Verfahren eingestellt

von Claudio Magris 
5,0 Sterne bei2 Bewertungen
Verfahren eingestellt
Bestellen bei:

Neue Kurzmeinungen

JulesBarroiss avatar

Claudio Magris ist ein großer Denker und begnadeter Essayist. Ein Werk, düster wie eine Feuersbrunst.

Alle 2 Bewertungen lesen

Auf der Suche nach deinem neuen Lieblingsbuch? Melde dich bei LovelyBooks an, entdecke neuen Lesestoff und aufregende Buchaktionen.

Inhaltsangabe zu "Verfahren eingestellt"

Für sein “Kriegsmuseum zum Zwecke des Friedens” sammelt ein Mann in Triest Kriegsgeräte aller Art. Sie erzählen die Geschichten derer, die damit getötet haben oder getötet wurden. Als Jahre später das Museum bei einem Brand zerstört wird, versucht Luisa, Tochter einer Jüdin und eines afroamerikanischen Leutnants, es zu rekonstruieren. Dabei wird nicht nur die Geschichte ihrer Vorfahren zwischen Diaspora und Sklaverei wieder lebendig, sondern auch die von San Sabba, dem einzigen Konzentrationslager Italiens. Doch die Kraft des Vergessens erscheint ungeheuer: die Verbrechen wurden vertuscht, die Verfahren eingestellt. Gestützt auf eine wahre Geschichte hat Claudio Magris ein gewaltiges Epos geschrieben.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783446254664
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:400 Seiten
Verlag:Hanser, Carl
Erscheinungsdatum:13.03.2017

Rezensionen und Bewertungen

Neu
5 Sterne
Filtern:
  • 5 Sterne2
  • 4 Sterne0
  • 3 Sterne0
  • 2 Sterne0
  • 1 Stern0
  • Sortieren:
    M
    michael_lehmann-papevor einem Jahr
    Die Schrecken von Gewalt, Krieg und Tod

    Die Schrecken von Gewalt, Krieg und Tod

    Schon früh ist die Leidenschaft angelegt, wie eine Prägung aus Kindertagen zieht es sich durch das Leben dieses Mannes.

    „Als Kind liebte ich es, mit der kleinen Holzkanone zu schießen. Herrliche Schlachten im kleinen Gartenteich“.

    Was nun nicht dazu führte, dass der Mann Berufssoldat wurde, sondern, ganz im Gegenteil, sein Ziel ist es, durch eine „Personalisierung der Gewalt des Krieges“, durch ein Zusammentragen aller möglichen „Kriegsobjekte“, die als Waffen dienten (und die vor allem die Träger der Geschichten jener sind, die sie benutzten) durch Emotionale Abschreckung eines „Kriegsmuseums“ den Frieden zu ermöglichen, fast „herbei zu schreien“.

    Was nicht so einfach ist bei begrenzten Mitteln und einer ausgewachsenen Obsession.

    „…doch im selben Moment, in dem er sich anschickte, etwas zu verkaufen, wurde er sofort wieder von seinen Furien ergriffen und versuchte, auch zu kaufen – man weiß zwar nicht, von welchem Geld….:“

    Und diese Leidenschaft, dieses „Museum“, dass der namenlose Mann erbauen, zeigen, vor Augen führen möchte, ist in der Umsetzung vielfach seiner Assistentin Luisa aufgetragen. Und auch deren Geschichte hat mir dem Krieg zu tun, mit Verfolgung, Gefangenschaft, mit Verrat von „Nachbarn“ an die „neue Macht“. Denn ein jüdischer Strang findet sich in Luisas Familie, der nicht vom Leid verschont blieb. Ebenso, wie die (farbige) Familie ihres Vaters eine „Vorfahren-Geschichte der Sklaverei“ zu erzählen hat.

    So entsteht ein Geflecht von Geschichten und Gegenständen in einer ganz eigenen Sprache erzählt, mit einer ganz eigenen, durchaus bedrängenden Atmosphäre versehen, die Magris aus vielfachen Richtungen immer wieder zum Kern der Destruktion des Krieges führt und den Leser auf ebenso vielen Wegen dahin mitnimmt.

    Eine Gewalt im Übrigen, deren Spuren der Autor im Buch in vielfacher Form nachgeht und nicht im engeren Sinne beim Krieg dabei haltmacht. Auch in Beziehungen ist in Gewalt zu finden, und das nicht zu knapp, wie Magris im Buch zeigt. In einer dichten, bildkräftigen Sprache, die immer konkret und plastisch das Gemeinte, nicht selten schmerzlich, dem Leser vor Augen führt.

    „Diese Fotografie von der Hochzeitsreise…..steht auf dem Nachttisch . das erste Bild beim Aufstehen und das letzte beim Zubettgehen, das verblasste Gesicht der Ehefrau zwischen Schaufel, Spaten und durchlöchertem Helm“.

    Ein Roman der vielfachen Stimmen, der beide Seiten der Gewalt und des Krieges aufzeigt, die Opfer, nachdrücklich, aber auch die „Profiteure“ und „Mitläufer“, die gar nicht schnell genug mit dem Finger auf andere zeigen konnten und im einzigen Konzentrationslager Italiens der persönlichen Bereicherung nachgingen.

    Nicht einfach zu lesen ist dieser Ausbund an Geschichten, sprachlichen Finessen, bildkräftiger und bildreicher Darstellung, in dem doch jede einzelne Linie und Geschichte auf ihre Art den Leser fesselt und fasziniert. Und immer deutlich zum Tragen kommen lässt, dass jede Form der Gewalt und Gier, der Verblendung und fanatischen Ideologie die Welt nur zu einem „großen Sarg“ machen wird, Wie auch das „ruhige Meer“ doch auch ein „großer Sarg“ im Buch sein kann (und in der Realität ebenso ist).

    Ein wichtiger Roman, ein Antikriegsroman, der weit über den engen Begriff eines bewaffneten Konfliktes hinausgeht.

    „Müll ins Meer zu kippen ist ein Verbrechen ebenso, Menschen hinein zu werfen, aber der Richter erklärt: Das Verfahren wird eingestellt“. Aber, gut so, nicht in diesem Buch!

    Kommentieren0
    5
    Teilen
    JulesBarroiss avatar
    JulesBarroisvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Claudio Magris ist ein großer Denker und begnadeter Essayist. Ein Werk, düster wie eine Feuersbrunst.
    Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf

    Verfahren eingestellt - Claudio Magris (Autor), Ragni Maria Gschwend (Übersetzer), 400 Seiten, Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (13. März 2017), 25 €, ISBN-13: 978-3446254664

     

    Ein großes Buch. Claudio Magris erzählt von der Besessenheit eines Mannes, der seit Jahrzehnten Waffen, Gewehre, Maschinengewehre, Kanonen, Flugzeugen und Militäruniformen sammelt. Dieser Mann, ein Professor, hat wirklich existiert, lebte in den Räumen inmitten seiner gesammelten „Kriegsgegenstände“. Er schlief dort in einem Sarg und starb 1974 bei einem mysteriösen Feuer.

    Schauplatz ist Triest. Nicht nur weil der Autor dort geboren wurde und lebte, sondern weil Triest Kulturen und Ethnien auf fatale Weise mischte und auch weil in Triest, das einzige KZ Italiens angesiedelt war, das KZ Risiera (ehemalige Reismühle) im Triester Ortsteil San Sabba. Vor allem macht ihn, diesen Professor etwas für die lokale Gesellschaft gefährlich: er hat in diesem KZ Namen abgeschrieben, die Häftlinge in die bald nach Kriegsende geweißten Zellenwände geritzt hatten – Namen von Vertretern der „guten“ Triestiner Gesellschaft, die im KZ ein und aus gingen, um Geschäfte mit den Deutschen und deren Helfern zu machen. Nach dem Krieg wirtschafteten sie unbehelligt weiter: Die Verfahren gegen die Täter und deren Unterstützer wurden eingestellt.

    Der Roman hat zwei Protagonisten: einmal dieser Unbenannte, dieser schon fast peinliche Freak, dieser Erzengel der Gerechtigkeit und der Rache. Dann Luisa, der faszinierende Kontrapunkt. Es ist die junge Frau, die den Auftrag hat, das Projekt des Museums, des größten Museums über das Unrecht des Krieges zu entwickeln. Auch ihre Geschichte ist von weltumspannender Gewalt geprägt: Die Mutter eine Jüdin, die die Verfolgung überlebt hat, der Vater ein afroamerikanischer Schwarzer: „Menschenhandel und Shoah“ vereinen sich in Luisas Genealogie, die exemplarisch ist für Magris‘ Roman, der in assoziativen Schwüngen und novellenartigen Einschüben die These illustriert, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist.

    Das Buch ist einzigartig in seiner Struktur, die ohne Vorbild ist, und es erweckt ständig den Wunsch, am Ende jeder Seite wissen zu wollen, was auf der nächsten Seite passiert. Ein großer Baum mit vielen Verästelungen, eine Art Matrjoschka der Wunder und Bosheiten. In ihrem Bauch, enthüllen sich unzählige Romane, Kurzgeschichten, Geschichten, Erzählungen und Rinnsale. Es ist ein epischer, politischer, religiöser und poetischer Roman, voll von Qual und Schmerz, voll von den Abenteuern des Todes.

    Claudio Magris ist ein großer Denker und begnadeter Essayist. Ideenreichtum und Klarheit des Denkens verbinden sich bei ihm mit seinem Hang zur Metaphorik, zu einem fast barock anmutendem Schreibstil. Es entsteht ein Werk, düster wie eine Feuersbrunst.

    Die Lektüre ist nicht einfach, vielleicht sogar anstrengend. Und gerade deswegen ist es hohe Literatur, die uns dieser selbstbezügliche Roman bietet.

    Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Hanser Verlages

    https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/verfahren-eingestellt/978-3-446-25466-4/

    Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

    Kommentieren0
    3
    Teilen

    Gespräche aus der Community zum Buch

    Neu

    Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

    Weitere Informationen zum Buch

    Pressestimmen

    Claudio Magris‘ brisanter Roman über die Grausamkeiten des Krieges und die Kraft des Vergessens.

    "Ein solch umfassendes und in der Rücksichtslosigkeit faszinierendes Alterswerk kann man nicht einfach lesen. Man muss es sich in seiner überwältigenden Vielschichtigkeit und seinem Anspielungsreichtum erarbeiten. Es lohnt sich." Wend Kässens, Wiener Zeitung, 14.10.17
    "… ein literarischer Gewaltstreich wider das Vergessen von vielerlei Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ein erzählerisches Ungetüm von essayistischer Prägnanz und sprachlicher Virtuosität, auch in der wendigen Übersetzung von Ragni Maria Gschwend. Claudio Magris ist dabei ganz in seinem Element. Zwischen fiktionalen Schnurren und historischen Fakten breitet er sein immenses Wissen aus." Franz Haas, Neue Zürcher Zeitung, 08.06.17
    "Magris (.) mutet seinen Lesern einiges zu an intellektueller Bereitschaft. Er belohnt sie jedoch mit einem faszinierenden, packenden, ganz dicht erzählten Roman über den Zustand der Welt. Sein Buch ist der Gegenentwurf zu allen Kriegen." Monika Melchert, Sächsische Zeitung, 17.05.17
    "Man kann diesen Roman, der den Leser verschlingt und mitreißt, als eine Parabel auf die Gewalt lesen und gleichzeitig als überzeugendes Modell ihrer Umkehrung." Nicole Henneberg, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.17
    "Mit ‚Verfahren eingestellt‘ hat sich Claudio Magris noch einmal selbst übertroffen. Sein großes literarisches Projekt, durch seine Literatur Menschen zu ehren, die von der Geschichte oft übergangen und vergessen werden, setzt er eindrucksvoll fort. Aber nicht nur das. Durch seine immer überraschenden poetischen Bilder und sich verändernden Blickwinkel bewegt er sich durch alle Farbstufen des Krieges und des Friedens." Joachim Dicks, NDR Kultur - Neue Bücher, 08.05.17
    "Die von Claudio Magris beschriebene Hölle, auch mit vielen Momenten und Figuren höchster Menschlichkeit und Liebe, gerät zu einem historischen Roman immenser Erzählkraft. Die Übersetzung ins Deutsche ist grossartig." Arnaldo Benini, Neue Zürcher Zeitung, 30.04.17
    "Brisant: Claudio Magris' Roman (.) verweist auf ein dunkles Kapitel der österreichischen Geschichte. (.) Es ist eine anthologische Sammlung von Erzählungen, deren Eindringlichkeit uns vergessen lässt, ob es tatsächlich ein Roman geworden ist. Starke Literatur ist es auf jeden Fall." Jochen Jung, Die Presse, 18.03.17

    Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

    Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach

    Hol dir mehr von LovelyBooks