Claudel Philippe

 4.1 Sterne bei 24 Bewertungen

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Die Kostbarkeit des flüchtigen Lebens

Die Kostbarkeit des flüchtigen Lebens

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Erschienen am 16.08.2017
La Petite Fille de Monsieur Linh / MP3

La Petite Fille de Monsieur Linh / MP3

 (0)
Erschienen am 07.11.2006

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Rezension zu "Die Kostbarkeit des flüchtigen Lebens" von Claudel Philippe

Über das Leben und den Tod
anna_mvor 4 Monaten



Philippe Claudels Roman „Die Kostbarkeit des flüchtigen Lebens (L’Arbre du Pays Toraja)“, stand längere Zeit auf meinem Lovelybooks-Wunschzettel. Ich hatte in etwa Klappentext in Erinnerung und habe mir das Buch dann spontan bestellt. Es entsprach nicht ganz den Erwartungen, die ich hatte. Ich hatte an einen Erzähler gedacht, der sich mit den „wichtigen Fragen“ des Lebens auseinandersetzt und vom Abschied von seinem besten Freund erzählt, der über den Sinn des Lebens und den Tod reflektiert – und das es irgendwie um ihre Beziehung zu Büchern geht. Dabei handelt es sich eigentlich eher um eine Ansammlung von Kapiteln, in denen der Erzähler – ich glaube er heißt Philippe, wie der Autor - davon berichtet, wie er von der Krebserkrankung seines Freundes Eugène erfuhr, wie er diesen bis zu seinem Tod begleitete und wie er danach weiterlebte und arbeitete, denn Eugène war der Produzent des Erzählers, der als Filmemacher tätig ist. Das hat mich nicht allzu sehr überrascht, allerdings ließ mich die Art und Weise, wie es erzählt wird, etwas stutzen.

Hier aber erstmal der Klappentext:


„»Unter all den Nachrichten auf dem Anrufbeantworter fand ich die von Eugène: ›Du wirst lachen‹, sagte er, ›ich habe einen bösen Krebs.‹ Ich habe natürlich nicht gelacht, gebe aber zu, dass ich lächeln musste. Aus Kummer vermutlich. Oder aus Traurigkeit.«
Nachdem er von einer Reise nach Paris zurückgekehrt ist, erfährt der Erzähler, ein fünfzigjähriger Filmemacher, von der Krebserkrankung seines besten Freundes Eugène. Der lebenslustige Filmproduzent, der mit fünf verschiedenen Frauen fünf Kinder hat und alle Bücher, die er liest, verschenkt oder in Cafés liegen lässt, weil er der Ansicht ist, dass »Bücher zirkulieren müssen wie die Welt«, fegt die Krankheit mit einer Handbewegung zur Seite.
Doch bald zeigt sich, dass sein Krebs kein »Amateur« ist, sondern leider ein »Profi«. Der Abschied von Eugène, mit dem er sich zutiefst verbunden fühlt, wird für den Erzähler zum Anlass, über die wichtigen Fragen des Lebens nachzudenken. Er selbst steht gerade an einem Wendepunkt – der freundschaftlich-nostalgischen Trennung von seiner Ex-Frau Florence, die »gern einen Ehemann gehabt hätte und keinen Luftzug«, und der Begegnung mit der jungen Anthropologin Elena, deren Küsse nach Orangen schmecken.
Zwischen zwei außergewöhnlichen Frauen, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen der Erinnerung an geliebte Gesichter und dem Licht unerwarteter Begegnungen, entspinnt sich eine Geschichte, die wahrhaftig ist und anrührend und an deren Ende das Versprechen des Lebens steht.“



Die Erzählung beginnt wie angekündigt mit der Rückkehr des Autors von einer Asienreise. Diese mutet an wie ein Prolog, denn er berichtet von seinen Erfahrungen mit einem Stamm Eingeborener und ihrem Totenkult, bei dem u.a. gestorbene Kinder einem bestimmten Baum übergeben werden, dessen Stamm die Körper nach und nach umschließt – daher rührt übrigens der Originaltitel. Nach und nach wird die Erzählung aber sprunghaft und die Kapitel verlassen die Chronologie. Es sind Erinnerungen an die Zeit vor Eugènes Tod, von der Zusammenarbeit zwischen dem Erzähler und seinem Freund und Produzenten, von Eugènes Tod, seiner Beerdigung, der Zeit nach seinem Tod, der Fortführung seiner Firma etc. Das Ganze wird gespickt von Anekdoten aus dem Leben des Erzählers, der nebenbei auch berichtet, wie er durch Recherchen zum Thema Krebs eine junge Frau kennenlernt, mit der er eine neue Beziehung eingeht. Natürlich sind diese Themen alle irgendwie miteinander verbunden, Philippe wird quasi „neu geboren“ durch seine Gefühle für die viel jüngere Anthropologin bzw Ärztin, er stellt sich hier und da auch tatsächlich interessante Fragen über das Älter werden, unser Verhältnis zu unserem (alternden) Körper, was es eigentlich bedeutet, zu leben, oder den Tod, kratzt dabei aber nur an der Oberfläche und die Gedankengänge sind nach einem Absatz auch schon wieder abgehakt. Hier und da geht es auch um Eugènes Verhältnis zur Literatur, warum er es liebte zu lesen und wieso er seine Bücher nie behielt. Mich hat diese aufgesplitterte, die einzelnen Themen auf das Buch verteilende Erzählform, die durch ihre Anekdotenhaftigkeit an das mündliche Erzählen erinnert, überrascht, was das Buch aber nicht schlecht macht. Durch einen fehlenden roten Faden fiel es mir jedoch leicht, das Buch aus der Hand zu legen (und wieder aufzunehmen), es entstand keine Spannung, es gab nicht das Gefühl, weiterlesen zu müssen. 

Zuletzt möchte ich noch etwas über die Übersetzung sagen. Ich habe das Buch auf Französisch gelesen und kann mich hier nur auf den Inhalt des deutschen Klappentextes beziehen, doch sind mir dort schon zwei, drei Dinge aufgefallen. Dass man „un vilain cancer“ mit einem „bösen Krebs“ übersetzt ist durchaus vertretbar, selbst wenn es mir nicht ganz als passend erscheint. Eugènes im Klappentext erwähnte Überzeugung „dass »Bücher zirkulieren müssen wie die Welt«“ hingegen, finde ich dann allerdings schon schlecht übersetzt. Il Original heißt es, auf Seite 123 „Il faut que ça tourne, comme le monde." Und die Welt dreht sich nun mal bekanntlich, sie „zirkuliert“ nicht. Auch im Französischen „zirkuliert“ sie nicht. Im Deutschen „zirkuliert“ vielleicht noch das Blut im Kreislauf, im Französischen der Verkehr. Man sagt „Circulez, il n’y rien à voir!“, „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.“ Das „Il faut que ça tourne, comme le monde." übersetzt man also auch besser mit einem anderen Verb, wie wäre es z.B. „Nur wenn ich die Bücher weitergebe, ist es eine runde Sache“ oder „Genauso wie die Welt, dürfen Bücher nie still stehen“ oder „Die Welt steht auch nicht still“. Naja, das ist jetzt vielleicht etwas kleinlich, aber bei solch herzlosen Übersetzungen, die sich im Deutschen dann auch noch so schrecklich anhören, darf man das sicher auch mal ansprechen. Ich verstehe sowieso nicht, warum diese für das Buch eher wenig aussagekräftige Stelle im Klappentext gelandet ist – wenn nicht, um bibliophile Leser anzusprechen.

Letzten Endes hat mir das Buch ganz gut gefallen, gerade am Ende fand ich es doch ganz schön, so viel über die Freundschaft von Philippe und Eugène erfahren zu haben und zu sehen, wie der Verstorbene in den Gedanken und Taten der Hinterbliebenen weiter präsent ist.

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Rezension zu "Die Kostbarkeit des flüchtigen Lebens" von Claudel Philippe

Eine Geschichte über die großen Themen
clairebvor einem Jahr

Philippe Claudel hat eine Geschichte über die großen Themen der Menschheit geschrieben - über Freundschaft und Liebe, über das Leben, Krankheit und Tod, über das Älterwerden, Verluste und Abschiede, aber auch über Neuanfänge.
Die Kostbarkeit des flüchtigen Lebens kommt mit wenig Handlung aus. Vielmehr sind es die Gedanken des Protagonisten, die mich in den Bann gezogen haben.

Insgesamt ist es eine leise und ruhige Geschichte voller großer Gedanken, die durch die poetische Sprache besticht und die trotz der vielen Melancholie ein gutes Gefühl hinterlässt.

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Rezension zu "Die Kostbarkeit des flüchtigen Lebens" von Claudel Philippe

Jeder Augenblick ist kostbar
orfe1975vor einem Jahr

Cover:

Die beiden verlassenen Stühle als schönes Symbol der Erinnerung von 2 Freunden, die sich oft im Café getroffen und über Gott und die Welt gesprochen haben. Es passt sehr gut zum Buch: gerade eben noch unterhielt man sich miteinander, dann ist durch den Tod des einen Gesprächspartners schon alles wieder vorbei. Die Farben und die altmodischen Stühle erinnern daran, dass die Protagonisten schon etwas älter sind. Als Hardcover mit Schutzumschlag macht das Buch einen schönen, wertigen Eindruck im Regal.

Inhalt:

Der namenlose Ich-Erzähler ist Filmemacher und erhält eines Tage einen Anruf von seinem Freund und lebenslustiger Filmproduzent Eugène: "Du wirst lachen, ich habe einen bösen Krebs." Dies ist Anlass für ihn, sein Leben neu zu überdenken.

Mein Eindruck:

"Unser Leben gleicht allem anderen als einer linearen Form. Es erinnert eher an das einzige Exemplar eines Buches, das für manche von uns nur aus wenigen Seiten besteht, sauber und glatt, mit einer braven, fleißigen Schrift bedeckt, für andere aber viele Seiten hat, manche zerrissen, andere mehr oder weniger durchgestrichen, voller Zurücknahmen und Reue. Jede Seite entspricht einem Moment unserer Existenz, besonders der Person, die wir in jenem Moment waren und die wir nun nicht mehr sind, und wir betrachten sie, wenn wir je die Lust oder die Notwendigkeit verspüren, in dem Buch zu blättern, wie einen Fremden, der paradoxerweise zugleich ein Nahestehender ist." (S. 170)

Mir gefiel das Buch gleich mit dem Einstieg, in dem sich der Erzähler über den Umgang mit dem Tod bei einem Volk auf der Insel Sulawesi auslässt. Der Tod wird zelebriert, die Toten bekommen ein großes Abschlussfest. Besonders berührend war die Schilderung eines Baumes, in dem gestorbene Kinder eingehüllt hineingelegt werden. Sie werden vom Baum umschlossen und wachsen mit ihm weiter. Am Ende dieser Erzählung erhält der Erzähler den traurigen Anruf, der in seinem Leben mehr Veränderung bedeutet, als er zunächst wahr haben will. Eugène war ein Freund, mit dem er über alles Reden konnte und der ihm immer - passend zur Situation - einen passenden Buchtipp geben konnte. In diesem Roman passiert nicht wirklich viel. Es ist ein ruhiges Buch, es wird wenig geredet, aber das ist auch nicht das Entscheidende. Dieses Buch lebt von den poetischen Gedanken, die den Leser durch die Handlung tragen. Es gab kaum ein Kapitel, in dem ich mir nicht mindestens einen Satz als denkwürdiges Zitat unterstrichen habe. Obwohl der Auslöser die tödliche Krankheit seines Freundes ist und es auch einige melancholische Momente gibt, schafft es der Autor, dass man nie deprimiert wird, sondern stets ein gewisser Hoffnungsschimmer über allem steht. Dies ist weniger ein Buch über den Tod als über das Leben: Man soll dankbar sein für jeden Augenblick, das Leben bewusst erleben. Genauso habe ich dieses Buch betont langsam gelesen. Die flüssige Sprache hätte durchaus ein Verschlingen des Romans zur Folge haben können, stattdessen wollte ich die schönen Worte immer wieder nach jedem Kapitel sacken lassen.

In gleichem Maße, wie das Buch das Leben zelebriert, ist es auch ein Hochgesang auf Literatur und Filme:

"Ich weiß, dass wir das, was wir sind, in erster Linie unseren Eltern, Lehrern, vielleicht sogar Professoren verdanken, doch ich bin überzeugt, dass wir einen Großteil dessen, was uns berührt und ergreift, Künstlern verdanken - ganz gleich ob sie tot oder lebendig sind - und den Werken, die sie geschaffen haben und die bleiben, der Zeit zum Trotz, die jedes Lächeln, jedes Gesicht und jeden Körper auslöscht." (Eugène zum Erzähler, S. 124)

Ich kann dieses Buch jedem empfehlen, der Literatur und Filme mag und der das Leben Stück für Stück und Wort für Wort genießen möchte!

Fazit:

Eine wundervolle, poetische Betrachtung des Lebens und wie es durch Kunst und Literatur geprägt wird - Ein Plädoyer für den Genuss des Lebens!

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Nachdem er von einer Reise nach Paris zurückgekehrt ist, erfährt der Erzähler von der Krebserkrankung seines besten Freundes Eugène. Der lebenslustige Filmproduzent, der mit fünf verschiedenen Frauen fünf Kinder hat und alle Bücher, die er liest, verschenkt oder in Cafés liegenlässt, weil er der Ansicht ist, dass »Bücher zirkulieren müssen wie die Welt«, fegt die Krankheit mit einer Handbewegung zur Seite. Doch bald zeigt sich, dass sein Krebs kein »Amateur« ist, sondern leider ein »Profi«.


Der Abschied von seinem Freund wird für den Erzähler der Anlass, über die wichtigsten Fragen des Lebens nachzudenken. Er selbst steht nach der Trennung von seiner Frau, die wieder geheiratet hat, und der beginnenden Liebe zu der jungen Kroatin Elena, deren Küsse nach Orangen schmecken, an einem Wendepunkt.


Wir verlosen 20 Exemplare dieses anrührenden Buches! Schreibt uns einfach, welches Buch Ihr - ganz im Sinne Eugènes - verschenken oder im Café liegen lassen würdet, damit jeder daran teilhaben kann!
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