Daniil Granin Garten der Steine

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Inhaltsangabe zu „Garten der Steine“ von Daniil Granin

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  • Rezension zu "Garten der Steine" von Daniil Granin

    Garten der Steine
    Hallogen

    Hallogen

    30. January 2010 um 18:37

    Reiseberichte können durch Beschreibung ähnlicher Verhältnisse und Vorkommnisse Erinnerungen an andere Orte wecken oder aber einem neue Sichtweisen auf einen bekannten Ort eröffnen. Von daher bot es sich an, dieses Werk zu lesen, kenne ich doch die ostdeutschen Städte, in die sich der russische Autor begibt, allesamt. Für einige der Berichte hätte ich fünf Punkte vergeben, für andere vier, für wenige drei, daher muss ich sie doch separat abhandeln: "Anmerkungen zum Reiseführer" berichtet von einer Reise (1967) nach London, die auch nach Schottland führte, und hat mir am besten von allen gefallen, weil Granin die Tatsache, dass über London einfach alles gesagt ist, als Chance versteht und stattdessen die Klischees auflistet, die solche Beschreibungen ausmachen. Zwar besucht er auch selbst solche Standard-Orte wie Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett, doch beginnt er dabei Gedanken zur Starrheit Englands zu entwickeln, über die er zu Charles Dickens Londonbild kommt, was ihn schließlich zu einem faszinierenden Erlebnis aus St. Petersburg führt: mit einem Enkel Fjodor Dostojewskis begab er sich dort auf die Spuren der Romanfigur Raskolnikow, die dieser Enkel ausgemacht haben will, und deren Verfolgung fast schon detektivisch erscheint. Leider ist der Ton (im Bezug auf London) etwas vom Kalten Krieg gefärbt, aber das ist äußert selten auszumachen, zumal er stets um Relativierung bemüht ist. Ansonsten enthält dieser Bericht Beobachtungen zu Denkmälern, Kritik an der globalen abstrakten Malerei, Überlegungen zur Vergänglichkeit von Neuerungen (Brückenbau, Autos) oder auch zur Präsenz von Gegenwart und Vergangenheit. Neben "Garten der Steine" (Reisenovelle zu Japan) und "Vier Wochen mit den Beinen nach oben" (Australien), die ebenfalls recht umfangreich sind, gibt es eine Reihe von Reiseskizzen zur DDR (Warnemünde, Leipzig, Magdeburg, Wernigerode) aus den 1960er Jahren, die stets bemüht sind, aus einem kleinen Detail etwas größeres zu entdecken. So bemerkt er an Bachs Grabplatte, dass dieser – zu Lebzeiten verkannte – Musiker die Jahrhunderte überdauerte, wohingegen all die selbstherrlichen Landesherren reichlich erstaunt wären, erführen sie, dass man sie heute gar nicht mehr kennt. Schließlich waren sie doch in ihrer Zeit die bekanntesten Personen. Diese Skizzen sind v. a. als Blick auf Deutschland interessant (etwa was die Gleichförmigkeit von Autobahnen angeht). Bemerkenswert an Granin ist sein Bemühen um Fairness. So schildert er in Wernigerode ein bewegendes deutsches Soldatenschicksal, ist immer wieder bemüht, zwischen Deutschen und Faschisten zu trennen, d. h. nicht der Pauschalisierung anheim zu fallen. Am wenigsten gelungen scheint mir das sprunghafte "Schauen und sehen", ein Versuch, ein Gesamtbild der DDR als Land des optimistischen Aufbaus zu entwerfen. Am besten ist hingegen "Die schöne Uta" geraten, welches sich zunächst mit der berühmten Naumburger Domfigur auseinander zu setzen scheint, aber in Leutenberg spielt, und eine völlig andere Richtung nimmt als man erwartet: Granin trifft sich mit einem der Männer, die seine Heimatstadt bombardierten! Während er in seinem Inneren diesen Mann, der wenig Reue zeigt, weil er seinen Auftrag in Russland genauso erfüllte wie auch anderswo, am liebsten umbringen würde, ringt er sich äußerlich Fassung ab, obwohl mit der Bombardierung indirekt auch die Tragödie seines Lebens zusammen zu hängen scheint. So ist dies eine interessante Konfrontation, in der es um das deutsch-russische Verhältnis geht, aber auch darum, dass man es sich nicht so einfach machen sollte, und die DDR als Staat der guten Deutschen darstellen sollte (was viele in der SU und anderswo damals taten). So erwähnt er auch westdeutsche Bemühungen um Aussöhnung, berichtet von der Eröffnung der Buchenwald-Gedenkstätte, führt ein fiktives Gespräch mit Goethes Faust und Wagner, besucht die ’Wolfsschanze’ Hitlers, die er am liebsten "anpissen" würde, wundert sich über das Unverständnis von Unbeteiligten des Zweiten Weltkriegs (Australier, Pakistani) für den Widerstand Leningrads, berichtet von den schwierigen Friedhofsritualen und einem extrem tragischen Schicksal, das er aber nur anreißt. Er besucht seinen Kindheitsort Staraja Russja, der völlig zerstört wurde, blickt auf die verschiedensten Städte, erzählt, wie sie im Zweiten Weltkrieg deutsche Soldaten zu ’bekehren’ versuchten und entwirft tolle Bilder von Biographiebrüchen etwa das einer Emigrantin, die nach Dresden zurückkehrt. "Einmal zuschlagen" ist eine Reiseskizze aus den USA, die man wohl eher als Kulturschock bezeichnen müsste, und die trotz Bemühung zur Polemik verkommt. Hier, wie auch in anderen Skizzen, glücken ihm aber manchmal auch tolle Beobachtungen (etwa zu Empfängen oder den straff organisierten Terminen). "Der Fischmarkt" ist eine Reisenovelle aus Japan (nutzt die gleichen Figuren wie "Garten der Steine"), ist aber pure Kapitalismuskritik, die versucht den Umweltaspekt zu thematisieren: "Diese Schönheit muss doch eine andere Bestimmung haben! Außer Profit und Gewinn! Die Natur hatte doch gewiß etwas anderes im Sinn!". Schließlich gibt es zwei Reiseberichte zu Frankreich, von denen "Die Kirche von Auvers" hervorsticht, wohingegen "Place Pigalle" recht politisch erscheint: er betrachtet angewidert das Vergnügungstreiben an diesem Standort, der einst Schauplatz eines Revolutionsversuchs (1871) war. "Über ganz was anderes" ist eine Kritik am Massentourismus Capris, und fast ein wenig albern darin, da es eine Schuh-Szene gibt, die wohl eher fiktiv – und als solche dann recht plump – ist. Das Grundanliegen, den Tourismus zu kritisieren, der nur die Orte im Reiseführer abhakt, ist oft zu spüren und allemal verständlich, denn eine Reise ohne diese Plätze würde Erstaunen hervorrufen (so nach dem Muster: "Was? Du warst in Paris und hast xyz nicht gesehen?"), doch sollte jeder seinen Urlaub so machen, wie er es will, was der Bildungsreisende manchmal übersieht. Seine Reiseberichte brachten mir sofort Bilder von eigenen Reisen ins Gedächtnis zurück, und was kann es schöneres geben, als ein Buch, das dies leistet. Selbst in den schwächeren Skizzen gelingt Granin stets ein tolles Bild, so dass vier Punkte mehr als gerechtfertigt sind.

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