Amundsen. Allein schon der Name ruft viele Assoziationen hervor – es klingelt sofort in der Erinnerung. Scott, Peary, Nobile und schon bevor man zu lesen beginnt, denkt man eigentlich, vieles über das Leben des legendären norwegischen Polarforschers zu wissen.
Amundsen – ein Wort wie Donnerhall. Synonym für Überlebenswillen, Forscherdrang, Pioniergeist, Beharrlichkeit und Dominanz. In einem Atemzug genannt mit der Niederlage und dem Tod des wissenschaftlichen Rivalen Scott am Südpol. All dies haftet im Gedächtnis. Aber das war es dann auch schon mit dem reproduzierbaren Wissen und in dieser Situation können höchstens die fleißigen Helferlein bei Google weiterhelfen, oder eine anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Polarforschung. Ich vertraue hierbei auf Frau Dr. habil. Cornelia Lüdecke, Leiterin der Sektion Geschichte der Polarforschung bei der Deutschen Gesellschaft für Polarforschung.
Ein biografisches Portrait hat sie verfasst. Portraits sollten von Spezialisten angefertigt werden – nicht nur die Schokoladenseite, nein alle Facetten einer Persönlichkeit sollten erkennbar sein, um die Persönlichkeit scharf konturiert abzubilden.
Cornelia Lüdecke ist ein hervorragendes Portrait gelungen. Und dies obwohl ihr Gegenüber nicht eine Sekunde stillgehalten hat. Umtriebig und unter schlechtesten Lichtverhältnissen hat er zeitlebens versucht, nur seine wissenschaftlich leuchtende Seite zu zeigen, diejenige hinter dem Polarlicht allerdings vor der Öffentlichkeit zu verbergen.
Die Momente, in denen sie gezielt auf ihren biografischen Auslöser gedrückt hat sind von bestechender Tiefe geprägt. Amundsen blickt den Leser an und in den Zeilen der Autorin öffnet sich eine facettenreiche und teilweise zerrissene Persönlichkeit, die man so nicht erwartet hätte. Dabei schreibt Cornelia Lüdecke nicht im biografisch trockenen Datensammlungsstil. Nein – sie begleitet Amundsen durch sein Leben, findet die tiefe innere Motivation für seine Polarfaszination und drückt immer dann auf den Auslöser, wenn Roald Amundsen an einer Wendemarke seines Lebens angelangt ist.
Der Autorin ist es zu verdanken, dass ich einsame Lesenächte bei gefühlten minus 54 Grad verbracht habe, gekleidet in Robbenfell einen Hundeschlitten führen durfte, auf Eisschollen treibend versucht habe ein Flugzeug zu starten und schließlich mit dem Luftschiff “Norge“ die Schönheit der Arktis erleben durfte.
Eine wissenschaftliche Sinneswanderung im warmen Erste-Klasse-Abteil eines Buches.
Bilder und Lesungsbericht auf Literatwo unter:
http://literatwo.wordpress.com/2011/12/02/roald-amundsen-eine-eiskalte-lesung/
Rezension zu "Roald Amundsen" von Cornelia Lüdecke




