Charlotte

von David Foenkinos 
4,5 Sterne bei61 Bewertungen
Charlotte
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Ich habe während des Lesens um Charlotte geweint.

Beusts avatar

Ein Meisterwerk - intensiv, menschlich, nachdenklich

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Inhaltsangabe zu "Charlotte"

»Das ist mein ganzes Leben« – mit diesen Worten übergibt Charlotte einem Vertrauten 1942 einen Koffer voller Bilder. Sie erzählen ihre viel zu kurze Geschichte: von der Kindheit im Berlin der 20 Jahre, dem frühen Tod der Mutter, dem Zugang zu Berlins Künstlerkreisen durch die neue Frau des Vaters, dem Studium an der Kunstakademie, dem Leben als Malerin. Und dann: Flucht vor den Nationalsozialisten nach Südfrankreich, Leben im Exil, aber auch Liebe und Hochzeit. Nur ihre Bilder überleben – und damit ihre Geschichte, die David Foenkinos anrührend erzählt. Charlotte ist das Porträt eines verheißungsvollen Lebens, das viel zu früh beendet wurde.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783328100225
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:240 Seiten
Verlag:Penguin
Erscheinungsdatum:14.11.2016
Das aktuelle Hörbuch ist am 31.08.2015 bei Der Hörverlag erschienen.

Rezensionen und Bewertungen

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    SATZZEICHENs avatar
    SATZZEICHENvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein wunderbares Buch. Alles ist stimmig. Das Layout, die Sprache, der Inhalt. Ein echter Schatz im Bücherregal!
    Malen gegen den Wahnsinn

    Charlotte. Ein kurzer, knapper Titel. Das Cover mit dem faszinierenden Gesicht, nur angeschnitten, der Kopf nicht komplett zu sehen. Dann dieser Blick, intensiv und ernst, der einen überall hin zu verfolgen scheint. Charlotte. Auch der Name meiner ältesten Tochter. Noch ein Grund, dass dieses Buch mich wie auf magische Weise anzieht und ich es unbedingt haben möchte.
    Ich kenne den Autor, David Foenkinos, nicht, und auch Charlotte Salomon, die Protagonistin des Romans, sagt mir bis dato nichts. Dass es sich bei dem Buch um einen Spiegel-Bestseller handelt, ist mir ebenfalls entgangen – und so bin ich im besten Sinne unbedarft und unvoreingenommen.

    Das Buch nimmt mich ab der ersten Seite gefangen. Nein, noch davor. Bereits die vorangestellte Bemerkung des Autors packt mich und zerrt mich an Bord:

    "Der folgende Roman beruht auf dem Leben der deutschen Malerin Charlotte Salomon. Sie war sechsundzwanzig und schwanger, als sie ermordet wurde. Ihr autobiografisches Werk Leben? Oder Theater? ist die Quelle, auf die ich mich hauptsächlich beziehe."

    Sechsundzwanzig und schwanger. Das ganze Leben vor sich, ein neues Leben in sich. Und dann wird sie ermordet!

    Charlotte Salomon ist Jüdin, eine begabte junge Künstlerin, die in Berlin lebt. Sie flieht vor Hitlers Regime nach Südfrankreich und entkommt den Klauen des Bösen dennoch nicht. Ein schreckliches Schicksal, wie man es aus dem Dritten Reich kennt. Und doch ist da noch so viel mehr. Hier geht es um eine junge Frau, die abseits aller Weltpolitik auch so schon ein schweres Päckchen zu tragen hat. Den Namen Charlotte trägt sie nicht ohne Grund: Die geliebte Schwester ihrer Mutter Franziska hieß bereits so. Die kleine Charlotte soll mit ihrem Namen an diese geliebte Schwester erinnern, die auf tragische Weise viel zu jung verstorben ist. Selbstmord. Franziska verkraftet diesen Verlust nie, es kommt ihr vor, als habe ihre Schwester sie betrogen – wie konnte sie sie nur so alleine lassen. Obwohl Franziska aus Liebe, wie sie behauptet, heiratet und die kleine Charlotte bekommt, wird sie nicht glücklich. Ihr Leben ist eine Katastrophe, ihr Zustand verschlimmert sich, sie versucht sich umzubringen. Die Umwelt ist alarmiert, bewacht sie – doch es nützt alles nichts. Franziska springt aus dem Fenster und stirbt.

    Charlotte Salomon ist noch kein Teenager, als all das passiert. Doch alleine ist sie bereits länger, das Interesse an der kleinen Tochter verschwand, bevor die Mutter tatsächlich starb, nämlich als sich der psychische Zustand verschlechterte. Einen fatalen Satz jedoch gab sie dem kleinen Mädchen mit auf den Weg:

    "Ihre Mutter habe versprochen, ihr zu schreiben.
    Sobald sie im Himmel oben angekommen ist."

    Es dauert qualvolle Wochen, bis die kleine Charlotte begreift, dass sie niemals einen Brief von ihrer Mama aus dem Himmel bekommen wird. Als es ihr klar wird, ist sie der Mutter fürchterlich böse.

    Irgendetwas an diesem Buch fasziniert mich nicht nur, es irritiert mich. Ich brauche einige Zeit, bis ich merke, was es ist: Es ist zum einen dieser Flattersatz, der das Seitenlayout bestimmt. Als sei es eine Gedichtesammlung und kein Roman. Viele Absätze zerfleddern außerdem das Erscheinungsbild und bringen Unruhe hinein.

    Und dann ist da zum anderen dieser merkwürdige Wechsel des Erzählstils. Mal scheint die Mutter Franziska zu berichten, mal die kleine Charlotte. Und plötzlich tritt auch noch der Autor selbst in Erscheinung, als Ich-Erzähler. Mitten im Erzählfluss, mitten im „Sich-in-Charlotte-Einfühlen“ kommt ein abrupter Perspektivenwechsel. Das klingt dann folgendermaßen:

    "Am Fürstin-Bismarck-Lyzeum wird hinter ihrem Rücken getuschelt.
    Sie hat ihre Mutter verloren, wir sollen nett zu ihr sein.
    Sie hat ihre Mutter verloren, sie hat ihre Mutter verloren.
    Die breiten Treppenaufgänge des Gebäudes haben etwas Beruhigendes.
    Etwas Schmerzstillendes.
    Charlotte ist froh, jeden Tag zur Schule gehen zu können.
    Auch ich bin diesen Weg etliche Male gegangen.
    Ich wollte auf den Spuren der kleinen Charlotte wandeln.
    Ihrer Fährte folgen, hin und zurück."

    Es verwirrt mich, dass der Autor sich einfach so in diesen Roman einbringt, wo er doch zwischendurch immer wieder versucht, eine Atmosphäre zu erschaffen, in die der Leser eintauchen kann. Es stört den Lesefluss, es ist ungewöhnlich.

    Doch dann, auf Seite 73, kommt endlich die lange fällige Erklärung, die allem plötzlich einen Sinn gibt :

    "Ich saß immer da und wollte dieses Buch schreiben.
    Aber wie?
    Durfte ich selbst darin vorkommen?
    Konnte ich aus Charlottes Geschichte einen Roman machen?
    Welche Form sollte das Ganze annehmen?
    Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
    Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
    Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
    Es ging einfach nicht weiter.
    Das war körperlich beklemmend.
    Ich verspürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
    Um durchatmen zu können.
    Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste."

    Was für eine grandiose Passage! Spätestens in dem Moment geht mir auf, dass ich einen wahren Schatz in Buchform vor mir liegen habe.

    Ein echter Held ist dieser Autor, der seine Zweifel dem Leser nicht vorenthält, sondern sie ihm grundehrlich und unverblümt mitteilt.
    So erhält dieses Buch einen ganz und gar eigenen Stil, es entwickelt sich aus einem Manko ein Meisterwerk.

    Charlotte Salomons Lebensweg ist vorgezeichnet, man weiß, wie er enden wird, noch bevor man die erste Seite aufschlägt. Und dennoch liest man begierig, jedes Wort, jeden abgehackten Satz, jede zerfledderte Seite – denn Foenkinos schafft es gerade durch seinen außergewöhnlichen Stil, den berühmten Sog zu entwickeln, den ein wirklich gutes Buch ausmacht. Man möchte das allzu bekannte Schicksal jüdischer Menschen im Dritten Reich abwenden können, man will, dass wenigstens diese eine Person ihr Happy End bekommt. Doch sie bekommt es nicht und man weiß es – die ganze Zeit. Und dennoch bleibt man bis zuletzt voll unsinniger Hoffnung.

    Für mich katapultiert sich dieses Buch aus dem Nichts an die Spitze meiner persönlichen Lese-Highlights-Liste des Jahres 2017.

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    ulrikerabes avatar
    ulrikerabevor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein wunderbares Portrait eines viel zu kurzen Lebens.
    ein viel zu kurzes Leben

    David Foenkinos porträtiert in seinem Buch Charlotte das viel zu kurze Leben der Malerin Charlotte Salomon.

    Charlotte, geboren 1917 in Berlin, wächst in gutbürgerlichen Verhältnissen in einer assimilierten jüdischen Familie auf. Umschattet ist ihr junges Leben vom Tod, Die Mutter stirbt als Charlotte noch ein Kind war. Erst viel später erfährt Charlotte, dass es Selbstmord war. Nicht nur die Mutter, auch schon die Tante wählte vor Jahren den Freitod, sowie einige andere Mitglieder der Familie mütterlicherseits.
    Der Vater, ein angesehener Arzt, nimmt die Sängerin Paula zu seiner zweiten Frau, die von Charlotte nahezu verehrt wird.
    Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten erhält Paula Auftrittsverbot, der Vater Berufsverbot. Die talentierte Charlotte schafft es trotz ihrer jüdischen Herkunft auf die Schule für angewandte Kunst. Als sie aber einen Preis, der ihr verliehen werden sollte, nicht annehmen darf, verlässt sie die Schule. Enttäuscht vernichtet sie ihre Zeichnungen. „Nie wieder Kunstakademie!“, ringt sie hervor.
    Als die Großeltern nach Südfrankreich emigrieren, ergreifen die Eltern die Möglichkeit, Charlotte zu diesen zu schicken. Unglücklich verlässt Charlotte Deutschland, ihren Vater und Paula, ihren Liebhaber Alfred, einen Mann, den sie niemals vergessen kann.
    In der L‘Ermitage, einem von einer Amerikanerin geleiteten Waisenhaus, findet Charlotte ein neues zuhause. Sie fasst großes Vertrauen zu Ottilie Moore, der Amerikanerin und zu dem Arzt Moridis.
    Doch auch im Exil kann Charlotte nicht glücklich sein. Die Großmutter beginnt aufgrund der weltpolitischen Lage den Verstand zu verlieren, bis sie sich auch in den Tod stürzt. Zwischen dem Tod der Tante und dem der Mutter liegen 13 Jahre, zwischen dem der Mutter und der Großmutter ebenfalls.

    „Charlotte stellt eine Rechnung an…1953 wird sie sich umbringen. Wenn sie es denn so lange durchhält.“

    Nachdem sie dem Internierungslager Camp de Gurs entkommt , beginnt sie wieder zu malen, ihr Lebenswerk "Leben? Oder Theater?" entsteht.
    Nachdem sie einigermaßen sicher in dem von den Italienern besetzten Teil Frankreichs lebt, heiratet Charlotte den Österreicher Alexander, der ebenso ein Vertriebener ist, obwohl sie ich nicht liebt, wird schwanger. Als Deutschland nach der Kapitulation Italiens ganz Frankreich besetzt hält, wird das Ehepaar verraten und deportiert.

    Charlotte Salomon stirbt Ende 1943 in Auschwitz.

    Niemand weiß, was aus dieser herausragenden Künstlerin geworden wäre, wenn die Zeiten andere gewesen wären.
    „C‘est toute ma vie!“ - Das ist mein ganzes Leben, sagt Charlotte als sie dem Arzt Moridis ihr Lebenswerk übergibt. Charlottes Leben dauerte gerade einmal 26 Jahre.
     
    David Foenkinos schafft mit seinem Roman ein überaus beindruckendes und bedrückendes Bild dieser jungen Frau. In kurzen, aber dafür umso eindringlicheren Abschnitten umreißt er die Stationen in Charlotte Salomons Leben. Fast poetisch liest sich das Buch zeitweise.
    Stellenweise gibt Foenkinos aber auch Einblick, wie er sich an das Schreiben dieses Buches gemacht hat, schildert Begegnungen mit Menschen, die ihm Auskunft über Charlotte geben oder hätten geben können, beschreibt die Orte auf Charlottes Lebensweg, wie sie heute sind, und schildert mit Augenzwinkern, welches Verhältnis er zu Jonathan Safron Foer hat.

    „Es ging einfach nicht weiter.
    Das war körperlich beklemmend.
    Ich verspürte das Verlangen eine neue Zeile zu beginnen.
    Um Durchatmen zu können.
    Irgendwann begriff ich, dass ich dieses Buch genau so schreiben musste.“

    Diese Gefühle sind auch für den Lesenden spürbar, trotz der kleinen Passagen ist das Buch invasiv und hinterlässt große Nachdenklichkeit.

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    ahukaders avatar
    ahukadervor einem Jahr
    Charlotte - Als würde man ein Gedicht lesen

    Der Autor

    David Foenkinos, geboren am 28. Oktober 1974 ist ein französischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur.
    Sein Buch Charlotte, erschienen 2014 in Frankfreich wurde mit Prix Renaudot und dem Prix Goncourt des lycéens ausgezeichnet.
    Seine Bücher werden in rund 40 Sprachen übersetzt und Charlotte verkaufte sich schon allein nur in Frankfreich rung eine halbe Million Mal.

    Zur Charlotte Salomon 
    Charlotte Salomon war eine jüdische Malerin, die in Auschwitz mit 26 Jahren umgebracht wurde.
    Ihre Lebenswerk Leben? Oder Theater entstand binnen 18 Monaten. In diesen 18 Monaten zeichnete sie über 1000 Gouachen, von denen sie 769 Bilder aussuchte und an einen Freund gab, der es für sie aufbewahren sollte. Nach ihrem Tod und dem Krieg überreichte man ihr Werk ihren Eltern. Sie hatte ihr komplettes Leben wie ein Theaterstück aufgezeichnet. Ausgestellt wird dieses Werk im Joods Historisch Museum in Amsterdam.

    Klappentext
    Berlin in den 1930ern: Bei der großbürgerlichen Familie Salomon verkehren gefeierte Sänger, Literaten und berühmte Wissenschaftler. Bis die Nazis dem illustren Treiben ein Ende bereiten, und damit auch dem Traum der begabten Tochter Charlotte, als Künstlerin Karriere zu machen.
    Verzweifelt flieht die junge Frau zu den Großeltern nach Südfrankreich, um zu leben und zu lieben - und wie im Rausch Hunderte von Bildern zu malen, die ihre eigene bewegte Geschichte erzählen. 

    Das Buch
    David Foenkinos führt uns mit kurzen Sätzen, die auf dem ersten Blick einem Gedicht ähneln durch das Leben Charlottes. 
    Die Heirat ihrer Eltern, ihre Geburt. Wie sich die Mutter Franziska das Leben nimmt. Mit wirklich ziemlich knappen Sätzen, die einen doch erschüttern. 
    Charlottes Vater heiratet ein zweites mal die Opernsängerin Paula Lindberg. Paula Lindberg spielt eine große Rolle in Charlottes Leben. Sie mag sie sehr. 
    Der nächste wichtige Mensch für Charlotte ist Alfred Wolfsohn, der Gesangspädagoge von Paula Lindberg. Nachdem er mehrmals im Hause Salomons ist, verliebt sich Charlotte in ihn und sie treffen sich heimlich. 
    Als der Krieg unerträglich wird, zwingen die Eltern Charlotte wegzugehen. Somit emigriert sie zu ihren Großeltern mütterlicherseits nach Villefranche. Albert verabschiedet sie am Bahnsteig mit den Worten "Mögest du nie vergessen, dass ich an dich glaube", an denen sie ihr ganzes Leben lang fest hält. 
    Nach der Emigration nach Frankreich erlebt Charlotte noch den Tod ihrer Großmutter. Sie wirft sich vor ihren Augen aus dem Fenster. Dort erfährt sie auch zum ersten Mal, dass ihre eigene Mutter nicht an einer Krankheit gestorben ist. Genauso wenig ihre Tante Charlotte, nach der sie benannt ist.
    Charlotte Salomon macht nach dem Tod ihrer Großmutter viel mit ihrem Großvater durch. Es geht soweit, dass der Großvater bei einer Übernachtung in einer Pension möchte, dass sie sich zu ihm legt. In Tagen von Krieg wäre das ja nicht schlimm.
    Charlotte geht weg und schließt sich für 18 Monate in einer Pension ein und zeichnet in dieser Phase wie eine Wahnsinnige über 1000 Gouachen und somit ensteht Leben? Oder Theater? 
    Nachdem sie die ausgesuchten Gouachen ihrem Arzt Dr. Moridis gibt, kehrt sie zurück, um auf ihren Großvater aufzupassen. Nach dem Tod des Großvaters heiratet sie Alexander Nagler. Als sie im fünften Monat schwanger ist, werden sie und ihr Mann verraten. Charlotte Salomon wird nach Auschwitz gebracht und nach 10 Tagen ihrer Ankunft dort vergast.

    Meine Gedanken
    Ich finde dass das Buch gut gelungen ist. Sonst hätte es auch nicht zwei Auszeichnungen bekommen. Sehr interessant fand ich die Stellen, an dem der Autor seien Recherchen erzählt. Mitten im Leben von Charlotte können wir dann solche Sätze lesen wie: "In Villefranche-sur-Mer erinnert man sich lebhaft an sie. 1968 wurde ihr großartiges Landhaus abgerissen. Um einer Luxusvilla Platz zu machen. Im Garten wurde ein riesiger Swimmingpool gebaut. [...] Wie komme ich da hinein? Gar nicht. Das einst so gastliche Haus ist heute abgeriegelt."
    Wie schon am Anfang bemerkt liest man dieses Buch runter, wie als würde man ein Gedicht lesen. Der Autor zeigt mir, dass kurze knappe Sätze sehr wichtig sein können und dass es nicht immer langen Erklärungen braucht.

    An dieser Stelle möchte ich mich beim Penguin Verlag bedanken, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

    - so many books, so little time.

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    katharosevor einem Jahr
    Leben? Oder Theater?

    Biografie über das kurze Leben der Berliner Künstlerin Charlotte Salomon (1917-1943)

    Charlotte hatte kein leichtes Leben – stets vom Tode überschattet verliert sie ihre Mutter sehr früh. Doch erst spät wird sie erfahren, dass es ein Selbstmord war. In Zeiten, wo sich der kommende Nationalsozialismus mehr und mehr andeutet, spürt Charlotte nach und nach schließlich das Bedürfnis Künstlerin zu werden und schafft es, obwohl nur eine Hand voll Juden an der Universität angenommen werden dürfen, ihre Leidenschaft zu studieren. Dort, unter Künstlern und Musikern, lernt sie bald einen Mann kennen, der etwas zuvor unbekanntes in ihr regt.

    Ich gebe zu, ich kannte Charlotte Salomon zuvor nicht, doch der französische Autor Foenkinos hat es geschafft, mich mit seiner Begeisterung anzustecken.

    Zunächst sei gesagt: Dieses Buch liest sich ganz besonders. Aufgebaut wie ein Gedicht, beim kurzen Blick über die Seiten glaubt man, es sei in Versen – doch halt, er schreibt in kurzen, prägnanten Parataxen. Im Zuge des Lesens begründet Foenkinos auch seine Entscheidung diese Biografie auf so außergewöhnliche Weise zu verfassen. Was zunächst etwas gewöhnungsbedürftig ist, entpuppt sich schnell als sicheres Stilmittel, Dinge klar auf den Punkt zu bringen, schmerzhafte Worte direkt auszusprechen und mitten ins Herz zu treffen. Schon mit dieser Besonderheit zog mich das Buch an, doch der Inhalt schlägt wie eine Bombe zu.

    Charlottes trauriges Schicksal, vom schrecklichen Tod ihrer Mutter, über die heimliche Liebe und das bittere Exil in Frankreich, zu ihrem größten künstlerischen Erfolg, und letztendlich ihrem grausamen Tod in Auschwitz. Keine leichte, aber unglaublich bewegende Lektüre. Nun stellt sich eine wichtige Frage: Ist es Charlottes Biografie, die einen schon bewegt, wenn man sie kurz googelt, oder ist es tatsächlich Foenkinos, der einen das Herz aus dem Leibe reißt?

    Natürlich ist es auch die Biografie, aber die spezielle Weise, sich Charlotte zu nähern und sich ihr nah zu fühlen, macht das Buch so lesenswert. So beschreibt Foenkinos in seinen knappen prosaischen Versen nicht nur Charlottes Interaktionen, sondern auch, wie er ihrem Weg folgt – nach Berlin und Frankreich, wie er sie kennengelernt hat. Hie eine Brise Humor, da großer Herzschmerz. Das Buch „Charlotte“ strotzt vor Leben und fasziniert, ja brachte mein Herz zum Klopfen, so dass ich dieses kurze (aber nicht zu kurze!) Büchlein in einer Nacht durchlas.

    Wer sich dieses wortstarke, aber auch schmerzhafte Buch zu Gemüte ziehen will, dem empfehle ich, vorher einen Blick in den Zyklus „Leben? Oder Theater?“ zu werfen, in dem sie mit musikalischen, prosaischen und vor allem malerischen Elementen ihr Leben dokumentiert. Leider liegt hier meines Erachtens nach auch die Schwäche in der Biografie: Die Malerei, die besonderen künstlerischen Charakteristika ihrer Werke bleiben unbekannt – so viel, wie von „Leben? Oder Theater?“ gesprochen wird, so wenig erfährt man eigentlich über die Technik, über Themen und Motive. Ich hätte gerne mehr über die Künstlerin Charlotte erfahren, wo ich nun so viel zum Menschen kenne – natürlich kann man das nicht ganz trennen, aber ein bisschen Tiefe in diesem Aspekt hätte dem Buch noch ein Sahnehäubchen aufgesetzt.

    Zu guter letzt das Cover: Eine Teilabbildung von Charlottes Selbstporträt, sie blickt zur Seite, aber nur fast, aus den Winkel ihrer Augen starrt sie einen geheimnisvoll an: Wer ist diese Frau? Schlicht, effektiv und passend.

    Ein großes Dankeschön an den Penguin Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

    Fazit: Wie ein Stoß direkt in mein Herz und meine Faszination traf mich David Foenkinos Biografie zu Charlotte Salomon. Sprachlich sehr schlicht und trotzdem ergreifend geschrieben, geht man mit Charlotte auf eine schrecklich traurige, aber auch insprierende Lebensreise.

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    himbeerbels avatar
    himbeerbelvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Ein Meisterwerk!
    „Charlotte, mon obsession"


    „Der folgende Roman beruht auf dem Leben der deutschen Malerin Charlotte Salomon. Sie war sechsundzwanzig und schwanger, als sie ermordet wurde. Ihr autobiografisches Werk Leben? Oder Theater ist die Quelle, auf die ich mich hauptsächlich beziehe.“


    Dies teilt der Autor mit, bevor er uns einem Roman überlässt, dessen Textgestaltung schon ungewöhnlich ist. Jeder, der meist kurzen Sätze beginnt in einer neuen Zeile, so dass es eher scheint, als habe man hier Lyrik statt eines Romans in Händen. Die fast schon abgehackt wirkende Erzählweise und die im Präsens erzählte Geschichte Charlottes lässt einen beim Lesen zunächst stocken, erzeugt aber nachfolgend immer mehr den Eindruck, als berichte der gelegentlich in der Ich-Form auftauchende Autor in aufgeregter Weise über die ihn stark bewegende Biografie dieser Künstlerin.


    „Konnte ich aus Charlottes Geschichte einen Roman machen?
    Welche Form sollte das Ganze annehmen?
    Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
    Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
    Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
    Es ging einfach nicht weiter.
    Das war körperlich beklemmend.
    Ich verspürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
    Um durchatmen zu können.


    Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.“ (S. 73/74)


    Und so fliegt man aufgrund des Erzählstils geradezu durch dieses Buch, in dem eindringlich das Leben Charlottes zu einem Roman geformt und gefühlvoll untermalt wird, dabei aber glücklicherweise nicht ins Rührseelige abdriftet. „Das ist mein ganzes Leben“ – mit diesen Worten übergibt Charlotte einem Vertrauten 1942 einen Koffer voller Bilder. Sie erzählen ihre viel zu kurze Geschichte: von der Kindheit im Berlin der 20 Jahre, dem frühen Tod der Mutter, dem Zugang zu Berlins Künstlerkreisen durch die neue Frau des Vaters, dem Studium an der Kunstakademie, dem Leben als Malerin. Und dann: Flucht vor den Nationalsozialisten nach Südfrankreich, Leben im Exil, aber auch Liebe und Hochzeit. Nur ihre Bilder überleben – und damit ihre Geschichte, die David Foenkinos anrührend erzählt. Charlotte ist das Porträt eines verheißungsvollen Lebens, das viel zu früh beendet wurde.


    „Charlotte, mon obsession.
    Ich habe an den Schauplätzen ihres Lebens gesucht.
    Im Traum, in der Wirklichkeit.
    Nach den Farben in ihren Bildern.
    Mir gefielen die verschiedenen Gesichter von Charlotte, denen ich begegnete.
    Es waren viele Gesichter.
    Am wichtigsten bleibt für mich jedoch ihr Werk, Leben? Oder Theater?
    In dem sie durch den Filter der Kunst auf ihr Leben schaut.
    Um ihre Sicht der Dinge zu verzerren.“ (S. 186)


    Und so blickt uns auf dem Buchcover ein Ausschnitt aus dem Selbstporträt Charlotte Salomons (Gouache, um 1940) an, das eine gewisse Traurigkeit ausstrahlt und mich ebenso in den Bann zu ziehen vermag, wie der Schreibstil und die Geschichte, die dieser Roman erzählt. Ich mochte das Buch nicht mehr aus der Hand legen und kann es nur wärmstens empfehlen. „Charlotte“ von David Foenkinos ist für mich ein echtes Lesehighlight und wird in meinem Bücherregal einen Ehrenplatz bekommen.

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    tinations avatar
    tinationvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Eine etwas andere Biografie über eine Künstlerin
    Eine etwas andere Biografie über eine Künstlerin

    Das Buch: erzählt das Leben von der Zeichnerin Charlotte Salomon vor und während des zweiten Weltkrieges. Das fängt bei der Kindheit und Jugend an und endet mit einem jähen Tod. Immer wieder wird sie aus ihrer Traumwelt gerissen, doch das Zeichnen hilft ihr alles zu vergessen.

    Fazit: Es ist ein ungewöhnliches Buch. Das erste, was dem Leser auffällt sind die Sätze. Jeder Satz bekommt eine eigene Zeile gutgeschrieben. Das mag dem einen am Lesefluss stören, doch es passt zu der Stimmung. So kurz wie Charlottes Leben war, so kurz kommen die Abschnitte herüber. Und so wird es doch passend.

    Was leider nicht so passend war, waren die Bemerkungen des Autors. Zum Glück nicht zu oft schweift der Autor ab vom Leben Charlottes und teilt uns seine Recherchen zu diesem Buch mit. So reist er nach Berlin, besucht Orte, die auch Charlotte mochte und interviewt Zeitzeugen in Frankreich, die Charlotte wirklich oder nur vom Hörensagen kannten. Das kam doch zu selbstdarstellerisch herüber. Schade.

    Charlotte selbst wird dem Leser sehr nahegebracht. Obwohl man doch zu dem eigentlichen Akt, wo sie ihr Leben zeichnet, kaum etwas erfährt. Das, was der Nachwelt erhalten blieb, wird hier nur nebensächlich erwähnt. Im Vordergrund stehen hier eher die Familienverhältnisse und die Interaktionen untereinander. Doch auch diese sind durchaus interessant und ungewöhnlich.

    Zusammenfassend ist dies eine Biografie mit ungewöhnlichen Elementen für das Genre. Auch wenn man nichts über diese Künstlerin weiß, ist es durchaus interessant. Ohne große historische Fakten wird hier ein Schicksal während des Nationalsozialismus nähergebracht. Man muss nichts von Kunst verstehen, aber man versteht hier die Künstlerin.

    https://booksoftination.wordpress.com/2016/12/14/david-foenkinos-charlotte/

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    Cuentamevor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Schicksal einer jüdischen Frau während des Dritten Reichs, eindrucksvoll und ergreifend geschrieben.
    Autor beweist Mut einen anderen Stil zu wagen

    Ich habe mir dieses Buch gekauft, weil ich den Autor persönlich auf der Buchmesse getroffen habe und bereits vorher davon gehört habe. Nachdem ich es gelesen habe, kann ich sagen, dass es nicht umsonst ein Bestseller geworden ist. 

    Der Inhalt:

    Charlottes Kindheit und Jugend wir von mehreren Selbstmorden in der Familie überschattet. Ihre Tante Charlotte, nach der sie später auch benannt wird, begeht in jungen Jahren Selbstmord. Darauf folgt einige Jahre später Charlottes Mutter, Franziska. Von der Trauer um ihre beiden Töchter übermannt bringt sich Jahre später auch Charlottes Großmutter um. Doch Charlotte scheint aus den tragischen Verlusten eine gewisse Stärke zu ziehen und kämpft sich unermüdlich durchs Leben in einer Zeit, in der Juden nach und nach aus dem öffentlichen Leben gedrängt und hartnäckig verfolgt werden. Charlotte gelingt durch ihr unbeschreibliches künstlerisches Talent die Aufnahme an der Kunstakademie, doch gegen ihre arischen Kommilitonen kommt sie nicht an und ihr wird ein wichtiger Kunstpreis aberkannt. Kurz nachdem sie ihre erste große Liebe Alfred kennen lernt, bitten sie ihr Vater und ihre Stiefmutter, zu den Großeltern nach Südfrankreich auszuwandern. Schweren Herzens macht sich Charlotte auf zu ihren Großeltern, doch in ihren Gedanken ist sie immer noch bei Alfred und beginnt ihre Gefühle in ihrer Kunst zum Ausdruck zu bringen. Dort schreibt sie auch ihr Werk "Leben? Oder Theater?", in dem immer wieder Alfred vorkommt. Nachdem Charlotte beide Großeltern verloren hat und die "Säuberungsaktionen" der Nazis weiter voranschreiten, nährt sich Charlotte langsam dem Österreicher Alexander an, Schließlich verlieben sich die beiden, Charlotte wird schwanger und die beiden heiraten schließlich - und geben somit auch ihre Adresse preis. Kurze Zeit später werden sie verraten und werden ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht. Kurze Zeit danach wird sie umgebracht. 

    Meine Meinung:

    Da ich bereits vorher auf einer Lesung des Autors war, wusste ich, dass dieses Buch außergewöhnlich ist. Unter anderem weil der Roman zeilenweise geschrieben ist. Nach jeder Zeile wird dem Leser eine Pause zum Nachdenken gewährt. Durch die prägnante und starke Schreibweise ist der Stil durchaus gerechtfertigt, da das Geschilderte mit unter brutal ist. Zum anderen bringt der Autor seine ganz persönlichen Eindrücke mit ein, die er bei der Recherche durch persönliche Gespräche mit Nachfahren, Besichtigung der Schauorte usw. gewonnen hat. Durch den sehr persönlichen Bezug gewinnt der Roman eine emotionale Tiefe und zieht den Leser in seinen Bann. Auch im Buch selbst wirft der Autor die Frage auf, ob er das Recht hat, sich selbst zu erwähnen, da er normalerweise gar nicht zu spüren ist - vor allen Dingen in biografischen Werken, in denen es nicht um den Autor selbst geht. Der Mut, den David Foenkinos,hier bewiesen hat, hat mich nachhaltig beeindruckt. 

    Starke Protagonistin, starker Autor!

    Ganz klare Leseempfehlung von mir.   

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    Buecherschmauss avatar
    Buecherschmausvor 3 Jahren
    Charlotte Salomon - Malerin

    David Foenkinos wählt einen ganz persönlichen Zugang zum Leben der 1943 in Auschwitz ermordeten jüdischen Malerin Charlotte Salomon.
    Durch eine Ausstellung deren Werks "Leben? Oder Theater?", die er zufällig besucht, ist er tief beeindruckt, ja geradezu besessen nicht nur vom künstlerischen Schaffen, sondern auch vom tragischen Leben Salomons.
    1917 in Berlin in großbürgerlichen Verhältnissen geboren, steht ihr Leben unter keinem sehr glücklichen Stern. Als sie acht Jahre alt ist, bringt sich ihre Mutter um. Eine Tatsache, die der kleinen Tochter nicht verraten wird, man spricht von einer schweren Grippe. Ist der Selbstmord in dieser Familie doch wie ein böser Fluch. Bereits die Schwester, der Onkel, die Tante haben ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt und sollten nicht die Letzten bleiben. Eine Lüge, um die Tochter zu schützen also.
    Zunächst wendet sich auch alles zum Guten. Der Vater findet in der berühmten Sängerin Paula eine neue Frau und diese ist Charlotte sehr zugetan. Auch diese liebt und bewundert sie. In deren Gesangslehrer Alfred Wolfsohn findet sie als junge Frau eine erste, ein wenig einseitige Liebe.
    Doch die Zeiten sind gegen sie. Bereits sehr früh emigrieren die Großeltern nach Südfrankreich. Doch Albert Salomon und seine Frau Paula wollen das Land trotz zunehmender Repressalien und Bedrohungen nicht verlassen. Es ist ihre Heimat, der Spuk wird schnell vergehen. Wir kennen das. Billy Wilder soll gesagt haben: »Die Optimisten kamen nach Auschwitz, die Pessimisten nach Beverly Hills.«
    Charlotte gelingt es wegen ihrer Begabung und dank Fürsprechern noch 1935 in die Kunstakademie aufgenommen zu werden. Öffentliche Anerkennung bleibt ihr aber versagt.
    Nach der Verhaftung des Vaters in Folge der Reichspogromnacht 1938 und seiner Internierung in Sachsenhausen, der er nur durch intensive Bittgesuche seiner Frau, die auch in der neuen Regierung noch ihre Bewunderer hat, entgehen kann, wird Charlotte, die noch minderjährig ist und keinen Pass benötigt, zu den Eltern nach Südfrankreich geschickt. Hier verlebt sie kurz eine schöne Zeit, bevor das Schicksal erneut zuschlägt. Kriegsbeginn, Selbstmord der Großmutter, kurzzeitige Inhaftierung mit dem Großvater im französischen Internierungslager Gurs, Besatzung der bisher Freien Zone durch Deutschland und Italien, Tod des Großvaters. Noch einmal tut sich ein kleines Fenster zum Glück auf, als Charlotte in einem wahren Schaffensrausch ihr einzigartiges Werk "Leben? Oder Theater?" schafft - fast 1000 Gouachen, ergänzt mit Texten und Musikanweisungen, "Ein Singespiel", das ihr ganzes Leben nacherzählt, und 1943 den österreichischen Flüchtling Alexander Nagler heiratet und von ihm schwanger wird. Doch sie wird denunziert und gleich nach ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet. Im fünften Monat schwanger und gerade einmal 26 Jahre alt.
    Soweit die gut dokumentierten Fakten über ihr Leben.
    Doch wie geht David Foenkinos mit diesem Material um?
    Er ist von Charlotte Salomons Schicksal tief berührt, von ihrer Person und ihrem Schaffen nahezu besessen. "Charlotte, mon obsession." sagt er einmal selbst. Ein sachlich biografischer Ansatz ist von daher ausgeschlossen. Aber auch ein fiktionalisierter Roman scheint ihm unangemessen.
    Er schafft daher eine ganz eigene Form. Er erzählt in Hauptsätzen, gibt ihnen je eine Textzeile und setzt das Ganze wie eine Art Prosagedicht.
    Eine zunächst recht ungewohnte Erzählweise, der leicht etwas Maniriertes anhaften könnte.
    Zugleich geht er ganz nahe an seine Protagonistin heran, schlüpft in sie hinein, okkupiert sie geradezu. Das hat etwas Heikles und hin und wieder wird es auch zu viel und grenzt ein wenig an Anmaßung. Sätze wie "Charlotte seufzt." oder auch Schilderungen ihrer Liebesbeziehungen oder letztlich auch der Gang in die Gaskammern Ausschwitz.
    Über weite Teile funktioniert das Ganze aber, sowohl bezüglich der Erzählperspektive als auch des Stils. Auch dass David Foenkinos den Leser am Recherche- und Schreibprozess teilhaben lässt, ist interessant.
    Charlotte Salomons Leben berührt. Das Buch macht neugierig auf diese fast unbekannte Künstlerin und ihr spannendes Werk. Ich habe sehr viel nachgeschlagen und mich in "Leben? Oder Theater?" vertieft, dass komplett online einzusehen ist. Und damit ist sie ein Stückweit dem Vergessen entrissen. Kein kleines Verdienst dieses Romans.

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    YukBookvor 3 Jahren
    Leben? Oder Theater?

    So hieß eines der bedeutendsten Werke der Malerin Charlotte Salomon. Der französische Schriftsteller David Foenkinos war so überwältigt von diesem gemalten Theaterstück sowie von ihren übrigen Gemälden, dass er den Drang verspürte, ein Buch über sie zu schreiben. Er begab sich auf Spurensuche der in Berlin geborenen und in Ausschwitz ermordeten Künstlerin, bereiste die Orte, an denen sie gelebt hatte, unter anderem Villefranche-sur-Mer bei Nizza.

    Seine literarische Annäherung an die Malerin in seinem Buch "Charlotte" ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Zum einen ist es fast in Gedichtform geschrieben. Jeder Satz beginnt in einer neuen Zeile und verdichtet die Handlung, dass man das Gefühl hat, kein Wort ist zu viel. Irritierend ist, dass im Laufe der Geschichte der Erzähler stellenweise ganz plötzlich in Erscheinung tritt und seine Spurensuche beschreibt. Den Einsatz dieser Stilmittel fand ich äußerst gelungen, da er deutlich macht, wie aufgewühlt und fassungslos er angesichts seiner Erkenntnisse und Entdeckungen über die Künstlerin war.

    So findet man in diesem Roman viele starke Momente, zum Beispiel als Charlotte bewusst wird, dass sie malen muss, um nicht verrückt zu werden, oder die immer wiederkehrende Sehnsucht nach ihrem Vater, der von seinen medizinischen Forschungen besessen ist und sie vernachlässigt. Umso intensiver entwickelt sich Charlottes Beziehung zu ihrer Stiefmutter Paula, einer begehrten Sängerin, die sie vergöttert und ganz für sich vereinnahmt. Bei der Schilderung der Naziherrschaft genügen einige kurze, prägnante Szenen, um das ganze Ausmaß des Grauens erahnen zu lassen. Auch das Liebesverhältnis zwischen Charlotte und dem Gesangslehrer Alfred Wolfsohn werden sehr eindringlich beschrieben.

    Eine sehr lesenswerte Biografie, die nicht nur zeitgeschichtliche Hintergründe, sondern auch die Seelenlandschaft der Malerin auf eindrucksvolle Weise erforscht. 

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    Arbutusvor 3 Jahren
    Starkes Portrait einer Künstlerin

    Ein sehr bewegendes Buch. David Foenkinos hat einen biographischen Roman über die jüdische Künstlerin Charlotte Salomon geschrieben. Sie entdeckt ihre Berufung als Künstlerin, als es eigentlich schon zu spät ist - als die Nazis den Juden bereits sämtliche Bildungsmöglichkeiten untersagt haben. Aber für die junge in sich gekehrte Charlotte macht die Kunstakademie dank ihrer außergewöhnlichen Begabung zunächst eine Ausnahme.
    Charlotte ist ein komplizierter Mensch; ihre Gefühlswelt steht unter dem Stern eines düsteren Familiengeheimnisses, das man jahrelang vor der jungen Frau verborgen hat. All dies macht die Beziehung zu dem mindestens genauso komplizierten Gesangslehrer Alfred nicht gerade leichter, den sie abgöttisch liebt. Doch die beiden können nicht wirklich zu einander kommen. Wie ein dunkler Schatten liegen Kriegstrauma und Todesahnung über der Beziehung.

    Ein depressives Buch.
    Manche Dinge erschrecken mich beim Lesen.

    Alfred stürzt sich auf die Musik: um zu überleben.
    So wie eine Selbstmörderin sich in den Tod stürzt.


    Ich finde diesen Vergleich grenzwertig. Und doch so treffend an dieser Stelle. Aber in meinem Musikerherzen rebelliert alles dagegen. Und stellt die Frage nach der Legitimität, so etwas zu vergleichen. Auch wenn es allgemein in der Literatur nicht legitim ist, die Legitimität von irgendetwas infrage zu stellen.
    Aber man ist bereit, diesem Autor einiges zu verzeihen. Zu außergewöhnlich, ja begnadet ist sein Stil. Sätze wie Pinselstriche. Wie zufällig aufs Papier geworfen, und doch so passend, tief und präzise.
    Der Text ist gedruckt wie in einem Gedichtband. Dabei handelt es sich um Prosa. Dadurch wirkt es weniger wie eine Erzählung, sondern wie unmittelbar Erlebtes.
    Der Autor durchbricht die Erzählung gelegentlich durch plötzliche Gegenwart-Einschübe, in denen er von seinen Recherche-Fahrten berichtet. Die davon Zeugnis geben, wie nah er sich an die Fersen seiner Protagonistin geheftet hat. Und wie mühsam und schmerzvoll diese Suche ist.

    Das Buch handelt von dem Hass, der die Macht ergreift, von Flucht und Exil, von Überlebenswillen und Hoffnungslosigkeit, von Liebe und Angst. Von kleinen Lichtblicken in einer dunklen deutschen Vergangenheit, gezeichnet aus dem spannenden Blickwinkel eines unvoreingenommenen Franzosen. Und von einer hierzulande nahezu unbekannten genialen Künstlerin, die es wert ist, wiederentdeckt zu werden.

    Das Buch bekommt von mir fünf Sterne; dennoch spreche ich keine uneingeschränkte Leseempfehlung aus. Sensible Menschen, die zu Melancholie und Depressionen neigen, lassen möglicherweise besser ihre Finger davon. Allen anderen sei die Lektüre aber wärmstens ans Herz gelegt!

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    Gespräche aus der Community zum Buch

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    DVA_Verlags avatar
    Liebe Lovelybooker,

    die herzzerreißende, wahre Geschichte einer talentierten jungen Frau, erzählt von einem französischen Bestsellerautor … fühlt ihr euch angesprochen? Dann freuen wir uns über eure Bewerbung für die Leserunde zum neuen Roman von David Foenkinos,  „Charlotte“. Ihr dürft dann noch vor allen anderen lesen – das Buch erscheint nämlich erst am 31. August!
    Um eines der 15 Freiexemplare könnt ihr euch bis zum 5. August bewerben, wenn ihr uns Folgendes verratet: Welcher Roman mit einer wahren Geschichte hat euch bisher am meisten bewegt?

    Worum geht’s in dem Buch?

    „Das ist mein ganzes Leben“ – mit diesen Worten übergibt Charlotte 1942 einem Vertrauten einen Koffer voller Bilder. Sie sind im französischen Exil entstanden und erzählen, wie sie als kleines Mädchen, damals im Berlin der 1920er, nach dem Tod der Mutter das Alleinsein lernt, während sich ihr Vater, ein angesehener Arzt, in die Arbeit stürzt. Dann die Jahre, in denen das kulturelle Leben wieder Einzug hält bei den Salomons. Die Stiefmutter ist eine berühmte Sängerin; man ist bekannt mit Albert Einstein, Erich Mendelsohn, Albert Schweitzer. Charlotte beginnt zu malen, und es entstehen Bilder, in denen dieses einzelgängerische, verträumte Mädchen sein Innerstes nach außen kehrt, Bilder, die von großer Begabung zeugen. Doch dann ergreift 1933 der Hass die Macht, es folgen Flucht, Exil, aber auch Leidenschaft und Heirat. Nur ihre Bilder überleben – Zeugnis ihrer anrührenden Geschichte, die David Foenkinos nahe an der historischen Realität entlang erzählt.

    Wer ist der Autor?

    David Foenkinos, 1974 geboren, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Paris. Seit 2002 veröffentlicht er Romane, darunter den Millionenbestseller „Nathalie küsst“, der von Foenkinos selbst (zusammen mit seinem Bruder Stéphane) mit Audrey Tautou und François Damiens in den Hauptrollen verfilmt wurde. Seine Bücher werden in rund vierzig Sprachen übersetzt. Sein neuer Roman, „Charlotte“, wurde 2014 mit dem Prix Renaudot und dem Prix Goncourt des lycéens ausgezeichnet und hat sich allein in Frankreich rund eine halbe Million Mal verkauft.

    Wir freuen uns auf eine angeregte Diskussion mit euch! Eine Leseprobe und weitere Infos zu Buch und Autor findet ihr hier.

    Viele Grüße!

    Karin vom DVA-Verlagsteam
    orfe1975s avatar
    Letzter Beitrag von  orfe1975vor 3 Jahren
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