Gerne würde man es vermeiden. Vermutlich die meisten Menschen. Wenn im Leben Gewissheiten, wichtige Bereiche, enge Beziehungen unter Druck geraten. Allein schon der Tod unerwünschte Trennungen für jeden bereithält, aber auch Pläne scheitern, berufliche Weg abbrechen, Freundschaften, Partnerschaften, familiäre Bindungen breche, sich abwenden, wenn Unglücke und Krankheiten den eigenen Weg plötzlich aus der Bahn werfen. Und vieles mehr, was man im Alltag als Gefahren gerne verdrängt und das einen mehr oder weniger aufgewühlt, teils verzweifelt, in den ersten Augenblicken ohnmächtig und hilflos dem Leben gegenüber „im Regen“ stehen lässt.
Wie wenn Porzellan zerbricht, entstehen Risse im Leben. Risse, die einen durchaus auch in Abgründe zu ziehen vermögen. Risse, die vielleicht einfach nicht heilen wollen und die ein Gefühl des Unglücks manchmal allumfassend ins Leben stellen.
„Brüche sind Risse“, ein „unkontrolliertes Reißen“, das „nur selten saubere Konturen hinterlässt“.
Und doch sind Brüche so gut wie unvermeidlich. Und, das weist Marin in ruhigem, immer emotional warmem Ton und immer überaus einsichtig vor Augen geführt, in ihrem neuen Werk auf.
Was ein stückweit an die japanische Kunst des „Kintsugi“ erinnert. Da, wo zerbrochenes Porzellan „geheilt“ wird.
Aber nicht so, dass von den Rissen nichts mehr zu ahnen wäre. Sondern, im Gegenteil, mit klar konturierten, erkennbaren „Narben“ im Porzellan, dass die Brüche und Risse noch betont herausarbeitet. Und dennoch wieder ein voll funktionales Geschirr in den Raum des Lebens stellt.
So ist es auch bei den wichtigen, bewegenden Gedanken, die Marin Lesern und Leserinnen zur Verfügung stellt. Risse, Brüche, Abbrüche sind jene Orte im Leben, die stark zur persönlichen Entwicklung beitragen. Die, oft überhaupt erst, notwenige, vielleicht überfällige, Entwicklungen ins Rollen bringen. Mit der Betonung darauf, das ist der rote Faden des Buches, dass es einen gewaltigen Unterschied macht (siehe „Kintsugi“), ob man sich ungestaltet in das Geschehen ergibt, sich wehrt, alle Kraft daransetzt, einen „zerbrochenen Zustand“ ungeschehen zu machen und fast verzweifelt nur den Weg zwanghaft zu verfolgen, dass „alles wieder so wird, wie es war“ und am besten auch keine Spuren der Krisen mehr zu erkennen sind später.
Oder ob, bei aller emotionalen Belastung und teils auch Verzweiflung, die Kraft entsteht, solche „reißenden Lebensmomente“ absolut anzunehmen und sich „neu zu erfinden“. Um später die Brüche und Narben bewusst und sichtbar im eigenen Leben integrieren zu können.
„Die Verbindungen zu den anderen und der Welt, die uns umgibt, sind nie so empfindlich wie in dem Moment, da wir sie verlieren, genauer gesagt…..da wir denen, die für uns zählen, entrissen werden“.
Und doch gilt, dass Brüche uns existenziell gestalten, vielleicht mehr als alles andere Erleben. Und manchmal „muss man mit etwas brechen, um sich zu retten“.
Vor allem ergibt die Lektüre, ob man es gerne annimmt oder mit Widerstand, eines als Gewissheit: Das Leben ist nicht planbar und berechenbar. Gerade existenzielle Wichtigkeiten sind immer auch gefährdet. Und nicht nur der Emotion, auch der Logik erschließen sich die Schlüsse Marins im Lauf der Lektüre. Da Brüche dann „sind“, und da es schlichtweg nicht auszuradieren sein wird, ist es die weitaus konstruktivere Haltung, auch das Schwere als Herausforderung anzugehen und sich dem Geschehen „hinzugeben“ (nicht „zu ergeben“).
Dann wird zwar noch lange nicht alles einfach wieder Heil und findet nicht alles ein „Happy End“, aber doch kann dieses zentrale Geschehen im Leben Teil des eigenen Wegs und der eigenen Persönlichkeit werden. Wenn man sich Brüchen und Rissen bewusst stellt.
„Schläge einstecken“ ist dabei keine schwache Passivität, sondern eher ein Wissen um Momente, wo es angesagt ist, nicht in Aktionismus auszubrechen, sondern Trauer und Schmerz eben „erdulden“ zu können.
„Erdulden“ keine Schwäche, viele eher die Stärke, nicht in Panik flüchten zu müssen, wenn eine Krise im Raum steht, sondern auch das schwere einfach aushalten zu können, ohne dass eine Lösung greifbar im Raum stehen würde.
Am Ende ist es nicht so, wie es westlich landläufig vorrangig scheint. Dass das Leben sich durch das „Lernen aus Krisen und Fehlern“ ständig zu verbessern hat. Sondern dass das eigene Leben ein nicht immer sicherer Weg ist, dessen Prozess man aber mit Hingabe begleiten, den man auch gestaltenkann, aber in manch wichtigen Momenten auch einfach zu erleiden hat.
Ein hochinteressantes, aufrüttelndes und wichtiges Buch, dass für die eigene Weltsicht mehr austrägt, als alle äußeren Wege, in denen sich Menschen zu oft alleine erschöpfen.



