Claudiu M Florian Zweieinhalb Störche

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Inhaltsangabe zu „Zweieinhalb Störche“ von Claudiu M Florian

Eine Kindheit Mitte der siebziger Jahre. Ein Junge wächst auf bei seinen Großeltern (den beiden »Störchen«) in einem kleinen, abgelegenen Ort an der »Europastraße 60«. Der Großvater ist Rumäne, ein von den Kommunisten seines Dienstes enthobener Gendarm und entschiedener Gegner »Dieser«, der Macher in Bukarest; die Großmutter deutschstämmig und in der Tradition der Siebenbürger Sachsen lebend, wacht über Hof und Familie und darüber, dass der Großvater nicht zu oft in der Dorfkneipe gesehen wird. Die Eltern leben in Bukarest, wo der Vater als Theaterregisseur arbeitet. Selten haben sie Zeit, ihren einzigen Sohn zu sehen oder ihm die große und befremdliche Stadt Bukarest zu zeigen. Die beschauliche, fast unheimliche Ruhe des Dorf- und Familienlebens erfährt aufwühlende Unterbrechung durch Verwandte, mal »Ausdeutschland«, mal aus der Walachei, die mit ihren Autos (mal Mercedes, mal Dacia) und wunderbaren Mitbringseln Aufsehen und Freude erregen und manchmal Sehnsucht nach einem anderen Leben hinterlassen. Diese scheinbare Idylle ist endgültig dahin, als »Diese« den Vater aus seinem Theater entlassen und den Großeltern ihr Haus wegnehmen ... Claudiu M. Florian, zweisprachig aufgewachsen, schreibt im Deutsch seiner Kindheit; die Einfachheit der Sprache entspricht nicht nur der kindlichen Perspektive – sie ist auch ein zauberhaftes Kunstmittel, um die familiären, örtlichen und politischen Verhältnisse in unverwechselbarer, skurriler oder komischer Sicht- und Ausdrucksweise lebendig zu machen. Ein kurzweiliger, beein­druckender Ausflug in eine andere Welt mitten in Europa – und die Entdeckung eines neuen erzählerischen Talents. Wir sind hier. Doch wir sind nicht alleine – und hier ist auch nicht der einzige Ort auf der Welt. Der Himmel endet zwar in den Wäldern jenseits des Tales und hinter der Burg, und zwischen den Hügeln links und rechts in der Ferne, doch all das, was er hier bedeckt, ist auch nur ein weiterer Teil des Mehrerlei. Denn Orte gibt es noch mindestens zwei auf der Welt. Oder drei. Einer ist Seiburg, wo der Otata lebt, der Urgroßvater. Von oben, von der Burg, sind nur die Bergkämme ringsherum zu sehen, und hin gelangt man nur mit dem Bus. Dort wird meist Sächsisch geredet, von manchen hier gar nicht zu verstehen, und mehr auf der Erde und mit der Erde umgegangen, da die Gassen dort meist irdig und nur vor den Häusern gepflastert sind, mit Bachstein, und noch vor dem Ortseingang die Menschen sich beschäftigt auf den Feldern über die Erde beugen und diese bezupfen oder mit langstieligen Geräten durchkneten. Täglich taucht ein ratternder Bus voller Menschen bis auf den Seiburger Grund, setzt dort ein paar ab und holt Stunden später ein paar auch wieder zurück, darunter ab und zu dieselben, nämlich die Großmutter und mich. Er bringt uns hin, zur zahlreichen Sippschaft, und schafft uns zurück, zum alleinigen Großvater. Dann gibt es Dacia. Das Dorf liegt zwischen unserem Ort und Seiburg und ist von oben, von der Burg, zu sehen, mit der Spitze seines Kirchturms und ein paar Dachgiebeln inmitten der Hügellandschaft. Auch dort steigen jedes Mal welche aus dem Bus ab und auf. Dacia ist kaum mehr als eine kurze Zwischenstation, mit ein paar ewig wartenden Leuten, ein kurzer Halt auf dem Weg vom örtlichen Himmel zur Seiburger Erde. Und dann gibt es Indeutschland. Es ist ein Ort anerkannt wie ungreifbar, ihn gibt es, und aber es gibt ihn nicht. Indeutschland ist nirgendwo zu sehen, auch nicht von oben, von der Burg. Trotzdem scheinen alle davon Bescheid zu wissen und trotzdem kommen immer wieder von dort bekannte Figuren. Sie sorgen kurz für Gespräch und Aufregung, um dann wieder zu verschwinden. Doch selber hinfahren, wie nach Seiburg zum Otata, bloß um sie zu besuchen, das geht nicht. Kein ratternder Bus scheint dorthin zu fahren, das Land gibt es nur in den Geschichten, die man darüber erzählt, und es sind diese, die häufig raren, mitgehörten, schwindenden und immer wieder neu auflebenden Geschichten, die es zum Märchen werden lassen. Zum Märchenland. Die wenigen von hier, die irgendwann auswandern, die ziehen ins Märchenland und dann gibt es auch sie nicht mehr. Nur von Zeit zu Zeit treten sie wieder in Erscheinung, werden für ein paar Tage wieder zu denen, die sie einmal waren, und erzählen nun ihrerseits Geschichten.

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  • Rezension zu "Zweieinhalb Störche" von Claudiu M Florian

    Zweieinhalb Störche
    HeikeG

    HeikeG

    28. August 2008 um 17:38

    Kaugummi und eiserne Autochens "Ausdeutschland" Wenn der Name Siebenbürgen fällt denkt jeder sogleich an das sagenumwobene Transsilvanien mit seinen Schlössern, Burgen, Werwölfen, Vampiren und seinem bekanntesten Vertreter Graf Dracula. Auch der Wirtschaft ist diese rumänische Region ein Begriff. Binnen weniger Jahre haben sich 50 deutsche Industrieunternehmen in der Heimat der blutsaugenden gräflichen Gruselfigur niedergelassen, die meisten sind Autozulieferer, der finnische Nokia-Konzern folgte als neuester Investor. Einen ganz anderen, noch dörflich geprägten Landstrich, erweckt Claudiu Mihail Florian in seinem Debütroman "Zweieinhalb Störche" zum Leben - das Siebenbürgen seiner Kindheit. Dazu versetzt er den Leser in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. "Storch, Storch, guter, bring mir einen Bruder! Storch, Storch, bester, bring mir eine Schwester!" Dieses kleine Liedchen trällert der sechsjährige Ich-Erzähler auf der Dorfstraße mehrmals laut vor sich her. Er ist gerade mit seinem Vater zu Besuch bei seinen "anderen" Großeltern in der Walachei und löst damit allgemeines Erstaunen im Ort aus, denn er hat dieses Lied auf Deutsch gesungen. Hier in dieser Region Rumäniens natürlich eine Sensation, dass so ein kleiner Bub eine "Fremdsprache" schon so gut beherrscht. Seine Mutter und Großmutter gehören zur Volksgruppe der Siebenbürger Sachsen und das deutsche Brauchtum ist fester Bestandteil ihres Lebens. Es gibt das Weihnachtsfest nebst Weihnachtsmann, man geht in die christliche Kirche, liest deutsche Märchen, singt deutsche Volkslieder und erwartet von Zeit zu Zeit Besuch "Ausdeutschland" mit seinen gut riechenden Kaugummis, bunt und knisternd verpackte Süßigkeiten und Blechautochens überreichenden Onkels. Mehrerlei "Storch, Storch, guter, bring mir einen Bruder! ..." Dieses Lied wird der Knirps noch des Öfteren singen, in der Hoffnung, dass diese sein "Einerlei" beenden und ihm ein Geschwisterchen bringen könnten. Aber so richtig Verlass ist auf den Vogel nicht. Vielleicht weil hier in seiner Heimat alles "Mehrerlei" ist. Angefangen bei der Sprache (Rumänisch, Deutsch, Ungarisch und Sächsisch), dem Feuer in den verschiedenen Öfen des Hauses oder dem "Mehrerlei" der Glockentöne der "Rumänenkirche" und der "Ungarnkirche". Auch die Großeltern des kleinen Knirpses sind für ihn mehrerlei. Denn komischerweise erzählt man ihm, dass sie nicht seine richtigen Eltern sind, denn das "sollen die beiden fröhlichen Leute sein, die uns hin und wieder besuchen und sich dabei wie zu Hause fühlen." Sein Vater ein Regisseur und die klavierspielende Mutter leben in Bukarest. Mehrerlei sind auch der Fernseher und das Radio. In ersterem sieht man hauptsächlich die offiziellen, lautstarken rumänischen Propagandasendungen in denen meistens der Genosse Nicolae mit "Diesen" zu sehen ist - wie der Großvater verächtlich, ein von den Kommunisten seines Dienstes enthobener rumänischer Gendarm, meint. "Die Großmutter und der Großvater kucken auch nur ganz flüchtig hin und drehen ihn leiser und immer leiser." Mit dem Radio hingegen verhält es sich ganz anders. Seinem nur leise gehörten Kanal "Freies Europa" lauscht man - nicht nur zu Weihnachten das Glockengeläut "Indeutschland" - andächtig. Und auch hier unterscheiden sich beide Geräte allein schon wegen des unterschiedlichen Informationsinhalts. So sollte man über das Gehörte im Radio keinesfalls laut sprechen, wird dem Buben schon rechtzeitig eingebläut. Originelle Geschichtsvermittlung und Landeskunde Claudiu M. Florian, der als Presseattaché in der Rumänischen Botschaft in Berlin arbeitet, hat aus der Sicht eines kleinen Jungen - sein Alter Ego - das Siebenbürgen der siebziger Jahre auferstehen lassen. In detailreichen Umgebungsbeschreibungen, aus mit wunderbaren Lokalkolorit gewürzten Berichten des Alltags der Familie des kleinen Jungen und durch dessen gedeutete ### aus belauschten oder aufgefangenen Gesprächen der Erwachsenen, ist ein humorvoller und detailreicher geschichtlicher Abriss Rumäniens und seiner "Enklave" Siebenbürgen seit den großen Kriegen entstanden. Auch wenn dem kleinen Ich-Erzähler die Beantwortung so mancher Frage mit einem "Später" verwehrt bleibt. "Was ist es denn, dass sich erst später begreifen lässt? Das 'Später' hasse ich manchmal geradezu (...) Obwohl dessen Reiz eigentlich im hier und jetzt liegt. Denn alles, was ich jetzt haben und wissen möchte, wird bestimmt überholt und vergessen sein, eh das Später erreicht ist." In klaren Sätzen, ohne Schnörkel und Beiwerk, schafft der rumänische Autor, der sich bereits in seiner Studienzeit durch Übersetzungen mehrer deutscher und englischer Autoren - u. a. Herman Hesse - ins Rumänische einen Namen machte, eine wunderbare Aura und originelle Geschichtsvermittlung und Landeskunde. Humorvoll tapst der kleine Bube durch die Zeit und wirft einen staunenden Blick in eine alte und einstmals hoch angesehenen Kultur - die der "Siebenbürger Sachsen" -, die erst durch den Eisernen Vorhang und die großangelegten Zwangskollektivierungs- und Enteignungsmaßnahmen der Kommunisten und durch gezielte Diskriminierung dieser Volksgruppe durch den rumänischen Staat sich änderte. Letztendlich stellt er fest, dass es leichter ist Jahre zu sammeln als Geschwister. "Die Jahre scheinen irgendwie von allein zu kommen und sich zu vermehren, die Geschwister nicht." Die beschauliche Kindheit des kleinen Ich-Erzählers ist mit einem Mal viel zu schnell zu Ende. Fazit: "Zweieinhalb Störche" ist ein kurzweiliger und beeindruckender Ausflug in eine andere Welt mitten in Europa - dem deutschsprachigen Siebenbürgen in Rumänien. Es sind Geschichten aus der Erinnerung des Autors. Geschichten, die er selbst erlebt oder gehört oder aber erzählt bekommen hat. Schön, dass Claudiu M. Florian daraus diese Geschichte gemacht und sie in ein Buch geschrieben hat. "Keine Lektüre, kein Studium kann später das ersetzen, was man als Kind am Familientisch verpasste". (Lorenz Jäger)

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