Claudiu M Florian

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Zweieinhalb Störche

Zweieinhalb Störche

 (2)
Erschienen am 27.08.2008

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Rezension zu "Zweieinhalb Störche" von Claudiu M Florian

Rezension zu "Zweieinhalb Störche" von Claudiu M Florian
HeikeGvor 10 Jahren

Kaugummi und eiserne Autochens "Ausdeutschland"

Wenn der Name Siebenbürgen fällt denkt jeder sogleich an das sagenumwobene Transsilvanien mit seinen Schlössern, Burgen, Werwölfen, Vampiren und seinem bekanntesten Vertreter Graf Dracula. Auch der Wirtschaft ist diese rumänische Region ein Begriff. Binnen weniger Jahre haben sich 50 deutsche Industrieunternehmen in der Heimat der blutsaugenden gräflichen Gruselfigur niedergelassen, die meisten sind Autozulieferer, der finnische Nokia-Konzern folgte als neuester Investor.
Einen ganz anderen, noch dörflich geprägten Landstrich, erweckt Claudiu Mihail Florian in seinem Debütroman "Zweieinhalb Störche" zum Leben - das Siebenbürgen seiner Kindheit. Dazu versetzt er den Leser in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

"Storch, Storch, guter,
bring mir einen Bruder!
Storch, Storch, bester,
bring mir eine Schwester!"
Dieses kleine Liedchen trällert der sechsjährige Ich-Erzähler auf der Dorfstraße mehrmals laut vor sich her. Er ist gerade mit seinem Vater zu Besuch bei seinen "anderen" Großeltern in der Walachei und löst damit allgemeines Erstaunen im Ort aus, denn er hat dieses Lied auf Deutsch gesungen. Hier in dieser Region Rumäniens natürlich eine Sensation, dass so ein kleiner Bub eine "Fremdsprache" schon so gut beherrscht.
Seine Mutter und Großmutter gehören zur Volksgruppe der Siebenbürger Sachsen und das deutsche Brauchtum ist fester Bestandteil ihres Lebens. Es gibt das Weihnachtsfest nebst Weihnachtsmann, man geht in die christliche Kirche, liest deutsche Märchen, singt deutsche Volkslieder und erwartet von Zeit zu Zeit Besuch "Ausdeutschland" mit seinen gut riechenden Kaugummis, bunt und knisternd verpackte Süßigkeiten und Blechautochens überreichenden Onkels.

Mehrerlei

"Storch, Storch, guter,
bring mir einen Bruder! ..."
Dieses Lied wird der Knirps noch des Öfteren singen, in der Hoffnung, dass diese sein "Einerlei" beenden und ihm ein Geschwisterchen bringen könnten. Aber so richtig Verlass ist auf den Vogel nicht. Vielleicht weil hier in seiner Heimat alles "Mehrerlei" ist. Angefangen bei der Sprache (Rumänisch, Deutsch, Ungarisch und Sächsisch), dem Feuer in den verschiedenen Öfen des Hauses oder dem "Mehrerlei" der Glockentöne der "Rumänenkirche" und der "Ungarnkirche". Auch die Großeltern des kleinen Knirpses sind für ihn mehrerlei. Denn komischerweise erzählt man ihm, dass sie nicht seine richtigen Eltern sind, denn das "sollen die beiden fröhlichen Leute sein, die uns hin und wieder besuchen und sich dabei wie zu Hause fühlen." Sein Vater ein Regisseur und die klavierspielende Mutter leben in Bukarest.

Mehrerlei sind auch der Fernseher und das Radio. In ersterem sieht man hauptsächlich die offiziellen, lautstarken rumänischen Propagandasendungen in denen meistens der Genosse Nicolae mit "Diesen" zu sehen ist - wie der Großvater verächtlich, ein von den Kommunisten seines Dienstes enthobener rumänischer Gendarm, meint. "Die Großmutter und der Großvater kucken auch nur ganz flüchtig hin und drehen ihn leiser und immer leiser." Mit dem Radio hingegen verhält es sich ganz anders. Seinem nur leise gehörten Kanal "Freies Europa" lauscht man - nicht nur zu Weihnachten das Glockengeläut "Indeutschland" - andächtig. Und auch hier unterscheiden sich beide Geräte allein schon wegen des unterschiedlichen Informationsinhalts. So sollte man über das Gehörte im Radio keinesfalls laut sprechen, wird dem Buben schon rechtzeitig eingebläut.

Originelle Geschichtsvermittlung und Landeskunde

Claudiu M. Florian, der als Presseattaché in der Rumänischen Botschaft in Berlin arbeitet, hat aus der Sicht eines kleinen Jungen - sein Alter Ego - das Siebenbürgen der siebziger Jahre auferstehen lassen. In detailreichen Umgebungsbeschreibungen, aus mit wunderbaren Lokalkolorit gewürzten Berichten des Alltags der Familie des kleinen Jungen und durch dessen gedeutete ### aus belauschten oder aufgefangenen Gesprächen der Erwachsenen, ist ein humorvoller und detailreicher geschichtlicher Abriss Rumäniens und seiner "Enklave" Siebenbürgen seit den großen Kriegen entstanden. Auch wenn dem kleinen Ich-Erzähler die Beantwortung so mancher Frage mit einem "Später" verwehrt bleibt. "Was ist es denn, dass sich erst später begreifen lässt? Das 'Später' hasse ich manchmal geradezu (...) Obwohl dessen Reiz eigentlich im hier und jetzt liegt. Denn alles, was ich jetzt haben und wissen möchte, wird bestimmt überholt und vergessen sein, eh das Später erreicht ist."

In klaren Sätzen, ohne Schnörkel und Beiwerk, schafft der rumänische Autor, der sich bereits in seiner Studienzeit durch Übersetzungen mehrer deutscher und englischer Autoren - u. a. Herman Hesse - ins Rumänische einen Namen machte, eine wunderbare Aura und originelle Geschichtsvermittlung und Landeskunde. Humorvoll tapst der kleine Bube durch die Zeit und wirft einen staunenden Blick in eine alte und einstmals hoch angesehenen Kultur - die der "Siebenbürger Sachsen" -, die erst durch den Eisernen Vorhang und die großangelegten Zwangskollektivierungs- und Enteignungsmaßnahmen der Kommunisten und durch gezielte Diskriminierung dieser Volksgruppe durch den rumänischen Staat sich änderte.

Letztendlich stellt er fest, dass es leichter ist Jahre zu sammeln als Geschwister. "Die Jahre scheinen irgendwie von allein zu kommen und sich zu vermehren, die Geschwister nicht."
Die beschauliche Kindheit des kleinen Ich-Erzählers ist mit einem Mal viel zu schnell zu Ende.

Fazit:
"Zweieinhalb Störche" ist ein kurzweiliger und beeindruckender Ausflug in eine andere Welt mitten in Europa - dem deutschsprachigen Siebenbürgen in Rumänien. Es sind Geschichten aus der Erinnerung des Autors. Geschichten, die er selbst erlebt oder gehört oder aber erzählt bekommen hat. Schön, dass Claudiu M. Florian daraus diese Geschichte gemacht und sie in ein Buch geschrieben hat.

"Keine Lektüre, kein Studium kann später das ersetzen, was man als Kind am Familientisch verpasste". (Lorenz Jäger)

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