Dace Ruksane

 4 Sterne bei 6 Bewertungen

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Warum hast du geweint?

Warum hast du geweint?

 (3)
Erschienen am 23.02.2007
Warum hast du geweint

Warum hast du geweint

 (3)
Erschienen am 06.08.2009

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Rezension zu "Warum hast du geweint" von Dace Ruksane

Rezension zu "Warum hast du geweint" von Dace Ruksane
Ein LovelyBooks-Nutzervor 8 Jahren

Es gibt ja Bücher, da lässt sich eine Rezension ganz locker aus dem Ärmel schütteln. Und es gibt Bücher wie dieses. Zuerst einmal die grobe Handlung zum Einstieg: Die Protagonistin heißt Katrina und lebt mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester in Riga. Die Eltern haben sich nicht mehr allzu viel zu sagen, und Freunde hat Katrina auch so gut wie keine. Deswegen sind die Alpinistencamps, die jeden Sommer im Kaukasus stattfinden, eine willkommene Abwechslung. Dort verliebt sich Katrina in Oleg; für ihn ist sie sein Krümelchen – das Krümelchen dagegen weiß nicht, dass Oleg daheim in Moskau Frau und Kind hat und es daher nicht sonderlich ernst mit ihr meint.

Es geht also auf den ersten Blick um die (unglückliche) Liebe, denn auch mit den anderen Jungs, die Katrina kennenlernt, hat sie kein Glück: Mit Sergej und Genna verbindet sie auch nach dem Camp noch eine Brieffreundschaft (ob noch mehr Gefühle im Spiel sind, bleibt etwas in der Schwebe), doch Sergej stirbt an einer rätselhaften Krankheit, und Genna ist zur falschen Zeit am falschen Ort, als der Atomreaktor in Tschernobyl explodiert. Eigentlich geht es aber in erster Linie um das Erwachsenwerden unter schwierigen Umständen in einer schwierigen Zeit – der politische Umbruch in den 1990er Jahren bildet den Hintergrund zu dieser Geschichte.

Eine „richtige“ Rezension fällt mir auch deswegen so schwer, weil sich Rukšāne nicht an eine Chronologie hält – sie springt mal hierhin, mal dorthin, und auf einmal sind ein paar Jahre vergangen und man hat es nichtmal gemerkt. Man erfährt nur durch Anspielungen, in welchem Zeitabschnitt man sich gerade befindet – manchmal nicht einmal das. Etwas weniger von diesem Hin und Her hätte das Buch gut vertragen, weil es zu sehr aus dem Lesefluss herausreißt und man diese einzelnen Handlungsschnipsel nicht wirklich einordnen kann. Ansonsten aber ist dieses Buch überaus poetisch und schön geschrieben, dabei aber niemals kitschig. Trotz der teilweise traurigen Thematik macht das Lesen überraschenderweise Spaß, und Katrina, die das Ganze meist (selbst)ironisch kommentiert, nimmt selbst den tragischen Stellen ein wenig die Härte.

Es gibt trotzdem noch ein „Aber“: Das Ende. Gegen Ende hin gibt es überhaupt keinen roten Faden mehr, die Geschichte wird mehr zu einem inneren Monolog Katrinas, mit verschiedenen kurzen Handlungsschnipseln und aus dem Zusammenhang gerissenen Dialogen. Klar ist Katrina da selbst sehr durcheinander und verwirrt (sie hat auch ausreichend Gründe dazu, aber ich will ja nicht spoilern), über weite Strecken weiß man allerdings nicht mehr wirklich, um was es nun eigentlich geht. Das macht nicht die komplette Geschichte gleich schlecht, aber zum Ende hin fällt dieses sonst sehr interessant geschriebene Buch dann doch etwas ab.

Ach ja: Rukšāne gilt in Lettland als Skandalautorin. Und Überraschung: Sie schreibt natürlich über Sex. Es wird auch masturbiert, und seltsame Sachen werden mit Büchern veranstaltet (ich hab es nicht verstanden und wäre dankbar, wenn mir jemand, der das Buch ebenfalls kennt, seine Interpretation dessen mitteilen könnte. Danke.). Aber das alles ist auch eher um- denn zu deutlich beschrieben. Und nimmt außerdem nur einen sehr kleinen Teil der ganzen Handlung ein. Vielleicht stammt der Ruf der Autorin von ihren anderen Werken, vielleicht sieht man das in Lettland einfach anders. Sollte jedenfalls keinen abschrecken, der Bücher von Skandalautoren nicht gerne liest (ich gehöre normalerweise nämlich auch zu dieser Gruppe).

Es gibt Bücher, die kann man ganz locker rezensieren. Nur hat man dazu dann oft nicht allzu viel zu sagen. Und es gibt Bücher wie dieses, wo eine klassische Rezension schwerfällt, man dafür aber viele Assoziationen und Gedanken dazu hat. Und sind nicht solche Bücher oft die interessanteren?

Für mich war „Warum hast du geweint“ wieder mal ein Beleg, dass es sich überaus lohnt, auch abseits des Mainstreams zu lesen, insbesondere auch mal Autorinnen und Autoren aus eher „exotischen“ Ländern (jedenfalls, was die auf Deutsch erhältliche Literatur anbelangt). Ich hoffe mal, dass noch mehr von Dace Rukšāne auf Deutsch erscheint, denn ihr Stil hat es mir sehr angetan. Bitte mehr davon!

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Beagles avatar

Rezension zu "Warum hast du geweint" von Dace Ruksane

Rezension zu "Warum hast du geweint" von Dace Ruksane
Beaglevor 9 Jahren

Katrina lebt in Riga, in Lettland vor dem Fall des Kommunismus. Ihr Leben verläuft in ruhigen Bahnen, sie ist eine gute Schülerin und wie jedes Jahr fährt sie einen Monat im Sommer in die Kaparten zum Bergsteigen. Dort beginnt die Geschichte. Katrina ist fünfzehn, als sie zusammen mit einer Freundin, die sie aus dem Alpinistencamp kennt, auf dem Flughafen der Abreise entgegenfiebert. Wir lernen Katrina als eine junge Frau kennen, die selbstbewusst in die Berge verliebt ist, nichts ist ihr zu schwer, keine Steigung zu arg. Und, wir lernen Katrina als Mädchen kennen, das von Selbstzweifeln der Pubertät zerfressen und nach Liebe dürstend, sich in den Gruppenführer Oleg verliebt.
Mit Oleg verbringt Katrina ihre schönste Zeit in dem Alpinistenlager, sie lernt, was es heißt zu lieben und geliebt zu werden, wird verführt und lässt sich verführen. Doch dann kommt die Heimfahrt nach Riga. Anfängliche Briefwechsel bleiben bald aus, die beiden jungen Männer, mit denen sie regen Schriftverkehr hat, werden bald schon sterben. Der eine an den Folgen von Tschernobyl, der andere an etwas ähnlichem, das ihn aber lange leiden lässt und ihn fast ein Jahr lang an ein Krankenhausbett fesseln wird.
Das sind die Anfänge, an denen Katrina schon bald verzweifeln wird. Hinzu kommt dann der immer häufigere Streit der Eltern, der in der Scheidung endet. Ihre Mutter wird darüber nicht hinweg kommen, sich von einer Brücke vor einen Zug werfen. Ihr Vater ist ausgezogen und wird nicht zurückkommen und auch ihre jüngere Schwester Sofija zieht es weg von Riga, sie flüchtet noch während der Revolution in den Westen.
Warum hast du geweint ist ein Buch, das im Laufe seiner Geschichte nicht mehr mit dieser Frage auseinandergesetzt wird. Wir erfahren die Leiden Katrinas, ihre verlorene Liebe zu Oleg, das Umfeld, das langsam aber sicher wie eine Sandburg in der Hitze zerbröckelt. Ein sehr zartes und doch in seiner Botschaft kräftiges Buch.
Der allmähliche Zerfall des russischen Reiches wird nebenher erzählt, er ist nur in manchen Passagen der Geschichte von Bedeutung und doch erfahren wir mehr vom Leben in dieser Zeit. Und doch will es kein politisch angehauchter Roman sein, sondern eher das Leben einer sehr feinfühligen, jungen Frau erzählen, was der Lettischen Autorin fabelhaft gelungen ist. Die Selbstzweifel und angehenden Bedauerungen an das Leben werden vortrefflich und sanft hervorgebracht, an machen Stellen mit Kitsch doch meistens sehr feinfühlig und glaubhaft. Ein Buch, das traurig macht und doch gelesen werden sollte.

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HeikeGs avatar

Rezension zu "Warum hast du geweint?" von Dace Ruksane

Rezension zu "Warum hast du geweint?" von Dace Ruksane
HeikeGvor 12 Jahren

Ein Monat konzentriertes Paradies

Kennen Sie Dace Rukšāne?
Zugegebenermaßen, ich kannte die 1969 in Riga geborene Schriftstellerin bis vor kurzem auch noch nicht. Mit ihrem dritten Buch, welches erstmals auf Deutsch erschienen ist, dürfte sie bald in aller Munde sein.

Der Titel des Buches "Warum hast du geweint" hört sich nach tränenreichem Schmöker an und wenn man weiß, dass Dace Rukšāne Chefredakteurin der lettischen Frauenzeitschrift "lilit" ist, verstärkt sich das Vorurteil geradezu.
Doch mitnichten, Rukšāne setzt einen anderen Akzent. In einer wundervollen Sprache (in diesem Buch stellt man nicht einfach Blumen ans Fenster, nein, "der Frühling tupft hübsche Hyazinthentopfreihen auf sämtliche Fensterbänke" oder lässt den Winter ein "zyklamenhaftes Geheimnis" sein; zur Erläuterung: Zyklamen sind Alpenveilchen) erzählt sie uns vom Erwachsenwerden im Lettland der Wendezeit.

Das Buch beginnt mit einem Aufenthalt im Flughafengebäude Moskau Scheremetjewo, wo die 16jährige Ich-Erzählerin Katrīna (ein Vorstadtmädel aus dem Riga der achtziger Jahre) gemeinsam mit einer Freundin auf einen Anschlussflug nach Nordossetien wartet. Nordossetien?? Genau - Kaukasusrepublik. Denn die zwei Mädchen werden für einen Monat der Enge des Elternhauses entfliehen und eine sommerliche Alpinisten-Reise in die Bergwelt der Fünftausender des Kaukasus unternehmen. "Ein Monat konzentriertes Paradies", im Gegensatz zu "elf Monaten verdünnter Existenz", nennt Katrīna diese Zeit.
Dort trifft sie - die "auf Schulfeten kein einziger Junge zum Tanzen auffordert" und die sich ihr Geld beim Schweineentlausen verdient hat – u. a. auf Sergej (den Komponisten aus Leningrad, der so wunderbar Gitarre spielen kann und den Klang der lettischen Sprache mag), auf Wlad (einen sibirischen Rabauken, dessen "Pusteblümchen, zart aber mit tiefen Wurzeln" sie ist) und auf Oleg, den zweiten Instruktor (Bergführer) der Alpinistengruppe. Mit ihm erlebt sie - liebevoll Krümelchen von ihm genannt - ihre erste große Liebe sowie wunderbare, aber auch gefahrvolle Gipfelbesteigungen in landschaftlich traumhafter Kulisse. "Niemals-werde-ich-dir-weh-tun", verspricht er (verheiratet mit Kind - was sie jedoch noch nicht weiß) ihr, und doch wird ihr weiterer Lebensweg, beginnend mit dem Tag der Heimreise, körperlich und vor allem seelisch sehr schmerzhaft sein.
Ihr Geld wird gestohlen, sie muss sich allein nach Hause - im wahrsten Sinne des Wortes - kämpfen, erkrankt an einer schweren Lungenentzündung und innerhalb kurzer Zeit sterben zwei ihrer Bergfreunde. Erschütternd unschuldig beschreibt sie einen Abstecher in die verseuchte sibirische Industriestadt Kemerovo. Hinzu kommt der politische Umbruch in Lettland, die Sowjetunion zerfällt. Dann lassen sich auch noch ihre Eltern scheiden und ihre Mutter begeht Selbstmord.
"Tausende ungesagter Worte" - Schuldgefühle - lasten auf ihr. Katrīna verfällt in eine schwere Depression, ist desorientiert und antriebslos. Aus dem vormals so unbedarften Mädchen wird eine junge Frau, die lernen muss, ihren eigenen Lebensweg zu gehen.
Das Ende hat Dace Rukšāne bewusst offen gelassen. Der Leser wird aufgefordert, Katrīnas Lebensfaden zu Ende zu spinnen.

Kern des ersten Romanteils ist der Monat im Kaukasus. Wechselnd in den Zeiten springt Katrīna einmal in die Vergangenheit und dann gleich wieder in die Zukunft, erzählt einmal persönlich, um manchmal in die 3. Person zu verfallen. Dies ist jedoch keineswegs unübersichtlich und verwirrend, da der rote Faden nie verloren geht.
Ein wundervoller subtiler Humor steckt zwischen den Zeilen, auch wenn ab und zu von traurigen Ereignissen berichtet wird. Doch die (noch) kindliche Unbedarftheit überdeckt dies alles. Humorvoll grotesk, wie sie am Flughafen ein Glas Fanta für den Geschmack echter Apfelsinen (zudem mit Sprudel) hält und für das sich anzustehen natürlich zehnmal mehr lohnt, als irgendeine berühmt-berüchtigte Mumie, die sich da Lenin nennt.
Gleichzeit verwebt Rukšāne romantische Erlebnisse ihrer Heldin mit einer so wundervollen blumigen Poesie, dass es einen zu Tränen rührt. Selten habe ich eine so schöne und romantische Liebesszene, wie die erste Liebesnacht Katrīnas mit Oleg gelesen, fernab jeglichen Kitsches.

Stilistisch erinnert mich "Warum hast du geweint" an Saša Stanišićs "Wie der Soldat das Grammofon repariert". Auch hier wird mit einem unschuldigen (Kindheits-)Blick auf die Geschehnisse, deren Dramatik geradezu hervorgehoben.

Der zweite Teil des Buches lässt jedoch die romantischen Erlebnisse der Sechzehnjährigen hinter sich. Qualvoller Liebeskummer und eine tiefe Leere bemächtigen sich ihrer. Dies verdeutlicht sich auch im Schreibstil. Wesentlich nüchterner, fast abgehackt berichtet Katrīna. Kurze Sequenzen wechseln, nur manchmal flackern schöne Kindheitserinnerungen gemeinsam mit ihrer Schwester auf und münden am Ende in einen schwermütigen Monolog, der eine desorientierte Gefühlswelt offenbart.

Fazit:
Ein wundervolles, leises, unaufdringlich eindringliches Buch hat diese bei uns bisher völlig unbekannte lettische Autorin geschrieben. Aussagekräftig aquarelliert sie ein Bild der alten Sowjetunion, malt es in warmen Farbtönen und tupft einen kleinen gewundenen Pfad leuchtender Kindheitserinnerungen sowie einen "leuchtenden Elbrus" (höchster Gipfel des Kaukasus) der ersten Liebe hinein, um am Ende daraus ein in dunklen Farben gehaltenen "Picasso ihrer eigenen Welt" zu machen - ein kleines Meisterwerk.
Für mich d i e Neuentdeckung im Frühjahr 2007.

"Es gibt Bücher, die in ihrer Wahrheit so beeindruckend sind, dass man nach ihrer Lektüre nichts anderes möchte, als einfach allein sein und still weinen, ohne sich zu schämen."

Ich wünsche dieser jungen lettischen Schriftstellerin noch viele begeisterte Leser.

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