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Rezension zu "Der Mörder mit dem grünen Apfel" von Christophe Carlier

Facettenreiche Innenschau
Ein LovelyBooks-Nutzervor 4 Jahren

In einem großen Pariser Hotel treffen zufällig drei Gäste in der Bar aufeinander: Ein Industrieller aus Parma erzählt dem amerikanischen Literaturwissenschaftler Craig begeistert von seinen Liebschaften. Immerhin so laut, dass die allein reisende Elena am Nachbartisch alles mitbekommt und deutlich signalisiert, was sie von diesem tollen Hecht hält. Während der Italiener trotzdem versucht, mit Elena zu flirten, versucht sich auch Craig in der Kontaktaufnahme mit ihr. Jedoch als ihr Verbündeter, dem die Prahlereien ebenfalls zu viel sind.

Kurz darauf wird der Italiener ermordet in seinem Zimmer aufgefunden und die „Verbündeten“ Elena und Craig treffen sich ab diesem Zeitpunkt immer wieder zum Frühstück oder zum Abendessen sobald sie ihre Arbeitstage hinter sich haben. Es scheint ihnen eine gewisse Sicherheit zu geben, solange vom Mörder keine Spur zu finden ist. Craig bewundert Elena für ihre deutliche Absage an den Italiener und zieht eine erste Bilanz: „Der Mann, auf den sie am Sonntag ihren Gorgonen-Blick geworfen hat, wurde am folgenden Tag niedergestreckt. Keine vierundzwanzig Stunden hat er dem dunklen Glanz ihrer Pupillen widerstanden. Eine solche Effizienz ist schwindelerregend.“

Erzählt wird die Geschichte, die innerhalb einer Woche spielt, fast durchgehend von nur drei Personen: Craig und Elena sowie dem Nachtportier Sèbastien. Nur kurz nach dem Mord schaltet sich das Zimmermädchen ein, das den Toten gefunden hat und gibt Details zur Situation im Zimmer preis. Die Woche nach dem Mord wird zu einem kleinen Kammerspiel, bei dem sich die drei Berichterstatter phantasievoll über die Möglichkeiten auslassen, was passiert sein könnte. Sie hinterfragen ihre eigenen Gefühle, spielen mit Theorien und sondieren Gerüchte. Sind die zahlreichen Geliebten dem untreuen Geschäftsmann auf die Schliche gekommen?

Von Sébastien erfährt man zu den Ermittlungen und dem Hotelbetrieb am meisten: „Gäste auf der Durchreise sind ein Spektakel, das ich genieße,“ sagt er und beobachtet geduldig und genau die Menschen, die bei ihm ein und aus gehen. Er ist auch derjenige, der dem Buchtitel einen Sinn gibt, als er sich überlegt, warum man den Mörder bis dato nicht identifiziert hat: „Er muss genauso anonym gewesen sein wie der Mann mit der Melone, dessen Gesicht Magritte hinter einem grünen Apfel versteckt.“ Da passt es, dass ausgerechnet er, den die Gäste jeden Tag sehen und trotzdem nur wie einen Mann von Magritte wahrnehmen würden, mit dem Schlüssel zur Lösung des Falls spielt.

Am meisten Anspielungen versteckt Carlier allerdings nicht auf die Kunst, sondern auf die Kriminalliteratur: Arsène Lupin bekommt seine Honneurs ganz direkt gesagt, Anspielungen auf Fälle von zum Beispiel Sherlock Holmes oder Hercule Poirot sind versteckt in den Beschreibungen vom Tathergang. Und auch Patricia Highsmith bekommt ein Andenken geschenkt.

Carlier bietet eine interessante Innenschau auf unter den Leuten, die sich im Hotel stärker selbst reflektieren müssen, weil sich selten Kontakte ergeben und wenn sie welche knüpfen, dann „sind ihre Berichte nur für sie selbst unterhaltsam“. Craig steuert viele Ideen über ideale Verbrechen bei, Sébastien philosophiert über Menschen im Hotel und ihre Marotten. Wie bei einer Zwiebel enthüllt Parlier peu à peu eine Schicht nach der anderen über seine Protagonisten. Manches verrät das Buch direkt, viele andere Dinge aber stehen zwischen den Zeilen. Ein kleiner Epilog verrät, was offen geblieben ist. Und dennoch schließt er die Geschichte nicht endgültig ab. Ein raffiniertes Gewebe, das weniger durch Spannung als durch eine facettenreiche Innenschau besticht.

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