Band 4 der englischen Printausgabe von No Love Zone (NLZ) umfasst die Kapitel 51 bis 64. Die Geschichte endet mit Kapitel 64. Band 5 (Kap. 65 bis 78) enthält die side story. Er bleibt hier bei meiner abschließenden Bewertung des Comics unberücksichtigt.
NLZ hat sich für mich als riesengroße Enttäuschung erwiesen. Die Geschichte ist unausgegoren und klischeeüberladen, die Beziehungsdynamik zwischen den beiden Protagonisten Eunkyum und Jihyuk ist problematisch und zutiefst irritierend. Es klingt hart, aber ich sage es frei heraus: Ich bin der Meinung, dass der Comic eine Veröffentlichung in Printform nicht verdient hat. Hier bei LB und anderswo hat NLZ viele positive und sogar überschwängliche Besprechungen erhalten, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Auf der künstlerischen Ebene durchaus reizvoll, ist der Comic auf der inhaltlichen Ebene aus meiner Sicht komplett missglückt. Das Storytelling scheint die große Schwäche der Künstlerin-Autorin Danbi zu sein.
Meine Gesamtwertung für NLZ: 2,5 von 5 Sternen.
Bevor ich auf Band 4 eingehe, hier einige allgemeine Kritikpunkte, die sich auf die gesamte Geschichte beziehen:
+ Keine interessanten Nebenfiguren. Die Kolleginnen und Kollegen von Eunkyum und Jihyuk, die Angehörigen und Freunde von Eunkyum sind nur Staffage. Die Zwillinge, Eunkyums jüngere Geschwister, sind niedlich, haben jedoch eine rein dekorative Funktion.
+ Kein spannender Plot-Twist. Die Geschichte plätschert von Anfang bis Ende seicht, vorhersehbar und spannungsarm dahin.
+ Dreimal landen Eunkyum und Jihyuk miteinander im Bett, weil einer von beiden angetrunken ist und sich nicht wehren kann. Dreimal!!!
+ Es wird nicht geklärt, wie Jihyuk, der als Abteilungsleiter arbeitet, seinen geradezu fürstlichen Lebensstil und sein riesiges Luxus-Apartment finanziert (siehe dazu meine Rezension zu Band 3).
Die Geschichte wird in Band 4 zügig und ohne viel Aufwand zu Ende geführt. Der läppische Konflikt zwischen Eunkyum und Manager Park (siehe Bände 2 und 3) löst sich binnen Minuten in Wohlgefallen auf. Jihyuk blickt dem Manager einmal von oben drohend in die Augen; danach ist Park handzahm. Eunkyum wird kurzzeitig von seinem Ex-Boyfriend verfolgt, jenem Mann, der ihm Frau und Kind verschwiegen hat (siehe Band 1). Die Künstlerin-Autorin macht sich nicht die Mühe, dem Ex einen Namen zu geben. Jihyuk verabreicht eine saftige Maulschelle; danach ist auch der Namenlose handzahm, und er zahlt sogar seine Schulden bei Eunkyum zurück. Von diesem Punkt aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zum (unausweichlichen) Happy End. Eunkyum gibt seine Wohnung auf und zieht in Jihyuks Luxus-Apartment. Am Arbeitsplatz halten die beiden Männer ihre Beziehung weiterhin geheim. Eunkyum weiht nur seine Freunde ein. Jihyuk bleibt bis zum Schluss ein Mann ohne jeden Anhang (z.B. Eltern, Freunde). Sowohl einzeln für sich genommen wie auch als Paar sind mir die Protagonisten vollkommen unsympathisch. Bei der Figurencharakterisierung benutzt die Künstlerin-Autorin hemmungslos jedes abgedroschene Klischee des BL-Genres.
Jihyuk verkörpert den Typ des dominanten „Herrn und Gebieters“, der von seinem Partner vor allem eines erwartet: Fügsamkeit. Er nutzt seine massive körperliche Überlegenheit rücksichtslos aus, um sich an Eunkyum gütlich zu tun. Als Liebhaber ist Jihyuk gierig, unersättlich, erbarmungslos. „Zustimmung“ ist ein Fremdwort für ihn. Im Abschlussband zeigt sich Jihyuk von seiner schlechtesten und gruseligsten Seite. Er ist argwöhnisch, misstrauisch, besitzergreifend, kontrollsüchtig; er schnüffelt Eunkyum hinterher, lässt von irgendwelchen Handlangern Eunkyums Leben durchleuchten. In letzter Minute kann Jihyuk verhindern, dass Eunkyum vor seinem Wohnhaus von seinem Ex-Boyfriend geschlagen wird. Anstatt zu erklären, warum er Eunkyum heimlich gefolgt ist, spielt sich Jihyuk herrisch als Retter in der Not auf: „Was wäre wohl passiert, wenn ich dir nicht gefolgt wäre?“ (S. 132). Der verdutzte Eunkyum erfährt, dass Jihyuk längst von der Existenz des Ex-Partners wusste. Jihyuk ereifert sich: „Bist du überrascht, dass ich etwas weiß, was du mir nicht gesagt hast? Da du mir nichts erzählst hast, musste ich aktiv werden und die Dinge selbst herausfinden“ (S. 122). Jihyuk strebt nach totaler Kontrolle. Er ordnet an, dass sich Eunkyum in Zukunft nur noch auf ihn allein stützen und verlassen soll (S. 180). Der Gedanke, dass Eunkyum privat auch mit anderen Menschen Umgang hat, macht Jihyuk schier rasend: „Was soll ich nur mit dir machen? All die Wanzen [bugs] schwärmen weiter um dich herum. Ich möchte dich am liebsten noch weniger nach draußen lassen“ (S. 160). Besonders heftige Abneigung verspürt Jihyuk gegenüber Haejun, der schon zu Schulzeiten eng mit Eunkyum befreundet war. Als Haejun zum Ausklang der Geschichte beim Ausräumen von Eunkyums Wohnung hilft, ist Jihyuk vor Eifersucht auf den vermeintlichen Nebenbuhler so aufgebracht, dass Eunkyum ihn besänftigen muss. Während der Fahrt zu Jihyuks Apartment kommen die beiden Männer an ihrer alten Schule vorbei. Sie schlendern über den Hof, tauschen Erinnerungen aus. Jihyuk lässt die Katze aus dem Sack: „Ich habe dich immer beobachtet“ (S. 243). Es kommt noch schlimmer. In seiner Besessenheit kennt Jihyuk keine Hemmungen mehr. Nach der Ankunft in seinem Apartment äußert er einen besonderen Wunsch: Beim nächsten Liebesspiel sollen er und Eunkyum die alten Schuluniformen tragen (S. 252).
Eunkyum wiederum verkörpert den Typ des „hilflosen, schutzbedürftigen Hascherls“. Er ist unrettbar töricht und verpeilt, ist privat und beruflich permanent überfordert. Sein Hauptfehler besteht darin, dass er den Männern, mit denen er sich einlässt, keine Fragen stellt. Über Monate hinweg hat Eunkyum nicht mitbekommen, dass sein Ex-Boyfriend verheiratet ist und ein Kind hat. Die Treffen müssen aus naheliegendem Grund sämtlich in Eunkyums Wohnung stattgefunden haben. Das hätte Eunkyum stutzig machen müssen. Auch Jihyuk wird nicht mit Fragen behelligt: Hast du Freunde? Hattest du Beziehungen seit dem Ende unserer Schulzeit? Wie kannst du dir dein riesiges Apartment und deine Sammlung teurer Uhren leisten? In Jihyuks machtvoll zupackenden Händen durchläuft Eunkyum einen Prozess der Infantilisierung. Auch in diesem Band trägt er wieder himmelblaue Kleidung (S. 52-61). Er lässt sich bereitwillig schelten und maßregeln wie ein kleines Kind. Nach dem Vorfall mit seinem Ex ist Eunkyum zerknirscht und schamerfüllt. Reumütig fällt er vor seinem strengen Gebieter auf die Knie und wimmert: „Bleib doch … geh nicht … ich weiß, dass ich mitleiderregend bin“ (S. 127-129). Das ist die abscheulichste Szene der Geschichte. Jene Leserinnen und Leser, die NLZ positiv und enthusiastisch besprochen haben, scheinen die Dialoge zwischen Eunkyum und Jihyuk nicht gelesen zu haben. Eine gesunde, beiderseitig respektvolle Partnerschaft auf Augenhöhe sieht anders aus.
Das Ärgerlichste an alledem: Es ist bis zum Schluss nicht zu erkennen, ob die Künstlerin-Autorin Jihyuk bewusst und absichtlich als Besessenen darstellt – oder ob der verstörende Eindruck, Jihyuk sei seit Schulzeiten von Eunkyum besessen, nur deshalb entsteht, weil die Künstlerin-Autorin nachlässig und gedankenlos gearbeitet hat.
Zu guter Letzt sind auch noch handwerkliche Schnitzer zu beanstanden. Die drei einstigen Mitschüler Eunkyum, Jihyuk und Haejun sind zum Zeitpunkt der Geschichte 29. In den Steckbriefen am Ende von Band 1 ist angegeben, dass die Zwillinge, Eunkyums jüngere Geschwister, 8 Jahre alt sind. Bei ihrer Geburt war Eunkyum also 21. Kurz vor Abschluss der Geschichte klärt sich endlich auf, was den Eltern der drei Geschwister zugestoßen ist: Sie kamen vor langer Zeit bei einem Unfall ums Leben. Eunkyum erzählt Jihyuk: „Meine Geschwister waren damals noch ganz klein, ich war noch nicht mit der Schule fertig“ (S. 195). Das passt alles nicht zusammen. Was soll denn Eunkyum mit 21 oder gar 22 Jahren noch in der Schule gemacht haben? Es ist tatsächlich von Schule (school) die Rede, nicht von Hochschule (college). Als Eunkyum und Jihyuk an ihrer alten Schule vorbeikommen, sagen beide, dass seit dem Abschluss ein Jahrzehnt (decade) vergangen ist (S. 239). Sie haben die Schule folglich mit 19 verlassen. Das heißt, der Unfall der Eltern muss sich etliche Jahre nach Eunkyums Schulzeit ereignet haben – es sei denn, die Zwillinge sind zwei bis drei Jahre älter als im Steckbrief angegeben (so sehen sie aber nicht aus).










