Christopher Ryan

 4.7 Sterne bei 3 Bewertungen

Alle Bücher von Christopher Ryan

Sex

Sex

 (1)
Erschienen am 09.12.2016
Die Damaszener Trommel

Die Damaszener Trommel

 (0)
Erschienen am 23.11.2014
Sex at Dawn

Sex at Dawn

 (1)
Erschienen am 29.08.2011

Neue Rezensionen zu Christopher Ryan

Neu
EvyHearts avatar

Rezension zu "Sex - die wahre Geschichte: The prehistoric origins of modern sexuality" von Christopher Ryan

Gut, aber am Thema vorbei
EvyHeartvor 2 Jahren

"Sex at dawn. The prehistoric origins of modern sexuality" (übersetzt in etwa: Sex zum Beginn der Zeit. Die prähistorischen Wurzeln der modernen Sexualität) wurde 2011 erstmals veröffentlicht und erschien 2016 in zweiter Auflage bei Klett-Cotta in der Übersetzung von Birgit Herden.

Interessant finde ich, dass der deutsche Titel lockerer und ein bisschen nach Ratgeber klingt, das Original aber konkreter ist. Fotos von Urmenschen gibt es trotzdem nicht :-)

Das Buch hat 430 Seiten und kostet gebunden 25 EUR, als E-Book 20 EUR.

Die Autoren


Christopher Ryan hat englische Literatur studiert und später Psychologie. Er ist um die Welt gereist, hat in verschiedenen Jobs gearbeitet und menschliche Verhaltensweise erforscht. Seine Doktorarbeit hatte die Wurzeln menschlicher Sexualität als Gegenstand.

Cacilda Jetha wurde in Mosambik geboren und hat einen Doktor in Psychartrie. Sie hat u.a. in der AIDS-Prävention gearbeitet.

Weitere Infos gibt es auf der Autoren-Seite (englisch)

Worum geht es?


Um das "Standardnarrativ der menschlichen Sexualität". Und warum es nicht stimmt. Wo die Denkfehler sind. Und warum Menschen betrügen. Wie man das lösen kann, wird nicht erklärt.

Auch die Rolle der Frau wird eingeflochten, weil das Standardnarrativ die Frau in der schwächeren Position sieht.

Auch wenn das Buch locker geschrieben hast, handelt es sich eher um Wissenschaftskritik als um einen Ratgeber.

Inhalt und Aufbau


Das Buch hat (ohne Einleitung usw.) 5 Kapitel mit 22 Unterkapiteln und 78 Abschnitten. Ein Abschnitt ist zwischen 1 und 5 Seiten lang und daher gut zu konsumieren. Was auffällt: Die Abschnitte kreisen um das Kernthema "Warum wir nicht monogam leben können", eine klare Struktur wird nur wenig deutlich.


Das Buch beginnt mit einer lustigen Anekdote, danach wird es nur selten lustig. Bereits die Einleitung gibt einen Überblick über das Buch und beantwortet die Ausgangsfrage. Danach wird das Standardnarrativ erläutert und stetig weiter ausgeführt. Oft gibt es Vergleiche zu Affen und zu Völkern, die heute jenseits (?) der Zivilisation leben und einen Urzustand widerspiegeln. In Kapitel 4 und 5 wird das Buch praktischer und beschäftigt sich mit Geschlechtsteilen, bevor schließlich anhand eines Beispiels erklärt wird, warum Menschen betrügen. Der "Aufschrei" war scheinbar so groß, dass es ein ergänzendes Nachwort gibt...

Auffallend ist, dass der Text die Thesen zahlreicher Forscher hinterfragt und stellenweise kritisiert. Besonders auf Charles Darwin wird eingegangen. 

Ein paar Schemata und Tabellen sind enthalten, werden im E-Book allerdings auseinander gerissen.

  Das Standardnarrativ der menschlichen Sexualität
gemäß Evolutionspsychologie (= Verhalten des Menschen wird mit der Evolution erklärt)

Junge trifft Mädchen

Attraktivität wird eingeschätzt anhand von:

Er: Jugend, Fruchtbarkeit, Treue

Sie: Wohlstand, sozialer Status, Gesundheit → väterliche Investition (Mann versorgt sie während der Schwangerschaft)

Paarung + Paarbindung

Sie: Eifersucht, weil andere Frauen die Resourcen von ihrem Mann nehmen könnten + Affären mit Männern, die ihrem genetisch überlegen sind

Er: sieht gesicherte Vaterschaft in Gefahr + hat Affären, weil Sperma verbreitet werden muss


Wer oder was ist schuld an der Nicht-Monogamie?


Unsere Kultur :-) Einen Wendepunkt markiert die Neolithische Revolution vor ca. 10 000 Jahren. Davor lebten die Menschen als Jäger und Sammler in kleinen Gruppen (ca. 50 Personen), innerhalb derer die persönliche Bindung stark war. Nimmt man heutige Völker als Orientierung, wurden die Kinder gemeinsam erzogen und Frauen wechselten den Partner. Manche unterscheiden den "Ehemann" und den Partner, mit dem man schläft. Die Nahrung wurde aufgeteilt und auch wenn es beschränkte Besitzrechte gab, wurde die Erbfrage erst nach der Neolithischen Revolution wichtig. Damals begannen die Menschen sesshaft zu werden.

Ich glaube, die "erzwungene Monogamie" liegt daran, dass wir abhängig sind. Weniger vom Geld als von der Gesellschaft. Unsere Bindungen untereinander sind so schwach, dass wir in unserem Partner sehr viel sehen und starke Verlustängste haben.

Was fand ich interessant?


Das Buch erklärt gut, wie die Sexualität des Menschen eingeschränkt und auf die Ehe fokussiert wurde und welche Folgen das hat. Interessant fand ich die These, dass Paartherapeuten dazu tendieren, die monogame Beziehung wieder herzustellen, anstatt einzugestehen, dass polygame Partnerschaften für manche Menschen besser sind.

Auch mit der Biologie kann man das erklären: Bei Männern sinkt der Testosteronspiegel durch verschiedene Faktoren (Kinder, das Alter, Langeweile...) und eine neue Partnerin kann den Hormonspiegel steigen lassen. Infolge des Coolidge-Effektes muss das nicht von Dauer sein.

Das Buch zählt viele Kulturen auf, aber keine ist "perfekt". Es gibt keine Kultur, in der Sex in jedem Alter und ohne Einschränkung geduldet und vollständig offen kommuniziert wird. Niemand ist perfekt.

Nochmal Biologie: Wie Frauen Männchen anlocken und mit welchen körperlichen Tricks Männer gegen fremdes Sperman schießen :-)

Am nervigsten, aber beeindruckendsten fand ich die Kritik an Forschern: Es gibt Forscher, die Menschengruppen manipulieren, Kriege auslösen und ein Volk danach als "kriegerisch" bezeichnen. Auch der Unterschied aus Beobachtung und Interpretation ist wichtig.

Frauen und die Hysterie - ein unrühmliches Kapitel und ...es ist erstaunlich, wie sich kleine Änderungen so manifestiert haben.

Der Schreibstil oder "Was gefällt mir nicht?"


Es ist nicht die Sprache - die Informationen sind vielfältig und für den Leser gut aufnehmbar. Fußnoten, die erst am Ende des Buches aufgelöst werden, sind bei E-Books schwierig, aber das kann ich verkraften. Unschön war das ständige "Wir werden beweisen, dass..." - nicht nur auf den ersten, sondern auch auf den letzten Seiten. Ab S. 100 hatte ich das Gefühl, dass es eher darum geht, andere Wissenschaftler zu widerlegen als dem Leser etwas zu vermitteln. Manchmal formulieren die Autoren sehr zugespitzt z.B. „Männer und Frauen sind angeblich von Natur aus Lügner und Huren, die einander entsprechend ihrer evolutionären Programmierung betrügen. […] Die Erbsünde, wie sie im Buche steht.“ (S. 80). Das Buch hat einen negativen Unterton, der sagt "Wir haben recht!" - das ist bei einem solch sensiblen Thema nicht nötig.

Außerdem war ich enttäuscht, dass nicht beantwortet wurde, wie man das lösen kann. Es meine evolutionäre Bestimmung meines Partners (und mir) nicht monogam zu sein - weiche von mir, Eifersucht! So einfach ist das nicht.

Fazit


"Sex - die wahre Geschichte" liefert viele interessante Informationen, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben werden. Leider wird die Kernthese sehr schnell deutlich und es fehlt eine klare Linie. Das Buch wirkt oft zu voll und der Schreibstil ist nervig.

Wer sich für die Kernfrage interessiert, muss nicht das ganze Buch lesen. Wer einen guten Überblick über bekannte Evolutionspsychologen und menschenliches Sexualverhalten bekommen will, sollte reinlesen.

Kommentieren0
5
Teilen
M

Rezension zu "Sex" von Christopher Ryan

Interessante Thesen und Erkenntnisse zu dem, „was das Leben am Gang hält“.
michael_lehmann-papevor 2 Jahren

Interessante Thesen und Erkenntnisse zu dem, „was das Leben am Gang hält“.

Sex ist ein zentrales Thema des Lebens. Nicht nur des Lebens selbst im biologischen Sinne der Arterhaltung und -Vermehrung, auch im persönlichen Sinne.

„Sex sells“ ist da nur eines der Symptome für die Wichtigkeit des „Aktes“ im alltäglichen, persönlichen Leben. Mit allem, was dazugehört. Trieben, Flirten, Jagdgelüsten, Anerkennung in und durch die Augen eines zumindest möglichen Sexualpartners und, daneben, die jahrhundertelangen und jahrhundertealten Erklärungsversuche, warum das so ist und, ebenso, die vielfachen intensiven, strikten, in den Mitteln nicht selten harte Versuche, eine bestimmte Haltung zu, Sex, eine „Sexualmoral“ durchzusetzen.

Auch daran erkennt man die Wichtigkeit des Themas ohne Weiteres, wie strikt und mit wieviel Energie über Jahrhunderte hinweg der Sex „in Form gegossen“ werden sollte und dies bis heute, an manchen Enden und Ecken der Welt, immer noch eines der beherrschenden Themen von Traditionen, religiösen Normen und Alltagserlebend der Menschen ist.

Da ist die gerade aufbrandende Diskussion über das Tragen einer „Burka“ nur die die Sitze des riesigen Eisberges, den der Sex darstellt. Der, wie Freud sagte und dachte, „eine der beiden“ wesentlichen Antriebskräfte des Menschen ist.

Und die Frage nach der „Einzigartigkeit“, der „Monogamie“, zumindest des „Besitzes der Frau für nur einen Mann“ ist dabei eines der zentralen Momente in den Versuchen der Regulierung dieser drängenden „Urkraft“ des Triebes.

Schlechte Nachrichten halten Ryan und seine Frau Jethá in diesem, locker und leger im Stil daherkommenden, sehr breit dem Thema nachgehenden, Buch gerade für all jene Moralverfechter bereit.

„Monogamie“ als „natürliche Veranlagung“ hat es nie gegeben.

Das ist eine der zentralen Erkenntnisse der Untersuchung des „natürlichen“ Sexualverhaltens des Menschen, welche die beiden Autoren akribisch vor die Augen der Leser legen. Alle biologischen Thesen in diese Richtung irren, weisen die Autoren überzeugend argumentiert nach, und waren eher der Verhaftung der Forscher (wie Darwin) in der Moral ihrer jeweiligen Gesellschaftsform geschuldet als den objektiven Erkenntnissen.

Bis dahin, zu erläutern, warum Paare nach einer (selbst kurzen) zeitlichen Trennung so „heiß“ aufeinander sind. Weil eben beide es zumindest für realistisch möglich halten, dass der je andere Partner während der Abwesenheit „den Trieben erlag“ und Sex mit anderen hatte.

Um dies gerade zu rücken, so verweisen die Autoren unter anderem auf die erhöhte Spermaproduktion, egal, ob ejakuliert wurde oder nicht, soll der „mögliche“ andere „getilgt“ werden. Bis dahin, dass in der Untersuchung der Pornographie deutlich wird, wie „anregend“ Spermakonkurrenz für zumindest den Mann sich auswirkt (Szenen, in denen mehrere Männer eine Frau „angehen“ sind beliebte und verbreitet Motive in der Pornographie. Und das wohl dieses „Spermawettrennen“ zu Urzeiten vorherrschend war (womit auch die unterschiedlichen Erregungskurven von Mann und Frau in der Gegenwart noch zu erklären sind).

Bei der Lektüre wird von Seite zu Seite klarer und deutlicher, dass in den Augen der Autoren und nach deren Forschungsergebnisse Menschen grundlegend nicht von Natur aus monogam veranlagt sind, sondern polygam bis hin zur Polyamorie, mithin also der „sexuelle Kitt“, der mit für die Geschlossenheit einer Gesellschaft sorgt und das Ausleben von Trieben stark kanalisiert (Monogame Ehe, Familie als Kern der Gesellschaft, in den Weltreligionen massive Strafen vor allem für weibliche Ehebrecher etc.) rein kulturell zu verstehen ist und immer in Reibung mit der eigentlichen Veranlagung zum „breit gestreuten Sex“ treten wird (und muss).

Dabei reichen die Schlüsse der Autoren, auf dem Sex basierend, dennoch weit über diesen hinaus. Denn das „einfache Erklärungsmodell“ der Evolution, Konkurrenz um Spermaverteilung und daraus resultierend Monogamie für die Aufzucht der Nachkommen und interner Wettbewerb, der sich nicht nur um den „Kampf um Frauen“, sondern dann auch als ökonomische Triebkraft seinen Weg sucht, passt letztlich nicht zudem, was da Autorenehepaar herausgefunden hat.

Ran und Jethá kommen, fundiert im Übrigen, zu dem Schluss, dass nicht Konkurrenztriebt, sondern soziale Interaktion mit je sexuellen Komponenten (in recht freier Form) die Kulturen „von Natur her“ eigentlich formen. Wenn sie nicht durch „Überbauten“ an Moral und Machtinteressen zwanghaft daran gehindert werden.

Und auch das sind nur Teilausschnitte der vielfältigen, das „große Ganze“ erklärenden Ausführungen dieses sehr gut lesbaren und teils regelrecht spannenden Werkes. Dass viel Aufsehen erregt hat und nun, endlich, auch in deutscher Sprache vorliegt.

Eine klare Leseempfehlung für jeden, der sich zumindest mit Alternativen zu gängigen Kulturmodellen in intensiver Weise beschäftigen möchte. Und am Ende erkennen kann, wie viele der „modernen Verhaltensweisen“ und der Erkenntnisse zum Sex sich mit diesem Modell deutlich besser erklären lassen, als mit vielfach gängigeren Modellen.

Kommentieren0
9
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 6 Bibliotheken

auf 2 Wunschlisten

Worüber schreibt Christopher Ryan?

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks