Clemens J. Setz

 3.7 Sterne bei 172 Bewertungen
Autor von Indigo, Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Clemens J. Setz

Der österreichische Schriftsteller und Übersetzer Clemens Johann Setz wurde am 15.11.1982 in Graz geboren, wo er auch heute noch als freier Schriftsteller und Übersetzer lebt. Nach seinem Schulabschluss absolvierte er ein Lehramtsstudium der Mathematik und Germanistik an der Karl-Franzens-Universität in Graz. Bereits während seiner Studienzeit als Übersetzer und veröffentlichte Gedichte und Erzählungen in Zeitschriften und Anthologien. 2007 veröffentlichte Clemens J. Setz schließlich seinen Debütroman "Söhne und Planeten", der es auf Anhieb auf die Shortlist des aspekte-Literaturpreises schaffte. 2008 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Literaturpreis teil und wurde für seine Novelle "Die Waage" mit dem Ernst-Willner-Preis ausgezeichnet. Sein Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" erhielt 2011 den Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet, zuvor war sein zweiter Roman "Frequenzen" bereits 2009 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert. Mit seinem Roman "Indigo" aus dem Jahr 2012 gelangte Clemens J. Setz erneut auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Seit 2011 schreibt er für die Literaturzeitschrift Volltext unter dem Titel "Nicht mehr lieferbar" eine Serie über vergriffene Werke bedeutender Schriftsteller. 2015 erschien sein neuer Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre".

Neue Bücher

Ein Meister der alten Weltsprache. William Auld
Neu erschienen am 10.10.2018 als Taschenbuch bei Das Wunderhorn.

Alle Bücher von Clemens J. Setz

Sortieren:
Buchformat:
Clemens J. SetzIndigo
Bei diesen Partnern bestellen
Amazon
Indigo
Indigo
 (72)
Erschienen am 11.11.2013
Clemens J. SetzDie Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes
Bei diesen Partnern bestellen
Amazon
Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes
Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes
 (35)
Erschienen am 16.04.2012
Clemens J. SetzDie Stunde zwischen Frau und Gitarre
Bei diesen Partnern bestellen
Amazon
Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
 (29)
Erschienen am 15.01.2017
Clemens J. SetzDie Frequenzen
Bei diesen Partnern bestellen
Amazon
Die Frequenzen
Die Frequenzen
 (24)
Erschienen am 13.06.2011
Clemens J. SetzDie Vogelstraußtrompete
Bei diesen Partnern bestellen
Amazon
Die Vogelstraußtrompete
Die Vogelstraußtrompete
 (6)
Erschienen am 10.03.2014
Clemens J. SetzGlücklich wie Blei im Getreide
Bei diesen Partnern bestellen
Amazon
Glücklich wie Blei im Getreide
Glücklich wie Blei im Getreide
 (3)
Erschienen am 06.04.2015
Clemens J. SetzSöhne und Planeten
Bei diesen Partnern bestellen
Amazon
Söhne und Planeten
Söhne und Planeten
 (2)
Erschienen am 01.02.2010
Clemens J. SetzBot
Bei diesen Partnern bestellen
Amazon
Bot
Bot
 (1)
Erschienen am 12.02.2018

Videos zum Autor

Neue Rezensionen zu Clemens J. Setz

Neu
L

Rezension zu "Bot" von Clemens J. Setz

Bot. Gespräch ohne Autor
LenaSilbernaglvor 6 Monaten

Wer Clemens J. Setz aus seinen früheren Büchern kennt, weiß, dass er ein absoluter Sprachkünstler und –akrobat ist. Er versteht es, seinen Leser literarischen Genuss zu bieten. Auch in seinem neuesten Buch wird das sofort klar. Hier spielt der Autor außerdem mit der Autorfikition und kreiert eine Art künstlicher Intelligenz. Diese beantwortet hier scheinbar die Fragen aus einem Interview und wird von Setzs Tagebuch gespeist. Beim Interview scheint der Bot jedoch keine Antworten auf die Frage zu geben, sondern erzählt eher etwas. Oft sind Fragen dabei, die einfach mit Ja oder Nein beantwortet werden könnten – das macht der Bot jedoch nicht, sondern umschifft das Thema sozusagen. Hin- und hergerissen zwischen Witz und Ernsthaftigkeit, zeichnet der Autor ein Portrait von sich selbst. Obwohl der Titel eigentlich „Gespräch ohne Autor“ als Zusatz anführt, so ist der Autor in diesem Werk jedoch trotzdem anwesend. Das Szenario, welches Setz zeichnet, ist hingegen sehr realistisch und authentisch. Auch heute kann man Texte, die von einem Roboter oder Programm „verfasst“ wurden, nicht mehr von Texten realer Autoren unterscheiden.

Kommentieren0
0
Teilen

Rezension zu "Die Frequenzen" von Clemens J. Setz

Clemens J. Setz | DIE FREQUENZEN
Ein LovelyBooks-Nutzervor einem Jahr

Es gibt zwei Möglichkeiten, eine Rezension zu diesem bemerkenswerten Roman zu schreiben: Entweder man macht’s ausführlich oder kompakt. Ich hab’s zuerst mit der ausführlichen Variante versucht und kam verdammt nochmal nicht zu einem Ende. Die Verbindungen der einzelnen Charaktere untereinander sind so verwinkelt, dass ich kaum eine Information geben kann, ohne sie mit zwei weiteren zu erklären. Dabei ist die Figurenparade, mit der uns Clemens J. Setz hier bekannt macht, gar nicht so lang. Zwei, drei Hauptpersonen, dazu je eine Handvoll Nebenfiguren – das war’s. Selbst geografisch bleibt die Geschichte größtenteils zentriert auf eine namenlose Stadt in Österreich, die man aber dank einiger Hinweise leicht als Graz entlarven kann. Ich wähle jetzt also die kompakte Variante, auch wenn damit die Komplexität des Plots nur unzureichend erkennbar wird.

INHALT: Da ist zunächst Alexander Kerfuchs, der sich von seiner Freundin Lydia trennen will, um eine Beziehung mit Valerie einzugehen. Valerie ist Therapeutin für Stressbewältigung. Patienten in ihren Gruppensitzungen sind unter anderen Gabi, die von ihrem Mann Wolfgang sitzen gelassen wurde, und Walter Zmal, der allerdings ein von Valerie engagierter Schauspieler ist, der die Patienten mit gezielten Aussagen zu größerer Offenheit animieren soll. Als Valerie an Walter Kritik übt, weil er seine Rolle als Patient nicht authentisch genug spielt, erschlägt er sie eines Nachts auf offener Straße mit einer Eisenstange und flieht aus der Stadt zu seiner Familie. Aber er wurde heimlich gefilmt von Gerald, einem Jungen, der bei Alexander im Haus wohnt…

Viel weiter komme ich nicht, ohne mich in dem Geflecht aus Querverbindungen zu verheddern. Alexanders Vater konnte Walters Vater schon damals nicht leiden, der mal der Arbeitgeber von Valeries Vater war, der jetzt ein Pflegefall ist und von Mitsuko versorgt wird, die mal die Musiklehrerin von Walter war; Gabis Mann Wolfgang wohnte mal mit Alex‘ Vater in einer WG, als dieser seinerseits Frau und Kind sitzen ließ; und obendrein streunt noch Valeries Hund durch die Stadt und hinterlässt weitere Stolperfallen … es ist hoffnungslos.

FORM: Die knapp achtzig Kapitel unterscheiden sich stilistisch erheblich. Neben klassisch Erzähltem gibt es auch reine Monolog- und Dialog-Szenen, Traumsequenzen, Zeitungs- und Lexikonartikel und auch aus dem Delirium eines Komapatienten wird berichtet. Fast alle Charaktere bekommen ihre eigenen Kapitel, selbst der Hund erzählt von seinen Abenteuern. Die Szenen sind nicht immer chronologisch geordnet (zum Beispiel beginnt der Roman mit der Flucht Walters), folgen aber im Großen und Ganzen der Entwicklung des Ich-Erzählers Alexander. Diese Struktur hat mich stark an Wallace‘ UNENDLICHER SPASS erinnert, was als Kompliment gedacht ist.

Sehr auffällig ist Setz‘ Gespür für unkonventionelle Metaphern und Bilder, die, auch wenn sie manchmal unfreiwillig komisch erscheinen, fast immer ins Schwarze treffen. Da hebt ein T-Shirt schon mal sein schläfriges Lid (Seite 309), oder ein lauter Rap-Song fährt mit heruntergelassenen Seitenfenstern vorbei (Seite 684), und man denkt: Was? Ist das sein Ernst? Aber irgendwie ist dann doch klar, was er meint. Ich kann verstehen, dass sich manche Leser nicht gern auf solche Kapriolen einlassen, Setz musste gerade dafür auch herbe Kritik einstecken, mir hat dieser Stil aber nach kurzer Eingewöhnung sehr zugesagt. Ähnlich verspielte Ideen kennt man von Saša Stanišic, was ebenfalls als Kompliment gedacht ist.

FAZIT: Kaum zu glauben, aber DIE FREQUENZEN ist mein erster Roman von Clemens J. Setz, diesem verträumten Wunderkind mit dem Küblböck-Faktor, von dem ich schon so viel gehört habe, den alle lieben und alle hassen. Daher war mir klar, worauf ich mich einlasse, und las den Text mit einiger Vorsicht und nicht ohne mir Notizen zu machen. Zum bloßen Zeitvertreib ist der Roman nicht gedacht; er verlangt die volle Aufmerksamkeit, belohnt den Leser dann aber auch mit dem wohligen Gefühl, Zeuge von etwas Großen geworden zu sein – fünf Sterne!

*** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich über Euren Besuch ***

Kommentieren0
5
Teilen
Yllins avatar

Rezension zu "Indigo" von Clemens J. Setz

Spannend, frustrierend, anstrengend, unbequem, zerpflückt, zerschunden, geflickt, verbunden
Yllinvor 2 Jahren

Indigo

Autor: Clemens J. Setz
Genre: Postmoderne Literatur, Metafiktion, Mystery
Erschienen: 29.09.2016
Seiten:
 479
Einband:
Hardcover / Taschenbuch / eBook
Verlag: Suhrkamp Verlag
ISBN:
978-3-518-42324-0
Preis:
22,95€ [Hardcover] | 10,99€ [Taschenbuch]

Rating: ♥♥♥♥

Inhalt

"Im Norden der Steiermark liegt die Helianau, eine Internatsschule für Kinder, die an einer rätselhaften Störung leiden, dem Indigo-Syndrom. Jeden, der ihnen zu nahe kommt, befallen Übelkeit, Schwindel und heftige Kopfschmerzen. Der junge Mathematiklehrer Clemens Setz unterrichtet an dieser Schule und wird auf seltsame Vorgänge aufmerksam: Immer wieder werden Kinder in eigenartigen Maskierungen in einem Auto mit unbekanntem Ziel davongefahren. Setz beginnt, Nachforschungen anzustellen, doch er kommt nicht weit; er wird aus dem Schuldienst entlassen. Fünfzehn Jahre später berichten die Zeitungen von einem aufsehenerregenden Strafprozess: Ein ehemaliger Mathematiklehrer wird vom Vorwurf freigesprochen, einen Tierquäler brutal ermordet zu haben." - Quelle: Verlag

Weihnachten und Literaturwissenschaft

Hallo meine lieben Bücherfüchse,

ich hoffe ihr genießt eine wunderbare Vorweihnachtszeit, trinkt viel Tee, lest viel und lasst euch von der Kälte nicht die Laune verderben. Ich melde mich heute mit einem Buchprojekt zurück, das ich im Rahmen meines Germanistik-Masterstudiums genauer untersucht habe. Da ich seit neustem in Wien wohne, lerne ich in letzter Zeit mehr und mehr die Vorzüge der Österreichischen Literatur kennen - und Clemens J. Setz ist ein Name, den man sich noch eine ganze Weile merken sollte. Gerade in Sachen Literatur fällt mir eine nach meinen klassischen Regeln geartete Bewertung eher schwer, weshalb ich in solchen Fällen gerne mit meinen Konventionen brechen würde. Ich werde die Rezension also nicht nach Cover, Charaktere, Schreibstil und Handlung aufteilen, sondern mich auf andere Aspekte konzentrieren, die mir wichtiger erscheinen. In der Literatur geht es nicht immer um den sinnigsten Inhalt, den melodischsten Stil oder die mitreißendsten Charaktere. Besonders in der modernen und postmodernen Literatur (im deutschsprachigen Raum) sind Experimente und Querdenkerei an der Tagesordnung. So muss ich mich also den Strömungen anpassen. Gerade solche Texte sind für eine wissenschaftliche Untersuchung besonders interessant - ob sie mir gefallen oder nicht kann ich in solchen Fällen dann nur selten genau sagen. Bitte bedenkt auch, dass es sich hier ganz allein um meine Meinung als Literaturwissenschaftlerin handelt und dass diese mit eurem Geschmack nicht übereinstimmen muss. Ich rate dennoch dazu, sich ab und zu einem Selbstexperiment zu unterziehen und der modernen Literatur eine Chance in der Welt des Populären einzuräumen, so experimentell sie auch sein mag. 

"Irgendwann gewöhnt man sich gegen alles"

Clemens J. Setz Roman Indigo präsentiert sich als gnadenlos kafkaesk konstruiertes Versatzstück realer und fiktiver Quellen, die dem Leser auf der Suche nach der Wahrheit niemals volle Befriedigung gewährt.Unter diesen Umständen gestaltet sich eine textnahe Zusammenfassung des Inhalts ebenso unbefriedigend wie unzureichend, wenngleich auch schnell geschaffen: Thema des Buches sind die sogenannten „Indigo-Kinder“. Basierend auf der esoterischen Theorie von Nancy Anne Tappe, nach der jeder Mensch von einer farbigen Aura umgeben sei und eine Gruppe von auserwählten Kindern von einer ebensolchen in indigoblau, haben die Indigo-Kinder in Setz Roman eine seltsame und direkte Auswirkung auf ihre Umgebung. Jeder, der sich ihnen nähert, erfährt nach wenigen Minuten heftige Kopfschmerzen, Brechreiz, Hautausschläge und Durchfall – selbst ihre Eltern. Um dieser krankmachenden Wirkung auf den Grund zu gehen, sie zu studieren, sie sich zu Nutze zu machen und die Gesellschaft vor ihrem Einfluss zu schützen, werden diese Kinder in einer Sondererziehungsanstalt im fiktiven Helianau untergebracht und schließlich „reloziert“ – das heißt sie verschwinden. Ein paar spärlich gesäte Hinweise lassen vermuten, dass man ihre „Einflusszone“ dazu nutzt, um bei anderen Menschen – in Gefängnissen beispielsweise – gezielt folterartige Zustände herbeizuführen, oder für beinahe okkultistische Zwecke zur Selbstmarterung innerhalb sektenartiger Strukturen benutzt werden.

Form und Aufbau

Der Roman spaltet sich dabei lose in zwei Zeit- und Erzählebenen, die sich gegenseitig abwechseln. Mittelpunkt der ersten Ebene ist Clemens J. Setz, Alter Ego des gleichnamigen Autors, der Ermittlungen über die Indigo-Kinder, ihre Wirkung und ihr Schicksal im Helianau Institut anstellt. Diese Zeitebene ist nicht chronologisch angeordnet: Sie beginnt zu Anfang seiner Recherchebemühungen, wird dann durch eine Art Flashback in die Vergangenheit unterbrochen, in der Clemens Setz Lehrpraktikant für Mathematik im Helianau Institut zum ersten Mal mit den Indigo-Kindern in Berührung kommt, und wird schließlich wieder in die erste Zeitebene zurückgeführt. Die zweite Realitätsebene wird von einem personalen Erzähler geführt, der den Alltag des ehemaligen – ausgebrannten – „Indigo“ Robert Tätzel schildert. Zeitlich ist dieser Erzählstrang im Vergleich zur ersten Erzählebene weit in der Zukunft angesetzt; einer Zukunft, in der die Augmented Reality die Welt beherrscht, virtuelle Zeitungen unsichtbar und unauffindbar werden, und die Bevölkerung von sogenannten iBalls unter ständiger Beobachtung steht.

Intertextualität und Fiktion

Unterbrochen werden die beiden Erzählebenen durch eine Sammlung diverser faksimileartiger Dokumente wie Briefe, Klappentexte oder Sekundärtexte, die versuchen, die wahre Existenz des Indigo-Phänomens mit stichhaltigen Beweisen hinreichend zu belegen – um auf diese Weise einen unkritischen Leser vom Wahrheitsgehalt des Romans zu überzeugen, oder einen kritischen Leser zur eigenen Recherche anzutreiben. So ergeben sich die meisten Quellenangaben als schlichtweg inexistent – an einer Stelle ist beispielsweise von einer Kalendergeschichte Johann Peter Hebels die Rede, die realitätsgetreu in Frakturschrift verfasst und unter dem Titel „Die Jütterin von Bonndorf“ aufgeführt ist, sich jedoch als reine Erfindung herausstellt. Die Suche nach anderen, nicht im Roman aufgeführten Quellen zum Konzept „Indigo“ verschaffte der Frustration eines wissbegierigen Lesers zumindest Linderung: Die als Urquelle bezeichnete (und bereits 2012 verstorbene) Dame Nancy Anne Tanne besitzt gar eine eigene Website (www.nancyanntappe.com) und einen Blog zum Thema Indigo (www.allaboutindigos.com) und im deutschsprachigen Raum wird das Thema der Indigo-Kinder von einem Esoterik-Blog (www.bunkahle.com) erwähnt und mit Literaturhinweisen hinterlegt. Auch das populäre Online-Nachschlagewerk Wikipedia führt einen
Artikel über das Phänomen; die in den Fußnoten angeführten Links zu weiterführenden Quellen führen inzwischen jedoch alle ins Nichts, zu nicht mehr existierenden Seiten, ganz so als handle es sich beim Indigo-Begriff um einen kurzen und inzwischen verrauchten Trend. FAZ-Redakteur Jan Wiele nennt es sehr passend: „man könnte sich kaputtgooglen“ (2012). Denn nicht nur die oben genannten Interventionen gefälschter Quellenangaben regen zur Überprüfung an, auch die innerhalb der Kapitel aufgeführten Exkurse über merkwürdige Phänomene wie einer Maus mit einem angewachsenen menschlichen Ohr auf dem Rücken, der einsamsten Telefonzelle der Welt, zwei russischen Hunden im Weltall oder der wahren Entstehungsgeschichte der Glühbirne (ein Exkurs, der einen zum Schluss des Romans wahnsinnig ungeduldig werden lässt), lassen einen modernen Leser nur allzu oft das Handy in die Hand und die Suchmaschine Google zu Rate ziehen. Dabei stößt man gleichwohl auf Wahrheiten und Unwahrheiten, wie auf geschickt in das erzählerische Gewebe eingefügte Halbwahrheiten: aus dem Zusammenhang gerissene Fotos und Namen, entfremdet und fehl am Platz und doch keine Fremdkörper, denn gäbe es das Internet nicht, würde der Fehler in der Matrix vielleicht nicht einmal jemandem auffallen. Es fühlt sich an, als würde der Text seinen Leser stetig an der Nase herumführen und ihm seine eigenen Grenzen unaufgefordert und kaltblütig aufzeigen: Wie abhängig wir vom heutigen Internetmedium sind. Wie lückenhaft unser Allgemeinwissen ist. Wie leicht es ist, Wahrheiten, Halbwahrheiten und Unwahrheiten in ein und demselben Text zu verweben, bis ein zweifelhaft unzweifelhaftes Konstrukt entsteht, dem ganz ungeniert auf den Leim gegangen werden kann. Wie viel Zeit Autor Clemens Setz auf die Ansammlung (unnützen) Wissens verwendet haben muss, um ein derart informationsdichtes Textgewebe zu schaffen.

Meinung

Gerade die vielen, unnötig erscheinenden Exkurse, die stets abschweifenden Gedanken der beiden Protagonisten Setz und Tätzel, machen es einem oft schwer, dem eigentlichen Plot – sollte es so etwas überhaupt geben – zu folgen und wichtige sowie interessante Fakten über das eigentliche Thema, nämlich die Indigo-Kinder und ihr Verschwinden, im Kopf zu behalten. Ebenso wie die Figur Clemens Setz möchte man mehr über diese mysteriöse Krankheit erfahren, die Kinder befällt und Familien zerstört, doch sobald die Dialoge an den Rand konkreter Informationen und Aussagen schwappen, brechen die Figuren entweder mitten im Satz ab, weil sie sich nicht weiterzusprechen trauen, oder das Gespräch wird durch einen inneren Monolog seitens des Protagonisten unterbrochen. Auf diese Weise kommt der Leser nur bruchstückhaft voran, setzt sich auf knapp 500 Seiten sein Bild von der Wahrheit puzzelteilweise zusammen und muss am Ende doch feststellen, dass das große Ganze, die Antwort auf die Frage nach dem „Was genau ist da nun eigentlich passiert?“, noch immer von schwarzen Löchern des Nicht-Wissens zerfressen bleibt. Frustriert denkt er sich dann: „l’art pour l’art“, denn bestimmt geht es überhaupt gar nicht um den Inhalt. Nicht wahr, Herr Kafka?


Kurz:  Spannend, frustrierend, anstrengend, unbequem, zerpflückt, zerschunden, geflickt, verbunden. Wer dieses Buch durchhält, hat viel und nichts gewonnen.  Ich rate hier zum Selbstexperiment!

- Eure Bücherfüchsin

Kommentieren0
0
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Zusätzliche Informationen

Clemens J. Setz wurde am 14. November 1982 in Graz (Österreich) geboren.

Community-Statistik

in 249 Bibliotheken

auf 48 Wunschlisten

von 11 Lesern aktuell gelesen

von 2 Lesern gefolgt

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks