Kann mit dem Genre eines Thrillers auch ein durchaus ernstes Thema so dargestellt werden, dass es nicht zum Klamauk verkommt und lediglich dazu dient, den Spannungsbogen noch ein wenig stärker zu überdehnen? Kein einfaches Unterfangen. Hier kann dies grundsätzlich als gelungen betrachtet werden, auch wenn gelegentlich die eine oder andere Saite zu viel bzw. zu stark gezupft wurde. Alles in allem handelt es sich aber um eine schlüssige Komposition, bei der, neben einer spannungsreichen Erzählung auch so einiges an Hintergrundwissen vermittelt wird.
Worum geht es also? Wer bereits einige Bücher von Craig Russel gelesen hat, wird auch hier das bekannte Vorgehen wiedererkennen. Auch hier treffen zwei Welten aufeinander, allerdings in einer solchen Spannbreite, dass diese nur nebeneinander Platz haben, zumindest im Kopf der Betroffenen. Es geht um gespaltene Persönlichkeiten, um doppelte Identitäten. Bei manchen Betroffenen sind die Schattenwelten so stark ausgeprägt, dass diese nur auszuhalten sind, indem sie vom „gesunden Leben“ abgespalten werden und nur hin und wieder das Kommando in den Neuronennetzwerken des Gehirns übernehmen – und zwar auf desaströse, teils todbringende Weise.
Hier ist tatsächlich auch der smarte Captain Edward Henry Hyde, Superintendent der Detectives bei der Edinburgh City Police, davon betroffen. Seine epileptischen Anfälle werden von kurzfristigen Amnesien begleitet, die ihn selbst vermuten lassen, dass er während dieser Zeiten, in einer anderen Rolle, sozusagen in einem zweiten Ich, Verbrechen begehen könnte, verstärkt durch luzide Träume (Klarträume). Diese Phänomene aus der „Anderwelt“ durchzieht das gesamte Buch in unterschiedlichem Gewand, entweder medizinisch näherungweise erklärbar oder aber in der Gestalt dunklere Machenschaften, die sich keltischer Opferrituale bedienen, um ihren Einfluss auf die Gesellschaft zu vergrößern.
Neben den spannungsdominierten Passagen gibt es immer mal wieder bezaubernd dargestellte Betrachtungen aus ganz unterschiedlichen Bereichen: „Die Rintouls waren ursprünglich eine Bauernfamilie aus Fifeshire gewesen, die genau im richtigen Moment der Geschichte aufgehöhrt hatten, die Oberfläche der Erde zu bestellen, um stattdessen in die Tiefe zu graben. Die noch junge Rintoul Coal Company hatte dann unvermittelt, eher zufällig und mit beträchtlicher Mühe den unersättlichen Appetit eines Monsters füttern müssen, von dem auch Schottland ein Elternteil war: die Industrielle Revolution.“
Spannung und Fiktion treffen wortgewandt auf solide Informationen, auch wenn gelegentlich die Fiktion etwas überdehnt wird.
(8.12.2024)




































