Dave Eggers Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?

(19)

Lovelybooks Bewertung

  • 14 Bibliotheken
  • 1 Follower
  • 0 Leser
  • 7 Rezensionen
(3)
(9)
(6)
(1)
(0)

Inhaltsangabe zu „Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?“ von Dave Eggers

Ein brillantes Kammerspiel in der kalifornischen WüsteThomas ist ein Getriebener, der Antworten sucht. Antworten auf die Fragen, die er sich als junger weißer Amerikaner, der aus vielen Rastern fällt, selbst stellt. Und Thomas hat nur ein Mittel, diese Antworten zu finden: Er fragt. Er entführt nacheinander Menschen in eine stillgelegte Militäranlage, kettet sie dort in alten Baracken an und fragt. Fragt einen Astronauten, warum er nie zum Mars geflogen ist. Fragt einen Kongressabgeordneten, wie er die Zukunft des Landes sieht. Fragt seine Mutter, warum sie ihn auf ein Leben vorbereitet hat, das nicht existiert. Und er fragt, warum sein Freund Don unschuldig sterben musste. Thomas gerät immer tiefer in den Strudel der Sinnfrage, bis er den Verstand zu verlieren droht.
Dave Eggers zeigt uns einen verzweifelten jungen Amerikaner, der seinen Platz im Leben nicht finden kann und der herausfinden will, worin seine Aufgabe auf diesem Planeten besteht.

ein irgendwie wichtiges Buch, das ich hoffentlich richtig verstanden habe

— derMichi

Stöbern in Romane

Blasse Helden

Leider hat für mich der blasse Held kein spannendes Leseereignis geboten

Lealein1906

Wie die Stille unter Wasser

Eine herzzerreißende Geschichte mit einigen leisen Passagen

Liebeslenchen

Alles Begehren

Ein sehr berührender Roman, der einen auf eine emotionale Achterbahn schickt und auch lange nach dem Lesen nicht mehr loslässt.

Ellysetta_Rain

Die Lieben der Melody Shee

Stille Wasser sind tief - und ich bin tief beeindruckt!

Tigerkatzi

Mein Herz in zwei Welten

Teil 1: TOP! Teil 2: GUT!! Teil 3: Enttäuschend! Erzwungene Fortsetzung, die an den Erfolg der ersten beiden nicht anknüpfen kann.

xuscha01

Die Lichter unter uns

Die Sprache der Autorin gefiel mir ganz gut und auch der Anfang war Ok, aber mir waren zu viele Klischees enthalten

spozal89

  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • Eine konfuse Suche nach Ursachen

    Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?

    dominona

    11. February 2017 um 20:39

    Irgendwie ist in seinem Leben viel schief gelaufen und wir wissen alle, dass die Gründe vielfältig sein können, was sie in diesem Fall auch sind. Der Mann Anfang 30 möchte aber antworten und kidnappt deshalb bestimmte Menschen, um sich mit ihnen zu unterhalten. Was dabei herauskommt war für mich nicht besonders überraschend, aber auch nicht langweilig.  Zeitweise kann man den Hauptcharakter sogar verstehen, aber allgemein gibt es für sein Verhalten keine Gnade.

    Mehr
  • von Wut und Sühne

    Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?

    derMichi

    22. June 2016 um 15:19

    Offiziell ein Roman, vom Umfang her eher eine Novelle. Während Eggers "Circle" in Stil und Thematik noch leicht zugänglich zwar, verhält es sich mit diesem ausschließlich in Dialogen erzählten Werk anders. Ein wenig erinnert das an "Ein Hologramm für den König" (vom selben Autor), wo ebenfalls bedeutende Teile der Handlung in Form üppiger Dialoge stattfanden. Auch hier gilt es genau hinzuschauen, wer wann spricht und warum handelt. Letztendlich verdeutlicht der Autor damit aber auch, was für seine Erzählung wirklich wichtig ist. Jede prosaische Beschreibung der Begleitumstände würde nur vom eigentlichen Kern des Ganzen ablenken.Antiheld Thomas ist bei weitem kein bequemer Charakter. So sehr man seine Verbitterung stellenweise nachvollziehen kann, er macht es dem Leser nicht leicht, ihm für seine Taten Absolution zu erteilen. Vielleicht soll man das auch gar nicht. Sein Verhalten erinnert zuweilen an das eines Amokläufers, der für alle ihm zuteil gewordene Ungerechtigkeit Rache nehmen will. Mit Worten statt Maschinenpistolen. Mit dem Taser droht er seinen Opfern zwar immer wieder, letztlich fehlt es ihm aber an Mut, wirklich tätlich zu werden. Vielleicht steht das auch symbolhaft für sein Verhalten. Er entführt eben lieber Menschen und übt Macht über sie aus, anstatt mit seiner Vergangenheit abzuschließen. Er nimmt lieber das Leben anderer in die Hand als sein eigenes und kapituliert damit am Ende vor seinen Problemen.Die Frage, inwiefern Thomas Verhalten denn nun gerechtfertigt ist, muss sich jeder selbst stellen. So wichtig Themen wie schießwütige Polizisten, zerstörte Träume und eine hoffnungslose Jugend auch sind, der Leser steht am Ende etwas ratlos da. Das letzte Kapitel kann man zwar als Appell an sinnstiftende Institutionen verstehen, einen wirklichen Mehrwert hinterlässt diese muntere Problemparade trotz aller handwerklichen Qualitäten aber nicht.

    Mehr
  • Wutbürger im Brachland

    Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?

    FrankRudkoffsky

    Manche Menschen finden erst spät zu ihrer Bestimmung. So auch Thomas: Um seinem Leben endlich Bedeutung zu verleihen, musste der arbeitslose Amerikaner erst 34 werden – und sieben mit Chloroform betäubte Menschen in einen verfallenen Militärstützpunkt verschleppen. Thomas nimmt nicht nur seine eigene Mutter, sondern unter Anderem auch einen ehemaligen Kongressabgeordneten und einen Astronauten als Geisel, weil er Antworten sucht. Denn eigentlich will Thomas bloß reden: über die Gründe für seine gescheiterte Biografie und den sinnlosen Tod seines Freundes Don. Und über ein Amerika, dem er an beidem die Schuld gibt. Nach „The Circle“ ist „Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?“ abermals ein programmatisches, politisches Buch geworden, das sich nicht vor klaren, für manche vielleicht plakativen Botschaften scheut; dennoch stellt es ein Novum in Eggers’ Schaffen dar. Seine zuletzt bereits reduzierte, fast karge Prosa – ein häufiger Kritikpunkt an seinem letzten Roman – beschränkt sich diesmal ausschließlich auf die Dialoge aus Thomas’ Verhören. Doch obwohl Eggers als Erzähler komplett in den Hintergrund rückt, werden seine politischen Ansichten so deutlich wie nie. Sein Protagonist Thomas ist einer jener Zukurzgekommenen, die den Grund für ihr persönliches Scheitern stets bei Anderen suchen; er fühlt sich ohnmächtig und bedeutungslos angesichts einer immer komplexeren Welt, die keinen Platz für einen wie ihn zu haben scheint. Obwohl es schon immer einfacher war, den Finger auf Andere zu richten, als sich selbst zu hinterfragen, sind Menschen wie Thomas ein typisches Phänomen unserer Zeit: Ob Tea Party oder Pegida – den Wutbürger findet man derzeit sowohl diesseits als auch jenseits des Atlantiks. Auch die Eskalation von Blockupy in Frankfurt, Pauschalurteile über die sogenannte Lügenpresse oder das Erstarken rechtspopulistischer Parteien in halb Europa sind symptomatisch für den Vertrauensverlust der Politik und eine fehlende Identifikation mit ihren Akteuren. Wie so viele macht Thomas vor allem Andere, insbesondere die da oben für seine Misere verantwortlich. Zwischen ihm und etwa den wütenden Verlierern von Pegida gibt es allerdings einen erheblichen Unterschied: Thomas ist zwar in der Wahl seiner Mittel radikal, nicht jedoch in seinen Ansichten. Im Gegensatz zu einem Lutz Bachmann würde er wissen, dass der Zweifingerbart nicht zur Ironisierung taugt und er nicht der Mops unter den Bärten, sondern der Rottweiler unter den Gesten ist. Trotz seines im Laufe des Romans immer offensichtlicheren Wahns steht Thomas eigentlich auf der richtigen Seite und stellt die richtigen Fragen, zieht manchmal sogar die richtigen Schlüsse. Während seines Tribunals legt er den Finger in die offenen Wunden eines zerrissenen und kranken Landes, das in vielem dem verfallenen Militärstützpunkt gleicht, in dem sich Thomas mit seinen Geiseln versteckt. Für das gewaltige Grundstück, das von einstiger Größe und Bedeutung zeugt, hat niemand mehr Verwendung, geschweige denn eine Idee. Thomas will wissen, wie der Nation das Geld für Bildung und Schulen fehlen kann, wenn sie doch Jahr für Jahr mehr ins Militär und ungewünschte Kriege steckt; will wissen, wie es möglich ist, dass ein verwirrter junger Vietnamese im eigenen Garten von Polizisten geradezu durchsiebt wird, ohne dass es zu einer Untersuchung kommt. Er sehnt sich nach einem Amerika, das inspiriert anstatt zu beschämen, wünscht sich für seine Generation eine Aufgabe, einen Plan. Doch obwohl Thomas in vielem Recht hat, stilisiert er sich als ein Opfer, das er nicht ist: Durch seine Mutter erfahren wir, dass er bereits als Kind wütend und unselbstständig war, er später weder eine Beziehung führen noch einen Job halten konnte. Sein Zorn macht Thomas unberechenbar und gefährlich. Man spürt, wie viel von Eggers in Thomas steckt; die Frustration über den Zustand der USA ist echt, aber umso schärfer, polemischer, indem er sie einem Geisteskranken in den Mund legt. Einmal mehr zeigt Eggers in seinen Büchern Haltung. Das werden manche – besonders im deutschen Feuilleton – besserwisserisch und belehrend finden, vielleicht sogar platt. Und sie hätten womöglich Recht, richtete sich Eggers primär an deutsche Leser mit eurozentrischem Weltbild. Angesichts der politischen Kultur der USA – gerade in den vergangenen Jahren – ist das, was hier gerne als plakativ und allzu moralisch abgestempelt wird, dort allerdings eine wichtige Stimme der Vernunft in einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft, in der Eggers’ Positionen eben kein Meinungsmainstream sind. Als deutschem Autor würde ich ihm wahrscheinlich viel weniger durchgehen lassen, mir von einem Roman wie diesem mehr Ambivalenz, mehr Zweifel wünschen. Aber in einem Land, in dem Kompromiss und Liberalität als Schimpfworte gelten, während tendenziöse Medienanstalten wie Fox News die politische Kultur vergiften, einem Land, in dem die Waffenlobby als unantastbar gilt, aber ausgerechnet eine Krankenversicherung die Gemüter erhitzt, darf und muss man als Autor Haltung zeigen können. Der vorhersehbare (und durchaus zynische) Gutmensch-Reflex mancher Rezensenten lässt vollkommen außer Acht, wo und für wen Dave Eggers als Schriftsteller hauptsächlich wirkt. „The Circle“ hat sich nirgends in der Welt so gut verkauft wie in Deutschland; das ist im Land der digitalen Bedenkenträger, das dank der Verpixelung ganzer Straßenzüge bei Google Street View womöglich schlechter repräsentiert ist als Nordkorea, allerdings auch keine Überraschung. Dennoch hat Eggers seinen neuen Roman nicht für uns geschrieben. In „Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?“ geht es nicht um ein globales Phänomenen, sondern allein um die USA und deren Missstände. Will man dieses Buch begreifen, muss man die politische Kultur der Vereinigten Staaten und das Selbstverständnis ihrer Bürger, den american way of life, berücksichtigen. Die Identifikation mit der eigenen Nation – als auserwähltes Volk! – ist das, was die US-Bürger trotz all ihrer Unterschiede eint. In Dave Eggers’ Roman ist die Figur des Thomas stellvertretend für die vielleicht schwerste Identitätskrise der USA seit ihrem Bestehen. Immer weniger Bürger fühlen sich von Washington repräsentiert; nach zwei Amtszeiten unter Bush und Cheney folgte mit Obama ein Präsident, der viele großen Hoffnungen enttäuschte und dank der unerbittlichen Spaltung zwischen Demokraten und Republikanern kaum noch handlungsfähig ist. Thomas hat den Glauben an den amerikanischen Traum verloren, den Glauben daran, dass jeder seine Chance bekommt, wenn er nur hart genug dafür arbeitet. Wie soll er sich mit einem Land identifizieren, das seine Bürger nicht mehr stolz, sondern ratlos macht, sie mitunter sogar beschämt? Thomas ist enttäuscht. Von einem Land, das das Versprechen seines Traumes schon lange nicht mehr einlöst. Und von einer Mutter, die ihm nie beigebracht hat, für seinen zu kämpfen. Also nimmt Thomas sein Schicksal nun endlich in die eigene Hand – koste es, was es wolle…

    Mehr
    • 3
  • von Hölzchen auf Stöckchen

    Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?

    Wanja

    03. August 2015 um 12:59

    Die Geschichte fängt mit einem einfachen Plot an: jemand wird entführt und der Entführer will von ihm Antworten haben. Doch mit jedem Dialog zwischen den beiden entwickelt sich die Geschichte weiter und wird tiefgründiger. Der Entführer will Antworten. Im Gespräch mit dem Astronauten kommen neue Fragen auf. Daher entführt er weitere Personen, die ihm hoffentlich seine Fragen beantworten können. Es ist fast schon skurril,was der Entführer erst alles unternehmen muss, um so viele Fragen beantwortet zu kriegen, die er doch vorher schon auf normalem Wege gestellt hat. Erst in dieser Stresssituation können der Abgeordnete, seine Mutter oder auch ein Polizist ihm endlich die Antworten geben, die diese ihm in "normalen" Zeiten verweigert hatten. Das Buch wirft einen kritischen Blick auf das amerikanische Rechtssystem und das Selbstverständnis der Politik. Es ist absolut lesenswert!!

    Mehr
  • Eine Meditation über die Lage des Landes

    Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?

    shitesite

    08. July 2015 um 23:06

    Nach dem Bestseller „Der Circle“ ist der neue Roman „Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?“ schon wieder ein Ereignis. Die Themen sind aktuell wie immer, die Form ist eine veritable Überraschung. Der Roman ist eine Reflexion über die Lage des Landes, beinahe könnte man sagen: eine Meditation. Das Meisterhafte dabei ist, wie radikal Dave Eggers bei Beibehaltung seiner thematischen Vorlieben dabei die Form variiert: Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig? ist komplett in Dialogform geschrieben. Mit etwas Eile kann man Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig? in vier Stunden lesen – und doch steckt eine ganze Menge Aktualität, Philosophie, Relevanz und Dramatik in diesem Roman. http://www.shitesite.de/2015/05/03/durchgelesen-dave-eggers-eure-vaeter-wo-sind-sie-und-die-propheten-leben-sie-ewig/

    Mehr
  • Eine verzweifelte Suchen nach Antworten.

    Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?

    Iudas

    15. June 2015 um 07:27

    Thomas ist ein weißer Amerikaner. Nach außen hin Mittelmaß; er wuchs bei seiner al­leinerziehenden Mutter in einer Kleinstadt auf, besuchte eine Schule und ein College – und sieht sich nun in einer Sinnkrise. In den Dreißigern stehend betrachtet er sein Leben als ziellos und damit beendet. Um Antworten auf viele seiner Fragen zu finden, entführt er nacheinander verschiedene Leute auf einen verlassenen und langsam verfallenden Militär­stützpunkt, kettet sie an Pfeiler und fragt sie. Fragt einen Astronauten, warum er sein Ziel, mit einem Shuttle zu fliegen, nicht erreichte; fragt einen Abgeordneten, warum der Staat seinen Bürgern die großen Aufgaben nimmt; fragt seinen ehemaligen Lehrer, warum er das Leben von Kindern nachhaltig zerstörte; fragt seine Mutter, warum sie ihn nicht auf das Leben vorbereitete. Und er erfährt, was wirklich mit seinem Freund Don passierte, der, als er geistig verwirrt mit einem Messer in seinem eigenen Garten stand, von zwölf Polizisten erschossen wurde. Es ist ein Verhör geworden, das Thomas mit seinen Geiseln führt und dessen Protokoll der Leser hier in Buchform in die Hände bekommt. Thomas sieht sich als Opfer in der Richterrolle, der versucht zu verstehen, worüber er rich­ten soll. Seine Meinungen sind vorgefaßt, er wähnt sich im Recht, weiß über alles Bescheid – und sucht die Schuld für sein Versagen bei den anderen. Für ihn ist es einfacher, die Schuld abzuwälzen und für die Erfüllung seiner Träume eine schicksalhafte Macht verant­wortlich zu machen. Und so führen die Antworten, die er schlußendlich bekommt, nur endgültig zum kompletten Geistesverlust. Dave Eggers gelingt mit minimalistischen Mitteln die Analyse einer desillusionierten Gesellschaft, die nach Antworten für ihre verkorkste Existenz und nach den großen Zielen für ihren Daseinszweck sucht. Der Roman kommt mit einem kleinen Personenkreis aus, deren Zahl mit dem Protagonisten nur insgesamt neun beträgt. Und sie sind, bis auf Tho­mas’ schicksalhafte Liebe Sara, miteinander – entweder über Thomas’ Lebensgeschichte oder die seines getöteten vietnamesischen Freundes Don Banh – verbunden und in der Maschinerie aus Ziellosigkeit und Lügen gefangen. Dabei entwirft er mit Thomas den totalen Antihelden, der den Wahnsinn einer orientie­rungslosen Generation in sich vereint, seinen Wahn aber nicht erkennt und in einer ratio­nalen Klarheit zu agieren glaubt. Wie auch sein Freund Don wähnt er sich in einem religi­ös-fanatischen Kampf für das Gute und er selbst als prinzipientreuer Prophet verkündet diese obskure Moral. – [COP] Er [Don Banh] hat gesagt, er wäre die Lichtquelle, er wäre die Sonne. Er hat ge­sagt, er wäre die Sonne und könnte nicht getötet werden. […] – Er hat auch gesagt, er hätte die Bibel geschrieben. Er hat irgendeinen Vers zitiert. – [THOMAS] Was für einen Vers? – Das weiß ich nicht mehr. Irgendwas über verschwundene Väter. – Hat er gesagt, er würde euch töten? – Ich glaube, er hat gesagt, er würde ewig leben. Dass er ein Prophet wäre. (S. 167f.) Thomas weist das kriminelle Organisationstalent eines geübten Kidnappers auf und er hat die Kombinationsgabe eines gebildeten Mannes, aber sein Verhalten ist auf eine er­schreckende und zugleich liebenswerte Weise infantil und naiv. Er bedroht und beschimpft seine Geiseln wüst, entschuldigt sich aber auch beim Großteil seiner Opfer für die doch recht grobe Behandlung und verspricht, ihnen nichts zu tun, wenn sie nur ehrlich mit ihm reden. Thomas, der getriebene, am Tourette-Syndrom leidende Psychopath. Die Sympathie des Lesers ist deshalb genauso schwankend wie die der Befragten zu ihrem Geiselnehmer. Man will nicht, daß ihm etwas zustößt, denn man sieht sein Dilemma und wünscht ihm doch einen Ausweg aus dieser ausweglosen Situation, aber man spürt auch die ihm innewohnende zügellose Gewalttätigkeit und Rücksichtslosigkeit, die von seiner Naivität übertüncht werden. Als Rächer an der Justiz, Politik und der Exekutive deckt er mit fast detektivischer Ak­kuratesse im Kreuzverhör mit seinen Geiseln Fehlverhalten und Lügen auf. Dabei wird auch Kritik am eigentlichen Dialogverhalten der Gesellschaft geübt. Ein Gespräch ist hier nur im Rahmen eine kriminellen, illegalen Entführungsaktion möglich, das Entfernen aus dem Dialog wird durch das Festbinden an einem Pfeiler unmöglich gemacht und den Ge­fangenen wird von Thomas auch immer wieder ihre eigene ausweglose Situation vor Augen geführt. Selbst seiner eigenen Mutter wird dieses Schicksal zuteil und auch ihr wird nicht die Möglichkeit gegeben, aus freier Entscheidung mit ihrem Sohn seine drängendsten Fra­gen aufzuarbeiten. Thomas projiziert seine eigene Be- und Gefangenheit auch auf seine Geiseln und zwingt ihnen damit seinen Willen und seine Ziele auf. Vor der peinlichen Befragung steht hier stellvertretend eine ganze Gesellschaft: Macht­habern und Personen, denen eigentlich ein guter Nimbus anhaften und die über jeden Zweifel erhaben sein sollten, werden angeklagt und ihrer Vergehen überführt. Dabei wird es aber auch dem Leser überlassen, das Urteil zu fällen. Thomas und seine Geiseln liefern nur den Dialog und das daraus resultierende Protokoll eines Verhörs. Und es ist schnell klar, daß Thomas, so gern er sich als moralisch astreiner Prophet sehen will, nicht ohne Fehl und Tadel ist. Er lügt und beschönigt seine Taten – tut also genau das, was er seinen Geiseln vorwirft. Wenn er erst vor seiner Mutter vehement bestreitet, das Krankenhaus, das er für den Tod seines Freundes mitverantwortlich machte, angezündet zu haben und dann vor der Krankenschwester und dem Kongressabgeordneten freimütig zugibt, es doch gewesen zu sein, um damit seine vermeintlich moralisch korrekten Absichten zu signalisie­ren, instrumentalisiert er seine Tat auf perfide Weise. Das macht aus Thomas einen sehr unzuverlässigen, janusgesichtigen Erzähler, der nicht den Hauch einer Objektivität zeigt, sondern schlicht sich von seiner Emotionalität und rebellischen Aggressivität leiten läßt, um seinen Mitmenschen ihre eigene Inkompetenz vor Augen zu führen und damit von sei­ner Unfähigkeit, sein Leben zu führen, ablenken zu können. Das zeigt sich deutlich bei dem Gespräch mit dem ehemaligen Lehrer Mr Hansen, dem Thomas besonders feindselig gegenüber steht. Er, der pädophile Neigungen zeigt und diese auch nicht leugnen kann, ist damit per se schon ein Angriffspunkt. Aber er führt Thomas auch seine eigene Unzulänglichkeit vor und zeigt, wie unzuverlässig er und seine Erinne­rungen sind. Und er stößt einen interessanten Gedankengang an, inwiefern der Mensch er­sätzlich und wertvoll für seine Mitmenschen sei. Auch das Setting ist von Eggers gut durchdacht – nicht nur, daß es eine verlassene und abgesperrte Militärruine ist, in der so schnell niemand nach den Vermißten sucht, hier werden sie auch mit der eigenen Unvollkommenheit und Vergänglichkeit konfrontiert und Thomas’ Wunsch nach dem großen Taten versinnbildlicht. Die drehbuchhafte, um jeden romantischen Ton beraubte Schreibweise ist hier dem Lese­fluß sehr zuträglich. Ist das Buch schon nicht gerade von großem Umfang, wird es durch das schlichte Frage-Antwort-Spiel zu einem Leseabenteuer, das innerhalb von einem, ma­ximal zwei Tagen durchschritten werden kann, aber über dessen Inhalt man noch längere Zeit nachdenken wird. Es ist Buch mit Nachklang. Die Dialoge sind realistisch, Thomas’ Enttäuschung am eigenen Leben und das damit ver­bundene Abgleiten in den totalen Wahnsinn ist auf eine beklemmende, authentische Weise dargestellt. – [SARA] Das ist kriminelles Verhalten. – [THOMAS] Du weißt, dass das nicht stimmt. Bin ich ein Krimineller, weil ich deine Hand genommen habe? – Du bist ein Krimineller, weil Du mich gekidnappt und hierhergebracht und an dieses Ding da gekettet hast. – Das ist eine Rückstoßsicherung für Kanonen, glaube ich jedenfalls. In jedem dieser Ge­bäude ist eine. Die sind unglaublich solide. (S. 204) Dave Eggers gelingt hier das Portrait einer Generation, die nicht nur gefährlich son­dern auch verloren ist. Die von naiver Kindlichkeit sowie Hilflosigkeit und zugleich größter Destruktivität geprägt ist. Eine Generation, getrieben von der Suche nach Antworten und ihrem Platz zum Beitrag für die Gesellschaft, die aber damit schlußendlich nicht umgehen kann. Den bitteren Ausblick auf die mögliche Zukunft dieser Generation läßt Eggers seinen Protagonisten zum Schluß seinem einzigen, ihm wirklich gewogenen Freund, dem Kon­gressabgeordneten Mac Dickinson, geben: – [THOMAS] Aber das hier wird weiter passieren. Das wissen Sie, oder? Wenn ihr nichts Großes habt, woran Männer wie wir mitwirken können, werden wir all die kleinen Dinge auseinandernehmen. Wohnviertel für Wohnviertel. Gebäude für Gebäude. Familie für Familie. Begreifen Sie das nicht? (S. 220)

    Mehr
  • Tatort Gesellschaft

    Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?

    rallus

    23. April 2015 um 13:06

    Tatort: ein verlassenes Militärgelände Ein aufgegebenes 12.000 Hektar großes Militärgelände, bunkerartige Gebäude, ein Betonpfosten, stark genug um den Rückstoß einer Mittelstreckenrakete abzufangen. In sechs  verschiedenen Gebäuden, sechs verschiedene gekidnappte Menschen an Pfeiler gekettet. Ein junger Mann, der Fragen hat und nur durch die Fesseln der Menschen Gehör findet und Antworten erhält. "Wie lange ist es her, dass wir zuletzt irgendetwas gemacht haben, das irgendwen inspiriert hat? - Wir haben einen schwarzen Präsidenten gewählt. - Okay. Das war gut. Aber als Nation, als Welt, Mann? Wann haben wir zuletzt irgendwas Vergleichbares hingekriegt, wie das Shuttle oder Apollo?" Warum ist die Welt, so wie sie ist, warum sind die Regeln so aufgestellt, warum bin ich so verloren und muss Menschen entführen, um Antworten zu erhalten. "Ich finde, es ist das Schlimmste überhaupt, einer Generation zu sagen, dass hier die Ziellinie ist und dass die Voraussetzungen, sie zu erreichen, diese und jene sind, und dann, wenn wir die Ziellinie fast erreicht haben, verschieben Sie sie nach hinten." Nicht immer sind die Antworten für Thomas angenehm: "Himmelherrgott, Junge, das Schlimmste, was eure Vorfahren je für euch junge Arschlöcher getan haben, war, erfolgreich zu sein. Wir haben alles so leicht gemacht, dass ihr Rotz und Wasser heult, wenn euch ein Kieselstein im Weg liegt." Tatort: Gesellschaft Warum reagiert unsere Gesellschaft so? Was macht es für junge Menschen so schwierig, ihren Weg zu finden? Warum hört niemand mehr zu?  "Es geht immer nur darum, wer Schuld hat. Eine ganze Religion, die auf Rechenschaft beruht. Wer ist schuldig? Wie lautet das Urteil? Wer wird bestraft? Wer wird eingesperrt, verbannt, getötet, ertränkt, dahingerafft? Willst Du wissen, was die meisten Leute von Jesu Tod vor allem im Kopf behalten? Nicht das Opfer, das er gebracht hat, oder sonst was in der Art. Was nach dem ganzen rachsüchtigen Alten Testament haften bleibt, ist, dass es die Juden waren." Unsere Gesellschaft ist perfide und die Ausgrenzungen sind subtiler geworden: "Deshalb verstehen wir es nicht. Es ist eine moderne Mutation. Wir alle haben Liebe und Hass und Leidenschaft und das Bedürfnis zu essen und zu schreien und zu vögeln, das sind Dinge die jeder Mensch hat. Aber es gibt diese neue Mutation, diese Fähigkeit, sich zwischen einen Menschen und ein Mindestmaß an Gerechtigkeit zu stellen und das mit irgendeiner Vorschrift zu rechtfertigen. Zu sagen, dass das Formular nicht richtig ausgefüllt wurde." Doch Thomas hört zu, er will seinen Weg wissen, er will Antworten. Dass er diese Menschen gekidnappt hat stört ihn nicht, es geschieht alles zu einem guten Zweck, denn: "Sagen Sie nie wieder, ich wüsste nicht, wovon ich rede. Ich weiß alles. Ich bin hier der Mann mit Moral. Ich bin ein Mann mit Prinzipien." Und als solcher hat er das Recht auf Antworten. Dave Eggers, noch frisch im Gedächtnis durch den Bestseller 'The Circle', hat hier einen schmalen Roman vorgelegt, der nur aus Dialogen besteht. Thomas entführt nach und nach sechs Personen in einen Bunker, um ihnen einfache Fragen zu stellen. Manche muss er bedrohen, manche erzählen ihm freiwillig, was er wissen will. Die Grundidee ist bestechend einfach und funktioniert als Spannungsbogen sehr gut. Kein Erzähler stört die Dialoge, die Unterhaltungen sind authentisch. Thomas ist ein verwirrter Mann, der stellvertretend für die heutige Jugend stehen soll. Die Welt ist so kompliziert geworden und ständig in Bewegung, dass viele ihren Platz nicht finden und orientierungslos sind. Thomas hat keine großen philosophischen Fragen - nein - doch können diese meist nicht direkt beantwortet werden. Warum ist kein Geld für Marsraumschiffe da, aber für Krieg im Irak? Warum werden Versprechungen gemacht und diese nicht gehalten? Warum werden Menschen anderer Abstammung ausgegrenzt? Im Prinzip lassen sich alle Fragen auf eine reduzieren: Warum ist die Welt so wie sie ist? Dabei hebt Eggers nicht in philosophische Gefilde ab. Thomas hat auch dringende persönliche Fragen zu klären. Was ist mit meinem Freund Dan passiert? Er versucht auch Antworten in seinem eigenen Leben, seiner Erziehung zu finden, er geht keinen für sich bequemen Weg - er fragt seine Mutter. Aus den Antworten hört man aber auch eine gewisse Sympathie der Gefesselten für den Fragenden heraus, auch sie können die einfachen Fragen nicht beantworten, auch sie sind Gefangene des Systems und spüren dies. Es existiert keine Ablenkung mehr, sie sind den Fragen ausgeliefert. Nicht immer schafft Eggers den Bogen aufrecht zu erhalten, manches Mal bricht die Kette des Frage- und Antwortspiels, die Liebesgeschichte wirkt zu künstlich. Insgesamt ist ihm aber ein gutes und trauriges Bild unserer Gesellschaft gelungen, das einen nachdenklich macht.  

    Mehr
  • Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach!

    Hol dir mehr von LovelyBooks