Dasa Drndic Sonnenschein

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Inhaltsangabe zu „Sonnenschein“ von Dasa Drndic

Von den Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts erzählt Daša Drndić anhand des Schicksals von Haya Tedeschi, einer Jüdin aus Gorizia, einer Stadt an der italienisch- slowenischen Grenze, wo die Menschen dem Lauf der Geschichte immer schon ausgesetzt waren. Doch die deutsche Besatzung hat besonders grausame Folgen. Als junge Frau lernt Haya den SS-Offizier Kurt Franz kennen, der Kommandant von Treblinka war. Die naive Haya verliebt sich, sie sitzt im Kino und himmelt deutsche Filmstars an, während um sie herum die ebenfalls jüdischen Nachbarn verschwinden. Jahrzehnte später sucht sie nach ihrem geraubten Sohn und stößt dabei auf andere Schicksale, liest Zeugenaussagen, betrachtet Fotos und Erinnerungsstücke.

Für dieses Buch kann man nur schwer Worte finden. Bedrückend, erschreckend und wichtig passen aber schon einmal sehr gut.

— TinaLiest

Eine extrem anspruchsvolle Doku Fiction, voll gepackt mit Details zur deutschen Besatzung der Adria und dem Projekt Lebensborn der SS.

— derlorenz

Mehr ein Mosaik von Geschichten, Porträts, Schicksalen vor, im und nach dem Dritten Reich als ein wirklicher Roman. Fordernd und sperrig.

— leselea

Kein Roman in herkömmlicher Form Knallhart, wie hier Fakten und Fiktion miteinander verwoben werden...das Grauen wird spürbar

— hannelore259

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ein umfassendes Buch, das mit vielerlei Details die Geschichte von 1945 bis 1990 sehr emotional widerspiegelt

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  • Zweiundsechzig Jahre lang hat sie auf ihn gewartet. Er wird kommen. (S. 5)

    Sonnenschein

    Strigoia

    26. March 2016 um 19:43

    Kennt ihr nicht auch dieses ganz besondere Gefühl, wenn man dringend auf etwas wartet?Meist ist es schon eine Qual nur ein paar Stunden warten zu müssen! Und jetzt stellt euch vor ihr wartet für mehrere Jahre. Aber ihr wartet nicht auf irgendetwas, ihr wartet auf einen geliebten Menschen, der spurlos verschwand. Zweiundsechzig Jahre lang hat sie auf ihn gewartet. Er wird kommen.(S. 5)Haya Tedeschi wartet seit 62 Jahren in Gorizia auf die Rückkehr ihres Sohnes. Nur wenige Monate war der kleine Junge alt, als er spurlos aus dem Kinderwagen verschwand. Der Grund: Haya ist Jüdin und hatte während des 2.Weltkriegs ein Verhältnis mit einem deutschen, einem arischen, Wehrmachtssoldaten. Dies blieb nicht ohne Folgen... Jetzt im Jahre 2006 sitzt Haya in ihrem Schaukelstuhl am Fenster und lässt die Vergangenheit Revue passieren. Von den Geschehnissen des ersten Weltkrieges, über den zweiten Weltkrieg, bis hin zu den noch heute spürbaren Folgen des Nationalsozialismus. Auch wenn Hayas Geschichte und die ihres Sohnes nicht geschehen ist, wäre es durchaus möglich... Die Aktionen und Taten der Nationalsozialisten machten vor nichts und niemandem Halt. Im Rahmen des Lebensbornplans war es durchaus üblich, dass Kinder einfach so ihren richtigen Familien entrissen und falls notwendig umerzogen wurden, damit sie dann, in arischen Verhältnissen untergebracht, zu aufrechten Nationalsozialisten werden sollten. Heute gibt es viele dieser Kinder, die entweder nichts von ihrer wahren Herkunft wissen oder sich mit dem Wissen herumschlagen, dass ihr Vater ein Verbrecher ist oder war. In diesem Buch kämpft hat sich Haya, immer auf der Suche nach ihrem Sohn, durch das Ausmaß des gesamten Holocaust in Italien gekämpft. Eine Spur auf den Verbleib ihres Sohnes hat sie dabei leider nicht gefunden, dafür fielen ihr aber Listen der Opfer in die Hände. Auch Zeugenaussagen und Täterporträts hat sie studiert, nur um immer wieder am selben Punkt stehen zu bleiben... Sie recherchiert sich durch die Gräueltaten der Aktion T4. Insgesamt wurden hierbei mehr als 70.000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen in den Jahren 1940 und 1941 systematisch ermordet. In Treblinka kommt sie in Berührung mit wirklichen Monstern, allen voran Kurt Franz... Der Mann, in den Haya sich damals verliebte... Von dem sie einen Sohn hat... hatte... Wie alt sind sie?                            Ich bin gestorben.Erkennen sie die Person auf diesem Bild?                            Ich würde selbst im Grabe erschaudern, wenn jemand den Namen Kurt Franz                                 erwähnt.All diese Stationen und noch mehr bereisen wir zusammen mit Haya. Doch mitten drin stockt uns dann der Atem... Haya zieht eine Liste aus dem kleinen roten Korb zu ihren Füßen heraus. Es folgt eine Seite mit nur einem Satz:hinter jedem Namen verbirgt sich eine GeschichteAuf den nachfolgenden 70 Seiten sind die Namen der ca. 9.000 deportierten und vielfach auch ermordeten italienischen Juden aufgeführt. Die sich bei diesem Anblick aufbauenden Gefühle sind nicht zu beschreiben... Haya erzählt von dem roten Kreuz, das ihr helfen sollte bei der Suche nach ihrem Sohn, doch bisher ist nichts geschehen. Und gerade als man registriert, wie wenig Seiten noch verbleiben, tritt ein Mann in diese Geschichte. Ein Mann namens Hans Traube, der vor kurzem erst erfahren hat, dass sein ganzes Leben nicht sein Leben ist. Und dieser Mann befindet sich nun im Zug nach Gorizia auf der Suche nach seinen Wurzeln... Und Haya wartet... Nehmt dieses Buch auf keinen Fall auf die leichte Schulter. Es wird euch einiges abfordern. Ich habe geweint, geschrien und mir ist auch das ein oder andere Mal schlecht geworden. Ihr müsst euch auch durch eine Menge Text wühlen, der nicht immer sofort zu verstehen ist. Und wenn euch die Bedeutung klar geworden ist, werdet ihr das Buch vermutlich erst einmal zu klappen müssen... Dasa Drndics Werk ist nichts, das man einfach so nebenbei lesen kann. Unterschätzt es bitte nicht, aber es lohnt sich wirklich sehr. 

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  • Zweiundsechzig Jahre lang hat sie auf ihn gewartet. Er wird kommen. (S. 5)

    Sonnenschein

    Strigoia

    26. March 2016 um 19:43

    Kennt ihr nicht auch dieses ganz besondere Gefühl, wenn man dringend auf etwas wartet?Meist ist es schon eine Qual nur ein paar Stunden warten zu müssen! Und jetzt stellt euch vor ihr wartet für mehrere Jahre. Aber ihr wartet nicht auf irgendetwas, ihr wartet auf einen geliebten Menschen, der spurlos verschwand. Zweiundsechzig Jahre lang hat sie auf ihn gewartet. Er wird kommen.(S. 5)Haya Tedeschi wartet seit 62 Jahren in Gorizia auf die Rückkehr ihres Sohnes. Nur wenige Monate war der kleine Junge alt, als er spurlos aus dem Kinderwagen verschwand. Der Grund: Haya ist Jüdin und hatte während des 2.Weltkriegs ein Verhältnis mit einem deutschen, einem arischen, Wehrmachtssoldaten. Dies blieb nicht ohne Folgen... Jetzt im Jahre 2006 sitzt Haya in ihrem Schaukelstuhl am Fenster und lässt die Vergangenheit Revue passieren. Von den Geschehnissen des ersten Weltkrieges, über den zweiten Weltkrieg, bis hin zu den noch heute spürbaren Folgen des Nationalsozialismus. Auch wenn Hayas Geschichte und die ihres Sohnes nicht geschehen ist, wäre es durchaus möglich... Die Aktionen und Taten der Nationalsozialisten machten vor nichts und niemandem Halt. Im Rahmen des Lebensbornplans war es durchaus üblich, dass Kinder einfach so ihren richtigen Familien entrissen und falls notwendig umerzogen wurden, damit sie dann, in arischen Verhältnissen untergebracht, zu aufrechten Nationalsozialisten werden sollten. Heute gibt es viele dieser Kinder, die entweder nichts von ihrer wahren Herkunft wissen oder sich mit dem Wissen herumschlagen, dass ihr Vater ein Verbrecher ist oder war. In diesem Buch kämpft hat sich Haya, immer auf der Suche nach ihrem Sohn, durch das Ausmaß des gesamten Holocaust in Italien gekämpft. Eine Spur auf den Verbleib ihres Sohnes hat sie dabei leider nicht gefunden, dafür fielen ihr aber Listen der Opfer in die Hände. Auch Zeugenaussagen und Täterporträts hat sie studiert, nur um immer wieder am selben Punkt stehen zu bleiben... Sie recherchiert sich durch die Gräueltaten der Aktion T4. Insgesamt wurden hierbei mehr als 70.000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen in den Jahren 1940 und 1941 systematisch ermordet. In Treblinka kommt sie in Berührung mit wirklichen Monstern, allen voran Kurt Franz... Der Mann, in den Haya sich damals verliebte... Von dem sie einen Sohn hat... hatte... Wie alt sind sie?                            Ich bin gestorben.Erkennen sie die Person auf diesem Bild?                            Ich würde selbst im Grabe erschaudern, wenn jemand den Namen Kurt Franz                                 erwähnt.All diese Stationen und noch mehr bereisen wir zusammen mit Haya. Doch mitten drin stockt uns dann der Atem... Haya zieht eine Liste aus dem kleinen roten Korb zu ihren Füßen heraus. Es folgt eine Seite mit nur einem Satz:hinter jedem Namen verbirgt sich eine GeschichteAuf den nachfolgenden 70 Seiten sind die Namen der ca. 9.000 deportierten und vielfach auch ermordeten italienischen Juden aufgeführt. Die sich bei diesem Anblick aufbauenden Gefühle sind nicht zu beschreiben... Haya erzählt von dem roten Kreuz, das ihr helfen sollte bei der Suche nach ihrem Sohn, doch bisher ist nichts geschehen. Und gerade als man registriert, wie wenig Seiten noch verbleiben, tritt ein Mann in diese Geschichte. Ein Mann namens Hans Traube, der vor kurzem erst erfahren hat, dass sein ganzes Leben nicht sein Leben ist. Und dieser Mann befindet sich nun im Zug nach Gorizia auf der Suche nach seinen Wurzeln... Und Haya wartet... Nehmt dieses Buch auf keinen Fall auf die leichte Schulter. Es wird euch einiges abfordern. Ich habe geweint, geschrien und mir ist auch das ein oder andere Mal schlecht geworden. Ihr müsst euch auch durch eine Menge Text wühlen, der nicht immer sofort zu verstehen ist. Und wenn euch die Bedeutung klar geworden ist, werdet ihr das Buch vermutlich erst einmal zu klappen müssen... Dasa Drndics Werk ist nichts, das man einfach so nebenbei lesen kann. Unterschätzt es bitte nicht, aber es lohnt sich wirklich sehr. 

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  • "Hinter jedem Namen verbirgt sich eine Geschichte"

    Sonnenschein

    czytelniczka73

    "So vergeht Hayas Leben im Nichtverstehen,im Falschverstehen,im spät Verstehen,und sie versucht dieses vermaledeite Verstehen zu enträtseln wie einen Zauberwürfel,dessen Geheimnisse sich partout nicht erschließen"(Seite 59)   Inhalt: "Von den Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts erzählt Daša Drndić anhand des Schicksals von Haya Tedeschi, einer Jüdin aus Gorizia, einer Stadt an der italienisch- slowenischen Grenze, wo die Menschen dem Lauf der Geschichte immer schon ausgesetzt waren. Doch die deutsche Besatzung hat besonders grausame Folgen. Als junge Frau lernt Haya den SS-Offizier Kurt Franz kennen, der Kommandant von Treblinka war. Die naive Haya verliebt sich, sie sitzt im Kino und himmelt deutsche Filmstars an, während um sie herum die ebenfalls jüdischen Nachbarn verschwinden. Jahrzehnte später sucht sie nach ihrem geraubten Sohn und stößt dabei auf andere Schicksale, liest Zeugenaussagen, betrachtet Fotos und Erinnerungsstücke."   Meinung: NS-Zeit,Holocaust-ein schrecklicher Abschnitt unserer Geschichte.So schrecklich und unbegreiflich,dass man es nie vergessen darf,auch wenn man nie begreifen würde,was genau damals passiert ist,wie konnten Menschen nur so weit gehen...Auf jeden Fall ist das ein Thema,das mich sehr interessiert,obwohl es mich immer emotional sehr belastet.Und obwohl ich schon viel darüber gelesen habe,war ich auf dieses Buch doch nicht vorbereitet.Es ist so erschüternd,dass ich nach dem Lesen paar Tage gebraucht habe um die Geschichte zu verarbeiten und mein emotionales Gleichgewicht zu finden.Was macht dieses Buch so besonders?Für mich war es vor allem die einzigartige Mischung von einem Roman und einer Dokumentation.Die fiktive Geschichte von Hayas Familie ist in sich schon interessant und bewegend,aber das man dazwischen Zeugenaussagen liest,ist wie ein Eimer kaltes Wasser "ja,das alles ist WIRKLICH passiert!"Dieses Effekt wird noch mit den verschiedenen Erzählungsweisen verstärkt.Die Romananteile des Buches sind sehr "literarisch"-lange Sätze,viele Beschreibungen mit sehr vielen Details.Die Dokumentationselemente wirken dagegen wie Peitschenhiebe der Wirklichkeit-kurz und knapp,auf das Wesentliche reduziert und so schonungslos geschrieben,dass mir einfach die Tränen geflossen sind.Sehr interessant fand ich auch,dass die Autorin die weniger bekannte Geschichte erzählt,paar Fakten waren neu für mich,was nur beweist,dass man wirklich nie genug über das Thema lesen kann.Gut fand ich auch,dass der Romansich zeitlich nicht nur auf den 2 Weltkrieg beschränkt.Die Geschichte fängt sehr viel früher an und endet im Jahr 2006.Es ist sehr wichtig zu verstehen,dass die Problematik nicht mit Kriegsende beendet war und viele Menschen sehr lange mit den Folgen leben müssten. So wertvoll dieses Buch für mich war,muss ich aber betonen,dass es nicht ganz leicht zum Lesen ist.Den Anfang fand ich stellenweise sehr langatmig und man muss sich erst "reinlesen" und an die Mischung von Roman und Dokumentation gewöhnen.Auch Inhaltlich keine leichte Kost,sehr bewegend und erschütternd.Aber so ist das bei anspruchsvollen Literatur,und am Ende wird die Mühe mit einzigartigem Leseerlebnis belohnt.Dafür muss man sich einfach Zeit nehmen!   Fazit: Wir werden es niemals verstehen,aber vergessen dürfen wir nie.  

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    • 3
  • "Sie schaukelt auf den Fäden der Vergangenheit. Auf den Fäden der Geschichte." (S. 11f.)

    Sonnenschein

    leselea

    Ihre Geschichte ist eine kleine Geschichte, eine der unzähligen Geschichten von Begegnungen, von erhaltenen Spuren zwischenmenschlicher Kontakte, sie weiß das, doch solange sich nicht alle Geschichten der Welt zu einer gigantischen kosmischen Patchwork-Decke verbinden, die die Erde umhüllt, damit die Erde schlafen kann, wird die Geschichte, dieses Ungeheuer aus der Wirklichkeit, weiterhin die Nähte auftrennen, schnippeln, reißen, Fetzen des Universums klauen und sie in ein eigenes Leichentuch nähen. (S. 6f.) Haya Tedeschi wartet. Sie wartet seit 62 Jahren auf ihren Sohn, der als Säugling von den Nazis aus Gorizia (bei Triest) entführt worden ist. Damals hatte Haya eine Affäre mit dem deutschen SS-Offizier Kurt Franz. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs beginnt Haya nach ihrem Sohn zu suchen. Dabei stößt sie auf andere Schicksale, liest Zeugenaussagen, betrachtet Fotos und Erinnerungsstücke und deckt somit nicht nur ihre eigene Geschichte auf, sondern die vieler Menschen, die in den Jahren 1933-1945 gelitten haben, gekämpft haben, weggeschaut haben, gemordet haben, ermordet wurden. So oder so ähnlich lautet der Klappentext zu Daša Drndićs erstem Roman, der in deutscher Übersetzung erschienen ist. In Sonnenschein, so vermutet man zunächst, erzählt die kroatische Autorin vom Einzelschicksal einer jungen Frau, die sich in jungen Jahren in einen Nazikommandant verliebt hat und der der gemeinsame Sohn nach kurzer Zeit genommen wird. Diese Vermutung ist falsch! Ja, es geht um Haya, um Kurt Franz und um ihren Sohn Antonio, doch diese Erzählung bildet nur den groben Rahmen eines Romans, der kein Roman im üblichen Sinne ist. Das wird schon an der Aufmachung deutlich: Klobig, kastenförmig, mit ungeschnittenen Seiten kommt das Werk daher. Blättert man einmal durch das Buch stößt man auf zahlreiche Fotografien, auf Gedichte, auf Zeugenaussagen, auf Listen, auf Zeitungsausschnitte etc., die in den Fließtext eingearbeitet sind. Sonnenschein, so wird schon nach wenigen Seiten deutlich, ist kein Roman über Haya Tedeschi, sondern ein Sammelsurium, eine Mosaik von Geschichten, Porträts und Schicksalen, die sich seit dem Ersten Weltkrieg in Gorizia, in Triest, in Italien und Slowenien, in Deutschland und in anderen Teilen der Welt ereignet haben. [...] doch jetzt schlägt sie sich durch das Dickicht ihrer Erinnerungen, ihrer Erinnerungen, von denen sie nicht weiß, ob sie je wirklich in ihr Gedächtnis gelangt sind oder nur vergessene, versteckte, weggepackte Gegenwart zeigen. (S. 7) Daša Drndić verwebt in Sonnenschein Fiktion mit Fakten. Kurt Franz hat wirklich gelebt und, so hat es mir Wikipedia verraten, zahlreiche uneheliche Kinder gehabt. Haya hat zwar als Geliebte nie existiert, aber die hier erzählte Geschichte hätte so passieren können, ist so in dieser Zeit passiert – wenn auch einer anderen Frau, mit einem anderen Mann, in einem anderen Land. Viele weitere Personen, die in Drndićs Roman auftauchen, sind historisch bezeugt, ihr Werdegang als Täter oder Opfer wurde von der Autorin ausführlich recherchiert. Diese Machart des Buches, das Zusammenstellen von Fakten, das Verschwimmen der Grenzen von Wahrheit und Imagination hat mir einerseits sehr gut gefallen. Es ist ein literarisches Experiment, das Drndić hier unternimmt – ein Experiment, das ich spannend und von seiner Grundidee gut finde. Andererseits kann ich nicht bestreiten, dass mir das Lesen dieses „Romans“ mehr als schwer gefallen ist. Als Leser kämpft man sich zum größten Teil durch das Dickicht von Informationen, immer auf der Suche nach der zusammenhängenden Geschichte, die es so aber eigentlich nicht gibt. Es ist kein Lesevergnügen, oder wenn, eines der besonderen Art. Hinzu kommt die Sprache Drndićs: Kryptisch, beinah poetisch, in teilweise nicht enden wollenden Bandwurmsätzen führt die Autorin durch den Roman, durch die Historie, durch die Schicksale vieler Menschen. Der Text erweist sich als sperrig und fordernd und ich gebe zu: Ich habe nicht immer alles verstanden! Ich habe eine Menge Leben ausgebreitet, einen Haufen Vergangenheiten, zu einer unbegreiflichen, unverständlichen Reihe. Acht Jahre lang habe ich in diesen Leben, in diesen Vergangenheiten gebohrt und gleichzeitig in mir selbst. (S. 391) Eine Rezension dieses Romans fällt mir schwer, wie mein Text vermutlich deutlich macht. Ich empfand das Lesen dieses Buches einerseits sehr lehrreich, wusste ich doch so gut wie gar nichts über die Operationszone Adriatisches Küstenland, die Todeslager Belzec, Sobibor und Treblinka, das Schicksal der Lebensborn-Kinder. Andererseits hat mich das Buch aufgrund des Schreibstils oft ermüdet, die Informationsflut überfordert. Und hin und wieder gab es Stellen, die für den Leser kaum auszuhalten waren. Was macht man zum Beispiel mit einer über 60 Seiten langen Liste mit 9000 Namen, die die Opfer des Nationalsozialismus in Italien aufführt? Wie geht man als Leser damit um? Darf ich das überlesen? Ist es nicht gerade als Deutsche meine Pflicht, mich dieser Liste anzunehmen? Ich empfehle jedem Leser, der sich an Sonnenschein heranwagen möchte, viel Geduld und Zeit. Es ist ein Buch, das emotional zwar nicht ungemein berührt, das den Leser aber ungemein fordert, den Finger in die Wunde legt und Wut und Ohnmacht erzeugt. Es ist, wie gesagt, meiner Meinung nach ein literarisches Experiment und jeder Leser muss selber entscheiden, ob er es für geglückt hält oder nicht. Für mich ist es eine andere, ungewöhnliche Art zu erzählen, die zugleich aber die Möglichkeiten, die Literatur besitzt, großartig entfaltet.

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    • 3
  • Ein Stück grausame Geschichte

    Sonnenschein

    hannelore259

    19. June 2015 um 10:48

    Hier sitze ich, schockiert nach dieser Lektüre, die keinesfalls schlecht, sondern vor allem knallhart und erschütternd ist. Ich habe lange gebraucht um diese Rezension zu schreiben, weil ich einfach nicht wußte, wie ich das in Worte fassen kann, was ich beim Lesen empfunden habe. Als erstes muß ich sagen, ich habe etwas anderes erwartet. Natürlich war mir bewußt, dass sich dieses Buch mit der NS- Zeit und dem Holocaust beschäftigt, aber das was hier zu einem Roman verarbeitet wurde, ist hart. Mir liefen die Tränen, ich mußte oft inne halten und konnte das Gelesene selten verarbeiten. Wie soll man das auch bewerkstelligen, es ist ein Teil, ein schrecklicher Teil unserer Geschichte. " Geschichte, die Geschichte, die wir Deutschen (und Österreicher) ständig anrühren, sagt Grass, diese Geschichte sei ein großes verstopftes Klo. Wir spülten und spülten, die Scheiße käme dennoch hoch." (S.352) Dasa Drndic erzählt in diesem Buch, das schon durch sein Äußeres auffällt, dem fehlenden Einband, den ungeschnittenen Seiten, die sich ebenso wie der Inhalt nicht richtig fassen lassen, von Haya Tedeschi. Die alte Frau sitzt 2006 vor einem großen Korb, gefüllt mit Erinnerungen, Zeitungsausschnitten, Fotos, Eintrittskarten, alten Briefen, alles Dinge, die die aus Gorizia stammende Jüdin im Laufe ihres Lebens gesammelt hat. Viele handeln von ihrer Flucht, der NS-Zeit, der Liebelei mit dem SS-Offizier Kurt Franz und dem daraus entstandenen Kind, was ihr geraubt wurde. Anhand dieser vielen Puzzlestücke aus dem Korb erinnert sich sie sich und mit ihr der Leser. Man nimmt teil an ihren Nachforschungen, bei denen sie nach und nach erkennt, was dieser Kurt Franz, in den sie verliebt war, für ein Monster gewesen ist. Man erfährt von Hayas Lebensgeschichte, aber nur am Rand. Sie dient als Gerüst, denn die Autorin verknüpft vor allem viele Fakten mit der fiktiven Geschichte. Vor allem die vielen Seiten in der Mitte des Buches auf denen die Namen aller "zwischen 1943 und 1945 aus Italien oder von Italien besetzten Länder deportierter oder dort ermordeter Juden" aufgelistet sind, haben mich nachdenklich gemacht. Ich habe mich gefragt, was macht man damit? Setzt man sich hin und liest diese tausende von Namen? Wie geht man damit um? Und ich denke, genau das will die Autorin erreichen, dass man sich Fragen stellt, sich auseinandersetzt mit diesen furchtbaren Verbrechen. Drndic greift auch das Thema Lebensborn Kinder auf, mit dem ich mich bis dato noch nie beschäftigt hatte. Es hat mich schockiert, wie nach dem 3.Reich mit diesen Kindern umgegangen wurde. Natürlich es waren "Täterkinder", aber muß man sich diesen Kindern auch grausam gegenüber verhalten, weil sie die "falschen" Gene haben? Das fand ich sehr erschreckend. Machen sich die Menschen nicht auch schuldig und zu Tätern? Und die Frage, die ich mir vor allem gestellt habe, wo fängt die Täterschaft an? Bei diesen bestialischen SS-Monstern oder doch schon bei den Leuten, die weggeschaut haben, die nichts getan haben, um sich selbst und die eigene Familie zu schützen? Ich weiß es nicht und auch dieses Buch gibt uns keine Antwort darauf, aber es schafft, dass man sich auseinandersetzt mit der Thematik, dass dieser Teil der Geschichte weitergetragen wird und man ihn niemals vergisst.

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