zwei Überwinterungen auf dem Schiff, und nachdem ein Teil der Mannschaft tatsächlich das nördlichste Archipel der Erde gefunden hat, machen sich 23 zermürbte und von Krankheiten geschwächte Männer schließlich auf, zu Fuß die Rettung zu suchen. Gut 100 Jahre später bricht der Italiener Josef Mazzini, gefesselt von den Berichtender großen Arktis-Entdecker, in das Nordmeer auf. Ein introvertierter, stiller Mann voller Idealismus. Er kommt bis Spitzbergen. Und dort verliert sich schließlich seine Spur. Josef Mazzini reiste oft allein und viel zu Fuß. Im Gehen wurde ihm die Welt nicht kleiner, sondern immer größer, so groß, dass er schließlich in ihrver schwand. Ransmayr vermengt reale Tagebuchaufzeichnungen der Payer-Weyprecht-Expedition von 1872 bis 1874 mit den fiktiven Notizen Mazzinis zu einer melancholischen Parabel auf den ewigen Traum vom Entdecken und zugleich die Schönheit wie die Schattenseite bedingungsloser Hingabe an ein Ziel.

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  • Rezension zu "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" von Christoph Ransmayr

    Die Schrecken des Eises und der Finsternis
    HeikeG

    HeikeG

    15. August 2008 um 12:00

    Die Erfindung der Wirklichkeit Die Schrecken des Eises und der Finsternis ist eine Geschichte von der Geschichte und der Geschichtenmacherei: Eine Hinterfragung der Geschichte nach ihrem Sinn. Alle Längengradlinien kreuzen sich zweimal auf der Erde: am Nordpol und am Südpol. Keine besonderen Zeichen, Monumente oder andere fassbaren Naturphänomene definieren diese geographischen Extrempunkte - außer der Tatsache, dass dort sechs Monate die Sonne am Himmel steht, und dann dem Tag die ebenfalls sechsmonatige Polarnacht folgt. Dennoch unternahmen Forscher und Abenteurer enorme Anstrengungen, diese Punkte, die nur im menschlichen Geist existieren, zu erreichen. So gehörte die Südpolexpeditionen von Scott und Amundsen wohl zu den dramatischsten Entdeckungsreisen die es je gab. Nicht weniger Dramatik umfasste die 1872 begonnene, von Julius Payer und Carl Weyprecht kommandierte österreichisch-ungarische Nordpolexpedition, die im August 1873 - nachdem sie mit ihrem Schiff festgefroren waren - einen unter Gletschern liegenden Archipel entdeckte und ihm nach alter Entdeckersitte den Namen des Kaisers gab - "Franz-Josefs-Land". Unter entsetzlichen Entbehrungen wird es vermessen. 1874, nach zwei polaren Wintern, versucht sich die Mannschaft unter beinahe übermenschlichen Anstrengungen zu Fuß und mit Beibooten in die Barentssee, in Richtung Süden aufzumachen, wo sie von der Besatzung eines russischen Fischereischiffes gerettet wird. Dieser wahren Eismeerexpedition setzt Christoph Ransmayr die fiktive Gestalt des Italieners Mazzini entgegen. Josef Mazzini ist seit seiner Kindheit von den großen Arktis-Entdeckern ebenso besessen wie von ihrem Scheitern. Die Rolle des Chronisten genügt ihm nicht, er muss in gewisser Weise die Erlebnisse der historischen Polarforscher in seinem Leben nachstellen. Er schließt sich 1981 - hundert Jahre später - einer norwegischen Nordpolexpedition an. Eine Reise, aus der er nicht zurückkehrt. Nur seine Tagebücher bleiben, so wie auch die Tagebücher der Expedition des vorletzten Jahrhunderts. Beide Haupthandlungsstränge werden parallel erzählt, wobei die ursprüngliche Expedition, durch Tagebucheintragungen verschiedener Teilnehmer, deutlich mehr Platz einnimmt und auch mehr im Zentrum dieses Romans steht. Der Autor integriert sich, als eine Person, die Mazzini flüchtig gekannt hat, in die Handlung. Christoph Ransmayr liest den ungekürzten Roman Die Schrecken des Eises und der Finsternis selbst vor. Durch die zahlreichen Verschränkungen, Sprünge zwischen Dokument und Fiktion, Wechseln von Zeit und Ort der Handlung (parallel existierende und teils ineinander übergehende Zeit- und Raumebenen) nimmt die "akustische Wahrnehmung" dieses Hörbuch eine fast experimentelle Dimension ein. Ein "einfach mal so nebenbei" Hören ist dabei ein gewagtes Unterfangen, denn wer Ransmayr nicht genau zuhört, hat den Zusammenhang schnell verloren. Das symphonische Stimmengewirr und die Verzahnung von Dokumentation und Fiktion sind ungewöhnlich und aufregend, wirken aber trotzdem wie aus einem Guss. Alle Handlungsstränge reihen sich scheinbar naht- und mühelos in das Textgewebe ein. Was Fakt ist und was Fiktion, wird angesichts der spannenden, tragischen, amüsanten und beängstigenden Handlung zunächst recht unwichtig. Doch die komplexe Erzählkonstruktion, ihre Vielschichtigkeit, wirft nach und nach die Frage nach der Zusammensetzung der vom Autor hervorragend intonierten Stimmen auf. Da der Erzähler sich immer wieder auf Tagebucheintragungen beruft, die seinen Angaben zufolge allesamt historisch sind, dies aber offensichtlich für die "Mazzini-Tagebücher" nicht zutreffen kann, stellt sich bald die Frage nach dem Verhältnis der vom Erzähler destillierten "Wahrheits-Zutaten" zu den Beimischungen seiner Phantasie. Die Schrecken des Eises und der Finsternis gibt vor, keinen Anfang und kein Ende zu haben, und doch ist das (Hör-)Buch von einer Dichte und Abgeschlossenheit, dass man unwillkürlich mitgerissen wird. Sowohl die Geschichte selbst, als auch die Art, Geschichte zu machen und ihren Sinn zu hinterfragen, expliziert Ransmayr wunderbar. Dabei tastet der Roman nach jener "Formel", die das Menschliche im Menschen ausmacht und probt Grenzsituationen menschlichen Verhaltens an jener Grenze, die auch die Grenze des Lebens ausmacht. Gleichzeitig wird auf die Tradition einer Kultur und einer Geschichtsschreibung hingewiesen, in der nur die Sieger eingetragen werden und nur jene Toten zählen und gezählt werden, die in diesen Eroberungskämpfen mit der Natur umgekommen: "Wer auf einem Fischkutter rettungslos ins Eis gerät und ersäuft, verhungert oder erfriert, hat keinen Anspruch auf eine historische Notiz. (...) Wer seine Arbeit auf einem Fangschiff verrichtet, hat keinen Anspruch auf Ruhm. Aber den Expeditionen, und seien sie noch so erfolglos, ein Denkmal." Das kollektive Gedächtnis braucht Helden, doch es gibt genaue, quasi institutionalisierte Spielregeln, die entscheiden, wer als Held gelten darf. Ransmayr verfügt über eine hohe Vortragskunst, doch setzt er seine Mittel sparsam ein, verzichtet auf Pathos. Der distanzierte, jedoch keineswegs leidenschaftslose Ton des Erzählers findet in der Intonation des Autors seine Entsprechung. Seine gleichmäßig ruhige, niemals dramatisierende Stimmlage gibt die Kälte und Trostlosigkeit des Eises grandios wieder. Dem Hörer wird beinahe physisch kälter und kälter. Gleichzeitig vermag er jedoch durch seine behutsame, beinahe zärtliche Lesung den Gestalten Leben einzuhauchen. "So meisterlich, wie Ransmayr Essay, Roman und Dokumentation verschachtelt, erfasst sein Echolot die menschlichen Untiefen angesichts zarter Schneeblüten und des gleichgültigen Kriegs der Eisschollen. Seinen schauerlich spannenden Roman liest Ransmayr ohne den Scheinfrost gespielter Stimmkälte, sondern mit polarweher Sanftheit und einer allen Schichten des Werks gerechten Emphase, der wohl nur der Autor fähig ist", schrieb "DIE ZEIT", dem uneingeschränkt zugestimmt werden kann. Fazit: Das Hörbuch Die Schrecken des Eises und der Finsternis ist eine Spurensuche nach dem Weg der Vorgänger, eine Deutung der vorgefundenen Zeichen, ein Prozess des (Er-)Findens und das Erfragen und Hinterfragen der menschlichen Existenz am Randgebiet der Welt und des Menschlichen - beeindruckend gelesen vom Autor selbst. Eine hervorhebenswerte "Komponente" in der neuen GEO-Hörbuchedition "Weit draußen".

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