Das Cover leuchtet in mediteranen Farben und hier leistete ich mir gleich einen Verleser: Grazie Rom@ schön dass es E- Mails gibt. Ein Verleser, der, so bestätigte mir die Lektüre, durchaus Sinn macht. Alle Fäden der Story führen nach Rom – zu Zussana, Tante Margherita und Onkel Claudio (!!) „Wie gross du bist, Rom, wenn die Sonne untergeht. Wenn das Orange noch auf den sieben Hügeln glüht. Und die Fenster sind zahlreiche Augen, die dir zu sagen scheinen, wie schön du bist." Eine Stelle aus dem Song „Roma capoccia“ von Venditti, einem Song, der als Leitmotiv gelten könnte für die vielen magischen Ortsbeschreibungen, mit denen der Autor die Leser verwöhnt.
Zum Klappentext: „Wann kommst du nach Rom?“ Diese Frage stellt Zussana, die italienische Studentin, ihrem deutschen Freund, dem jungen Autor Balduin. Sie lernten sich auf einer seiner Lesungen in der Villa Borghese in Rom kennen, und seit diesem Tage stehen sie in engem Kontakt. Zussana ist dabei, ihre Abschlussarbeit zu schreiben, und Balduin arbeitet an seinem neuen Roman. Sie finden heraus, dass ihre Untersuchungsergebnisse Gemeinsamkeiten aufweisen. Erinnerungen werden wach, Vergleiche sichtbar. – Balduin verbirgt vor Zussana ein kleines Geheimnis. E-Mails wechseln von Rom Richtung Hamburg. Jemandem gefällt das alles überhaupt nicht…Dies ist der erste Teil der Geschichte um Balduin und Zussana.“
Es sind also nicht nur Parallelitäten zu beobachten in Balduins und Zussanas Forschungen. Die sich anbahnende Liebesgeschichte scheint weit zurück in der Vergangenheit ihre Wurzeln zu haben. In einer bestimmten Weise wirken die beiden auf mich sogar wie Animus und Anima derselben Person. Erzählton, Träume, die Art und Weise, wie sie beunruhigenden Begegnungen mit Faszination und Verdrängung begegnen, sind ähnlich, manchmal sogar deckungsgleich. Zudem verwenden beide bei jeder sich bietenden Gelegenheit Sprichwörter wie Beschwörungsformeln gegen das herannahende Böse.
Diese Häufung von Repetitionen kann als Schwäche aber auch als Stärke des Romans gewertet werden. Auf alle Fälle entsteht dabei eine seltsam schwebende, entrückende Stimmung. Zussana und Balduin, das wird immer klarer, schreiben eigentlich beide an derselben Geschichte, die sich um altes magisch-okkultes Wissen dreht, eine Geschichte, welche sie wie auferstandene Inkarnationen ihrer selbst erscheinen lässt. Balduins Künstlerfreunde, Arne, der Musiker und Wolf, der Maler sowie vermutlich auch andere Romanfiguren sind ebenfalls in dieses Gespinst aus der Vergangenheit verflochten.
„Grazie Roma“ wirkt motivisch und von der Erzähltechnik her wie ein Ausläufer der Romantik: Arnim, Brentano, Hoffmannsthal, Poe und Co lassen grüssen. – Schlagartig brechen die mediterranen Szenen, durch die uns Claudio Gallo als Reiseführer geleitet, auf und lassen eine andere Realitätsebene durchschimmern. Vor allem ein unheimlicher Fremder drängt sich in verschiedener Verkleidung immer wieder in die heiteren Szenen in Rom und geistert auch in Hamburgs Nebel herum… Er verfolgt die beiden Protagonisten und drängt sich sogar in Balduins Gedanken – schwierig für diesen, da er über die Begabung des Gedankenlesens verfügt.
Der ganze magische Knäuel wird sich in Band zwei lösen, auf den man wirklich gespannt sein kann!
Zu meiner Wertung von vier Sternen: Sprachlich zeigt der Autor ein hohes Niveau, er ist ein Sprachkünstler mit grossem Wortschatz und liefert brilliante Schilderungen. Die vielen thematischen Wiederholungen wirken musikalisch und poetisch zugleich. Andererseits schleppt sich die Geschichte dadurch an gewissen Stellen mühsam vor sich hin. Überhaupt scheint hier weniger eine lineare Erzähltechnik angewendet zu werden, der Text wirkt eher wie ein Gemälde, welches nach und nach vervollständigt wird. Die Romantiker waren Meister des Suspense, doch die Verpackung eines solchen Suspense mit all seinen übersinnlichen Elementen in einen prosaischen Mailroman ist sicher nicht immer einfach! Für Stil und Sprache vergebe ich daher fünf, für die Umsetzung des Plots drei Sterne, das ergibt einen Durchschnitt von 4 Sternen.
Alles in allem eine absolute Leseempfehlung!


