Cover des Buches Der Circle (ISBN: 9783462048544)Insider2199s avatar
Rezension zu Der Circle von Dave Eggers

Ein brandaktuelles Thema, das zum Nachdenken anregt!

von Insider2199 vor 4 Jahren

Review

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Insider2199vor 4 Jahren

Ein brandaktuelles Thema, das zum Nachdenken anregt!

Der 1971 in der Nähe von Chicago geborene Autor gründete 1998 den unabhängigen Verlag McSweeney’s, in dem er seine Bücher veröffentlichte. Sein erster Roman „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität“ wurde für den Pulitzer-Preis nominiert. Heute lebt er in San Francisco. Der vorliegende Roman, der vor kurzem mit Tom Hanks verfilmt wurde und für den der Autor mit dem Regisseur das Drehbuch schrieb, ist mein erstes Buch von ihm.

Zum Inhalt (Klappentext): Die 24-jährige Mae Holland ist überglücklich. Sie hat einen Job ergattert in der hippsten Firma der Welt, beim »Circle«, einem freundlichen Internetkonzern mit Sitz in Kalifornien, der die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat, indem er alle Kunden mit einer einzigen Internetidentität ausstattet, über die einfach alles abgewickelt werden kann. Mit dem Wegfall der Anonymität im Netz – so ein Ziel der »weisen drei Männer«, die den Konzern leiten – wird die Welt eine bessere. Mae stürzt sich voller Begeisterung in diese schöne neue Welt mit ihren lichtdurchfluteten Büros und High-Class-Restaurants, wo Sterne-Köche kostenlose Mahlzeiten für die Mitarbeiter kreieren, wo internationale Popstars Gratis-Konzerte geben und fast jeden Abend coole Partys gefeiert werden. Sie wird zur Vorzeigemitarbeiterin und treibt den Wahn, alles müsse transparent sein, auf die Spitze. Doch eine Begegnung mit einem mysteriösen Kollegen ändert alles …

Meine Meinung: Thematisch ist der Roman höchst interessant und vor allem brandaktuell: es geht um die Frage, was passieren würde, wenn immer mehr Menschen freiwillig ihr Recht auf Privatsphäre aufgeben und sich einer ständigen Kontrolle bzw. Überwachung aussetzen würden. Das Unternehmen „The Circle“ strebt ein Monopol an und fordert: alle Informationen sollen allen Menschen zugänglich sein – „Teilen ist Heilen“ und „Geheimnisse sind Lügen“. Transparenz soll Sicherheit schaffen und verhindert Verbrechen, denn wenn Menschen sich beobachtet fühlen, tun sie nichts Schlechtes mehr und zeigen sich nur von ihrer guten Seite. Dass das Ideal vom „guten Menschen“ natürlich auch seine Kehrseiten hat, liegt auf der Hand, denn wir leben nun einmal in einer polaren Welt, wo es nicht nur den lichten, hellen Tag, sondern auch die dunkle, geheimnisvolle Nacht gibt. Nur einen Pol zu Leben kann nicht die Lösung sein, die Harmonie liegt in der Mitte. Das Buch regt also sehr stark zum Nachdenken an, das gefiel mir!

„Aber ich bin von der Fähigkeit des Menschen zur Vollkommenheit überzeugt. Ich glaube, wir können besser sein. Ich glaube, wir können perfekt oder nahezu perfekt sein. Und wenn wir unser bestes Selbst werden, sind die Möglichkeiten endlos. Wir können jedes Problem lösen. Wir können jede Krankheit heilen, den Hunger besiegen, alles, weil wir uns nicht mehr von unseren Schwächen behindern lassen, von unseren trivialen Geheimnissen, unserem Horten von Informationen und Wissen. Wir werden endlich unser Potenzial erkennen.“

Nun zum Plot: der Held des Romans ist hier eindeutig „The Circle“, somit kommt den Figuren weniger Bedeutung zu. Aber am Beispiel von Mae können wir verfolgen wie sie Schritt für Schritt immer mehr der Versuchung erliegt. Viele Leser kritisieren, sie sei viel zu naiv und würde nichts hinterfragen. Das finde ich nicht. Am Anfang ist sie neu in einem Job (und das auch noch in ihrer Traumfirma!), da will sich nur von ihrer besten Seite zeigen und mit allen Mitteln vermeiden, dass sie den Job wieder verliert. Das ist der Grund, warum sie sich anfangs auf Dinge einlässt, die bei genauerer Betrachtung etwas fragwürdig erscheinen. Aber es wird ihr eigentlich gar keine Zeit zur Reflektion gelassen, zu schnell gerät sie in den Sog, auch von Bailey, der sie mit vernünftig klingenden Argumenten verführt. Und später steckt sie bereits zu tief drin, um Dinge wirklich zu hinterfragen – also ich konnte mich (mit einigen kleinen Ausnahmen) sehr gut in sie hineinversetzen.

Meine Kritikpunkte (und auch der Grund, warum ich den Film besser finde): erstens sind manche Szenen einfach zu lang und ausschweifend (siehe Szenen mit Aquarium am Anfang von „Buch 2“) und zweitens fehlt im Mittelteil der Konflikt-Stoff. Es gibt zwar eine unterschwellige Gefahr für den „Circle“, aber es gibt letztlich nichts, was das Idyll der Firma wirklich ernsthaft gefährdet, und so plätschert die Handlung dahin und lässt etwas die Spannung vermissen. Mercers Widerstand ist zu schwach und Kalden taucht zu selten auf, um Dramatik zu erzeugen. Im Film, wo es zum Glück eine zeitliche Deadline gibt, war das Editing besser, Unwichtiges wurde gestrichen, was die Handlung rasanter macht und auch einige andere Dinge (wie Mercer und der Schluss) wurden besser gelöst.

Fazit: Ein brandaktuelles Thema, das zum Nachdenken anregt! Ein sehr unterhaltsamer Roman mit interessantem Thema, aber ein paar kleinen handwerklichen Schwächen wie ausschweifende Szenen und fehlende Konflikte. In dieser Hinsicht ist der Film besser gelöst. Somit gebe ich dem Buch 4 Sterne und dem Film 5 Sterne. Auf jeden Fall ein lesenswerter Roman!

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