Guten Morgen, Genosse Elefant

von Christopher Wilson 
4,3 Sterne bei64 Bewertungen
Guten Morgen, Genosse Elefant
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Positiv (55):
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Seltsamer humor. Deutlicher Ernst. Wir begleiten Juri, 12, in die Datscha Stalins. Er ist der Vorkoster. Im Jahr 1954

Kritisch (4):
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Abgebrochen. Nicht mein Geschmack

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Inhaltsangabe zu "Guten Morgen, Genosse Elefant"

Der rührendste Romanheld aller Zeiten.
Die lustige, traurige, spannende, lehrreiche, herzzerreißende Geschichte von Juri Zipit, der ein paar Wochen in Stalins Datscha verbringt und sein Vorkoster Erster Klasse wird. 'Mein Name ist Juri Zipit. Ich bin zwölfeinhalb Jahre alt und lebe in einer Personalwohnung im Hauptstadtzoo gleich gegenüber vom Seelöwenteich hinter der Bisonweide, direkt neben dem Elefantengehege. Mein Papa ist Doktor Roman Alexandrowitsch Zipit, Professor für Veterinärmedizin, Fachgebiet Neurologie der Großhirnrinde, also ein Spezialist für alles, was im Kopf der Tiere schiefgehen kann. Als ich sechseinviertel Jahre alt war, passierte mir das größte Pech. Ein Milchwagen ist von hinten in mich reingerumst. Hat mich durch die Luft gepfeffert, bis ich auf den Boden geknallt bin, kopfvoran aufs Kopfsteinpflaster. Dann kam hinterrücks die Straßenbahn und ist über mich rüber. So was hinterlässt einen bleibenden Eindruck.Ich möchte Ihnen erzählen, wie ich einmal ein paar Wochen im Zentrum der Macht verbracht habe. Es waren höchst vertrauliche Angelegenheiten und dubiose Ereignisse, die zu düsteren Geschehnissen führten. Geheimnisse versteckt in der Geschichte. Ich baue auf Ihr Schweigen. Außerdem will ich Sie beschützen. Zu Ihrer eigenen Sicherheit. Also, psssst.'
'Lust und Vergnügen wuchsen, je länger und enger ich mit Juri zu tun hatte. Ein großartiger Roman.' Der Übersetzer Bernhard Robben

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783462050769
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:272 Seiten
Verlag:Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum:16.08.2018
Das aktuelle Hörbuch ist am 16.08.2018 bei Lübbe Audio erschienen.

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    karatekadds avatar
    karatekaddvor 5 Tagen
    Kurzmeinung: Seltsamer humor. Deutlicher Ernst. Wir begleiten Juri, 12, in die Datscha Stalins. Er ist der Vorkoster. Im Jahr 1954
    Der elefant und dessen Vorkoster.

    Es gibt sehr verschiedene Arten von Humor. Man sagt gemeinhin, dass die Deutschen eine bestimmte Art von Humor haben, ganz sicher behauptet man das von den Briten und einer hat die „Psychologie des Humors“ sogar studiert. Christopher Wilson, der dann in der Goldsmith Universität in London lehrte. Er unterrichtet kreatives Schreiben, zum Beispiel in Gefängnissen. Die Ergebnisse der Insassen würde der bloggende Bücherjunge gern einmal in Augenschein nehmen. 

    Manchmal gibt es Bücher, wo einem gelegentlich der Humor, das Lachen im Halse stecken bleibt, doch fangen wir von vorn an. Es sind die letzten Wochen im Leben des Josef Petrowitsch, genannt  der stählerne Mann. Manchmal auch „Wodsch“, was im Russischen für „Führer“ steht.  Doch halt: вождь ist der Begriff dafür und damit wird klar, Wilson verändert zumindest die Namen, denn es handelt um einen gewissen Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt STALIN. Die Angst vor einer Ärzteverschwörung lässt einen Tierarzt zur Untersuchung seiner Leiden kommen, der Professor aus dem Moskauer Zoo hat einen Sohn, das ist der zwölfjährige Juri, der muss mit auf die Datscha.

    Juri, schwer mitgenommen durch einen Milchwagen und die Straßenbahn, wirkt entweder wie ein Trottel oder wie der liebenswerteste Zwölfjährige, den man sich denken kann, jeder hat sofort Vertrauen zu ihm und erzählt ihm Persönlichstes. So geht es auch dem Stählernem, der Juri zu seinem Vorkoster macht, wegen der Ärzteverschwörung. 

    Mit verfremdeten Namen lernen wir Cruschtschow, Berija, Malenkow kennen. Manch einer versucht, den Jungen für sich einzunehmen, doch der Bengel ist schlau und bewegt sich zwischen den Mächtigen und den Doppelgängern souverän. Am Ende hat er einen Brief des „Wodsch“ noch irgendwo. Das Testament?

    * * *

    Das mich das Buch zu ständigem Lachen gebracht hätte, kann ich nicht behaupten. Aber der Humor kommt durch die Hauptfigur durchaus hervor, wenn der Junge in scheinbarer Naivität spricht, seine erwachsenen Gegenüber an der Nase herumführt oder die Zustände in der Sowjetunion reflektiert. 

    Die Diktatur, das Unmenschliche dieses „Führers der sozialistischen Welt“ tritt da am stärksten auf, wo sich der „Wodsch“ und sein Vorkoster zum Beispiel über Blumen unterhalten. Es geht um Rosen:

    „Das Geheimnis der Rosen besteht darin, sie jedes Jahr zurückzuschneiden. Ihre Schönheit entspringt allein einer strikten, gnadenlosen Disziplin.... Man muss alles Ungesunde, Befallene wegschneiden, und welke Blüten, die ihre Kraft, ihre Schönheit verloren haben, muss man gleich köpfen. Weißt du, wie man nennt, was am Stängel wächst?... Man nennt es den Trieb, manchmal auch den Führer. Und wenn man die Führer nicht mindestens um die Hälfte stutzt, schießen die Pflanzen zu schnell in die Höhe, wachsen ohne Kraft und Disziplin und die Blüten verkümmern.“ (Seite 135/136)

    Darin steckt die Art, wie Stalin seine Macht errang und erhielt. Wenn man die Geschichte der Sowjetunion halbwegs kennt und weiß, dass in den Jahren 1936 / 1937 ähnlich wie bei den Rosen die halbe Militärführung abgesetzt, in Lager geschickt, nach Schauprozessen ermordet wurde, dann haben wir hier eine literarische Darstellung, die dies wieder spiegelt.

    Ein weiteres Beispiel sei hier noch erwähnt. Der alte Wodsch spricht über Menschen und Geschichte und das der Junge weder die Menschen noch die Welt lieben sollte, weil die Menschen unvollkommen, die Welt schlecht ist und beide verbessert werden müssen.

    „Man muss die Menschen lieben, wie sie sein könnten, nicht wie sie sind. Besser in einer besseren Welt.... 
    Aber du musst Folgendes über die Geschichte wissen... Geschichte, das sind die Lügen der Sieger, denn nur Sieger erzählen die Geschichte. Und der Sieger kann sie niederschreiben, wie es ihm passt, folglich kann er die Vergangenheit auch so formen, wie er sie haben will – nicht wie sie war sondern wie sie hätte sein sollen... 
    Zu siegen ist also die erste Aufgabe eines Politikers, denn nur, wenn er siegt, kann er alles in Ordnung bringen, die Vergangenheit und die Gegenwart, aber auch die Zukunft.“ (Seite 144/145)

    Sodann spricht er über die Menschen. Da gibt es die, die leben müssen. Sie wären sehr nützlich, die Staatsführer, Künstler und Wissenschaftler.... Menschen, die weder Gutes tun, noch Schaden anrichten sind bedeutungslos und entbehrlich. Feinde dagegen müssen ausgelöscht werden. Manch einer kann einfach umgebracht, andere müssen „gleichsam ungeschehen“ gemacht werden. Das wäre bei Tausenden notwendig. Ebenso müssten dann auch Religion, Familien und die Liebe ungeschehen gemacht werden, weil sie keinem politischen Zweck dienen und sich nicht „um den Klassenkonflikt“ scheren. (Vgl. Seite145 – 148)

    An solchen Stellen erkennt der Leser, was der Autor letztlich mitteilen will, der nur den Jungen als echt liebenswerten Menschen darstellt, vom Papa mal abgesehen. An diesen Stellen trat für mich dann der Sinn des Buches hervor, denn der Junge straft diese Aussagen Lügen. Er tut dies mit einem kindlichen, sehr geradlinigem Humor, jedoch erkennt man die Literaturfigur, wenn er die erlittene Folter des Marschalls Bruhah auf seltsam emotionslose Weise schildert. 

    Im Wechsel von Humor und Ernst, von Fiktion und Wahrheit lesen wir von einem Führer, von den Menschen mit denen er sich umgab und der Gesellschaft, die er formte. Die Wirkung ist immer noch da, nach dem unter einer schrecklichen Menge von Todesopfer gewonnenen großen Krieg, Verehrer gibt es in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion eine ganze Menge. Daran allerdings wird dieses Buch eher nichts ändern können. Da es andererseits von Linken, die den Stalinismus verharmlosen, kaum gelesen werden wird, wird es Bestätigung für die Leser sein, die sich mit der Geschichte und dem Leben des Generalissimus, einem der Großen Drei, bereits beschäftigt haben. Ein Geschichtsbuch ist es nicht und außerdem schreiben ja die Sieger die Geschichte, was letztlich auch nicht verleugnet werden kann.

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    Ceciliasophies avatar
    Ceciliasophievor 7 Tagen
    Ungewöhnlicher Erzählstil eines außergewöhnlichen Jungen

    Nachdem Juri  von einem Milchwagen an- und von einer Straßenbahn überfahren wurde, wirkt er auf seine Mitmenschen so, als würde er nicht mehr richtig ticken im Kopf. Sie vertrauen diesem Jungen mit dem freundlichen Gesicht all ihre dunkelsten und tiefsten Geheimnisse an, denn wer könnte Juri widerstehen und wer würde einem Idioten wie ihm überhaupt glauben? 
    Und genau diese Eigenschaft Juris lässt Stalin auf ihn aufmerksam werden. Kurzer Hand findet sich Juri in der Datscha des „Stählernen“ wieder, ohne sein Zutun verwickelt in die politischen Strickereien und fernab von seinem Vater, der den Moskauer Zoo leitet. 

    So wie Juri ein sehr außergewöhnlicher zwölfjähriger Junge ist, so ist auch dieses Buch ganz besonders geschrieben. Erzählt aus Juris Sichtweise und mit seinen Worten geschrieben, hatte ich anfangs meine Schwierigkeiten, mich in dem Buch zu Recht zu finden. Doch mehr und mehr konnte ich mich für diesen Stil begeistern. Denn Juris Sicht auf die Dinge rund um Stalin und seine Genossen war so naiv, wie ein gutherziges Kind nur sein kann und die Geschehen wirkten dadurch auf mich als Leser nur noch grausamer. All die Gräueltaten, die unter Stalin verübt wurden, die Familien, die auseinander gerissen wurden, die generelle Angst der Bevölkerung, all dies wurde für mich durch die Beschreibungen eines kleinen Jungen noch viel erschreckender und das Buch nahm mich phasenweise emotional sehr mit. Doch die vielen traurigen Szenen wurden immer wieder abgelöst von durchaus witzigen Passagen, die die Lektüre jedoch dadurch noch skurriler erscheinen ließen. 
    Wirklich viel wusste ich vor Beginn der Lektüre nicht über die stalinistische Zeit. Im Geschichtsunterricht behandelten wir vorrangig den zweiten Weltkrieg und seine Auswirkungen rein auf Deutschland bezogen und auch im Abitur wurde Stalin nur mal am Rande erwähnt. Somit hat das Buch für mich als Laie auf dem Gebiet der Geschichte ganze Arbeit geleistet. Ich habe mich aktiv und über die Lektüre hinaus mit dieserZeit beschäftigt. Von daher hat der Autor zumindest im meinem Fall einen deutlichen Eindruck hinterlassen und ich werde das Buch nicht so schnell vergessen.  
    Ein wenig schade finde ich, dass die Männer rund um Stalin in dem Buch eine Palette neuer Namen erhielten und nicht ihre wirklichen benutzt wurden.

    Auf nur wenigen Seiten konnte mich der Autor wirklich von sich überzeugen und ließ mich eine emotionale Achterbahn fahren. Ich vergebe vier Sterne für dieses satirische Werk. 
    Ich bin sehr froh, dass ich dieses Buch lesen durfte. Im Buchhandel hätte ich wahrscheinlich nicht danach gegriffen, da es nun doch eher außerhalb meiner literarischen Komfortzone liegt. Nun kann ich es jedoch nur mit gutem Gewissen und voller Überzeugung weiterempfehlen. 

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    vfrankensteins avatar
    vfrankensteinvor 18 Tagen
    Absolut ungewöhnlich und überraschend gut


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    R
    RubyKairovor 24 Tagen
    Kurzmeinung: Gleichgültig lassen - so viel sei versprochen - wird dieses Buch niemanden.
    Der rührendste Romanheld aller Zeiten.

              Lustig und herzzerreißend. Die lustige, traurige, spannende, lehrreiche, herzzerreißende Geschichte des zwölfjährigen Juri, Sohn des Zoodirektors, der ein so liebes Gesicht hat, dass ihm jeder ungefragt seine Geheimnisse erzählt. "Mein Name ist Juri Zipit. Ich bin zwölfeinhalb Jahre alt und lebe in einer Personalwohnung im Hauptstadtzoo gleich gegenüber vom Seelöwenteich hinter der Bisonweide, direkt neben dem Elefantengehege. Mein Vater ist Zoodirektor, Doktor Roman Alexandrowitsch Zipit, Professor für Veterinärmedizin, Fachgebiet Neurologie der Großhirnrinde, also ein Spezialist für alles, was im Kopf der Tiere schiefgehen kann. Als ich sechseinviertel Jahre alt war, passierte mir das größte Pech. Ein Milchwagen ist von hinten in mich reingerumst. Hat mich durch die Luft gepfeffert, bis ich auf den Boden geknallt bin, kopfvoran aufs Kopfsteinpflaster. Dann kam hinterrücks die Straßenbahn und ist über mich rüber. So was hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Ich möchte Ihnen erzählen, wie ich einmal ein paar Wochen im Zentrum der Macht verbracht habe. Es waren höchst vertrauliche Angelegenheiten und dubiose Ereignisse, die zu düsteren Geschehnissen führten. Geheimnisse versteckt in der Geschichte. Ich baue auf Ihr Schweigen. Außerdem will ich Sie beschützen. Zu Ihrer eigenen Sicherheit. Also, psssst." Juri gerät ins Räderwerk der Geschichte, als er in Stalins Datscha zum Vertrauten und Vorkoster erster Klasse des Diktators wird. Ganz klamm heimlich beginnt sich die Geschichte, die uns der junge Juri, zunächst aus der naiven Sicht eines Kindes, erzählt, drastisch zu verschlimmern. Trotzdem, eine lustige, traurige, spannende, lehrreiche, herzzerreißende Geschichte von Juri Zipit, der ein paar Wochen in Stalins Datscha verbringt und sein Vorkoster Erster Klasse wird. Gleichgültig lassen - so viel sei versprochen - wird dieses Buch niemanden. Christopher Wilson ist ein kraftvoller Roman gelungen, der den Leser ist zu Tränen rührt.
           

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    Girdies avatar
    Girdievor einem Monat
    Stimmt nachdenklich und bleibt in Erinnerung

    Der Engländer Christopher Wilson nimmt den Leser in seinem Roman „Guten Morgen, Genosse Elefant“ mit in die Sowjetunion ins Jahr 1953. Es ist das Ende der Stalinzeit und der Protagonist Juri erlebt diesen Zeitraum aus einer ganz besonderen persönlichen Sicht. So schmückt denn auch ein fünfzackiger roter Stern das Cover des Buchs, hier als Symbol für eine kommunistische beziehungsweise sozialistische Weltanschauung. Unterbrochen wird der Stern durch einen Löffel. Er steht für den Job des Vorkosters, den Juri einnehmen wird. Die Elefanten im oberen Bereich sowie der Titel beziehen sich auf den Tarnnamen, den der damalige Diktator der Sowjetunion von einem Mitarbeiter erhält und damit dessen Gewichtigkeit betont.

    Juri Romanowitsch Zipit ist Halbwaise. Mit seinem Vater, dem Hauptveterinär des Zoos, wohnt er in einer Dienstwohnung neben den Tiergehegen. Er ist zwölf Jahre alt als er durch Zufall zum Vorkoster des „Stählernen“, der sich gerne Wodsch nennen ließ, wird. Eine gewisse geistige Beschränkheit, hervorgerufen durch einen Unfall als Kind, kombiniert sich bei Juri mit Intelligenz und Gerissenheit. Sein Gesicht wirkt auf Betrachter vertrauenserweckend und auch der Wodsch ist von ihm stark eingenommen. Welche Vorzüge und Nachteile die ihm übertragene Aufgabe hat, kann er sich bei Arbeitsaufnahme noch nicht vorstellen.

    Juri erzählt seine Geschichte mit Blick auf die ein Jahr zurückliegenden Ereignisse. Auf diese Weise konnte ich mich als Leser im Laufe der Schilderung, die zunehmend bedrückender wird und ihm Vieles abverlangt, immer wieder seines Überlebens der Ereignisse versichern.

    Christopher Wilson gelang es mit seinem Roman mich gleichzeitig zu erheitern und tieftraurig zu stimmen. Juri hat eine unvoreingenommene gar naive Art seine Umwelt wahrzunehmen. Er weiß, dass er oft zu viel redet und Menschen dazu bringt, ihm ihre Geheimnisse anzuvertrauen. Schon zu Beginn gibt er einen kurzen Einblick in die Möglichkeit der Instrumentalisierung seiner Altersklasse im sozialistischen Staat durch die Lehrer. Der Autor wählt seinen Protagonisten bewusst jung um uns als Leser aufzuzeigen, dass uns niemand, auch nicht die Eltern, schützen können, wenn man in das Blickfeld der Mächtigen gerät, so unschuldig und unerfahren auch unser Geist noch sein mag. Den einzigen Schutz bieten Machtträger mit konträren Ansichten, die sich gegenseitig ausspielen. Gesprochene oder geschriebene Worte können große Freude oder verheerenden Schaden anrichten. Ohne zu hinterfragen oder weitere Einblicke zu gewinnen schildert Juri das feine Ränkespiel um die, im übertragenen Sinne, Plätze in der ersten Reihe beim nahenden Abgang des Generalsekretärs des Zentralkomitees. Hass, Neid und Rache sind dabei die Triebfedern. Den Leser beschwört Juri zu seinem Mitwisser, was der Erzählung von Anfang an etwas Geheimnisvolles gibt.

    Der Autor vermag es mit der Kunst der Übertreibung seinem Roman einen humorvollen Anstrich zu geben, doch als ich mit Juri tiefer in die Schmiede der Macht eindrang wurde mit Angst und Bange. Hier ist nur noch widerspruchslose Pflichterfüllung angesagt, nach Belieben besteht die Möglichkeit Unerwünschte auszusortieren. An dieser Stelle möchte ich dem Übersetzer Bernhard Robben ein Lob aussprechen, der es geschafft hat, den speziellen Humor und die Feinsinnigkeiten des Romans ins Deutsche zu transportieren. Bei näherem Hinsehen verschmelzen Fiktion und gelebte Vergangenheit der Erzählung. Dieser Umstand brachte mich ins Grübeln darüber, dass es auch heute noch vergleichbare Regierungssysteme wie das geschilderte gibt. Juris unbedarfte Art zeigte mir die Hilflosigkeit des gewöhnlichen Einzelnen in einem solchen Staat. „Guten Morgen, Genosse Elefant“ stimmt nachdenklich, bleibt noch lange in Erinnerung und daher empfehle ich es gerne weiter.

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    Lealein1906vor einem Monat
    Kurzmeinung: Erfrischend anders!
    Klasse Perspektive

    „Guten Morgen, Genosse Elefant“ ist einfach mal erfrischend anders und deswegen ein ganz tolles Buch, sodass ich gerne die 5 Sterne vergebe.
    Juri ist ein russischer Junge, der im Zoo lebt, weil sein Vater Tierarzt und dabei vor allem auf Elefanten spezialisiert ist. „Leider“ (das macht ihn nun mal zu einer super spannenden Hauptfigur) ist Juri nach einem Unfall nicht mehr ganz richtig im Kopf und hat auch einige körperliche Leiden. Schwer ist es für ihn vor allem auch wegen der politischen Zeiten. Wenn man etwas Falsches sagt, ist man schnell weg vom Fenster. Noch schlimmer, wenn man direkt in die Höhle des Löwen kommt, weil Juri nämlich durch ein paar Zufälle Vorkoster von Stalin höchstpersönlich wird. So wirft man durch seine Augen einen ganz neuen Blick auf die damaligen politischen Ereignisse und blickt tief in Stalins Privatsphäre.
    Juri ist einfach eine besondere Person und ich finde es gut, dass er die Leser auch direkt anspricht. So hat man das Gefühl er selbst würde dir seine Geschichte erzählen. Daran orientiert sich auch der Erzählstil des Autors, den er so optimal umgesetzt hat. Ich mochte Juri von Anfang an und kann mir keine bessere Hauptperson vorstellen. Das Buch ist zwar eher kleiner, aber der Inhalt überzeugt völlig.
    Am Überraschesten war für mich die Perspektive. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie man solche eine Geschichte aus der Sicht eines Jungen erzählt, aber das ist einfach super gelungen. Und so kommt eine ganze spezielle Geschichte heraus, die ich gar nicht erwartet hätte.
    Das Buch ist wirklich lesenswert und ich empfehle es allen weiter, die einen neuen Blick auf die historischen Begebenheiten in Russland werden wollen, weil sicher auch viel Wahrheit in dem Erzählten steckt.

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    Krimifee86s avatar
    Krimifee86vor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Juri als Hauptcharakter hat mir sehr gut gefallen, insgesamt wurde mir die Dramatik der Geschichte aber zu weichgespült.
    Guten Morgen, Genosse Elefant von Christopher Wilson

    „Und seit Lenin Gott abgeschafft hat – gelobet sei der Herr, möge er in Frieden ruhen-, müssen sie sich wen anders suchen, einen, der ihnen näher ist.“ [Seite 18]

    Seit er von einer Straßenbahn überfahren wurde, ist der mittlerweile 12-jährige Juri ein wenig einfältig, wird zum Teil sogar als „Idiot“ beschrieben. Tatsache ist, er ist ein wunderbar 12-jähriger Junge, lieb und neugierig, aber er weiß einfach nicht, wann es besser wäre, die Klappe zu halten. Und das kommt ihn teuer zu stehen, als er seinen Vater zum „stählernen Mann“, dem Regierungschef der Sowjetunion begleitet. Kurzum ernennt der „stählerne Mann“ den jungen Juri zu seinem neuen Vorkoster und plötzlich findet er sich in den Strudeln der Politik wieder. Denn während der „stählerne Mann“ ihn zeitgleich als Spion gegenüber den anderen Politikern nutzen will, versuchen seine Gegner genau das Gleiche. Und leider kann Juri einfach nicht den Mund halten...

    „Aber Du musst Folgendes über die Geschichte wissen... Geschichte, das sind die Lügen der Sieger, denn nur Sieger erzählen die Geschichte. Und der Sieger kann sie niederschreiben, wie es ihm passt, folglich kann er die Vergangenheit auch so formen, wie er sie haben will – nicht wie sie war, sondern wie sie hätte sein sollen.“ [Seite 145]

    Insgesamt hat mir die Geschichte recht gut gefallen. Es war interessant, die politische Geschichte der Sowjetunion mal aus der Sicht eines Kindes zu sehen und zu erfahren. Wobei sich natürlich die Frage stellt, was hier wirklich so geschehen sein könnte und was pure Phantasie ist.
    Wie auch immer erzählt Juri die Geschichte mit einem Hauch Humor oder besser Naivität. Das hat das Ganze zum einen aufgelockert, zum an, deren hat es aber die Geschichte auch in gewisser Weise weichgespült. Denn es ist schlichtweg nicht lustig, wenn einem alle Finger einzeln gebrochen / zerstört werden, auch wenn Juri das Ganze humoristisch erzählt.

    „Liebe ist der Joker, die chaosstiftende Karte im Stapel, der große Durcheinanderbringer. Sie ist wie Kleiser, klebriges Zeug, das jedes Getriebe verstopft. Sie bringt Menschen zusammen, aber die falschen Menschen und auf die falsche Art. Sie erfüllt keinerlei politischen Zweck, lernt nicht aus der Geschichte und schert sich nicht um den Klassenkonflikt. Ihr fehlt es an Moral, und es gibt sie auch ohne jeden Grund. Sie fühlt ohne Erlaubnis, denkt das Undenkbare, spricht ungefragt, verzeiht alles, akzeptiert Ungehöriges. Sie führt zusammen, was nicht zusammengehört, verspricht das Unmögliche, suhlt sich in ihrem ureigenen Wahn, interessiert sich nicht die Bohne für die Partei und schwört, Gutes sei böse, behauptet Schwarz sei Weiß.“ [Seite 147]

    Alles in allem ist das Buch sicherlich nette Unterhaltung. Es ist einfach geschrieben und einfach zu lesen. Man erfährt ein bisschen was aus dem Inneren der sowjetischen Politik, wobei offen bleibt, was Fiktion ist und was an die Realität grenzt. Das Buch hat somit eine sehr ernste Thematik, die stellenweise jedoch zu sehr verwischt wird. Juri tat mir oftmals leid, oftmals konnte ich jedoch nicht so sehr mit ihm mitfühlen, wie er es verdient hätte, da der Ernst der Lage einfach nicht richtig transportiert wurde. Von mir gibt es drei Punkte und eine bedingte Leseempfehlung.

    Kurzmeinung: Juri als Hauptcharakter hat mir sehr gut gefallen, insgesamt wurde mir die Dramatik der Geschichte aber zu weichgespült.

    Mehr von mir zu den Themen Bücher, Essen, Reisen, Fotos, Geocachen, Disney, Harry Potter und noch vieles mehr gibt es unter: https://www.facebook.com/TaesschenTee/

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    Naburas avatar
    Naburavor 2 Monaten
    Vom Hauptstadtzoo ins Zentrum der russischen Macht

    Der zwölfjährige Juri Zipit wohnt im Jahr 1954 mit seinem Vater, der als Tierarzt arbeitet, in einer Personalwohnung des Hauptstadtzoos in Moskau. Mit sechs Jahren hatte er einen schweren Unfall. Seither vergisst er häufiger Dinge und hat gelegentlich Anfälle. Eines Abends wird sein Vater vom Geheimdienst abgeholt, um einen Patienten zu behandeln. Juri begleitet ihn als Assistent. Die Überraschung ist groß, als der Patient kein Tier ist, sondern der Stählerne höchstpersönlich, der überzeugt ist, dass alle Humanmediziner Verschwörer sind. Er ist von Juris liebem Gesicht und scheinbar einfachen Charakter so angetan, dass er ihn auf der Stelle zu seinem neuen Vorkoster ernennt. So erlebt Juri hautnah, was im Zentrum der russischen Macht vor sich geht.

    Juri ist ein ganz besonderer Charakter, der sich dem Leser zu Beginn des Buches selbst vorstellt. Er lebt mit seinem Vater im Zoo und hat sich damit abgefunden, dass er seit seinem Unfall sechs Jahre zuvor oft Wörter oder Erinnerungen vergisst und an Epilepsie leidet. Denn gleichzeitig ist er sehr wissbegierig und kennt sich mit vielen Dingen aus, von denen seine Klassenkameraden keine Ahnung haben. Außerdem hat er ein liebes, stets lächelndes Gesicht, das dazu führt, dass ihm Fremde ständig vertrauliche Dinge erzählen, die er gar nicht hören will. Seine Mutter war Ärztin und einfach verschwunden, als er fünf Jahre alt war. Auch sein Vater lebt in ständiger Angst, eines Tages abgeholt zu werden und hat Juri eingeschärft, im Ernstfall so wenig wie möglich zu sagen.

    Als die Geheimpolizei Juri und seinen Vater eines abends tatsächlich mitnimmt, passiert das aus ganz anderen Gründen als erwartet. Sie werden zum kranken Stählernen geführt, der von Juris Vater begutachtet werden soll. Dessen Diagnose gefällt ihm nicht, doch Juri will er als Vorkoster behalten. So gerät Juri völlig unvorbereitet in ein Schlangennest, in dem alle einander hintergehen und ihre eigene Agenda verfolgen. Von seiner Arglosigkeit wollen verschiedene Personen profitieren und versuchen ihn für ihre persönlichen Zwecke einzuspannen.

    Juri sieht und erlebt vieles, dass er nicht ganz versteht. Zu Beginn realisiert er nicht einmal, dass er tatsächlich für Stalin arbeitet. Von seinem neuen Umfeld als einfältig abgestempelt erlebt er als stummer Zuhörer manch streng geheime Szene mit. Seine erschreckenden Schilderungen machten mich als Leser betroffen und zeigen die Willkürlichkeit, mit der in totalitären Systemen Entscheidungen über Leben und Tod getroffen werden.

    Das Leben als Vorkoster ist ein Tanz auf Messers Schneide, denn viele sind schon an Gift gestorben. Er schwebt in ständiger Gefahr und ist auf sich allein gestellt. Seine Erlebnisse als Vorkoster enthielten für mich jedoch zu viele wiederkehrende Beschreibungen von Saufgelagen und Schimpftiraden. Auf der anderen Seite gibt es viele skurrile Szenen, zum Beispiel bei der Vorführung amerikanischer Filme, die mich trotz der ernsten Gesamtsituation zum Schmunzeln brachten.

    Bei „Guten Morgen, Genosse Elefant“ handelt es sich um eine fiktive Geschichte, welche vieles ganz bewusst überspitzt und es mit den historischen Fakten nicht immer so genau nimmt. Trotzdem vermittelt sie einen Eindruck davon, wie es im innersten politischen Kreis Russlands in der Zeit vor Stalins Tod zugegangen sein könnte, wo niemand dem anderen traut und niemand sich in Sicherheit wägen kann. Juris Geschichte ist tragisch, sein Optimismus und seine kindliche Gutgläubigkeit rührend. Ich empfehle diese ungewöhnliche, dramatische Geschichte mit vielen satirischen Elementen sehr gerne weiter!

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    BubuBubus avatar
    BubuBubuvor 2 Monaten
    bittersüß

    In den 1950er Jahren lebt der zwölfjährige Juri Zipit in der Sowjetunion in einem Moskauer Zoo. Sein Vater ist der dort arbeitende Veterinärmediziner und hat sich auf die Neurologie von großen Säugetieren spezialisiert.
    Eines Tages wird Juris Vater in das Umfeld des „Stählernen“ gerufen um ihn zu untersuchen.
    Der naive und als Idiot betitelte Juri begleitet seinen Vater.
    Juris besticht dadurch, dass ihm jeder sofort ungefragt seine Geheimnisse erzählt und durch einen Unfall Probleme mit seinem Gehirn hat.
    Er scheint auf sein Umfeld sehr einfältig.
    Juri wird zum Vorkoster des alten und kranken Diktators Stalins. In den wenigen Wochen, die er bei dem Stählernen verbringt lernt er einige Mitarbeiter und Berater des Diktators, kennen die hinter den Rücken der anderen Intrigen spinnen. Juri wird zum Spielball und bekommt Dinge mit, von denen er hätte nie wissen dürfen.

    Das Buch wird aus der Sicht des zwölfjährigen und sehr naiven Juris geschildert. Zu Beginn der Geschichte bringt Juri den Leser immer wieder zum Lachen, auch im Laufe der Geschichte zum Schmunzeln. Allerdings bekommen wir dennoch ganz deutlich Menschenverachtung und Brutalität mir, die Juri am eigenen Leib erfährt, aber dennoch nicht als schlimm erachtet. Eine heitere und bedrückende Stimmung wird so bei dem Leser ausgelöst – einerseits durch die Sprache des Jungen – wir wissen nie ob er es wirklich so meint – auf der anderen Seite durch die unglaublichen Situationen, die er erlebt.
    Der naive Optimismus den Juri an den Tag legt ist an einigen Stellen kaum zu ertragen – seine Hoffnung unerträglich.
    Die Kombination aus absurd, humorvoll, brutal und herzzerreißend ist ein wahres Meisterwerk des Autors.
    Trotz schlimmer, trauriger und brutaler Momente kommt durch die Erzählperspektive nie das Gefühl von Melancholie auf.



    „Ich bin ein Künstler, doch wohingegen ein Maler mit Farben malt, ein Töpfer mit Ton töpfert, arbeite ich mit Schmerz und Furcht. Denn ich bin ein Terrorist.“
    „Sind Sie das?“
    „Ich terrorisiere Menschen. Ich verhafte sie, bestrafe sie, zerbreche sie, zertrümmere Ihre Knochen.
    ich reiße ihnen die Augen aus, zerfetze ihre Seele…“
    „Autsch“, sage ich.

    [S.79]

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    S
    striesenervor 2 Monaten
    Blick auf die Sowjetunion am Ende der Stalin-Ära

    Juri Zipit, den zwölfjährigen Sohn des Moskauer Zoodirektors und Professors für Veterinärmedizin, verschlägt es zufällig in das Umfeld von Josef Stalin, nachdem Juris Vater zum Diktator gerufen wird, um diesen medizinisch zu untersuchen. Der naive Junge, der die Eigenschaft besitzt, dass ihm jeder sofort ungefragt seine Geheimnisse erzählt, wird zum Vorkoster des alten und kranken Diktators. Was Juri in den wenigen Wochen mit Stalin und dessen Entourage erlebt, ist Gegenstand dieses kleinen, aber feinen Romans von Christopher Wilson.

    Dieses Buch ragt meines Erachtens aus den Neuerscheinungen der letzten Wochen deutlich heraus. Durch den Kunstgriff, mit dem unverstellten naiven Blick eines Kindes die Ereignisse und Intrigen in Stalins Datscha zu beschreiben, sorgt der Autor beim Leser immer wieder für Momente der Heiterkeit. Mit Fortschreiten der Handlung bleibt einem das Lachen aber immer mehr im Halse stecken, da die Menschenverachtung und Brutalität in dieser Spätphase des Stalinismus den Leser immer wieder erschüttern. Der Roman liefert geradezu herzzerreißende Momente, wie die Begegnung von Juri mit seinem Vater im Gefängnis. Der naive Optimismus des Jungen ist in diesen Momenten kaum zu ertragen. Der Roman schafft es jedoch hervorragend, die Balance zwischen absurden und deshalb humorvollen Momenten und dem tragischen Kern der Geschichte zu halten. Daher von mir 5 Punkte und eine klare Leseempfehlung. Ich freue mich bereits auf das nächste Werk von Christopher Wilson. 
           

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