Walkaway

von Cory Doctorow 
3,3 Sterne bei13 Bewertungen
Walkaway
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Positiv (6):
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Der Autor hat die Welt in der Geschichte clever beschrieben, weil viele Lücken von Fantasie gestaltet werden muss durch den Leser.

Kritisch (2):
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Abbruch nach 250 Seiten! Komme einfach nicht in die Geschichte. Sprachlich sehr schwer und irgendwie nicht meins! Leider!!!

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Inhaltsangabe zu "Walkaway"

Die nahe Zukunft: Der Planet ist vom Klimawandel gezeichnet, die moderne Gesellschaft wird von den Ultra-Reichen regiert und die Städte haben sich in Gefängnisse für den normalen Bürger verwandelt. Doch es ist auch eine Welt, in der sich Lebensmittel, Kleidung und Obdach per Knopfdruck produzieren lassen. Warum also in einem System ausharren, das die Freiheit des Menschen beschränkt? Vier ungleiche Helden machen sich auf den Weg in die Wildnis. Dort suchen sie Unabhängigkeit, Glück und Selbstbestimmung. Was sie aber stattdessen dort finden, stellt ihre ganze Welt auf den Kopf: den Weg zur Unsterblichkeit ...

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783453317932
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:736 Seiten
Verlag:Heyne
Erscheinungsdatum:11.06.2018

Rezensionen und Bewertungen

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    michelles-book-worlds avatar
    michelles-book-worldvor 16 Tagen
    Kurzmeinung: Der Autor hat die Welt in der Geschichte clever beschrieben, weil viele Lücken von Fantasie gestaltet werden muss durch den Leser.
    Walkaway

    Bevor ich mir dieses Buch kaufen wollte, habe ich mir einige Rezensionen durchgelesen und bin sehr froh darüber, dass ich mich davon nicht abschrecken lassen habe und doch die über 700 Seiten gelesen habe! Vielen Dank an das Bloggerportal für dieses Rezensionexemplar!

    ,,In a world wrecked by climate change, in a society owned by the ultra-rich, in a city hollowed out by industrial flight, Hubert, Etc, Seth and Natalie have nowhere else to be and nothing better to do.''

    In diesem Roman hat es der Autor sehr gut geschafft, aktuelle Themen wie den 3D Drucker und die Angst vor dem sterben in eine Geschichte einzubinden, die hier nicht nur dunkel ist.

    Das finde ich zum Vergleich von vielen anderen Geschichten sehr abwechselnd. Der Inhalt der Geschichte ist sehr komplex und regte mich viel zum Nachdenken an.  Wie wollen wir in Zukunft leben? Welche Möglichkeiten geben uns all die Dinge, die sich immer weiter in unseren Alltag drängen? Und wie gehen wir mit ihnen um?

    In dem Buch werden auch weitere Themen benannt, wie Korruption und Polizeibrutalität. Außerdem wird die Welt in dieser Geschichte von ,,Zottas'' regiert, weshalb die ,,Walkaways'' ihren Traum nur wo anders Leben können.

    Was ich persönlich sehr schade fand, war, dass ich mit dem Protagonisten nicht richtig warm geworden bin, da sie mir nicht detailliert genug ausgearbeitet waren.

    Die Protagonisten des Buches rauchen immer mal wieder Meth und ich bin ein wenig schockiert beim Lesen und hoffe auf irgendeine Erläutern oder Erklärung, nur leider kam die nie...

    Aber bei Büchern von Cory Doctorow konnte mich sein Schreibstil und sein Interesse für besondere Themen bei der Sache behalten. Er schreibt einfach und spaßig, sodass man sehr schnell durch die 700 Seiten kommt.

    Auch die Veränderungen bei den Figuren ist ziemlich hoch. In diesem Buch kann man sich viele Gedanken machen, aber auch gleichzeitig sich unterhalten lassen, hierbei tragen die Figuren einen großen Teil bei. :-)

    Selbst die außergewöhnliche Umgebung hat mich wiederum sehr begeistert. Die Geschichte spielt in den USA und Kanada und schenkt dem Leser viele bunte Eindrücke, wie z.B. von der Party bei der es lumineszierendes Bier gibt.

    Der Autor hat die Welt in der Geschichte clever beschrieben, weil viele Lücken von Fantasie gestaltet werden muss durch den Leser und dabei bestimmt das ein oder andere außergewöhnliche Bild vor Augen hat.

    Walkaway ist ein unglaublicher toller Roman in einer Zukunftsvision, die zwar leicht zu lesen ist, aber nicht leicht zu verdauen.

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    MadameLustigs avatar
    MadameLustigvor 2 Monaten
    Tolles Thema, tolle Überlegungen & dennoch mehr Lesefrust als Lesespaß

    Ich bin ein großer Fan von Cory Doctorows Büchern. Angefangen hat alles mit Little Brother und nachdem mich dieses Buch seinerzeit so begeistert hatte, folgten auch schnell die nächsten Werke des Autors. Als im Juni diesen Jahres Walkaway in Deutschland auf den Markt kam, war klar, dass auch dieses Buch unbedingt bei mir einziehen musste.

    Worum geht es?
    Hubert Vernon Rudolph Clayton Irving Wilson Alva Anton Jeff Harley Timothy Curtis Cleveland Cecil Ollie Edmund Eli Wiley Marvin Ellis Espinoza lebt in einer Zweiklassengesellschaft, in der der Wert eines Menschen über seinen Nutzen bestimmt wird, innerhalb einer Stunde Bier aus Gullywasser gemacht wird und in der Möbel in Windeseile von 3D Drucken hergestellt werden. Als er gemeinsam mit seinem Freund Seth eine kommunistische Party besucht, auf der er eindeutig zum älteren Semester gehört, lernt er Natalie kennen. Anders als er ist sie sehr wohlhabend und könnte sich die Welt leisten, doch das ist nicht ihr Ding. Ihr Ding ist es, sich gegen die Weltanschauung der Reichen zu stellen und mehr gesellschaftliche Gerechtigkeit zu schaffen. Dafür schreckt sie auch vor dem Schritt, alles hinter sich zu lassen und sich den gesetzlosen Walkawys anzuschließen, nicht zurück. Gemeinsam mit Hubert und Seth macht sie sich auf den Weg in ein neues, gerechteres Leben ..

    Thematisch wieder einmal eine Punktlandung
    In seinen Büchern nimmt Cory Doctorow sich Themen wie Terrorismus, Überwachungsstaat, Urheberrecht, Piraterie und Gaming an und trifft damit stets den Zahn der Zeit. Und auch Walkaway mangelt es nicht an Aktualität, hat sich der Autor hier unserer Klassengesellschaft und dem Wertesystem bedient und gemeinsam mit den Figuren in diesem Buch Überlegungen angestellt, wie man unsere Gesellschaftsprobleme lösen und eine bessere Welt schaffen könnte. Wie für Cory Doctorow üblich, gibt es dabei auch hier keine schnell gefundene Lösung oder gar Perfektion, sondern viele Abers und vor allem unterschiedliche Sichtweisen, wodurch seine Geschichten einfach wahnsinnig authentisch wirken.

    Leider nur dabei statt mittendrin
    Was seine Werke für mich immer so besonders gemacht hat, waren allerdings nicht die Themen, sondern die Art, wie Cory Doctorow über sie schreibt. Es spielte nie eine Rolle, ob ich in einem Thema Zuhause oder ein totaler Neuling war: ich fühlte mich in seinen Geschichten wohl und selbst als ahnungsloser Leser ernst genommen. Scheinbar nebenbei und mit einer Engelsgeduld hat er stets das Thema seines Buches erklärt, solange, bis ich am Ende selbst für das Thema brannte. Cory Doctorow hatte mich an die Hand genommen und mir andere Welten gezeigt. Dass all das dieses Mal ausgeblieben ist, enttäuscht mich sehr. Das Thema ist interessant und wichtig, gar keine Frage, aber ich hatte während des Lesens nie das Gefühl, als hätte Doctorow das Buch auch für Neulinge geschrieben. Ich habe mich stellenweise ziemlich verloren gefühlt, wodurch der knapp 720 dicke Wälzer zu einer ziemlichen Herausforderung wurde. Schade, denn gerade dieses Buch, das thematisch nun wirklich jeden einzelnen von uns betrifft, hätte verdient gehabt, für Jedermann geschrieben worden zu sein und nicht nur für jene, die bereits Begeisterung mitbringen.

    Kein Draht zu den Figuren
    Mein größtes Problem mit Walkaway waren aber die Figuren. Ich habe in letzter Zeit immer häufiger feststellen müssen, dass ich die Ich-Perspektive bei Büchern, die darauf abzielen, dass ich als Leser eine Verbindung zu den Figuren aufbaue, um auch die richtigen Emotionen für die Geschichte zu entwickeln, bevorzuge. Und auch Walkaway bestätigte das für mich nur nochmal, denn neben der Story, die mich stellenweise einiges an Nerven und Durchhaltevermögen gekostet hat, gab gleich mehrere Schlüsselfiguren in der Geschichte, die durch den allwissenden Erzähler allesamt leider sehr weit weg wirkten. Dass diese Charaktere darüberhinaus neben ihren richtigen Namen zumeist auch noch Alias hatten, machte es nur noch schlimmer. So gerne hätte ich wenigstens ein klitzekleines bisschen Nähe aufgebaut, doch obwohl ich Gedanken und Handlungen durchaus nachvollziehen konnte, bewegten sie mich nicht.

    Kurzum
    Als großer Cory Doctorow Fan freute ich mich wahnsinnig auf dieses Buch, doch leider wurde ich ziemlich enttäuscht. Mit der Wahl des Themas hat Doctorow zwar alles richtig gemacht und genau den Zahn der Zeit getroffen, doch leider ließen mich Umsetzung wie auch Figuren kalt. Dennoch ist Walkaway keinesfalls ein schlechtes Buch. Leser, die bereits ein gewisses Grundinteresse an Politik und Gesellschaftsklassen mitbringen, könnten mit diesem Buch auf ihre Kosten kommen.

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    Elizzys avatar
    Elizzyvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: War mir teilweise etwas zu sehr ins Detail und zu viel drum herum Geschreibe.
    Walkaway

    Rezension, kurz zusammengefasst

    Hubert Ecetara hat 19 Namen, er lebt in einer Zukunft, die unserer erschreckend ähnlich ist. Die Technik ist zwar fortgeschrittener, doch von unserer nicht weit entfernt. Die Schere zwischen Arm und Reich ist beinahe bodenlos. Die Gesellschaft wird nur noch unterteilt unter den Armen und den „Zotas“ den Superreichen. Der Klimawandel hat so sehr gewütet, dass es nun Zonen gibt, die nicht mehr bewohnbar sind, die sogenannten „Outlands“.

    Auf einer Kommunisten Party lernen Hubert und sein Freund Seth die Tochter eines solchen Superreichen kennen; Natalie. Doch anders als erwartet, stellt sich diese auf die Seite der Armen und möchte sich zusammen mit ihnen den Walkaways anschliessen. Eine Gruppe von Menschen, die sich bewusst aus dem System zurückgezogen haben.

    Doch dort ist es alles andere als friedlich und schon bald müssen sie sich Kriegen, Gewalt und sogar Gehirnwäschen entgegenstellen.

    Darüber Gedanken gemacht

    Meiner Meinung nach wurde Walkaway spannend aufgebaut, man wird zu Beginn in eine neue Welt hineingeworfen, erhält nicht viele Erklärungen, findet sich aber doch schnell zurecht. Aus Wasser kann man mittlerweile Bier herstellen und die Drogen, sind um einiges ausgetüftelter. Die Menschen sind nun ständig „Online“ und die Überwachung ist vollkommen präsent. Man kann nur noch anonym an einem Ort sein, wenn man „Dunkel“ reist, sein System also Offline stellt. Das ganze erinnert stark an die heutige „Online-Präsenz“ und war erschreckend und faszinierend zugleich.

    Interessant war auch, wie Cory Doctorow technische Geräte mit in die Geschichte einbaute, die auch heute bereits genutzt werden, wenn auch (noch) nicht in diesem Masse. So kann man in Walkaway mit den 3d-Druckern bereits ganze Häuser erschaffen, von Möbeln und anderen Gegenständen ganz zu schweigen.

    Gefiel mir sehr

    Die Utopie, die in diesem Buch geschaffen wird ist überaus interessant und lässt einen sehr nachdenklich zurück. Man fragt sich bewusst; ist diese Zukunft auf die wir zusteuern wirklich die Richtige für uns?

    Gefiel mir nicht

    Meiner Meinung nach hätten diesem Buch 100-200 Seiten weniger nicht geschadet. Denn besonders im mittleren Teil wurde es doch etwas langatmig.

    Schreibstil & Cover

    Dieses Buch ist nichts für Zwischendurch, den der Schreibstil ist teilweise sehr komplex und die Debatten ziehen sich über mehrere Seiten. Nichtsdestotrotz sind die Themen dafür aber umso interessanter. Das Cover gefällt mir richtig gut und wurde meiner Meinung nach gut auf das Buch angepasst.

    Fazit

    In Walkaway erwartet euch eine spannende Geschichte, mit interessanter Thematik und vielen Punkten, die einen nachdenklich zurück lassen. Von mir eine bedingte Leseempfehlung, da ihr viel Zeit für diese Geschichte einplanen solltet.

    Bewertung
    Buchlänge ♥♥♥ (3/5)
    Schreibstil ♥♥♥ (3/5)
    Botschaft ♥♥♥♥♥ (5/5)
    Lesevergnügen ♥♥♥ (3/5)


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    phantastische_fluchtens avatar
    phantastische_fluchtenvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: ein erschreckend realitätsnaher Zukunftsroman
    spannend und bedrückend aber etwas zu technisch

    Seth und Hubert sind seit ihrer Kindheit miteinander befreundet. Irgendwie sind sie nicht mehr jung genug für ausgeflippte Partys, möchten aber auch noch nicht zu den langweiligen Erwachseneren gehören, für die das Leben nur noch aus Arbeit und Konsum besteht.  Auf eine der sogenannten Kommunistenparty begegnen sie Natalie, einer Tochter aus reichen Hause, die sich gegen alle Werte der älteren Generation stellt. Auch sie hat noch keine Vorstellung, was sie mit ihrem Leben anfangen und was sie erreichen möchte. Nur nie so werden wie ihre Eltern, ist eines der Ziele. Aus einer Laune heraus beschließen die drei jungen Menschen, auszusteigen. Sie haben von einer Gruppe gehört, die sich Walkaway nennen und die eine neue Lebensart propagieren. Alle Menschen sind gleich viel wert, jeder ist willkommen und trägt zu Gemeinschaft das bei, was er kann. Geld hat keinen Wert mehr. Alles wird nach Bedarf selber hergestellt und verteilt.

    Die Umstellung fällt den Aussteigern nicht leicht aber sie erhalten Hilfe von Limpopo, die sie im ersten B&B willkommen heißt und ihnen die Philosophie der Walkaway erklärt. Bislang wurden die Freidenker relativ geduldet, doch als sie einen Weg zur ultimativen Freiheit finden, fühlen sich die Regierungen der Welt und die Elite bedroht und gehen zum Angriff auf die friedliebenden Menschen über.

    Kommentar:

    Der Roman spielt in einer nahen, durchaus vorstellbaren Zukunft.  Die Reichen werden immer reicher, Geld regiert die Welt, der kleine Arbeiter schuftet sein Leben lang, ohne von dem Reichtum etwas abzubekommen. Teile der Welt sind eine Ödnis oder verseucht, Rückzugsgebiete für die Walkaway, die aus allem das Beste machen.

    Die eigentliche Geschichte ist relativ einfach gestrickt. Drei junge Menschen brechen aus und suchen einen neuen Weg, ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen. Ein Leben, das einen Sinn hat, ein Leben, in dem sie nicht im abgestumpften täglichen Einerlei versumpfen.

    Nathalie, Hubert und Seth sind sehr unterschiedliche Charaktere. Zu ihnen gesellen sich Limpopo, die Herz und Seele des B&B ist, der ersten Anlaufstelle der drei Walkaway. Sie und der ruhige, etwas ernsthafte Hubert werden ein Paar, das sich ein Leben lang zugetan ist. Damit verrate ich nicht zu viel, denn dies entwickelt sich schon zu Beginn  des Buches und als Leser ist man tief berührt, von dieser Beziehung der doch sehr unterschiedlichen Charaktere. Zwei weitere, sehr beeindruckende Protagonisten sind die Wissenschaftlerin Gretyl und die  junge Tam.  Diese sechs Charaktere sind das Herz und die Seele des Buches

    Leider geht die Erzählung in vielen Seiten von Technik, Politik und Psychologie etwas unter. Ich kann mit meinen einfachen Worten der Geschichte nicht gerecht werden, dazu ist  sie teilweise zu komplex. Natürlich ist die herrschende Elite gegen die Walkaway. Die Aussteiger werden sehr oft überfallen, ihre Wohnstätten werden zerstört und es kommt zu tragischen Verlusten. Statt zu kämpfen, ziehen die Walkaway weiter, denn ihre Philosophie ist es, sich dem allen zu entziehen und irgendwo neu zu beginnen. Sie beugen sich der Allmacht des Geldes nicht, kämpfen nicht um Besitz sondern suchen nur Frieden und einen Ort zum Leben. Ein Leben, in dem jeder Mensch gleich viel wert ist, ohne eine Führung, ohne die Macht des Geldes, ohne Druck durch die Obrigkeit.

    Aufgrund ihrer Lebenseinstellung sind sie denen, die mit Geld die Welt regieren, ein Dorn im Auge. Nathalie kommt aus einem reichen Elternhaus. Sie entzieht sich den Erwartungen und der Kontrolle ihrer Eltern. Sie beginnt mit einer kleinen Revolte, indem sie sogenannte  Kommunistenpartys organisiert, die von ihren Eltern noch lächelnd geduldet werden. Als die Tochter sich von allem lossagt und zu den Walkaway geht, reißt der Geduldsfaden ihres Vaters allerdings schnell.

    Das Szenarien ist absolut glaubhaft, teilweise erleben wir einige Entwicklungen schon heute in ähnlicher Form, was die Erzählung noch bedrückender Macht. Natalies Vater, Jacob Redwater, ist fest davon überzeugt, dass er seine Machtposition verdient hat. Er versteht die Haltung seiner Tochter nicht, die sich gegen alles stellt, was für ihn von Wert ist. Dass es eine Gemeinschaft geben soll, in der es keine Konkurrenz, keine Rivalität und auch keine Elite gibt, kann sich Jacob Redwater nicht vorstellen. Der Konflikt, der in dieser Familie stattfindet, ist das Spiegelbild der Gesellschaft.

    Obwohl das Buch aus 734 besteht, kamen mir einige Aspekte der Geschichte zu kurz.

    Das Cover ist relativ nichtssagend und lässt kaum auf den Inhalt schließen. Allerdings ist die knallige Farbe ein echter Hingucker.

    Etwas schwierig ist es, die eigens für diese Geschichte entwickelten Wörter zu verstehen. Allerdings gibt es dazu ein Glossar. Das ist dringend nötig, da sich viele Begriffe nicht von selbst erklären, man muss sie tatsächlich nachschlagen. Das hat bei mir den Lesefluss erheblich gestört. Dazu kommen noch der massive Gebrauch von Fremdwörtern, technischen Begriffen und Ausdrücken aus der IT Branche,  die der Geschichte zwar durchaus einen intelligenten Anstrich geben, einige Dinge aber schwer verständlich machen. Für SF Freaks ist das aber sicherlich ein Plus, ich war teilweise intellektuell etwas überfordert, konnte das Buch aber nichtsdestotrotz kaum aus der Hand legen und spreche eine klare Leseempfehlung aus. Die Themen sind aktuell, manche Entwicklungen in dem Busch sind erschreckend und bedrückend und regen zum nachdenken an. Ein Buch, dass man nicht so schnell vergisst und über das man sich austauschen möchte.

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    M
    michael_lehmann-papevor 2 Monaten
    Unterhaltsam erzählte Gesellschaftskritik

    Unterhaltsam erzählte Gesellschaftskritik

    An manchen Stellen, gerade im ersten Drittel, ist es ein wenig grenzwertig, was den Überhang an Dialogen in Bezug auf den Fluss der Geschichte angeht. Doch, das versteht Doctorow gut umzusetzen, der Tonfall wird dabei nicht belehrend oder besserwisserisch und ist auch nicht mit einem zu hoch erhobenen moralischen Zeigefinger versehen.

    Wobei dennoch klar wird, dass das aktuelle „Lebenssystem“ der westlichen Moderne mit „denen da oben“, die ganz fest der Überzeugung sind, dass sie nicht aus Zufall sondern aufgrund eigener Leistung „ganz oben“ angekommen sind und mit „denen da untern“, die mit ein wenig Konsum in ihren prekären Verhältnissen „bei Laune“ gehalten werden, so nicht mehr auf Dauer funktionieren wird.

    Im Roman, der in naher Zukunft angesiedelt ist, ist dies bereits akut „ausgebrochen“. Denn immer mehr „Bürger“ verlassen die „sicheren Zonen“ (große Teile der zivilisierten Welt sind verwüstet, teils vergiftet, immer aber „Outland“ aufgrund der harschen Klimaveränderungen) und siedeln sich im „übriggelassenen“ Rest an.

    „Walkaways“, „Weg-Gänger“ verschiedenster Natur versuchen ihren Weg eines freien Lebens. Mal miteinander, mal eher für sich. Was den „Zotas“, jenen Reichen, die inzwischen ganz offen die Regierungen stellen, nur solange egal ist, wie es ihren Status nicht gefährdet.

    Wollen zu viele „Walkaway“ gestalten, fehlen dienstbare Geister in den Metropolen, da wird auch schon mal das ein oder andere „Nest der Neuansiedelung“ umfassend dem Erdboden gleichgemacht.

    Und nun ist das Undenkbare geschehen. Natalie, Tochter eines Hyperreichen, geht. Heimlich. Mit ihren beiden neuen Bekannten. Und stößt auf einen Gasthof der besonderen Art, in dem andere, solidarischere, nicht auf Leistung abgestimmte Lebensformen erprobt werden.

    Intensiv und mit Blick in die Tiefe erzählt Doctorow von dieser Utopie und dem, was es an innerer Veränderung dazu braucht. Und hat immer auch den klaren Blick für die menschlich-allzu menschlichen Unzulänglichkeiten. Die Lust am „Wichtig sein“, Neid und Eifersucht und all die anderen Dinge, mit denen sich Menschen selbst oft im Weg stehen.

    Gepaart mit der ständig drohenden Gefahr bewaffneter Überfälle und listiger Tricks der Mächtigen, bis hin zu Entführung und versuchter Gehirnwäsche bleibt die Spannung bei der Lektüre weitestgehend erhalten. Und wenn dann technisch die Frage der Übertragung eines Bewusstseins ins „Net“ beginnt, interessant zu werden, bleibt es für den Leser weiterhin hoch interessant, all die Verwirrungen und inneren Verwicklungen zu verfolgen, die Doctorow von allen Seiten her und in allen Facetten beleuchtet. Ohne zu sehr ins trocken-wissenschaftliche abzugleiten.

    Am Ende verbleibt eine unaufdringliche und dennoch schonungslose Analyse der gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart und eine, ein wenig an die 60er Jahre und die Hippie-Bewegung erinnernde, andere Möglichkeit des Lebens in enger Verbindung mit den vielfachen digitalen Möglichkeiten (samt Kleidungs- und Nahrungsherstellung), die den Leser nachdenklich und erfüllt zurücklässt.

    „Sie machte sich Sorgen, denn sie wusste, wie das war, wenn man die Person im Spiegel nicht wiedererkannte. Sie kannte das nagende Gefühl, wenn etwas nicht stimmte“.

    Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

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    MikkaGs avatar
    MikkaGvor 2 Monaten
    Intelligente Zukunftsvision zwischen Dystopie und Utopie

    Wenn das Gehirn ein Muskel wäre, hätte ich jetzt Muskelkater. Die gute Art, bei der man spürt: ich habe mich so richtig gefordert, das war es wert.

    Denn das Buch regt zum Nachdenken an – und das 762 Seiten lang, in denen die Handlung oft zurücktritt hinter den Fragestellungen, die in den Dialogen aufgeworfen werden. Sozialökonomische, ethische, politische, technologische, philosophische Themen… Ich empfand das selten als anstrengend, sondern meist als anregend und hochinteressant. Man sollte an das Buch jedoch mit der Erwartung herangehen, dass man viel Zeit investieren muss, während der die Gehirnzellen Überstunden schieben (und auch ein paar Nachtschichten einlegen).

    Die Welt des Buches ist scheinbar nur einen Wimpernschlag von unserer entfernt. Die Technologie ist der unseren überlegen, aber durchaus denkbar und glaubhaft. Die Gesellschaft unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht sonderlich von der heutigen.

    Aber dies ist die Welt, auf die wir sehenden Auges zusteuern: die sozialen Ungerechtigkeiten sind eklatant, Klimawandel und Umweltverschmutzung haben große Teile der Erde unbewohnbar gemacht. Eine sehr kleine Gruppe ‘Zottas’ (obszön reiche Menschen) regiert die Welt, während die Ärmeren sich einlullen lassen von den sozialen Medien und der Suggestion, auch sie könnten Zottas werden, wenn sie sich nur eifrig genug im Hamsterrad abstrampeln.

    Dies ist eine Welt kurz vor der Katastrophe, dem Zusammenbruch aller Werte. Der Supergau des Kapitalismus.

    Und hier schafft das Buch den Übergang von Dystopie zu Utopie. Denn es gibt eine immer größere Anzahl von Menschen, die die Gesellschaft ändern wollen – indem sie fortgehen und alles hinter sich lassen: den Materialismus und die absurden Hierarchien, die Ich-Bezogenheit und das blinde Erdulden des eigenen Lebens. Die Walkaways kämpfen nicht gegen die, die das System bewahren wollen – sie nehmen Gegenden in Besitz, die schon vor langer Zeit aufgegeben wurden, und bauen sich ihre eigene Gesellschaft auf.

    Und wenn ihnen etwas weggenommen wird, was sie sich aufgebaut haben, dann gehen sie wieder fort und fangen woanders von vorne an.

    Natürlich geht das nicht ohne Konflikte. Aber es ist eine erstaunlich plausible Vision der Zukunft.
    In den Reihen der Ausssteiger befinden sich auch einige Wissenschaftler, und so kommt es schon bald zu einem Wettrennen: können die Walkaways das Geheimnis der Unsterblichkeit ‘Open-Source’ (also allen zugänglich) machen, bevor die Zottas es für sich (und nur für sich) vereinnahmen?

    Durch die verschiedenen Charaktere sieht man die angesprochenen Fragen aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln, was es dem Buch erlaubt, beides zu sein: Science Fiction und Philosophie.

    Nicht alles wird erklärt. Vieles an Hintergrundgeschichte muss man einfach hinnehmen, weil das Buch sonst wahrscheinlich noch 800 Seiten länger wäre. Aber der Autor ist ein Meister darin, die erstaunlichsten Details beiläufig in Nebensätzen einfließen zu lassen, so dass man das Gefühl bekommt, man verstehe die Welt im Großen, weil man sie im Kleinen kennt.

    Das ist in meinen Augen umwerfend originell und einfallsreich.

    Spannend ist es auch, denn so friedlich die Walkaways (meist) sind, so skrupellos und aggressiv gehen ihre Feinde gegen sie vor. Ihre Siedlungen sind immer in Gefahr, zerbombt zu werden, während sie in den Medien als die Unruhestifter und Terroristen dargestellt werden. Und natürlich gibt es auch interne Konflikte und Verrat.

    Die Charaktere bestechen durch unbemühte Diversität. Und weil diese Diversität so wunderbar selbstverständlich ist, werde ich hier keine Auflistung erstellen. Denn was die Charaktere vor allem sind, ist authentisch und komplex – ungeachtet von Hautfarbe oder Sexualität.

    Die Handlung erstreckt sich über einige Jahre, in denen die wichtigsten Charaktere eine immense Entwicklung durchmachen, sich dabei aber selbst immer treu bleiben. Sie begehen furchtbare Fehler, aber es sind die Fehler, die sie machen mussten. Sie feiern Erfolge, und es sind die Erfolge, die nur sie so erreichen konnten. Diese Person hat in dieser Situation und mit diesem Background gar keine andere Wahl.

    Der Schreibstil ist so intelligent wie die Handlung, dabei aber erstaunlich locker und fast schon jugendlich. Dazu kommt eine Dosis Humor, und verbunden mit der zum Nachdenken anregenden Handlung ist das meines Erachtens eine großartige Mischung.

    Weil das Gehirn kein Muskel ist, habe ich den Muskelkater stattdessen in den Armen. 736 Seiten haben ein ganz schönes Gewicht…

    FAZIT

    In der Zukunft wird die Welt von Superreichen regiert, doch das System des skrupellosen Kapitalismus steht kurz vor dem Zusammenbruch. Immer mehr Menschen werden zu ‘Walkaways’, die dieser Welt den Rücken kehren und in verlassenen Gebieten ganz neu anfangen – mit gänzlich anderen Vorstellungen von einer gerechten Gesellschaft, in der niemand ‘gewinnt’ und niemand ‘verliert’.

    Für mich ist “Walkaway” ein großartiges Buch. Ich hatte beim Lesen ununterbrochen das Gefühl, scharf nachzudenken und alles zu hinterfragen, und langweilig ist mir das nie geworden. Aber man sollte schon ein gewisses Interesse an sozialökonomischen Themen mitbringen!

    Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog 'Mikka liest von A bis Z':
    https://wordpress.mikkaliest.de/2018/08/03/rezension-cory-doctorow-walkaway/

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    Booklove91s avatar
    Booklove91vor 3 Monaten
    Unsterblichkeit

    Inhalt:
    Die nahe Zukunft: Der Planet ist vom Klimawandel gezeichnet, die moderne Gesellschaft wird von den Ultra-Reichen regiert und die Städte haben sich in Gefängnisse für den normalen Bürger verwandelt. Doch es ist auch eine Welt, in der sich Lebensmittel, Kleidung und Obdach per Knopfdruck produzieren lassen. Warum also in einem System ausharren, das die Freiheit des Menschen beschränkt? Vier ungleiche Helden machen sich auf den Weg in die Wildnis. Dort suchen sie Unabhängigkeit, Glück und Selbstbestimmung. Was sie aber stattdessen dort finden, stellt ihre ganze Welt auf den Kopf: den Weg zur Unsterblichkeit ... 

    Meine Meinung:
    Das Buch ist mir bereits im Englischen bereits aufgefallen und umso mehr habe ich mich auf die Übersetzung gefreut. 

    Cory Doctorows Utopie “Walkaway” ist ein spannender Science-Fiction-Roman. Er erzählt von einer nicht mehr allzu fernen Zukunft und bietet uns jede Menge skurrile Einfälle vor einer fantasievoll erdachten Kulisse, in der düstere Visionen und handfeste Konflikte, aber auch viel Romantik, spannende gesellschaftliche Debatten und charmante technische Lösungen vorkommen. 

    Hubert Vernon Rudolph Clayton Irving Wilson Alva Anton Jeff Harley Timothy Curtis Cleveland Cecil Ollie Edmund Eli Wiley Marvin Ellis Espinoza oder kurz Hubert Etcetera Espinoza war mir als Protagonist sehr sympathisch, ebenso sein Freund Seth.  Der Einstieg in die Geschichte hat mir sofort gut gefallen.

    Bei so einem "dicken Wälzer" kommt es leider wie oftmals zu einer kleinen "Durststrecke", in welcher sich die Handlung leider etwas zieht, man den Bezug zu den Protagonisten verliert und auch die Motivation zum Lesen. 

    Der Schluss war allerdings wieder voller interessanter Ideen und ergab eine tolle Abrundung.  Das Glossar am Ende fand ich sehr hilfreich und übersichtlich - es lohnt sich also durchaus gelegentich einen Blick darauf zu werfen. 

    Das Cover, des über 736 Seiten dicken Buches ist im auffälligen Orange gehalten und sticht einem sofort ins Auge.

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    thursdaynexts avatar
    thursdaynextvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Anleitung zur Hoffnung, endlich mal wieder eine Utopie die die Möglichkeit einer positiven Zukunft aufzeigt.
    Walkaway - Anleiting zur Rebellion und Utopie

    Cory Doctorow hat mich vor sieben Jahren schon mit „Little Brother“ überrascht und begeistert.

    Mit Walkaway setzt er noch einen drauf.

    Wir leben in einer Untergangsstimmung, die Zukunft ist düster, die Umverteilung der vorhandenen Ressourcen ist in vollem Gange, Lobbyismus zugunsten der Konzerne, einige wenige horten das Kapital, Lohn- und Gehaltsempfänger sind Sklaven des Systems, das durch Überwachungstechnik die unzufrieden Massen, die sich abstrampeln und nebenher noch versuchen, ihr kleines persönliches Glück zu finden, in Schach hält.

    Immer mehr fallen aus diesem System, weil es keine Arbeit oder keinen Platz für sie gibt, Tyrannen, Despoten und Superreiche regieren die Welt. Das klingt eigentlich alles wie die tägliche, mittels kognitiver Dissonanz gut verdrängte Dystopie in der wir leben, doch das ist das „Default“ in der von Doctorow beschriebenen Welt. Ähnlichkeiten zu unserer dürften nicht zufällig sein.

    In dieses Szenario steigt Doctorow mit Walkaway (Weggehen) ein. Es gibt nicht wenige Menschen, die das System satt haben, Unzufriedene, Utopisten, Anarchos, Hippies, Menschen mit der Tatkraft und dem Drang, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Für das Default und die superreichen Zottas sind sie Terroristen. Zersetzende Elemente, die zwar nicht mit Gewalt agieren, aber allein dadurch, dass sie das System in Frage stellen, sich dem Konsum entziehen und eine bessere Gesellschaft schaffen wollen, als Angreifer, Feinde betrachtet und bekämpft werden. Sobald sie eine critical mass, eine kritische Masse erreicht haben schlägt das Default, in Gestalt der Zottas, der Supperreichen Weltenlenker zu. Zerstört, tötet, massakriert und die Fakten, die in den feeds erscheinen, sind so gehalten, dass das System als die gute Seite erscheint.

    Die Walkaways eint nur eines, ihr Weggehen. Werden ihre Wohnorte zerstört, mal wieder ein Schlag gegen sie geführt, ein Exempel statuiert, gehen sie, bauen woanders neu auf, sie weichen aus, ziehen weiter. Fablabs oder Fabber, die aus Schrott das benötigte Material zum Neuaufbau herstellen (modifizierte 3D Drucker), sind dabei ebenso hilfreich wie die etwas weiterentwickelte Zukunftstechnologie, die direkt auf heutigen, bereits vorhandenen Möglichkeiten basiert, die der Autor seinen Protagonisten zur Verfügung stellt.

    Wichtig sind aber die Ideen in ihren Köpfen, der Wille zu einer freien, besseren Gesellschaft. Die Anleihen dafür sind alle schon einmal angedacht worden. Sie probieren aus, leben eine Gesellschaft, die auf Geschenken beruht, keine Tauschgeschäfte, keine Gegenleistung, das Notwendigste ist vorhanden, wer arbeiten und helfen möchte, bringt sich ein. Auch hier gibt es unterschiedliche Denkansätze. Wollen die einen Wettbewerb und Status abschaffen, so glauben die anderen die Gesellschaft mit Bestenlisten zu optimieren und mehr Leistung aus allen rausholen zu können. Ein ideologischer Kampf im Mikrokosmos der Walkaways. Die glauben „der alte Karl (Marx) hätte die richtige Diagnose, aber das falsche Mittel“ gefunden. Die Walkaways versuchen das richtige Mittel zu finden. An vorderster Front dabei, die charismatisch dargestellte Limpopo, die seit Jahren das Walkaway lebt. Dabei ist sie innerlich zwiespältig, gibt sich nach außen aber versiert. Interessant sind ihre inneren Kämpfe, auch wenn das ihr zugeschrieben Charisma bei mir nicht ganz rüberkam. Die soziale Komponente darf beim Aufbau einer neuen Gesellschaft nicht unterschätzt werden. So zum Beispiel mittels der zielorientierten sozialen Ignoranz – Heuchelei, bei der ein Vollpfosten, der es verbockt hat, nicht als solcher bezeichnet wird, sondern man hilft ihm sein Gesicht zu wahren, indem man ein „manierliches Kabuki“ ausführt und in der dritten Person spricht:

    „Diese Strebe steht nicht lotrecht“ , statt „Du hast die Strebe falsch eingebaut.“ Im Gegensatz zur Gamifizierung dem Spielchen um die besten Ränge auf der Liste, ist die Effektiviät erheblich größer, weil es den Menschen hilft, das Gesicht zu wahren. Man nennt es auch den „Ja wie ist das denn passiert?“ Effekt.

    Vollpfosten als solche zu bezeichnen führt nicht zum gewünschten Ergebnis, es schafft nur Unzufriedenheit, Streit, Unmut und letztendlich mindere Qualität. Auch das gilt es zu beachten. Doctorow kennt viele dieser soziologischen Studien, Theorien und Forschungsergebnisse, und er streut sie en passant immer wieder ein. „Das Walkaway Dilemma“ ist eines dieser Gedankenspiele zur Erschaffung einer besseren Welt, das in der Praxis aufgrund der menschlichen Natur ein großes ethisch-moralisches Problem darstellt:

    „Wenn du nimmst ohne zu geben, bist du ein Betrüger. Wenn du überwachst, was die anderen geben und nehmen, bist du ein widerlicher Buchhalter. […] Du musst gut sein wollen, sollst dich aber nicht gut fühlen, weil du so gut bist.“ S. 127

    Limpopo ist die Empfangsdame im Belt & Braces einem Walkaway Haus samt Siedlung für die Neuangekommenen potentiellen Walkaways. Hubert Etcetera, Seth und Zotta Tochter Natalie Redwater werden von ihr in die Ideologie und alles übrige eingeführt . Sie nutzen die Gelegenheit, sich zumindest dem Namen nach neu zu erfinden. Etcetera der so heißt, weil seine Eltern bei der Namensgebung quantitativ sehr großzügig waren behält Etcetera, Seth wird zu Gizmo von Puddleducks und Natalie zu Stabile Strategie. Eine nette Sache sich immer wieder neu erfinden zu können. Die sich durch den Roman zieht. Neues lernen und anwenden, und so beginnt dieser Roadtrip in und für eine bessere Welt. Ein Trip, der politische und private Konflikte auslösen wird und sich ab und an ein wenig zieht, besonders wenn man als Vielleser die meisten der vom Autor eingebrachten Theorien und Philosophien bereits kennt. Doch nirgends außer bei den Sexszenen, – sie sind nicht schlecht nur überflüssig, aber SEX SEllS also kauft euch das Buch! 😉 – und selbst die sind so politisch korrekt, dass sie allein deshalb eine Daseinsberechtigung haben, könnte dieser Trip gekürzt werden. Ein wenig Ausdauer ist also vonnöten, um zu erfahren wohin die Reise geht, doch diese wird belohnt mit einem fulminanten Ende.

    Walkaway hat mich begeistert, weil es von einem gut vernetzten „Silicon Valley“ Autor stammt, der sich bestens auskennt mit dieser Denkfabrik der Zukunft, dabei aber nicht nur die Technologie im Blick hat, sondern die menschliche Natur und die daraus folgenden Eigenheiten immer im Hinterkopf behält. Er weiß darum, dass es nur mit den Menschen und dem was in ihren Köpfen ist, eine Veränderung geben kann. Besonders fasziniert und entzückt hat mich aber die Tatsache, dass endlich einmal wieder eine Utopie zur Zukunft der Menschheit geschrieben wurde. So bizarr und ekelhaft politische Entwicklungen in letzter Zeit waren, sie können das Erreichte und bereits Gedachte: Kultur, Demokratie, Menschenrechte, Umweltschutz, Gleichheit nicht rückgängig machen. Das alles gibt es noch und wir sollten nicht vergessen wie viele Menschen daran festhalten und sich dafür einsetzen. Doctorow zeigt auf, wie immens wichtig es ist, die Zukunft aktiv mitzugestalten. Und er gibt Handreichungen in Form von Ideen und Alternativen, eröffnet Möglichkeiten. Deswegen wünsche ich mir, dass dieses Buch möglichst viele Jugendliche und junge Erwachsene erreicht und alle, die eine wirklich gute Utopie gebrauchen können.

    Doctorow hat einen großartigen gesellschaftsphilosophischen, modernen, interaktiven (zum Mit – und Selbstdenken) Zukunftsroman geschrieben, den man sich nicht entgehen lassen darf.

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    Lilli33s avatar
    Lilli33vor 4 Monaten
    Viele gute Ideen, aber ...

    Broschiert: 736 Seiten

    Verlag: Heyne Verlag (11. Juni 2018)

    ISBN-13: 978-3453317932

    Originaltitel: Walkaway 

    Übersetzung: Jürgen Langowski

    Preis: 16,99 €

    auch als E-Book erhältlich


    Viele gute Ideen, aber …


    Inhalt:

    Kanada, Mitte des 21. Jahrhunderts. Es gibt ultrareiche Menschen, die die Macht haben, und Menschen, die nichts haben. Der Default engt die Menschen ein, sodass etliche zu Aussteigern werden und in den Walkaway gehen. Hier versuchen sie, frei und unabhängig zu leben. Alles, was man zum Leben braucht, spuckt der 3D-Drucker aus und sie könnten es sich gutgehen lassen, wäre ihre Abwendung vom Default nicht manchen Menschen ein Dorn im Auge …


    Meine Meinung:

    Der Klappentext des neuen Werks von Cory Doctorow hat mich neugierig gemacht auf diesen Wälzer. Ich war sehr gespannt, wie der Autor sich unsere Zukunft vorstellt und fand in dem Roman viele sehr gute Ideen, die mich begeistern konnten. Dabei ist allerdings nicht alles neu, sondern Doctorow hat sich auch selbst „kopiert“. 


    Es gelang mir auch sehr leicht, mich in die Geschichte einzufinden. Der erste Teil ist spannend und interessant geschrieben. Dann folgte allerdings eine große Durststrecke für mich. Denn der Roman beinhaltet viele Zeitsprünge, die die Handlung zerhacken, sodass ich stellenweise den roten Faden verlor. Immer wieder wird die Perspektive gewechselt, ohne dass ich den jeweiligen Protagonisten wirklich nahe gekommen wäre. Sie wirkten auf mich recht blass und zum Teil austauschbar. Die Handlung kommt nicht so recht voran, es wird viel diskutiert und gedacht und monologisiert. Aber natürlich sind auch hier ein paar sehr interessante Gedanken dabei. Besonders schön ist die Idee der Gleichwertigkeit aller Menschen und auch der Gedanke, dass jeder sich einfach nehmen kann, was er braucht, und für alle genug da ist. 


    „ … dass verschiedene Menschen zwar unterschiedliche Dinge tun konnten, dass aber alle Menschen den gleichen Wert hatten und niemand mehr wert war als ein anderer. Jeder war eine Persönlichkeit mit einer unendlichen Welt in seinem Inneren, genau wie man selbst.“ (S. 584)


    Erst gegen Ende konnte mich Doctorow dann mit einem tollen Showdown wieder richtig packen und mit dem zähen Mittelteil versöhnen. 


    Erwähnen möchte ich noch das Glossar im Anhang, das einige „Fachbegriffe“ erläutert. Hin und wieder kann es sich lohnen, einen Blick darauf zu werfen. 


    ★★★☆☆


    Ich bedanke mich beim Heyne Verlag und Literaturschock für das Rezensionsexemplar.


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    einz1975s avatar
    einz1975vor 4 Monaten
    Kurzmeinung: Cory Doctorows „Walkaways“ liest sich wie der Herbst. Bunt geschmückte Zukunftsbilder mischen sich mit realistischer Kälte.
    Cory Doctorow – Walkaway

    Manchmal wäre es wirklich die beste Idee wegzurennen und sein altes Leben einfach hinter sich zu lassen. Neu anfangen und etwas aufbauen, was es noch nicht gab. Der Roman von Cory Doctorow spielt in einer Zukunft, in der wir Menschen die Klassengesellschaft weiter nach vorn getrieben haben. Es gibt die Reichen, sogenannte Zottas und welche, die für sie arbeiten. Doch eine gewisse Gruppe von Menschen, die Walkaways, möchte eben nicht ein Teil dieser Gesellschaft sein. Sie versuchen in der Wildnis, oder besser gesagt in den verlassenen Städten, etwas Neues aufzubauen. Dabei treffen wir auch oft auf den Begriff Sozialismus und Kommunismus. Teile und sei ein Mitglied der Gesellschaft. Leiste deinen Beitrag und mache das was du kannst, damit alles irgendwie besser wird.

    Als Leser folgen wir nun einer Gruppe von jungen Leuten, welche sehr unterschiedlicher Herkunft sind. Eine ist sogar die Tochter eines Zottas und es verwundert schon, dass sie ihr wohles und behütetes Leben aufgeben will, um eine Walkaway zu werden. Sie lernen sich alle bei einer illegalen Party kennen, welche ein tragisches Ende nimmt. Schon hier war ich etwas verwundert, wie mit dem Tod in diesem Buch umgegangen wurde, doch später gab es einige deutlichere Worte dazu. Angekommen in dem Unterschlupf der Auswanderer, musste sich jeder erst einmal zurechtfinden. Was will er werden und wo gehört er hin? Nicht jeder wusste es sofort und auch da hat diese Gesellschaftsordnung einen Platz für alle die, welche sich nicht entscheiden können.

    Im Grunde geht es aber allen Klassenschichten um dieselbe Suche. Es wird nach der möglichen Unsterblichkeit geforscht. Dabei wird der Geist des Menschen in einen Computer hochgeladen und später soll er irgendwann auf einen Klon übertragen werden, Doch bis wir an dieser Stelle sind, gibt es viele Wendungen in der Geschichte. Die Walkaways werden von den Behörden verfolgt, gejagt und wo es geht festgenommen und zur Strecke gebracht. Sie sind jedoch technisch hoch entwickelt und finden immer wieder neue Anhänger, Fluchtwege und Anerkennung. Die Hauptcharaktere haben es nicht leicht. Die einen werden von ihrem reichen Vater eingesperrt, ein anderer verliebt sich und wird getötet und andere müssen für ihre Mitgliedschaft bei den Walkaways ins Gefängnis.

    Doctorow beschreibt zudem auch sehr deutlich die Gewalt gegen die Andersdenkenden und auch der Sex spielt für ihn eine wichtige Rolle, was meiner Meinung nach nicht wirklich notwendig war. Dafür spürt man ständig den Willen und den Gedanken der Freiheit. Die Selbstverwirklichung zu etwas Neuem. Etwas zu erschaffen in dem jeder sich voll und ganz entfalten kann und man zusammen in eine Zukunft tritt, welche die Welt verändert. Mit 3-D-Druckern werden ganze Häuser erschaffen und der Upload eines Menschen in einen Rechner ist wahrlich mehr als Utopie. Verwundert war ich über noch fliegende Zeppeline als Transport- und Verkehrsmittel, aber wer weiß schon was die Zukunft uns bringen wird. Ob der Weg der Walkaways der richtige ist und zum Sturz der Zottas führt, möchte ich leider bezweifeln und ein Leben danach, heißt jetzt ein Leben ohne Ende und das wird definitiv die Welt verändern.

    Fazit:
    Cory Doctorows „Walkaways“ liest sich wie der Herbst. Bunt geschmückte Zukunftsbilder mischen sich mit realistischer Kälte. Der Versuch eine neue Gesellschaftsform zu entwickeln, die eigenständig existieren kann, klingt verlockend und ist im Ansatz sicherlich auch mehr als Nobel. Das Einscannen eines Menschen in einen Computer klingt so fantastisch, dass ich gern schon heute sehen würde wie es wohl wäre, doch müsste ich auch in dieser Zukunft leben und danke, da warte ich lieber auf das, was wir selbst noch erschaffen werden. Die große Revolution bleibt in diesem Roman für mich leider aus. Gute Ansätze, aber nicht immer genug Faden, der nahtlos ineinandergreift.

    Matthias Göbel

    Autor: Cory Doctorow
    Übersetzung: Jürgen Langowski
    Paperback: 736 Seiten
    Verlag: Heyne Verlag
    Sprache: Deutsch
    Erscheinungsdatum: 11.06.2018

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    soetomvor 3 Monaten
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