„Alles hat seinen Preis. Wenn du Schönheit behalten möchtest, musst du etwas von dir opfern“, sagt der Zar, unangefochtener Herrscher über das Haus und die Buben, die er hier nicht nur ausbilden, sondern auch operieren lässt. Denn nur so entstehen die gewünschten Engelsstimmen. Daria Wilkes packender Roman beschreibt eine aus der Zeit gefallene Welt zwischen heiligen Ungeheuern, barocker Opulenz und dem bitteren Preis einer Stimme, „so vollkommen wie Hyazinthenduft“.
In einem Schloss mit 365 Fenstern, in dem die Bewohner der Umgebung ein elitäres Knabeninternat vermuten, versucht der „Zar“ genannte Schlossherr, die musikalische Tradition des Settecento, also des siebzehnten Jahrhunderts, der hohen, reinen Knabenstimmen ins hier und heute zu übertragen. Damals ist alle Welt der Barockoper mit den Kastratenstimmen verfallen.
Ist es möglich, einen solchen Hype in der Gegenwart zu erzeugen? Um solche „Hyazinthenstimmen“ zu produzieren, lässt der „Zar“ (eine rothaarige widersprüchliche Figur) seine Handlanger ausschwärmen und verarmten Familien ihre kleinen Söhne abzukaufen.
Mit gezielter, perfider Manipulation lässt er bei den Kindern den Wunsch reifen, auch so eine Engelsstimme zu erhalten, und sich quasi „freiwillig“ verstümmeln zu lassen.
Jahrelang gehen diese Machenschaften auf, bis Matteo, der Lieblingsschüler des Zaren, erkennt, was den Kindern angetan wird.
Meine Meinung:
Dieses Buch verstört und fasziniert zugleich. Ich habe schon Bücher über diese abstoßende Praxis gelesen, z.B. „Das Gift der Engel“ (Oliver Buslau), der das Thema ähnlich wie Daria Wilke hier aufbereitet oder „Der Kastrat“ von Richard Havell, der in seinem historischen Roman, einen Einblick in das Geschehen des 18. Jahrhunderts gibt.
Wenigen Sängern ist der große Erfolg gegeben. Doch Farinelli (1705-1782) oder der letzte Kastrat in päpstlichen Diensten, Alessandro Moreschi (1858-1922) zeugen von ihrer Existenz.
Aufgrund der aktuellen medizinischen Voraussetzungen ist die Operation nun nicht mehr lebensbedrohend, aber die psychischen Probleme der Kinder sind kaum abzusehen. Und warum? Weil ein paar Extremisten unter den Musikliebhabern eine „reine“ Knabenstimme jener der Mädchen vorziehen?
Es mutet fast schicksalhaft an, dass einer der bekanntesten Barockkomponisten, nämlich Joseph Hadyn (1732-1809) beinahe selbst Opfer der „Hyazinthensztimmen“ geworden wäre. Sein Vater hat rechtzeitig ein Veto eingelegt.
Die Autorin hat penibel recherchiert und einen interessanten Roman geschaffen.
Sie lässt Matteo, den Kastraten, in der Ich-Form erzählen. So kann der Leser betroffen an seinem Leben teilhaben. Wir erleben das Gefühlswirrwar, in dem Matteo schwebt, als er das Schloss heimlich verlässt und versucht, in Wien einen ehemaligen Zögling zu finden. Doch das führt ihn in die Welt der Obdachlosen, der Augustin-Verkäufer und Straßenmusikanten. Einerseits liebt er seine Stimme, andererseits hasst er sie und nennt sie „das Tier“.
Das Schicksal eines Menschen, der weder Mann noch Frau ist, sondern ein von Menschenhand verstümmeltes Zwischenwesen.
Fazit:
Ein faszinierender Roman, dem ich gerne 4 Sterne gebe.


