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Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 3 Jahren

Bewerbung/Ich möchte mitlesen

Ich lade Euch ein zu einem Thema fern von Liebe, Glück und Grusel. Oder vielleicht ist es doch nicht so weit weg davon?

In aller Kürze:
Zum Fünfundsechzigsten darf man fahren, darf man `raus. Ausnahmsweise. Auch, wer noch kein Rentner ist. Christiane ist 37 und darf schon.
Als Christiane im Juni 1989 ihre erste Reise in den Westen Deutschlands antritt ahnt sie nicht, dass in weniger als einem halben Jahr die unüberwindbare Mauer der DDR zerbricht- die Mauer, die sie mehr als drei Jahrzehnte von ihrem Vater trennt. Eine Begegnung mit ihm wird zur Reise in die Vergangenheit.

Leseprobe:

Eine quäkende Stimme aus dem Lautsprecher kündigt die Bereitstellung des Zuges Nummer D 1002 an. Als er sich endlich in die Bahnhofshalle schiebt, greift Christiane nach ihrem Koffer, steuert auf den Wagen mit der Zahl 12 zu und hofft, dass sie mit ihrer Platzkarte einen Platz am Fenster erwischt hat. Fremde Körper von beiden Seiten auf langer Fahrt wären ihr unerträglich.
Das Abteil, zwei gegenüberliegende Bänke für je fünf gepolsterte Sitzplätze mit Bezug aus dunkelrotem Kunstleder. Dazwischen ein schmaler Gang für die Füße. Glück gehabt, denkt Christiane, rechts das Fenster, links eine Dame Mitte Sechzig.
Nachdem der Zug sich aus dem Bahnhof hinaus gezogen und auf den Schienen entlang geschlängelt hat, gewinnt er an Tempo. Das leicht heruntergelassene Fenster bringt Fahrtwind in das Abteil. Die Schiebetür ist geschlossen. Körperliche Nähe, Schweigen. Das verbindet. Scheinbar abwesend die Blicke aus den Gesichtern gegenüber. Gespräche brauchen Vertrauen. Vertrauen fährt nicht mit.

Warum Christiane nicht aufgeregt ist, wundert sie. Alle sind aufgeregt, wenn sie das erste Mal die westliche Grenze überschreiten. Manche haben Angst. Erzählen sie jedenfalls. Dann, wenn sie zurückgekehrt sind mit einer Barbie für die Tochter, Marlboro für den Mann, Jacobs Krönung für die Mutter und dem DM- Restgeld für den Intershop.

Als Christiane vor 25 Jahren im Zug ins Freundesland nach Katowice saß, hatte sie vor Angst kein Auge zugemacht, obwohl die Reise lang und anstrengend war. Überfüllte Züge, kein Sitzplatz und die Befürchtung im Nacken, dass einer ihren Koffer stiehlt. Die Polen klauen was nicht angebunden ist. Das hatte sie als Warnung mit auf den Weg erhalten. Den lustigen Studenten hatte sie genauso wenig wie dem Alten, der sie freundlich anlächelte, getraut.
Nun sitzt Christiane im Zug ins Feindesland. Der imperialistische Staat als Feind des Sozialismus. Die BRD oder der Westen oder Drüben. Nun ist sie weder aufgeregt noch hat sie Angst. Nicht einmal vor der erwartenden Grenzkontrolle. Sie weiß nicht, wie die abläuft; darüber hatte keiner berichtet. Dass sie manch einen aus dem Zug holen, hatte sie unter Geschwätz verbucht.

Gerstungen, letzte Station vor dem Grenzübertritt. Die Bremsen quietschen. Eine Ansage durch die Lautsprecher, auf den Sitzplätzen zu bleiben, die Fenster und Abteiltüren geschlossen und die Pässe bereit zu halten. Dann Stille. Das Geräusch des Verriegelns der Wagentüren versetzt die Reisenden in Starre. Noch mehr Stille. Kein Zeitgefühl. Bewegung auf dem Gang. Plötzlich wird die Abteiltür aufgerissen. Ein Uniformierter mit Bauchladen stellt sich breitbeinig in die Tür und befiehlt, ihm die Pässe auszuhändigen. Der Reihe nach. Während er Namen mit harschem Ton von einer Liste in den Raum setzt, macht er nach einer Gesichtskontrolle und dem „Hier“ eines Reisenden auf seiner Liste vermutlich neben dem jeweiligen Namen ein Häkchen. Jeder ist einzeln dran. Als Christiane ihr „Hier“ abgibt, prüft der Uniformierte zweimal und herrscht sie an, kein aktuelles Foto im Pass zu haben. Er schaut sie an und fragt, welches Gepäck ihres sei. Christiane weist auf ihren Koffer über ihr in der Gepäckablage. Dass sie einen für die Reisedauer unangemessen großen Koffer mitführt, ist unschwer zu erkennen. Wenn ich jetzt raus muss, schießt es ihr durch den Kopf, ist alles vorbei. Sie hat nichts Verbotenes mit aber ausreichend Platz für die vielen Mitbringsel für die Daheimgelassenen. Für 100 DM Begrüßungsgeld will sie ordentlich einkaufen.
Der Uniformierte setzt das Häkchen. Dann befiehlt er aufzustehen. Wortlos folgen alle. Der Uniformierte schaut unter die Sitzbänke, als würde er dort einen blinden Passagier vermuten. Setzen, befiehlt er, bevor er geht. Dann zieht er kraftvoll die Abteiltür hinter sich zu. Leichtes Aufatmen im Abteil.
Christiane steckt ihren Reisepass mit dem Vermerk des Grenzübertritts in die kleine Seitentasche ihrer Umhängetasche. Bevor sie den Reißverschluss zuzieht, nimmt sie das vergilbte Foto mit weiß gezacktem Rand heraus, das sie mit auf die Reise genommen hat. Marianne rechts, Kurt links und sie auf dem Schoß ihrer Mutter dazwischen. Der Pass und das Foto. Das eine ist nichts ohne das andere.
Die Prozedur der Personenkontrolle setzt sich hörbar in den Abteilen links und rechts fort. Ob jemand den Zug verlassen muss, kann Christiane nicht erkennen; die Fenster des Zuges befinden sich auf der vom Bahnsteig abgewandten Seite. Aufstehen und nachsehen ist unmöglich, denn der Befehl hieß Sitzen. Bewegungslos verharren die Reisenden, bis der Zug sich langsam wieder auf Fahrt begibt. Das Klacken der Türentriegelung erst bei voller Fahrt. Nächster Halt Bebra.

Geschafft, denkt Christiane, öffnet das Fenster wieder und bemerkt erst jetzt ihre Verspannung im Nacken. Sie lehnt sich in das Polster und schaut hinaus. Das ist also der Westen, denkt sie. Heller, schöner, bunter. Sie zweifelt an dem, was sie sieht. Es kann nicht sein, dass das Gras grüner, die Häuserfronten heller und überhaupt der Tag klarer ist. Dass sie zu Hause schon lange keine Freude mehr hatte, den Kinderwagen durch ihre Stadt zu schieben, hatte sie ihrem alltäglichen Einerlei zugeschrieben. Sie hat keine Vorstellung, von dem was sie im Westen erwartet. Die Bilder, die ab und zu durch das Fernsehgerät ins Wohnzimmer flimmerten, hielt sie für eine Täuschung. Alles Lüge im Westen. Die wollen blenden und locken, sagt Schnitzler im Schwarzen Kanal. Denen darf man nicht trauen im Westen. Dass es tatsächliche Realität sein konnte, hielt Christiane für unmöglich.
Nun eine bunte Welt. Eine fremde Welt. Eine, in die sie nur kurz eintauchen will. Der Onkel hat Geburtstag. Zum Fünfundsechzigsten darf man fahren, darf man `raus. Ausnahmsweise. Auch, wer noch kein Rentner ist. Christiane ist 37 und darf schon. Die Tante in Mannheim hatte gemeint, der Geburtstag des Onkels sei eine Gelegenheit, ihrem Vater zu begegnen. Die darf man nicht verpassen. Wer weiß, wann noch eine kommt. Vielleicht nie. Jedenfalls nicht vor 60. Dann geht Christiane in Rente. Dann würde Christiane dürfen. Ob der Vater so lange aushält weiß keiner. Dann wäre er 90.
Nun also fünf Tage, bevor es zu spät ist. Mehr war nicht drin. Das Pfand für die Reise hat Christiane zurücklassen müssen. Ihre Kinder, vor allem ihre Jüngste, vier Monate alt, waren der Garant, dass sie nicht blieb in der schönen, bunten, fremden Welt. Der Welt ihres Vaters. Der, den Christiane lange vermisst und später dann totgeschwiegen hatte. Das war einfacher so. Keiner quälte mit Fragen, die sie nicht beantworten konnte. Tot und basta.
Ihre Kinder hatten keinen Großvater, so wie sie keinen Vater hatte. Basta. Seit 32 Jahren. Zugemauert. Draußen und auch drinnen. Basta. An seinen Abschied hat Christiane keine Erinnerung. Nur daran, dass sie sich abends vor Sehnsucht in den Schlaf geweint hat. Und an das Dorf erinnert sie sich. Und an das Grab ihrer Mutter.



Buch: Die Reise
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Slaterin

vor 3 Jahren

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wow, was für eine schöne Leseprobe, anrührend, berührend und emotional aufwühlend.
Da würde ich sehr gerne mehr erfahren. Bleibt Christiane im Westen? so kurz vor dem Mauerfall? die Versuchung ist ja groß, vor allem wenn man noch jung ist. Aber der Pfand dafür wiegt schwer... ihre 3 Kinder, das Jüngste 4 Monate alt. Ich könnte es nicht... bin sehr gespannt auf die Geschichte....
Eine bewegende Geschichte von der Zeit kurz vor dem Mauerfall.

esposa1969

vor 3 Jahren

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Falls es sich um ein Printexemplar handelt, möchte ich sehr gerne mitlesen udn bewerbe mich auf diese LR

Mrs. Dalloway

vor 3 Jahren

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Die Leseprobe gefällt mir. Ich bewerbe mich ebenfalls gern, aber nur wenn es ein Printbuch ist :)

Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 3 Jahren

Bei einer so intensiven, berührenden Leseprobe ist man dem Buch schon verfallen, finde ich, und muss sich unbedingt bewerben. Ich hoffe, dass es sich um ein Printexemplar handelt, weil ich keinen Reader besitze. Vielleicht bin ich etwas rückständig, aber ich liebe es eben, Bücher anzufassen, mich von einem schönen cover verzaubern zu lassen und ein bisschen "Druckerschwärze" zu schnüffeln gehört auch dazu. :-) Ich wäre sehr glücklich, wenn mich eine gute Fee aus dem Lostopf ziehen würde.

Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 3 Jahren

In einer Stunde soll hier angeblich die Glücksfee eintreffen - ich sehe noch nichts von ihr, aber ich hoffe, dass sie nicht an mir vorbeifliegt.!!! Vielleicht kommt sie auch mit Verspätung, je nachdem wo sie vorher "arbeiten" musste.... oder erst morgen? Na. ja, muss man sich leider noch gedulden.

Slaterin

vor 3 Jahren

ich habe eine Mail erhalten. Danke!

Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 3 Jahren

Slaterin schreibt:
ich habe eine Mail erhalten. Danke!

Dann bist du die "Auserwählte" - ganz herzlichen Glückwunsch, schöne Feiertage und viel Freude beim Lesen.

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