Mal wieder Hut ab vor dem Matthes & Seitz-Verlag, was die für obskur-fesselnde Bücher herausbringen! Dieses hier hat fast 35 Jahre auf dem Buckel. Aber der Reihe nach: Wer war eigentlich Philip K. Dick?
Manche nennen ihnen den Kafka der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – andere kennen ihn nur, weil sie mal gegoogelt haben, was die Vorlage zu Blade Runner, Total Recall oder Minority Report war.
Stanislaw Lem brachte es schon zu Dicks Lebzeiten, wenngleich satirisch untermalt, gut auf den Punkt, als er in seinem Essay über Science Fiction schrieb, dass Dick ein mieser Ploter und ein schlechter Stilist sei, seine Werke aber dennoch das Beste und Visionärste wären, das die Science-Fiction bis dato hervorgebracht habe.
Wie Lovecraft oder Tolkien war Dick kein großer Schriftsteller, sondern ein Autor, der mit seinen Obsessionen einem populär werdenden Genre eine prägende Note verlieh. Und um diese Obsessionen, um Dicks Psyche, die Erlebnisse und geistige Verfassung hinter seinen Werken, geht es in diesem Buch. Es ist eine Romanbiographie, in der sich Carrère zwar auf existierende Berichte und Dokumente stützt, aber dennoch diese Informationen zu einer Erzählung verdichtete, die uns immer wieder unmittelbar an Dicks Gedankenwelt teilhaben lässt. Eine teilweise surreale Erfahrung, literarisch wohltemperiert, eindrücklich und irritierend zugleich.
Es macht Spaß dieses ein bisschen irre Buch zu lesen, auch wenn ein Rest Bedenken bleibt, weil Dicks Obsessionen so umfangreich dargestellt werden, dass wenig klassischer Biographiestuff übrig bleibt. Wenn man das Buch beendet hat, wird man fast zwangsläufig zu Dicks Werken greifen wollen, vermute ich.
Claudia Hamm
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
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Meine Meinung
"Die Rückseite des Lebens" ist kein klassischer Roman, eher eine Sammlung von Beobachtungen, Gedanken und Gerichtsreportagen. Einzelne schockierende Geschichten. Was mich von Anfang an gepackt hat, war die Art, wie Reza über Menschen schreibt. Sie schaut auf Momente, in denen etwas kippt, in denen Menschen plötzlich aus ihrem Leben fallen. Manche Geschichten gehen unter die Haut, weil sie so alltäglich anfangen und dann völlig aus dem Ruder laufen. Was mich besonders berührt hat, ist ihr Blick auf Menschen am Abgrund. Zum Beispiel eine Frau, die ihre Kinder vergiftet hat. Auch die Berichte über bekannte Persönlichkeiten vor Gericht wie Sarkozy wirken weder sensationsgierig noch verurteilend, sondern folgen einer feinen Beobachtungsgabe.Die Sprache ist einfach, aber genau.
Zwischen den einzelnen Fällen gibt es persönliche Gedanken und Erinnerungen der Autorin, was ich als positiv empfunden habe. Es lockert etwas auf und lässt die Geschichten besser verdauen.
Insgesamt fühlt sich das Buch an wie ein Mosaik aus Momenten, in denen das Leben sich verändert oder zusammenbricht. Die Texte regen zum Nachdenken an über Schuld, Zufall und wie zerbrechlich das Leben sein kann. Für mich ist das ein sehr gelungenes Buch, das ruhig und ehrlich erzählt, ohne großes Drama, aber mit viel Tiefe.
Klappentex
Seit Jahren beobachtet Yasmina Reza Strafprozesse. Es sind Geschichten, die man mit angehaltenem Atem liest. Ein Mann ermordet die vierköpfige Familie seines Schwagers und legt die Leichenteile seiner Frau zu Füßen. Eine Frau klagt wegen Vergewaltigung und schreibt dem Täter danach glühende Liebesbriefe. Lakonisch und beinahe zärtlich porträtiert Reza die Menschen. Es geht nicht um Schuld oder Unschuld, sondern um den Moment, in dem ein Leben aus der Normalität kippt. Ebenso knapp und eindrucksvoll erzählt sie von persönlichen Begegnungen mit guten Freunden oder in der Familie. Reza zeigt „die Rückseite des Lebens, in seiner Unvollkommenheit, aber auch Heiterkeit“. Ein Meisterwerk voller Tragik, Komik und Empathie. t
Über die Autorin
Yasmina Reza wurde 1957 in Paris geboren. Ihre künstlerische Laufbahn begann sie als Schauspielerin, wurde aber vor allem als meistgespielte zeitgenössische Theaterautorin, Regisseurin und Schriftstellerin bekannt. Ihr Theaterstück „Der Gott des Gemetzels“ wurde 2011 von Roman Polański mit Jodie Foster, Kate Winslet und Christoph Waltz fürs Kino verfilmt. Mit dem Roman "Eine Verzweiflung“ debütierte Yasmina Reza als Autorin. Inzwischen wurde eine ganze Reihe erfolgreicher Romane aus ihrer Feder veröffentlicht. Für ihren Roman "Babylon" wurde sie mit dem Prix Renaudot 2016 ausgezeichnet und ihre Theaterstücke wurden weltweit schon in über 30 Sprachen übersetzt.
"Würde es Philip K. Dick nicht geben, müsste man ihn erfinden." (frei nach Voltaire)
"Ich lebe und ihr seid tot" ist eine Romanbiografie über das Leben des amerikanischen Science-Fiction-Autors Philip K. Dick geschrieben vom französischen Schriftsteller und Filmregisseur Emmanuel Carrère (geboren 1957 in Paris). Das Buch ist die erste Romanbiografie, die ich überhaupt gelesen habe. Dabei handelt es sich grundsätzlich um ein Sachbuch, doch die Art der Darstellung lässt Dicks Leben beinahe wie eine fiktive Erzählung erscheinen.
Philip K. Dick lebte von 1928 bis 1982. Er hatte ein Leben, das mir wie eine Art Gegenpol zum Gedanken "Ich habe nie wirklich gelebt" erscheint. Seine Zwillingsschwester Jane starb einige Wochen nach ihrer Geburt und Phil wuchs bei seiner Mutter auf. Schon früh interessierte er sich intensiv für Musik und Literatur. Gesundheitliche Probleme begleiteten ihn sein ganzes Leben über. Mit 14 Jahren wurde er zum ersten Mal zu einem Psychiater in Therapie geschickt. Er litt an körperlichen und psychischen Problemen. Im Teenager-Alter begann er auch selbst mit dem Schreiben. Er las am liebsten Science-Fiction-Geschichten und wählte dieses Genre für seine eigenen Werke. Laut Wikipedia schrieb er im Laufe seines Lebens 118 Kurzgeschichten und 43 Romane. Lange Zeit verdiente er mit dem Schreiben nur wenig Geld, in späteren Jahren und mit zunehmender Anerkennung begannen aber die Tantiemen zu fließen. In Bezug auf Beziehungen schöpfte er aus dem Vollen. Er war insgesamt 5 Mal verheiratet und zeugte 3 Kinder. Keine seiner Beziehungen hielt wirklich lange, in seinen jeweiligen sozialen Netzen (u.a. in den 60er Jahren in Berkley!) erhielt er aber aufgrund seiner ungewöhnlichen Art und seiner Literatur oft große Anerkennung. Psychisch scheint er den Großteil seines Lebens im Grenzbereich der Psychose verbracht zu haben (was wahrscheinlich auch mit seinem langen Amphetamin- und Medikamentenmissbrauch zusammenhängt). Er unternahm zwei Selbstmordversuche und - schon immer von der Frage nach der wahren Realität besessen - haderte in seinen letzten Jahren mit der Vorstellung, ein von Jahwe ausgewählter Prophet zu sein (im Laufe des Lebens konvertierte er zum Christentum).
Emmanuel Carrère kannte ich als Autor bisher noch nicht, aber ich werde mir jetzt seine Werke einmal genauer ansehen, denn "Ich lebe und ihr seid tot" hat mich sehr berührt und begeistert. Durch die romanartige Darstellung hatte ich das Gefühl, tief in das Leben bzw. in die Gedanken- und Gefühlswelt Philip K. Dicks eintauchen zu können. Auch wenn es abgedroschen klingt, erscheint mir Dicks Leben als eine wilde Achterbahnfahrt mit vielen Höhen und Tiefen. Die Fragen nach der wahren Realität der Welt und dem Wesen des Menschen beschäftigen ihn sein ganzes Leben über. Ich bin schon lange Fan seiner Literatur und habe einige der Werke gelesen, auf die Carrère speziell im Buch eingeht (z.B. "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?/Blade Runner" oder "Die drei Stigmata des Palmer Eldritch"). Er schafft es dabei aus meiner Sicht besonders gut, Dicks Werke mit seiner jeweiligen Lebenssituation und seiner psychischen Verfassung während des Schreibens in Beziehung zu setzen. Dies empfinde ich als großen Mehrwert zur Lektüre von Dicks Romanen. Seine inneren Kämpfe werden sehr deutlich und streckenweise hatte ich fast das Gefühl, selbst in die Geisteswelt (Genius und Wahnsinn) von Philip K. Dick (bzw. in Carrères Darstellung davon) hineingezogen zu werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch vielen anderen - an Psychologie und Metaphysik interessierten - Lesern des Buches so ergehen wird.
Zum Abschluss aus meiner Sicht noch wichtig zu erwähnen: das Buch ist nicht wirklich einfach zu lesen. Carrère (oder die Übersetzerin) neigt gelegentlich zu sehr langen und verschachtelten Sätzen und die Thematiken wie Sinnsuche, Gefangensein, Wahn oder Suizid können psychisch (und intellektuell) sehr herausfordernd sein.
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