David Foster Wallace Der bleiche König

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Inhaltsangabe zu „Der bleiche König“ von David Foster Wallace

Der letzte Roman von David Foster Wallace, dem »Besten seiner Generation« In seinem letzten, posthum erschienenen Roman vollbringt David Foster Wallace das Kunststück, auf gar nicht langweilige Weise über den langweiligsten Arbeitsplatz der Welt zu schreiben: die amerikanische Steuerbehörde. Mit der ihm eigenen sprachlichen Brillanz nähert sich David Foster Wallace in diesem nachgelassenen Roman seinem Thema: Was macht strukturelle Langeweile aus einem Menschen? Als Claude Sylvanshine nach Peoria in Illinois an die IRS, die amerikanische Bundessteuerbehörde, versetzt wird, trifft er dort auf Kollegen, die mit der tagtäglichen, unüberwindbaren Monotonie ihrer Arbeit und somit ihres Lebens kämpfen. Welche Lebensgeschichten führten dazu, dass jemand mehr oder weniger freiwillig einen solchen Beruf ergreift? Der Roman erschien in den USA drei Jahre nach Wallace' Tod und wurde zum gefeierten Bestseller. In ihm zeigt David Foster Wallace noch einmal sein ganzes Können - die unübertroffene Originalität seiner Sujets, die sprachliche Präzision, der sezierende Blick auf die Unzulänglichkeiten menschlicher Gesellschaft und der immer präsente Humor. »Einer der schrägsten, traurigsten und eindringlichsten Romane, die ich je gelesen habe« The Guardian »Atemberaubend brillant, lustig, unerträglich und elegisch« The New York Times »Wallace bestechendster Roman« Time

Unvergleichlich amüsant sein Stil. Aber nicht leicht zu lesen. Viele Fußnoten (und Fußnoten in Fußnoten!) und lang konstruierte Sätze.

— hurenkind
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  • Der bleiche König als Essay

    Der bleiche König
    schmundt

    schmundt

    05. November 2013 um 15:07

    § 9 VORWORT DES AUTORS Autor hier. Also der reale Autor, der echte Mensch, der den Bleistift führt, keine abstrakte narrative Instanz. Zugegeben, manchmal taucht in Der bleiche König eine solche Instanz auf, aber dabei handelt es sich fast immer um ein konventionelles Pro-forma-Konstrukt, eine juristische Person… (….) Aber jetzt möchte ich, dass Sie diesen Haftungsausschluss lesen und sich klarmachen, dass der besagte Anfangssatz »Die in diesem Buch beschriebenen Figuren und Ereignisse …« auch für dieses Vorwort des Autors gilt. Anders gesagt, dieses Vorwort wird vom Haftungsausschluss als ebenfalls fiktiv definiert,… (….) Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass ich solche oberschlauen selbstreferenziellen Paradoxa ebenfalls verdrießlich finde – oder jedenfalls jetzt, wo ich über dreißig bin – und dass dieses Buch mitnichten ein pfiffiger, metafiktiver Tittenkneifer ist. (….) Denn wie jedermann bewusst oder unbewusst weiß, besteht zwischen dem Autor eines Buchs und seinem Leser immer eine Art unausgesprochener Vertrag, und die Klauseln dieses Vertrags hängen von bestimmten Codes und Gesten ab, die der Autor zum Einsatz bringt, um dem Leser zu signalisieren, mit was für einem Buch er es zu tun hat, ob es also erfunden… (….) Hinzu kommt die autobiografische Tatsache, dass ich damals wie so viele andere unzufriedene junge Spacken davon träumte, ein »Künstler« zu werden, also jemand, der als Erwachsener etwas Originelles und Kreatives tun und keinem öden Drohnenjob nachgehen würde. Mein Traum war, dermaleinst ein unsterblicher Großschriftsteller à la Gaddis, Anderson,.. (….) Im Grunde genommen war ich der Ansicht, dass mein Unternehmen zwar Elemente enthielt, die bei Lichte besehen als Anstiftung oder Beihilfe zur Entscheidung eines Klienten verstanden werden konnten, gegen den universitären Ehrenkodex zu verstoßen, dass diese Entscheidung aber ebenso wie ihre praktische und moralische Rechtfertigung aufseiten des Klienten lag. Ich übernahm gegen Honorar gewisse freiberufliche Schreibaufgaben; warum bestimmte Studenten bestimmte Essays von bestimmter Länge zu bestimmten Themen brauchten und was sie mit ihnen anfingen, nachdem ich sie ihnen ausgehändigt hatte, das ging mich nichts an. Der Hinweis möge genügen, dass diese Sicht vom Rechtsausschuss der Universität Ende 1984 nicht geteilt wurde. (….) Bedenken Sie, dass der durchschnittliche Vorschuss des Autors einer Autobiografie im Jahr 2003 fast zweieinhalbmal so hoch war wie der eines Belletristikautors. Die schlichte Wahrheit ist, dass ich wie auch viele andere Amerikaner in den Konjunkturschwankungen der letzten Jahre Rückschläge erlitten habe, und diese Rückschläge erfolgten genau zu der Zeit, in der meine finanziellen Verpflichtungen durch mein Alter und die höheren Verantwortlichkeiten anstiegenAnmerkung; derweil haben alle möglichen US-amerikanischen Schriftsteller – die ich teilweise persönlich kenne, darunter einen, dem ich tatsächlich noch im Frühjahr 2001 Geld für seine schieren Lebensunterhaltskosten leihen musste – in letzter Zeit mit Autobiografien große Knüller gelandetAnmerkung, und ich wäre ein verlogener Heuchler, wenn ich behaupten wollte, ich wäre nicht genauso orientiert auf und empfänglich für die Kräfte des Marktes wie der Rest der Welt. (….) 1985 war ein Krisenjahr für das amerikanische Steuerwesen und für die Durchsetzung des US-amerikanischen Steuerrechts durch den Internal Revenue Service. In jenem Jahr kam es, kurz gesagt, nicht nur zu grundlegenden Veränderungen im operativen Mandat des Service, sondern auch zum Höhepunkt eines vertrackten, innerhalb des Service ausgefochtenen Kampfs zwischen Fürsprechern und Gegnern eines zunehmend automatisierten und computerisierten Steuersystems. Aus komplexen administrativen Gründen wurde das Regionalprüfzentrum Mittlerer Westen einer der Schauplätze, an denen diese Schlacht in ihrer entscheidenden Phase ausgetragen wurde. Aber das ist nur die halbe Geschichte. Wie oben schon in einer Fußnote angedeutet wurde, verbarg sich in diesem operativen Gefecht menschlicher vs. digitaler Vollstreckung des Steuerrechts ein tieferer Konflikt (….) Damals wie heute wussten bzw. wissen nur sehr wenige Amerikaner von all dem. Genauso unbekannt sind die tief greifenden Veränderungen, die der Service Mitte der 1980er durchmachte, Veränderungen, die unmittelbare Auswirkungen darauf haben, wie die steuerlichen Verpflichtungen amerikanischer Bürger heute festgelegt und durchgesetzt werden. Der Grund für diese Unkenntnis der Öffentlichkeit ist keine Geheimniskrämerei. Der IRS kann zwar auf eine gut dokumentierte Geschichte der Paranoia und Öffentlichkeitsscheu zurückblickenAnmerkung, aber diese Angelegenheit hatte nichts mit Geheimniskrämerei zu tun. Der wahre Grund, warum US-Bürger sich dieser Konflikte, Veränderungen und Positionen weder bewusst waren noch sind, ist darin zu suchen, dass das gesamte Thema der Steuerpolitik und -verwaltung so stumpfsinnig ist. Massiv und spektakulär stumpfsinnig. Die Bedeutung dieser Tatsache kann man gar nicht hoch genug ansetzen. Versetzen Sie sich mal in die Perspektive des Service, und überlegen Sie, welche Vorteile eine stumpfsinnige, arkane und todlangweilige Komplexität hat. Der IRS gehörte zu den ersten Bundesbehörden, die die Erfahrung machten, dass solche Eigenschaften einen gegen Proteste der Öffentlichkeit und Widerstand der Politik abschirmen und dass abstruser Stumpfsinn ein weit effizienterer Schutzschild als Geheimniskrämerei ist. Der große Nachteil der Letzteren ist nämlich, dass sie interessant ist. Die Leute werden von Geheimnissen angezogen; sie können ihnen einfach nicht widerstehen. Vergessen Sie nicht, dass Watergate in dem Zeitraum, um den es hier geht, erst zehn Jahre her war. Hätte der Service versucht, seine Konflikte und inneren Erschütterungen zu verschweigen oder zu vertuschen, hätten geschäftstüchtige Journalisten eine Enthüllungsgeschichte schreiben können, die eine Menge Aufmerksamkeit, Interesse und skandalösen Rummel nach sich gezogen hätte. Dazu kam es aber nicht. (….) Eigentlich interessant ist für mich zumindest im RückblickAnmerkung die Frage, warum sich Stumpfsinn als eine so unüberwindliche Hürde für die Aufmerksamkeit erweist. Warum schrecken wir vor dem Stumpfsinn zurück? Vielleicht liegt es daran, dass Stumpfes an und für sich schmerzhaft ist; vielleicht ist hier auch der wahre Kern von Wendungen wie »todlangweilig« oder »unerträglich öde« zu finden. Es könnte aber mehr dahinterstecken. Vielleicht assoziieren wir Stumpfsinn mit psychischem Schmerz, weil Stumpfes oder Schleierhaftes nicht genug Anreiz bietet, um uns von einem anderen, tieferen Schmerz abzulenken, der uns immer begleitet, und sei es nur auf unterschwellige Weise, auf dessen geflissentliches Nichtzurkenntnisnehmen die meisten von unsAnmerkung praktisch all ihre Zeit und Energie verwenden oder das wir zumindest nicht allzu genau wahrnehmen wollen. (….) es muss doch etwas dahinterstecken, dass heute nicht mehr nur Muzak an stumpfsinnigen und öden Orten allgegenwärtig ist, sondern dass es jetzt Fernsehen in Wartezimmern, an Supermarktkassen, Flugsteigen und auf Rücksitzen von SUVs gibt. Walkmen, iPods, BlackBerries, Handys, die man am Kopf befestigt. Die Angst vor der Stille, von der uns nichts ablenkt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass noch irgendjemand ernsthaft glaubt, in unserer »Informationsgesellschaft« ginge es um Informationen. (….) ….dass der Stumpfsinn für lebende Menschen kein Thema ist. Der Teil des Lebens, der stumpfsinnig ist und sein muss. Warum dieses Beschweigen? Vielleicht liegt es daran, dass das Thema an und für sich stumpfsinnig ist … nur beißt sich das Argument dann in den Schwanz, und das ist ermüdend und verdrießlich. Meiner Meinung nach steckt mehr dahinter … weitaus mehr, direkt vor unseren Augen, aber seiner Größe wegen verborgen. * * * Zunächst ein Geständnis, ein kleines, schmutziges Geheimnis: Ich befürchte, David Foster Wallace gefällt mir als Essayist besser denn als Romanautor. Das bemerke ich beim Lesen von Kapitel 9. Hier stellt sich bei mir die euphorische Staunen ein, wie ich es immer wieder bei seinen Artikeln erlebe. Diese Mischung aus Beobachtung, Analyse und paradoxen Schlüssen, die die Welt nicht auf Formeln zusammenschrumpfen lassen, sondern die Alltagsbeobachtungen um etliche Dimensionen erweitern. Falls man “Der bleiche König” als Schlüsselroman lesen will, bietet Kapitel 9 zwei Schlüssel: Der Roman und seine Form ist selbst der Zentralmetapher unterworfen: Dem Rechts- und Steuersystem der USA. Und zweitens: Die Langeweile als Geheimwissen, Verschwörung zweiter Ordnung. Die Langeweile als Strategie, wie das Steuersystem sich der Beobachtung und Analyse entzieht. Nach dem Lesen von Kapitel 8 erscheint mir das Vorangegange eher als Einstimmung. Nun geht es ans Eingemachte. Spoiler Alert: Der David Wallace in Kapitel 9 ist eine teilweise fiktive Figur. Er deutet das mit dem selbstreferenziellen Paradox an, dass der Disclaimer sich auch auf alle Versicherungen der autobiografischen Authentizität beziehen. Aber Wallace hat nie für die Steuerbehörde gearbeitet, wenn ich das richtig verstanden habe. Mit diesem Kapitel sehe ich plötzlich die Romanfiguren, die bislang vorgestellt wurden, in ganz anderem Licht: Als Beispielstories zur Ausschmückung und Illustration eines der spannendsten Themen des Romans: Das Steuersystem als ausgelagertes Gewissen einer postreligiösen Gesellschaft, die die Moral wie ein Profit-Center auslagert an eine Behörde. Und diesen Sachverhalt geschickt kaschiert durch eine der wirkungsvollsten PR-Strategien der Neuzeit: Nicht Storytelling, Drama, Charisma als Propagandamethode. Sondern das genaue Gegenteil: schmerzhaft langweilige Details zum Kaschieren eines zentralen Geheimnisses. Mit Kapitel 9 vollzieht meine Lektüre von “Der bleiche König” eine 180-Grad-Drehung: Ich sehe plötzlich den Roman als eine Ansammlung von novellenhaften Fußnoten zu einem großartigen Essay. Kleine Pointe: Selbst das von mir als ärgerlich unfertig wahrgenommene Kapitel 8 kann ich unter diesem Blickwinkel fast als stimmig lesen: Die formalen Schwächen, die ich in den Wortdoppelungen und stilistischen Verrenkungen (biblische Sprache, altmodische Inversionen) lassen sich aus der Perspektive von Kapitel 8 auch lesen als Beispiele für die Ghostwriter-Aufträge, die der Romanautor “David Wallace” angeblich einst im College für seine reichen, faulen Mitstudenten schrieb? Stay tuned. http://derbleichekoenig.de/der-bleiche-koenig-als-essay/

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