Rezension zu "The Sleeping Tiger: A Walker Mystery (Crime Classics)" von D. M. Devine
Ein LovelyBooks-NutzerIch war nicht unbedingt begeistert von Meines Bruders Mörder, dem ersten D. M. Devine-Roman, den ich gelesen habe.
Bei seinem Erscheinen immerhin als bester Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet, von einer Jury unter der Leitung der großen Agatha Christie, konnte mich das Buch nicht überzeugen. Christie muss offensichtlich etwas darin gesehen haben, auch wenn ich mir nicht sicher bin, was genau.
Dann habe ich vor kurzem einen weiteren Devine, Alles dreht sich um Lucille, gelesen. Ein wesentlich gelungeneres Buch, vielleicht, weil Devine das Hochschulmilieu, in welchem der Roman spielt aus eigener Erfahrung kannte.
The Sleeping Tiger nun hat unglücklicherweise mehr mit „Meines Bruders Mörder“ gemeinsam.
Es beginnt als Gerichtsthriller: John Prescott wurde des Mordes angeklagt und steht vor Gericht. Danach folgt allerdings eine ausgedehnte Rückblende. Prescott kommt aus einfachen Verhältnissen, bekommt aber durch seine Freundschaft mit dem Spross einer erfolgreichen Anwaltsfamilie, eine Anstellung dort. Er ist der „schlafende Tiger“ des Titels, ein Mann dessen Gefühle unter der Oberfläche brodeln. Sein Minderwertigkeitskomplex verhindert, dass er seine wahre Persönlichkeit zum Ausdruck bringt. Er verliebt sich in die Verlobte seines besten Freundes und als dieser Suizid begeht, heiraten die beiden. Doch dann stellt sich heraus: Es war Mord, und John ist plötzlich der Hauptverdächtige!
Devines Stärken liegen bei der Charakterzeichnung, bzw. bei der nüchternen fast schon emotionslos kühlen Betrachtung der Figuren mit all ihren Schwächen. Dadurch entsteht ein sehr realistischer Eindruck. Was er aber durch diese Stärke gewinnt verliert er wieder durch eine allzu schleppende, flache Erzählweise und mangelnde Kreativität. Weder die Identität des Mörders noch dessen Motiv können für Überraschungen sorgen.
Es gibt einen Grund, weshalb Devine in der Versenkung verschwunden ist und selbst mit relativ viel gutem Willen, muss man konstatieren, dass es auch aus den 1960-er Jahren sehr viel bessere Krimis gibt, welche der Zeit des Lesers wert wären.

