Christophe Léon

 3.9 Sterne bei 8 Bewertungen

Alle Bücher von Christophe Léon

Väterland

Väterland

 (8)
Erschienen am 22.03.2017
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Erschienen am 01.12.2014

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Rezension zu "Väterland" von Christophe Léon

Eindrucksvoller, bedrückender Jugendroman
Mlle-Facettevor 8 Monaten

Seit einem Jahr müssen Personen desselben Geschlechts, die sich in der Öffentlichkeit küssen, mit sechs Monaten Gefängnis und einer Strafe von mehreren Tausend Euro rechnen. Aber die Situation ist eindeutig genug, der Notar begreift sofort, wo er die zwei suspekten Männer einzuordnen hat.
„Ich bin Anwalt und ich habe immer wieder gegen diese Leute prozessiert. Wenn sie anfangen, von Liebe und Freiheit zu faseln, ach was, welch schönes Märchen! Ich antworte mit Recht und Gesetz. Wenn wir ihre Ehen auch noch nicht rechtlich annullieren können, so werden wir uns wenigstens vor ihnen schützen, indem wir sie in gewissen Einrichtungen oder Aufnahmelagern sammeln. Es gibt überhaupt keinen triftigen Grund, das Gesetz nicht anzuwenden. Ihre eigenartigen Verbände, die sie verteidigen, sollen ruhig versuchen, uns einzuschüchtern und Himmel und Hölle in Bewegung setzen. Wir lassen usn davon nicht beeindrucken. Demokratie bedeutet, das Mehrheitsprinzip anzuwenden und die Vernunft. Unsere Mitbürger wollen nichts mit ihnen zu tun haben, das ist gesunder Menschenverstand. Das Recht ist für alle gleich. Mich persönlich widern sie an. […]“ (S. 51)


DER INHALT

Ein dystopischer Jugendroman. Frankreich in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft, in welcher die Stimmung gleichgeschlechtlichen Paaren gegenüber kippt.
In einem schleichenden Prozess werden gleichgeschlechtliche Paare immer mehr eingeschränkt, zu ihrem Schutz, wie es heißt. Es beginnt mit dem erneuten Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen und das gleichgeschlechtliche Paare keine Kinder mehr adoptieren dürfen; führt dazu, dass eben diese Paare eine rosa Raute tragen sollen (angeblich damit im Falle von homophoben Übergriffen seitens der Polizei schneller und besser eingegriffen werden kann) und schon nach einigen Jahren müssen all die Paare in ein Getto umziehen, dürfen Paris nicht mehr ohne Genehmigung besuchen.

Erzählt wird die Geschichte von der fast 13-jährigen Gabrielle; Adoptivtochter des verheirateten Paars Phil und George. Die Geschichte wechselt sich ab zwischen Erinnerungen und Gegenwartserzählungen, die klug miteinander verwoben sind.

MEINE MEINUNG

Papa George schleppte seinerseits nun immer ein Messer in der Tasche mit sich herum, trotz der spöttischen Bemerkungen von Phil, der das melodramatisch fand:
„Was willst du mit deinem Säbel anfangen? Die Dummheit in Scheiben schneiden?“
„Mich wehren.“
„Gegen wen?“
„Spiel nicht den Idioten, du weißt nur zu gut …?“
Dieses Messer beruhigte mich nicht. Es erschien mir wie ein Zeichen von Schwäche. War George nicht stark genug, um sich ohne Waffe zu wehren? Und was bedeutete sich wehren – gegen wen wehren? (S. 64)


Christophe Léon schafft es in sehr kurzer Zeit die bedrückende Stimmung einzufangen und zu vermitteln, was sich innerhalb weniger Jahre verändert hat. Vieles passiert zwischen den Zeilen, also im Kopf des Lesers; Léon lässt Platz zur Interpretation und für eigene Überlegungen. Was ich grundsätzlich gut finde, mich bei einem Jugendbuch aber frage, ob es genügt um zu vermitteln, dass es eben keine Rolle spielt, welches Geschlecht man hat, solange man liebt und respektiert und dass ein Kind ein ebenso erfülltes Leben bei einem gleichgeschlechtlichen Paar, wie bei einem „klassischen“ Paar haben kann.

„Diese Schwachköpfe“, schimpfte George, außer sich vor Zorn. „Was ist das, eine Familie? Ein Mann, der seine Frau schlägt, der sein Kind quält? Nein, ehrlich, das soll ein bewundernswertes Modell sein?“
„Was George sagen will, Gabrielle, ist, dass die Liebe weder ein Geschlecht hat noch eine Hautfarbe“, schaltete Phil sich etwas moralisierend ein. „Die Leute, die durch die Straßen ziehen, haben unrecht. Die Liebe kann man nicht bestimmen, auch nicht die sexuelle Vorliebe. George und ich, wir lieben uns, wir lieben dich und unsere Liebe ist genauso legitim wie die unserer Nachbarn, die unserer Freunde oder die von irgendjemand anderem. Wir müssen uns nicht dafür schämen, dass wir sind wie wir sind – niemals.“ (S.40)


Gabrielles Erzählungen von vergangenen Ereignissen zeigen eindrucksvoll, wie eine intakte Familie auszusehen hat: liebevoll, respektvoll, hilfsbereit.
Dass es keinerlei Rolle spielt, ob die Eltern Mann und Frau sind oder Mann und Mann oder Frau und Frau. Dass es keinerlei Rolle spielt, ob das Kind adoptiert ist oder nicht.
Dass Liebe und Familie rein gar nichts mit dem Geschlecht oder Blut zu tun hat.

Gleichzeitig hat mich die Geschichte schockiert.
Ich bin immer wieder entsetzt darüber, erinnert zu werden, dass die Geschichte sich wiederholen wird, immer wieder, wenn dem niemand etwas entgegensetzt. Ich empfinde Verständnislosigkeit darüber, dass Toleranz nicht selbstverständlich ist und es somit immer wieder zu so viel Hass und Unmenschlichkeit kommt. Der einleitende Auszug am Anfang dieses Artikels, lässt mich immer wieder fassungslos den Kopf schütteln, kaum Worte finden für die Engstirnigkeit mancher Menschen – und das obwohl ich weiß, dass der Notar nur eine fiktive Person ist. Das Wissen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die so denken … es ist mir unbegreiflich.

FAZIT

Die Idee hat viel Potential. Viele Möglichkeiten diese ungerechten und idiotischen Entwicklungen weiterzuspinnen und ins Extrem zu treiben. Leider hat das Buch gerade mal 116 Seiten und konnte so zwar die Idee vertiefen und auch in den wenigen Seiten schon Entsetzen und Verständnislosigkeit in mir auslösen, ich finde aber, es hätte ruhig noch ausführlicher sein dürfen.

Ein Buch dass sich durchaus eignet, um über Homophobie, Sinnhaftigkeiten von Adoptionsverboten oder Ausgrenzung zu sprechen, über Liebe und Respekt, aber auch über Angst vor Unbekanntem und weniger konventionellen Lebensstilen.
Um es als Jugendlicher ohne begleitende Diskussion zu lesen, halte ich es allerdings für etwas zu oberflächlich. Es setzt einiges an Toleranz und Reife voraus, um die Geschichte richtig zu interpretieren.
Als Schullektüre mit unterstützenden und vertiefenden Gesprächen aber wohl durchaus geeignet. So jedenfalls mein Eindruck.

Anders zu sein war aber gar nicht so übel!

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JuliaAndMyselfs avatar

Rezension zu "Väterland" von Christophe Léon

Gute Idee, man hätte jedoch mehr daraus machen können
JuliaAndMyselfvor einem Jahr

Schon beim lesen des Klappentexts, hat mich die Handlung der Geschichte schockiert und an die Judenverfolgung im dritten Reich erinnert. Es sind gewisse Parallelen zu erkennen. So müssen Homosexuelle eine rosa Raute auf ihrer Kleidung befestigt tragen, bekommen neue Ausweise, aus denen ihre Homosexualität ersichtlich ist, werden aus ihren Wohnungen vertrieben, bekommen ihre Arbeitserlaubnis entzogen und werden in Ghettos untergebracht. Als das geschieht jedoch zu heutiger Zeit. Aus diesem Grund sind auch die Methoden der Einschüchterung ausgefeilter.
Die Handlung ist schockierend und man fragt sich ob ein solches Szenario tatsächlich passieren könnte. Aber gleichzeitig verliert das Buch durch die Zeitsprünge und die geringe Tiefe einiges, obwohl die Idee großes Potenzial hatte. Am Ende fühlt man sich etwas überrumpelt und es bleibt viel offen für Spekulationen. Der Autor hätte sich meiner Meinung nach mehr Zeil lassen können die Charaktere und die Handlung zu entwickeln. Trotz dieser Schwächen ist es lesenswert, man sollte jedoch nicht allzu große Erwartungen haben.

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vivreavecdeslivress avatar

Rezension zu "Väterland" von Christophe Léon

Väterland | Rezension
vivreavecdeslivresvor einem Jahr

Christophe Léons Roman ist eine Reise - einerseits eine, die uns in eine schreckliche und an die Vergangenheit erinnernde Zukunft führt, andererseits die zweier liebender Väter durch Paris, die ihrer Tochter ihre Liebe beweisen wollen. Schon andere zu Klassiker mutierende Jugendbücher haben uns klargemacht, das Strukturen, die vergleichbar mit jener zur Holocaust Zeit sind, immer wieder auftauchen können - gerade da, wo man sie am wenigsten erwartet. Denn auch wenn im Moment endlich erste Erfolge für die gleichgeschlechtliche Liebe gefeiert werden, nimmt anderswo der Antisemitismus wieder zu und die Unterdrückung von Menschen hat noch lange kein Ende gefunden. Um dem entgegen zu wirken, braucht man einige starke Worte und den Mut, diese auszusprechen oder aufzuschreiben, um gegen eine Wand von Mitläufer-Charaktern anzulaufen und Erfolge zu erzielen. Christophe Léon hat bewiesen, dass er das kann, und hat gleich noch einige einzigartige und mutige Charaktere erschaffen, die man in den wenigen Seiten zwar nicht bis ins Innerste kennenlernt, aber trotzdem geschwind in sein Herz schliesst. Mit dieser Technik schafft der Autor, trotz relativ neutralem Schreibstil, die Geschehnisse packend und mitnehmend darzustellen. Ausserdem schafft er verschiedenen Stimmen Platz, indem immer wieder seitenweise 'Zitate' von Menschen geschrieben stehen, die Homosexualität als Drohung wahrnehmen und den beiden reisenden Vätern auf der Strasse begegnen. So schafft er es ganz gelegentlich, dass man auch als lesende Person Angst hat, den nächsten Menschen zu begegnen, die eine andere Sexualität als die ihre beängstigend finden. 
Mit diesem Buch hat Christophe Léon etwas aussergewöhnliches erschaffen, eine zukünftige Schullektüre, die unter die Haut geht und den Zeitgeist genau trifft. Sexuelle, aber auch politische Aufklärung ist nämlich wichtiger denn je und wird hier auf spielerische, aber unglaublich raffinierte Art vermittelt - vielen Dank für diese wichtige Lektüre!
https://wonderful-ne-books.blogspot.ch/2017/08/vaterland-von-christophe-leon_24.html

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