Daniil A. Granin Der Platz für das Denkmal.

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Inhaltsangabe zu „Der Platz für das Denkmal.“ von Daniil A. Granin

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  • Rezension zu "Der Platz für das Denkmal." von Daniil A. Granin

    Der Platz für das Denkmal.
    Hallogen

    Hallogen

    24. January 2010 um 21:00

    Ich habe diesen Autor im Buchschrank meines Opas entdeckt, und auch wenn mir die erste Erzählung, die ich gelesen habe sofort gefiel (’Die Kirche von Auvers’ ist eine Reiseerzählung in der der Ich-Erzähler auf den Spuren von van Gogh in dessen Sterbeort wandelt), hat mich das Buch anfangs etwas irritiert (’Das Haus auf der Fontanka’ berichtet von dem schwierigen Verhältnis zwischen Soldaten und den Müttern ihrer gefallenen Kameraden), weil mir das alles so zeitgemäß vorkam und ich eher einen Autor des historischen Realismus erwartet hatte (andere Bücher die da standen waren ’Das Gemälde’ oder auch ’Dem Gewitter entgegen’, daher die Erwartung). Zudem wirkte die geballte Ladung Namen in der van-Gogh-Erzählung anfangs planlos. Nachdem ich diese gelesen hatte, habe ich beschlossen, ihm gleich mal einen Wikipedia-Artikel zu widmen, denn es gab noch keinen, was ein Paradox ist, denn in zwei der noch folgenden Erzählungen geschah es dann, das eine vergessene Arbeit wieder ans Tageslicht geholt wird, und das gilt ein Stück weit auch für den Autor, von dem zirka zehn Werke auf deutsch vorliegen. In ’Der Kirche von Auvers’ hat Granin zudem die Buchproduktion von Bestsellerautoren kritisiert und das vor 40 Jahren! Auch was er da sonst an Ansichten entwickelt ist toll und habe ich so noch nicht gelesen (besonders was die Tourismusindustrie angeht, die van Goghs Schicksal geradezu karikiert). Dann las ich ’Der Gelehrte und der Kaiser’ und war begeistert. Er schildert, wie sich die Biographie des Physikers François Arago mit der Napoleons berührte, und stellt dabei eine These auf, die sogar die französischen Napoleonforscher inspirierte, Dinge neu zu betrachten. ’Variante B’ schildert ein großes moralisches Dilemma: Ein Forscher hat seine Arbeit abgegeben, die ihm die Aufnahme in höhere Kreise ermöglicht, da entdeckt er eine Vorkriegsarbeit, die seine These durchspielte, und als ungeeignete Sackgasse verwarf. Stattdessen entwirft diese Arbeit eine zweite Variante und die erweist sich als doppelt so wirksam. Nicht nur wie der junge Mann schwankt und alle Folgen zu erfassen versucht, sondern auch die Pointe, machen diese Erzählung absolut lesenswert. Völlig meiner Erwartung widersprechend war dann auch ’Der Platz für das Denkmal’: Eine Art von Science Fiction, die versucht real zu bleiben, die mir sehr gut gefallen hat: ein Beamter verweigert einem Antragssteller eine Wohnung, doch der ist hartnäckig und warnt ihn vor den Konsequenzen, bringt ihm dann Zeitungsausschnitte und Fotos aus der Zukunft, die der Beamte natürlich für Fälschungen hält, doch noch 40 Jahre später lässt ihn diese Begegnung nicht in Ruhe, denn ein Gebäude, dass auf dem Foto eines Denkmals zu erkennen ist, wurde mittlerweile erbaut. Er begibt sich auf die Spurensuche, und entdeckt, dass auch ein zweites Gebäude auf dem Foto in Kürze errichtet werden soll, also setzt er alles daran, dies zu verhindern, wohl um sich vor sich selbst zu rechtfertigen. Etwas erstaunt hat mich ’Die eigene Meinung’, denn obwohl es überzeugend die Bürokratie und die Hackordnung in Wissenschaftseinrichtungen kritisiert, kam es mir im Vergleich zu den anderen Erzählungen schwächer vor. Dann las ich in der Sekundärliteratur das Wort ’Tauwetter’ und plötzlich begriff ich das Bild mit der Brücke, das mir ohnehin schon gefallen hatte. Zudem ist auch die Schlussszene psychologisch überzeugend gestaltet. Etwas anstrengend ist ’Unser Bataillonskommandeur’, weil es um ein schwieriges Thema geht: Ein Kommandeur quält sich mit seiner Kriegserinnerung, was durch das Ungesagte seine Größe entwickelt. Sie ist leicht kritisch, etwa was die Berufe der Kriegshelden angeht oder das trübe Aussehen der Stadtviertel. Solche Biografiebrüche durch den Krieg und die Vergangenheitsbewältigung scheinen Granin immer wieder zu beschäftigen. Etwas schade, dass er diese Szene mit dem Flugzeug nicht etwas mehr ausgebaut hat. Schließlich ist da noch die Reisenovelle ’Garten der Steine’, die etwas in politische Gefilde abrutscht, aber was will man erwarten, wenn ein Russe nach Japan reist? Natürlich kritisiert er die Atombombenabwürfe und polemisiert die amerikanische Haltung, aber man darf nicht überlesen, wen er das sagen lässt. Literarisch ist es aber gut gestaltet, indem es mit Perspektivwechseln arbeitet, und interessante Bilder entwirft, sowie mit Klischees spielt. Trotz der Länge und Ereignisarmut keineswegs langweilig geraten. Das mag jetzt fast ein wenig kritisch klingen, aber mir hat dieses Buch unheimlich gut gefallen, und ich mag gerade die Dinge, die mir anfangs missfielen: die Unbeholfenheit einzelner Figuren zum Beispiel, aber vor allem seine Fähigkeit, diese Charaktere absolut glaubwürdig darzustellen, ihre innere Zerrissenheit, ihre Aufopferung für die Wissenschaft (natürlich ist das eins, zwei Mal leicht sozialistisch gefärbt, z. B. was das Ende von ’Variante B’ angeht), ihr Kampf mit der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, die Konfliktsituationen, die Belesenheit des Autors (was man an den viele Referenzen und Details merkt), die Vielfalt von der spannenden Abenteuernovelle (’Der Gelehrte und der Kaiser’) über die Sprachlosigkeit angesichts des Geschehenen (’Das Haus auf der Fontanka’) bis hin zur medidativen Betrachtung eines fremden Landes (’Garten der Steine’) usw.

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