Daniel Kehlmann Tyll

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Inhaltsangabe zu „Tyll“ von Daniel Kehlmann

"Tyll", der neue Roman des Erfolgsautors Daniel Kehlmann – er veröffentlichte u.a. "Die Vermessung der Welt", "Ruhm", "F" und "Du hättest gehen sollen" –, ist die Neuerfindung einer legendären Figur: ein großer Roman über die Macht der Kunst und die Verwüstungen des Krieges, über eine aus den Fugen geratene Welt.

Tyll Ulenspiegel - Vagant, Schausteller und Provokateur - wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Müllerssohn in einem kleinen Dorf geboren. Sein Vater, ein Magier und Welterforscher, gerät schon bald mit der Kirche in Konflikt. Tyll muss fliehen, die Bäckerstochter Nele begleitet ihn. Auf seinen Wegen durch das von den Religionskriegen verheerte Land begegnen sie vielen kleinen Leuten und einigen der sogenannten Großen: dem jungen Gelehrten und Schriftsteller Martin von Wolkenstein, der für sein Leben gern den Krieg kennenlernen möchte, dem melancholischen Henker Tilman und Pirmin, dem Jongleur, dem sprechenden Esel Origenes, dem exilierten Königspaar Elisabeth und Friedrich von Böhmen, deren Ungeschick den Krieg einst ausgelöst hat, dem Arzt Paul Fleming, der den absonderlichen Plan verfolgt, Gedichte auf Deutsch zu schreiben, und nicht zuletzt dem fanatischen Jesuiten Tesimond und dem Weltweisen Athanasius Kircher, dessen größtes Geheimnis darin besteht, dass er seine aufsehenerregenden Versuchsergebnisse erschwindelt und erfunden hat. Ihre Schicksale verbinden sich zu einem Zeitgewebe, zum Epos vom Dreißigjährigen Krieg. Und um wen sollte es sich entfalten, wenn nicht um Tyll, jenen rätselhaften Gaukler, der eines Tages beschlossen hat, niemals zu sterben.

Wieder ein tolles Kehlmann Buch! Lediglich in der Mitte ist mir die Geschichte zu sehr gesprungen.

— birarnol

Großartiges zeitgeschichtliches Panorama mit unvergesslichen Charakteren, in einer geschliffenen und betörenden Sprache. Meisterwerk!

— Himmelfarb

Protagonist ist nicht Tyll Ulenspiegel, sondern der 30-jährige Krieg, das sollte man vor Augen halten. Nicht schlecht aber nicht überragend

— rushhour1982

Weder Biografie noch Roman, sondern einfach nur ein Haufen Geschreibsel.

— dieterhollender

Klug, amüsant und lehrreich. Sprachlich gewohnt brilliant! Ein typischer Daniel Kehlmann Roman.

— Snordbruch

Dieses Buch war eine emotionale Achterbahnfahrt und lässt mich irgendwie ratlos zurück...

— Tigerkatzi

Kehlmann in Topform! Gruselig, unterhaltsam, packend. Ein Buch, das man an einem Tag durchlesen kann, wenn man denn die Zeit hat.

— Franzihoffmann

Ein großartiger Roman, dessen Hauptfigur nicht Tyll Ulenspiegel ist, sondern der 30jährige Krieg. - Ein Meisterwerk.

— DamonWilder

Für mich persönlich der schwächste Kehlmann .

— ju_theTrue

Stöbern in Romane

Menschenwerk

Insgesamt ist dieser Roman ein Werk von ungeheurer atmosphärischer Dichte, das einen gnadenlosen Blick auf das Wesen 'Mensch' gewährt.

parden

Wie der Wind und das Meer

ein wunderbares Buch über die Liebe in einer schweren Zeit

hoonili

Und Marx stand still in Darwins Garten

Großartige Idee, sprachlich gut umgesetzt. Die Handlung bleibt jedoch belanglos.

Katharina99

Leere Herzen

starker Anfang, nur das Ende konnte mich nicht mitreissen

vielleser18

Wie man es vermasselt

Gute Ansätze, sehr amerikanisch.

sar89

Highway to heaven

Ein schöner Roman um eine alleinerziehende Mutter, die nach dem Auszug ihrer Tochter, einen neuen Lebensinhalt sucht.

Sigrid1

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  • Der neue Kehlmann

    Tyll

    Susibelle

    14. December 2017 um 11:07

    Ich habe hier schon einiges negatives herausgehört, von naja... bis gewöhnungsbedürftig und dank Thea Dorn haben viele scheinbar schon im Vorfeld Vorbehalte. Wie schade!!! Tyll gehört zu den Büchern, die mich dieses Jahr absolut überzeugt haben! 🔝🔝🔝 Es ist grandios erzählt! Kehlmann versetzt Till Eulenspiegel in jene Zeit des 30 jährigen Krieges, als Tyll eigentlich schon längst im Himmel war. Diese interessante historische Unkorrektheit macht aber gerade den Reiz aus! Warum hat der Autor das getan? Als Mahnmal für die Dummheit der Menschen? Tyll ist jedenfalls der rote Faden der sich durch das Buch zieht. Bei den historischen Personen musste ich ganz ordentlich nachlesen. Die meisten von ihnen sind (wahrscheinlich nicht nur mir) unbekannt. Elisabeth Stuart war mir allerdings so sympathisch, dass ich unbedingt mehr über sie lesen möchte, über „die kleine Liz“. Literarisch interessierte kennen vielleicht General Torsten Torstenson aus „dem kleinen Gespenst“, hat sich Kehlmann da einen Scherz erlaubt? Oder gab es ihn tatsächlich zur Zeit des 30jährigen Krieges? „Tyll“ ist ein Roman von gewaltigen Sprachkunst, den ich von vorne bis hinten genossen, in einem Rutsch durchgelesen habe und der definitiv zu meinen Highlights des Jahres zählte!

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  • Der LovelyBooks Advent - Buchverlosung bis zum 24.12.2017 zu euren Wunschbüchern

    LovelyBooks Spezial

    Marina_Nordbreze

    Süßer die Bücher nie klingen! Die Plätzchen stehen neben dem liebsten Heißgetränk, im Kerzenschein erstrahlt die Leseecke – Und während wir unsere Wohnung winterlich einrichten, sollte das Bücherregal nicht leer ausgehen. Das ruft nach neuen Büchern, oder?Deswegen freuen wir uns, euch beim LovelyBooks Advent buchige Geschenke machen zu können!Vom 01.12. bis zum 24.12. öffnen wir jeden Tag unser Bücherregal für euch und ihr habt die Chance euch selbst zu beschenken.Am 24.12. entscheidet ihr, welches Buch wir verlosen! Und damit ihr genügend Zeit für die Entscheidung habt, könnt ihr euch bereits jetzt dafür bewerben!Ihr habt ein Buch, welches schon viel zu lange auf eurer Wunschliste steht? Dann verratet uns, welches Buch ihr euch wünscht und mit etwas Glück schenken wir euch genau dieses Buch!Ihr braucht Inspiration? Dann guckt doch bei unserem Geschenkefinder vorbei!Bewerbt euch bis einschließlich 24.12.2017 direkt über den blauen "Jetzt bewerben"-Button und verratet uns euer Wunschbuch! Fünf glückliche Gewinner dürfen sich dann schon bald über Buchpost freuen! Habt ihr eure Wunschbuch über den Geschenkefinder gefunden? Dann freuen wir uns über einen Hinweis dazu in eurem Bewerbungsbeitrag!Mitmachen lohnt sich! Wer an mindestens 10 Verlosungen im LovelyBooks Advent teilnimmt, hat die Chance auf ein riesiges Buchpaket mit allen 24 Büchern aus dem LovelyBooks Advent! Auf der Suche nach Geschenken? Dann guckt direkt bei unserem Geschenkefinder vorbei, um das richtige Geschenk für eure Liebsten zu finden! Bitte beachte vor deine Bewerbung unsere Richtlinien für Buchverlosungen!

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    • 850
    • 24. December 2017 um 23:59
  • Der Menschheit den Eulenspiegel vorhalten

    Tyll

    Himmelfarb

    03. December 2017 um 11:42

    >Jawohl, ganz zum Ende des Jahres habe ich es gelesen - das Buch des Jahres 2017, das Meisterwerk, das Opus Magnum eines der bekanntesten Autoren Deutschlands, Daniel Kehlmanns „Tyll“.Kehlmann erzählt darin die Geschichte des 30-jährigen Krieges 1618-1648, die Geschichte eines zerrissenen Europas. Durch diese Geschichte seitanzt, jongliert, äfft sich der Gaukler Tyll Ulenspiegel wie ein roter Faden. Tyll sekundiert gewissermaßen das Geschehen. Er, der kein Blatt vor den Mund nimmt, Kaisern und Königen qua Stellung als Narr, als einziger die Wahrheit sagen darf, tut dieses ungeschminkt und ungeschönt. Daniel Kehlmann beschreibt in seiner unglaublich schönen, antiquiert, wenn auch nie artifiziell anmutenden Sprache, die Verheerungen des Krieges. Zerstörte Seelen, zerstörte Landschaften. Als Leser riecht man das Elend, fühlt die Angst und das Grauen, schmeckt aber auch die Hoffnung in einer Schneeflocke. Kehlmann durchwebt seine Version des 30-jährigen Krieges (vor ihm hat sich intensiv eigentlich nur Alfred Döblin mit „Wallenstein“ dem Thema gewidmet) mit hervorragendes Charakteren, allen voran dem glücklosen Königspaar Friedrich V und seiner Gattin Elisabeth Stuart, deren Annahme der böhmischen Krone, den Anstoß für diesen Krieg gab. Nicht nur Kehlmanns Sprache ist brilliant, auch der episodische Aufbau des Romans besticht. Anfangs noch zusammenhanglos springt der Autor auf der Zeitebene hin - und her, doch je weiter man dem Ende kommt, umso genialer werden alle Ebenen und Personen wie von Zauberhand zusammengeführt. Durch alle Episoden und Ebenen irrlichtert Tyll und hält den Menschen den Spiegel vor. Kehlmanns Verehrung für William Shakespeare wird in der Liebe, mit der die englische Königstocher Elisabeth Stuart vom Theater und den Shakespeareischen Stücken redet, an die sie wehmütig in ihrer neuen Heimat denkt, deutlich. Dass Kehlmann mit seinem Tyll einen wie den Luftgeist Ariel aus Shakespeares „Sturm“ geschaffen hat, mag Zufall sein. Dass Kehlmann ihm am Ende die Freiheit und damit das ewige Leben in den Köpfen der Leser schenkt, macht ihn zum Prospero des Literatur - Herbstes, ohne jedoch seine Zauberhaft verloren zu haben.

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  • Man darf dem Klappentext nicht alles glauben

    Tyll

    dieterhollender

    27. November 2017 um 13:33

    Zugegeben, ich habe diesen Roman – es ist aber eigentlich gar kein Roman – nur zur Hälfte gelesen.Der von mir gelesene Teil bestand aus einem wilden Durcheinander verschiedenster Ereignisse aus dem Dreissigjährigen Krieg von unterschiedlicher Länge. Im Mittelpunkt dieser Beschreibungen stand fast jedesmal der Aberglaube in seinen verschiedenen Spielarten. Zusammenhänge zwischen den einzelnen Episoden waren nicht auszumachen. Ein roter Faden, eine Art Handlung oder Ähnliches konnte ich ebenfalls nicht erkennen, deshalb finde ich die Bezeichnung "Roman" als nicht korrekt. Kurzgeschichten aus Deutschen Landen wäre sicher ein Titel, der den Inhalt besser widerspiegeln würde.Ab und zu war es ja ganz originell, was Herr Kehlmann sich da zusammen recherchiert hatte, dann wieder war es einfach nur uninteressant und langweilig – für mich, ganz klar kann ich hier nur für mich sprechen.Tyll Ulenspiegel kam auch zwei oder dreimal in der ersten Hälfte vor – ebenfalls ohne Zusammenhang zum Rest des Sammelsuriums. Zusammengefasst traf dieses Werk nicht meine Vorstellungen. Dann mache ich stets kurzen Prozess. So auch diesmal und ich bin enttäuscht zur Mitte ausgestiegen.

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  • Großartiger Roman aus dem Dreißigjährigen Krieg

    Tyll

    Buecherschmaus

    24. November 2017 um 13:04

    Tyll – prangt in großen, etwas ungelenken Lettern in grellem Orange über einem Mummenschanzbild von Francisco Goya. Das Cover lenkt den Leser sofort auf die Spur von Till Eulenspiegel, jenem legendären Schalk und Narren, der im 14. Jahrhundert seine geistreichen, oft auch derben Späße machte, die in der vermutlich 1510 erstmals veröffentlichten Sammlung „Ein kurtzweilig lesen von Dyl Ulenspiegel“ bis heute populär sind. Liest man weiter im Klappentext, erfährt man aber eine leichte Verunsicherung. Vom 17. Jahrhundert ist hier die Rede, vom Dreißigjährigen Krieg, in dem das Buch spielt.Darf ein Roman das? Historische Gegebenheiten derart verschieben. Bekannte Figuren in ein ganz anderes Zeitumfeld verpflanzen? Und kann das funktionieren?Literatur darf zunächst einmal natürlich alles. Die Frage ist nur, ob es funktioniert. Und das tut es hier zweifelsohne. Die Fusion von 14. und 17. Jahrhundert gelingt so organisch, so selbstverständlich, dass sie dem Leser von Beginn an überzeugt. Vielleicht liegt es daran, dass sich besonders beim Leben auf dem Land in den 300 Jahren, die dazwischen liegen, relativ wenig verändert hat. Renaissance, Aufklärung, selbst uns so revolutionär erscheinende Entwicklungen wie der Gutenbergsche Buchdruck kamen beim Volk zunächst gar nicht an. Das machte es zumindest Daniel Kehlmann nach eigener Aussage leicht, seinen Tyll Ulenspiegel ins 17. Jahrhundert zu versetzen. Aber warum war ihm das notwendig?Zunächst einmal, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, ist „Tyll“ eigentlich kein Buch über Till Eulenspiegel. Dieser taucht zwar wie ein roter Faden im Romanverlauf immer wieder auf, es werden lustige, anrührende und nachdenklich machende Szenen und Episoden erzählt, darunter auch altbekannte, aber eben keine Lebensgeschichte des berühmten Spötters. Für historische Genauigkeit ist hier auch die Quellenlage viel zu dünn, die „Eulenspiegelforschung“ gibt da auch nicht besonders viel her. Tyll ist im Buch die Titel-, aber vielleicht noch nicht einmal die Hauptfigur. Zumindest das Paar des Winterkönigs, Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz und seiner Frau, Elizabeth Stuart, englische Prinzessin, zwei sehr tragische historische Figuren, konkurrieren mit ihm. (Tatsächlich plante Kehlmann einige Zeit, das Buch „Der Winterkönig“ zu nennen.) Der eigentliche Hauptprotagonist ist sowieso der Krieg, der Dreißigjährige Krieg, der im Jahr 1618 ausbrach. Und es ist auch sicher kein Zufall, dass das Buch gerade jetzt erscheint, wo sich das Datum im kommenden Jahr zum 400. Mal jährt.Aber warum dann überhaupt diese Versetzung des Gauklers aus dem 14. Jahrhundert in die dunkle, grausame Zeit des vielleicht furchtbarsten Krieges, den Deutschland je gesehen hat, der zusammen mit den aus ihm direkt resultierenden Hungersnöten und Seuchen in manchen Gebieten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation zwei Drittel der Bevölkerung das Leben gekostet hat?Wie Daniel Kehlmann feststellte, brauchte es für sein Romanprojekt, das ein möglichst breites Panorama der damaligen Zeit und zugleich eine eng an bestimmte Personen angelehnte Erzählstimme besitzen sollte, eine Figur, die mit den unterschiedlichsten Gesellschaftskreisen und Regionen in Kontakt kam. Anders als in unserer heutigen mobilen, globalisierten Gesellschaft kamen für das 17. Jahrhundert, das in allen Bereichen, seien es regionale, ständische oder berufliche, ein sehr statisches war, da nur sehr wenige Bevölkerungsgruppen in Frage. Ein Vertreter des „Fahrenden Volks“ lag nahe, aber eben auch einer, der enge Beziehungen zu „denen da oben“ pflegte. Und so wurde es eben ein Hofnarr. Der Schritt zu Till Eulenspiegel war da nicht mehr weit (obwohl dieser wohl nie als Hofnarr diente).Aber auch literarische Aspekte spielten sicher eine Rolle. Shakespeare, der sogar einen Kurzauftritt bekommt, gab in vielen seiner Stücke dem Narren eine Rolle. Dass Kehlmann Shakespeare verehrt, ist anzunehmen. Außerdem erschien bereits 1867 ein historischer Roman, der Till Eulenspiegel in eine gänzlich andere Umgebung verpflanzte, nämlich in die des 16./17. Jahrhunderts in Flandern: Charles de Costers Thyl Ulenspiegel. Und schließlich kennen wir Kehlmanns Freude an Spielereien. Auch in seinem Erfolgsromen „Die Vermessung der Welt“ von 2005 ließ der Autor gegen jede historische Wahrscheinlichkeiten die damaligen Universalgelehrten Johann Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt aufeinander treffen. Mit „Die Vermessung der Welt“ legte sich Daniel Kehlmann die eigene Messlatte ziemlich hoch – mit „Tyll“ hat er sie locker übersprungen.Der dreißigjährige Krieg ist sicher eine der dunkelsten, grausamsten Zeiten auf mitteleuropäischem Gebiet. Es war die Zeit der „Kleinen Eiszeit“, die das Klima in Mitteleuropa stark verschlechterte und zu der sogenannten „Agrarkrise“ führte, die gehäufte Hungersnöten zur Folge hatte (auch wenn deren Höhepunkt eher gegen Ende des 17. Jahrhunderts lag; insgesamt dauerte sie vom Ende des 15. bis ins frühe 19. Jahrhundert an). Es war aber auch, anders als oft im Mittelalter vermutet, die Zeit der größten Hexenverfolgungen, besonders auf deutschem Gebiet. Man schätzt, dass allein hier an die 40.000 Hexenverbrennungen stattfanden. Die frühe Neuzeit war generell eine Zeit der Unsicherheit und des Umbruchs. Alte Ordnungen gerieten ins Rutschen, nicht zuletzt auch durch die Reformation. Schließlich war (vorgeschoben) der Dreißigjährige Krieg ein Religionskrieg um die Vormacht von Katholischer Liga/Kaiser oder Protestantischer Union. So sind nicht nur die Schilderung der Verheerungen des Krieges im Alltag der Menschen Kehlmanns Thema, sondern auch diejenigen in den Köpfen, die Gefühle der Unsicherheit, der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins, wenn jederzeit marodierende Horden Besitz und Leben rauben konnten, stets Hungersnöte und Seuchen drohten.Der rebellische, auch zynische und nachgerade böse Tyll ist da eine Figur, die Freiheit von all dem Elend versprach. Zwar entbehrte sie jeglichen Schutzes durch die Obrigkeit, konnte sich aber frei durch das Land bewegen. Selbst derber Spott war ihr erlaubt.Gleich zu Beginn lässt Kehlmann erkennen, für warum er diesen Roman schreibt. Es sind die vielen, vielen Toten, die Opfer, die nicht mehr erreichbaren Zeugen der vergangenen Zeiten, die doch in der großen Historie meist keinen Raum einnehmen und die doch gar nicht so weit entfernt sind. Denn Geschichte ist niemals abgeschlossen.„Der Krieg war bisher nicht zu uns gekommen. Wir lebten in Furcht und Hoffnung und versuchten, Gottes Zorn nicht auf unsere fest von Mauern umschlossene Stadt zu ziehen, mit ihren hundertfünf Häusern und der Kirche und dem Friedhof, wo unsere Vorfahren auf den Tag der Auferstehung warteten. (…) Unsere Kirche steht nicht mehr, aber die Kiesel, die das Wasser rund und weiß geschliffen hat, sind noch dieselben, wie auch die Bäume dieselben sind. Wir aber erinnern uns, auch wenn keiner sich an uns erinnert, denn wir haben uns noch nicht damit abgefunden, nicht zu sein. Der Tod ist immer noch neu für uns, und die Dinge der Lebenden sind uns nicht gleichgültig. Denn es ist alles nicht lang her.“Beginnend mit einer Episode aus Tylls Leben, in der er die Bevölkerung eines kleinen Orts narrt (dem bekannten Schuhstreich), bewegt sich Kehlmann in recht wilden Zeitsprüngen sowohl in die Vergangenheit - die ärmliche Kindheit, die Verurteilung des Vaters als Hexer, an der der Junge nicht ganz unschuldig ist, an seine Flucht mit der Bäckerstochter Nele zu den Vaganten -, als auch in die Zukunft – Tylls Stellung als Hofnarr beim Winterkönig, dessen tragischer Tod, der Kampf seiner Witwe um die Wahrung der Kurpfalzwürde für ihren Sohn. Insgesamt erstreckt sich die Handlung bis zur letzten Schlacht des Dreißigjährigen Kriegs in Zusmarshausen.In Episoden wird erzählt von Schlachten und Brandschatzungen, von Aberglaube und Inquisition, vom Überlebenskampf der Bevölkerung und den Ränken und Intrigen der Regierenden. Erzählt wird von den Dichtern und Gelehrten Adam Olearius und Paul Fleming auf Drachenjagd, den Heucheleien der Jesuiten Oswald Tesimond und Athanasius Kircher, dem dicken Graf Wolkenstein und immer wieder von Friedrich V. von der Pfalz, dem protestantischen Kurfürst, der mit der Annahme der böhmischen Krone durch die Stände zum offenen Konflikt mit dem Kaiser und damit zum Ausbruch des Krieges führte. Seine Regentschaft dauerte nur ein Jahr, weswegen er den spöttischen Beinamen „Der Winterkönig“ erhielt. Ihm und seiner Frau Elizabeth Stuart, Tochter des englischen Königs, gilt eindeutig Kehlmanns Sympathie. Insgesamt bringt der Autor überhaupt deutlich mehr Empathie für seine Figuren auf als in der eher kühl-eleganten „Vermessung der Zeit“.„Mädchen gehen nicht anderswohin. Sie bleiben, wo sie geboren sind, so war es immer: Du bist klein, du hilfst im Haus, du wirst größer, du hilfst den Mägden, du wirst erwachsen und heiratest einen Steger-Sohn, wenn du hübsch bist, oder aber einen Verwandten des Schmieds oder, wenn es schlecht läuft, einen Heinerling. Dann bekommst du ein kind und noch ein Kind und weitere Kinder, von denen die meisten sterben, und weiterhin hilfst du den Mägden und sitzt in der Kirche etwas weiter vorne, neben deinem Mann und hinter der Schwiegermutter, und dann, wenn du vierzig bist und deine Knochen schmerzen und deine Zähne dahin sind, sitzt du auf dem Platz der Schwiegermutter.“Man lernt viel ohne belehrt zu werden in diesem „Welttheater unvergesslicher Gestalten“, das in einer eleganten, aber zurückgenommenen Sprache verfasst ist und niemals der Versuchung zu falsch altertümelndem Duktus verfällt. Man ist erschüttert angesichts all der herrschenden und geschilderten Grausamkeiten, amüsiert durch den Humor, beeindruckt vom Esprit, berührt von den Schicksalen und unterhalten von den vielen versteckten Bezügen und postmodernen Spielereien. So spöttelt der Autor über das Entstehen der deutschen Schriftsprache und deren Ablehnung durch berühmte Gelehrte.„Unsere Sprache wird gerade erst geboren. Hier sitzen wir, drei Männer aus dem gleichen Land und sprechen Latein. Warum?“ fragt da beispielsweise der Barockdichter Paul Fleming. Athanasius Kircher antwortet ihm: „Aber das Deutsche hat keine Zukunft. Erstens, weil es eine hässliche Sprache ist, dickflüssig und unsauber, ein Idiom für ungelernte Laute, die nicht baden. Zweitens, es gibt für so ein langwieriges Wachsen und Werden gar keine Zeit mehr. In sechsundsiebzig Jahren endet das eiserne Zeitalter, Feuer kommt über die Welt, und unser Herr kehrt in Glorie zurück“ Die gefräßige Zeit löschte fast alles, aber gegen das hier würde sie machtlos sein. An einer sache bestand kein Zweifel. Solange die Welt bestand, würde man Athanasius Kircher lesen. So kann man sich täuschen! Komplex und kunstvoll konstruiert behält Kehlmann wie sein Tyll stets alle Bälle in der Luft bis zum anrührenden, aber auch offenen Schlussbild. Das ist große Kunst. So sollte ein historischer Roman sein. Und man muss schon bis nach England schauen, bis zu Hilary Mantel und ihren Cromwell-Romanen, um etwas Gleichwertiges zu finden.Dass der Roman nebenbei auch noch einer über Europa ist, eines Europas in der größten Krise, ein zerrüttetes, nahezu zerstörtes, eines in einer Zeit des Umbruchs und der großen Verunsicherung, das wirft einen beunruhigenden Blick ins Heute. Auch nicht das Schlechteste, was man über einen historischen Roman sagen kann.

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