Alles in allem ein großartiges Buch, mit einigen etwas langatmigen Abschnitten, die aber dem Gesamteindruck nicht schaden.
Man hat aus erster Hand erfahren, wie die Protagonistin, die spontan einen Job in Südafrika annimmt, das neue Land erlebt hat. Oft haben mich die nach wahren Begebenheiten geschilderten Ereignisse geschockt. Nicht nur der offene Rassismus der Weißen in Pretoria (mir war nicht klar, dass er noch solche Ausmaßen dort hat, für Europäer unvorstellbar), sondern auch die Grausamkeit mancher Schwarzer. Hier gibt es kein klares Gut und Böse, was einem die Komplexität der Situation vor Augen führt.
Einmal wird die Protagonistin auf einem Highway nahe einer Township fast in ihrem Auto von einer schwarzen Gang überfallen (sicheres Todesurteil) und hat nur Glück, dass in letzter Minute rechtzeitig die Polizei kommt.
Auch sehr heftig fand ich einen Abschnitt, in dem sie einen befreundeten Polizisten auf seinem täglichen Einsatz begleitet, mit der Erkenntnis, dass es ein verdammt harter Job ist und die Polizisten im Kampf gegen die unfassbare Kriminalität vom Staat auch noch Steine in den Weg gelegt bekommen.
Auch die Rückblicke und Parallelen zum Leben in der DDR und der Flucht (Die Protagonistin ist in der DDR aufgewachsen) haben mir sehr gefallen. Dies hat noch einmal eine andere Ebene in die Geschichte gebracht und hat einem die Protagonistin als Person nährgebracht. Oft musste ich über die Passgenauigkeit von Vergleichen zwischen den Gesellschaften staunen, die ich nicht vermutet hätte.
Die Geschichte von Tillis, dem Jungen, den Claudia (die Protagonistin) in einer Klinik einer Township in Williamsburg trifft und der etwas in ihr tief berührt, hat mich ebenfalls sehr bewegt. Teilweise fand ich es etwas traurig, dass hauptsächlich er ihre Aufmerksamkeit bekommen hat und nicht alle Kinder und dass sie ihn klar bevorzugt hat, da sie eine Verbindung zu ihm spürte, aber irgendwie ist das ja auch nur menschlich.
Die Zustände in den Kliniken waren ebenfalls sehr eindrücklich beschrieben. Psychisch Kranke, die einfach hinter einem Zaun weggesperrt werden, schwarze Frauen, die ihre Kinder ignorieren und sich stattdessen "herumtreiben" und ständig mit irgendwelchen Männern einlassen und tuberkulosekranke Patienten, die in den letzten Stunden ihres Lebens frieren müssen (man glaubt es kaum, aber der afrikanische Winter ist kalt).
Auch der Kontrast zwischen dem Reichtum der Weißen und der schrecklichen Armut vieler Schwarzer wird immer wieder betont, zudem die Art, wie weiße Vorgesetzte mit ihren schwarzen Angestellten, die oft weniger gute Jobs haben, umgehen.
Die Spaltung der weißen Südafrikaner fand ich ebenfalls sehr interessant. Einige, vor allem die Kapstädter sind eher weltoffen, während in der Buren-Hofburg Pretoria das Denken noch vom alten Überlebenskampf geprägt und daher der Rassismus erschreckend deutlich ausgeprägt ist. Zitat aus dem Buch: (Situation: eine schwarze Kollegin der Protagonistin bekommt während der Arbeit plötzlich Wehen, Protagonistin will sie ins Krankenhaus fahren).
"Priscilla muss ins Krankenhaus, sie hat Wehen." Die weiße Chefin sieht auf. "Ja, sie kann den Zug nehmen, nachdem sie den Flur und das Foyer gewischt hat. Morgen kommen französische Investoren".
Ein ehrliches Buch, das authentische Eindrücke von Südafrika rüberbringt, einen an einigen Stellen schockt und sehr zum Nachdenken bringt.


