Dan Dalton

 3.5 Sterne bei 2 Bewertungen
Autor von Johnny Ruin.

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Johnny Ruin
Johnny Ruin
 (2)
Erschienen am 17.11.2017

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Rezension zu "Johnny Ruin" von Dan Dalton

Leben ist Konsequenz
Brivor 10 Monaten

Wie viele Vielleser habe auch ich ab und an das Gefühl, manchem Buch nicht gerecht zu werden. Sei es, weil es mich nicht einlässt in seine Welt, von Beginn an oder erst nach ein paar Seiten, oder weil es mich so sehr gefangen nimmt, dass ich dem Gefühl erliege, es unbedingt besprechen zu wollen, aber den Punkt nicht finden kann, der anderen vermittelt, was ich beim Lesen dachte und fühlte. Durch die Vielleserei - ich bin eine rasche, aber gründliche Leserin - schärfen sich die Lesenerven, die Sinne werden anspruchsvoll und quäle ich mich bei der Lektüre, was ich durchaus auch manchmal mit Genuss tue, weitet sich mein Lesehorizont immer mehr. Der Nebeneffekt, der sich nach der Lektüre von Texten, die mich überwältigt haben, einstellt, ist meist eine gewisse Leseunlust gepaart mit einer noch höhergelegten Latte, was meinen Anspruch angeht. Trotzdem versuche ich immer wieder, jedem Buch, das ich aufschlage, ohne Voreingenommenheit entgegenzutreten. In letzter Zeit fällt mir das Einlassen auf den Text bei Sachbüchern bei Weitem leichter, als bei Belletristik. Und dennoch gibt es immer wieder diese Bücher, die mich (fast) sprachlos zurücklassen, weil sie mir eine in ihren Grundzügen nicht gänzlich unbekannte Geschichte auf ganz neue, frische und unkonventionelle Weise erzählen.

Solche Bücher haben es häufig schwer, einen Verlag zu finden.

So auch Dan Daltons Johnny Ruin, der im englischsprachigen Original 2018 erscheinen wird, ermöglicht durch einen Zusammenschluss von Kulturschaffenden unterschiedlichster Couleur, die eine Plattform geschaffen haben, die es Autoren ermöglicht, ihre Texte über ein Crowdfunding Projekt zu veröffentlichen. Grandios übersetzt von Marion Hertle ist dieser besondere Roman schon jetzt auf Deutsch bei Tempo im Hoffmann & Campe Verlag erhältlich und er MUSS gelesen werden. Von ganz vielen Menschen, die sich auf eine Geschichte einlassen können, die auf den ersten Blick keiner vorgegebenen Form oder Struktur folgt, die die Leser*innen hineinzerrt in die Hirngespinste der Vorstellungskraft des Protagonisten und am Ende die eigenen Schlüsse einfordert.

Aber vielleicht setzen wir einfach alles auf Anfang und ihr folgt mir dorthin, wo auch der Roman beginnt: In der Küche einer Londoner Wohnung, auf deren Boden ein junger Mann rücklings liegt. Während Johnny äußerlich regungslos verharrt, lässt er uns Leser*innen durch seine Erinnerungen wandern. Ähnlich wie Harry Potter im Abschlussband der nach ihm benannten Reihe oder Dante Aligheris alter ego in der Göttlichen Komödie befindet sich Johnny in einem Schwebezustand. Harry trifft Dumbledore in Kings Cross, Aligheri trifft Vergil und Johnny Ruin trifft den coolsten Typen, den er kennt: Jon Bon Jovi. Wohlgemerkt den Jon Bon Jovi der 1994er Jahre, dessen Musik Johnny immer begleitete und der wohl auch deshalb als geistiger Führer durch die pulsierende Welt der Erinnerungen prädestiniert ist. Oder weil er, JBJ, selbst einmal einen Motorradtrip durch die Wüste unternahm, der ihn zurückkommen ließ aus einer Depression ...

Doch geht es hier "nur" um Erinnerungen und sind diese tatsächlich realistisch? Oder was passiert in diesen Hirngespinsten der Vorstellungskraft? Sind sie weniger real, weil sie sich bisher offensichtlich im Gehirn eines Menschen abspielen? Albus Dumbledore hatte auf diese Frage eine ganz klare Antwort: "Natürlich passiert es in deinem Kopf, aber warum um alles in der Welt sollte das bedeuten, dass es nicht wirklich ist?"

Johnny begibt sich also auf eine Reise durch seine Erinnerungen - immer auf der Suche nach dem Ziel und einem Schlüssel, der helfen möge, dieses zu erreichen. Wie Gedankensprünge, wechseln die Gehirn- und damit Gefühlsbereiche, die er gemeinsam mit JBJ durchwandert, nicht chronologisch, sondern auch bezüglich seines Lebensalters springend. Einen starken Bezugspunkt dabei aber gibt es zumindest in der jüngeren Vergangenheit: Johnnys Obsession seine Ex-Freundin betreffend. Der Eindruck einer starken körperlichen Abhängigkeit lässt sich da nicht abschütteln. Und aufgrund dieser schließt auch sie sich als Reisebegleiterin durch die Höhen und Tiefen dieses Lebens an. Gewissermaßen als Korrektiv steuert sie neue Blickwinkel auf ihre gemeinsame Beziehung bei.

Sucht man als Leser*in selbst das Ziel oder den Schlüssel dieser Geschichte, mag die Lektüre schwierig bis zeitweise redundant erscheinen. Mäandert man jedoch einfach mit dem Gedankenstrom mit und lässt sich treiben, wird der neuronale Roadtrip zu einer überraschenden und tiefgehenden Reise. Johnny kommt einem nah, manchem vielleicht zu nah, zu dicht, zu sehr lässt er sich in seine Seele, in deren unsympathischen, besessenen Winkel blicken.

"Du rückst den Leuten auf die Pelle, sagt er. Die ganze Zeit. Und dann wunderst Du Dich, warum sie abhauen. Das ist echt anstrengend, Champ. Er beugt sich zu mir, flüstert. Und nur unter uns: Dass ich ohne Dich weitermache, hat null Sinn, was die Geschichte angeht. Ganz schlechte Idee. Jetzt lächelt er. Butch is'n Scheiß ohne Sundance."

Und so wie Butch Cassidy und Sundance Kid machen sich auch JBJ und Johnny auf, immer dem Unvermeidlichen entgegen, von dem sie nicht wissen, was es sein wird. So ist das eben im Leben, wir glauben nicht zu wissen, was uns erwartet, doch eigentlich gestalten wir Realität ganz aktiv mit. Selbsterfüllende Prophezeiungen sind nichts weniger als die aus unserem Hirn geborene Realität. Erinnerungen mögen uns davon abhalten, neue Wege zu beschreiten, aus Angst, in Fallen zu tappen oder am Ende wieder auf alten Trampelpfaden landen. Doch auch Erinnerungen entspringen unseren neuronalen Konzepten und sind häufig nicht mehr oder weniger real, als unsere Vorstellungen.

"Man kann sich nicht an alles erinnern, man wählt ein paar Augenblicke aus und hält sich an ihnen fest. Erinnerungen sind nur Postkarten, die man an sich selbst schickt."

Deshalb sind sie wankelmütig, können tröstend aber auch schmerzhaft sein, doch sollten sie uns nie davon abhalten, unseren Weg weiterzugehen.

Leben ist Konsequenz - dieser Satz zieht sich wie ein roter Faden durch Dan Daltons Roman. Ein Roman, dessen Sog und Wucht, die er auf mich ausübte, ich nicht verstehen konnte - bis ich merkte, dass ich nicht verstehen muss, sondern fühlen. Es wird sicherlich Leser*innen geben, die dieses Buch nicht an sich herankommen lassen (können) und ja, ich kann das verstehen, kann nachvollziehen, dass man die behandelten Themen nicht interessant findet. Auch die scheinbare Formlosigkeit oder Unordnung des Textes könnte Kritik hervorrufen, jedoch zu Unrecht, denn im Grunde genommen ist gerade ein Text, der eine nicht nur stringente Handlung verfolgt, nicht einfach und es ist eine Kunst, die losen Fäden zusammenzuhalten. Das hat Dalton auf jeden Fall großartig bewerkstelligt.

Johnny Ruin ist ein unkonventioneller Roman, der seine Leser*innen auf einen wilden Ritt durch die Höhen und Tiefen des Menschseins einlädt. Dorthin, wo gebrochene Herzen nie richtig heilen, weil immer dieselbe Stelle gebrochen und damit fadenscheinig geworden, immer wieder blutet. Dorthin, wo Narben im Hirn entstehen, Depressionen könnte man sie nennen. Die männliche Sicht war dabei für mich überraschend und erhellend. Sie hat mir Türen geöffnet, die ich vorher nicht einmal sah. Und ich denke, viele junge Männer, denen es geht wie Johnny, die eine Art Doppelleben führen, weil die Gesellschaft - auch ihre eigene - ihnen eine falsch verstandene, weil toxische, Sicht auf das, was wir Männlichkeit nennen, aufzwingt, in der Rückschläge und Niederlagen nicht vorgesehen sind, wären froh, wenn sie diese Türen behutsam öffnen könnten.

Wem das alles zu düster wirkt, dem sei gesagt, so ist es nicht. Johnny Ruin hat alles, was ein guter Roman braucht, auch Witz. Nicht herzzerreißend komisch, noch rasend traurig, wie der Rückentext des Buches es verspricht, aber fühlend-einnehmend - passendere Worte finde ich dafür nicht, außer: Lest dieses Buch, bildet euch selbst eine Meinung und lasst euch um Himmels Willen nicht von JBJ abschrecken. Letztendlich erwartet euch ein beglückendes Leseerlebnis.





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J

Rezension zu "Johnny Ruin" von Dan Dalton

Zombie Groove
jamal_tuschickvor einem Jahr

In „Johnny Ruin“ variiert, modernisiert und lyncht (@david) Dan Dalton Jack Kerouacs „Unterwegs“. Sein Neal Cassady heißt Jon Bon Jovi, könnte aber auch Sundance Kid heißen. Im Dalton Universum könnte alles ganz anders sein. Der Erzähler entspannt unter kalifornischen Mammutbäumen, die er noch nie gesehen hat. Er gibt dem Roman seinen Schelmennamen. Der von ihm vielleicht um die Ecke gebrachte Jugendfreund Paul kehrt als blinder Passagier zurück an Bord und reist mit Johnny, Jon Bon Jovi, dem Hund Fisher und der Geliebten Sophia von der amerikanischen Westküste zum Atlantik vielleicht nur in einer Phantasiephantasie. Die Fiktionalisierung der Fiktion soll der Fiktion Realitätskraft geben. Manchmal gelingt das.
Paul hatte nie einen guten Musikgeschmack. Er verlor seine Unschuld zu Senza Una Donna, auf dem Rücksitz des Ford Transit seines Vaters.
„Komm für mich, Baby“ - Sophia „ist nicht wirklich hier“, also da in der Gegenwart des Erzählers. Trotzdem gibt Johnny ihr nach, wenn sie von ihm verlangt, für ihn zu kommen. Dalton erzählt wie aus einer nörgelnden Seitentasche der Wirklichkeit. Der ungesicherte Gegenstand seiner Rede ist eine Reise. Von der Innenwelterkundung bis zum bloßen Rauschzug wird jeder Trip im Trip mit Beatnik Metaphorik ziseliert. Dalton transportiert ein Genre, dessen Manifeste an mechanischen Schreibmaschinen entstanden, in die SMS-Ära. Dazwischen liegen fünfzig Jahre, die dem Beat nicht gut bekommen sind.
„Die Fiktion ist die einzige Chance für den Loser, Geschichte zu schreiben.“
Beim Sex sind Ellbogen im Weg. „Asche fällt wie Schnee vom Himmel.“ In Iowa tanzen Blitze am Horizont zu einem Zombie Groove. „Graue Gestalten (die Unrechten) bewegen sich ungesehen.“ Die Straße „ist übersät mit verlassenen Autos“. Das sind natürlich Zitate, montiert zu einer Collage voller Zeitsprünge. Johnny geht mit Jon Bon Jovi sein Leben durch. Seit dem Erscheinen von „Cross Road“ 1994, lässt sich Johnny von Bon Jovi hochstimmen. Der Musiker erleidet am Steuer, auf dem Beifahrersitz oder am Straßenrand das Schicksal alternder Stars. Jeden Tag könnte ihn jemand oder etwas von der Bühne des Lebens nehmen. Was dann?
Johnny darf man das nicht fragen. Er verlässt sich auf eine halluzinogene psychotrope Substanz, um sich in Form zu halten. Er weiß vielleicht noch gar nicht, dass Scheitern dem Leben Sinn gibt. Wer besser scheitert (Beckett), muss noch mal antreten. Fisher weiß es.
„Er hält alles für ein Spiel.“

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