Was? Schon wieder Jake Gyllenhaal? Ja, ich schätze und liebe ihn nun einmal. In dieser Rolle zeigt er nachdrücklich, warum er nicht umsonst als einer der besten Schauspieler seiner Generation gilt.
Er faßt die Idee, der Schaulust und der Sensationsgier, ja, der Blutlust der Menschen zu entsprechen, indem er auf Basis des Freelancing eben hautnah Verbrechen und Unfälle in der Nachbarschaft mit der Kamera filmt.
Da kommt sein Soziopathentum zum Tragen. Denn ohne Rücksicht auf Verluste, mit allerlei unlauteren Tricks muß er als erster exkkusiv vor Ort sein. Dort hält er mit der kalten, technischen Linse mitleidslos und ohne Erste Hilfe zu leisten drauf. Er schert sich nicht um Menschenwürde, Blut, Körperteile, oder ob die Person gerade stirbt.
Nachrichtenchefin Nina ( Rene Russo ) kauft Material von ihm, ohne zu ahnen, daß sie damit die Büchse der Pandora öffnet. Lou schafft es mit Druck und Erpressung dauerhaft einen Fuß in die Tür ihres Senders zu bekommen und einen Platz in ihrem Bett. Der Rubel fängt auch an für Lou zu rollen - reichlich.
Welch eine bitterböse Parabel dieser Film von Dan Gilroy aus dem Jahre 2014 doch ist. Er klagt intelligent die verachtenswerten Praktiken des sensationsheischenden Journalismus auf, wie skrupellos und unethisch wortwörtlich über Leichen gegangen wird. Ohne sich einen Gran um das betreffende Individuum zu scheren. Alles nur für die Einschaltquoten und die lukrative Werbung.
Das ist Grand Guignol der Moderne, des Medienzeitalters. Im Internet und Darknet gibt es ohnehin nichts an Abscheulichkeiten, was es nicht gibt. Und offenbar für jede Widerlichkeit eine Zielgruppe.
Der Film hält aber auch dem Zuschauer einen Spiegel vor. Das Fernsehen zum Beispiel und die Boulevardpresse würde nicht Derartiges bedienen, wenn keine Nachfrage bestünde, ergo: null Interesse. Es gibt immer noch viele, die betont langsam an Unfällen vorbeizockeln, um in aller Ruhe die grausigen Details aufzuzeichnen. Sehr gut, daß es dementsprechend schon Gegenmaßnahmen gibt.
Gerade durch die Sensationsgier vieler Zuseher erschafft man erst die Plattform, die rücksichtslosen Nightcrawlern den Job und das Geld verschafft. Es müßte also erst ein grundlegendes Umdenken in der Psyche des Einzelnen, der so etwas noch eventuell goutiert erfolgen, damit solchen amoralischen Systemen die Basis entzogen würde.
Der Film hier könnte also dem einen oder der anderen durchaus eine äußerst "häßliche Fratze" reflektieren. Tiefenpsychologisch klug konstruiert, fesselnd, beklemmend und unheimlich, mit schockierenden Wendungen und überraschendem Ende.
Jake Gyllenhaal hat für die Rolle stark abgenommen, neun Kilo, damit er dürr und ausgezehrt wirkt. Er ist ein Nachtkriecher ( Nightcrawler ) im doppelten Sinne. Weil er hauptsächlich nachts arbeitet und außerdem durch sein leicht bleiches Aussehen wie ein Vampir wirkt. Tiefe Augenringe, aufgerissene Augen und eine unheilvolle Aura. Ein Blutsauger ist er, so wie er sich an dem Leid unbekannter Dritter weidet, das sichtlich genießt und Geld damit verdient. Er war für den Golden Globe nominiert und der Regisseur Dan Gilroy als Drehbuchautor für den Oscar. Beide hätten sie die Peise mehr als redlich verdient. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis einer von beiden oder gar alle zwei den Oscar erhalten! 🎞🎟🏅📽🎥
Abgründig und einen schwindlig werdend zurücklassend, spielt Jake Gyllenhaal hier eine vielschichtige, sehr düsteren Charakter auf authentische, eindringliche und unvergeßliche Weise.


