Natürlich ist David Graeber nicht auferstanden, um ein neues Buch zu schrieben. Doch der Nachlass Grabers ist umfangreich und wird durch Nika Dubrovsky seit dem Tod Grabers gesichtet.
In diesem Werk sind 18 Texte Grabers zusammengestellt, die eine breite Schau auf sein Denken und seine Thesen kompakt ermöglichen, die die Lektüre der Kernwerke Graebers nicht unnötig machen, sondern vielmehr motivieren, sich diese Gedanken und die daraus folgenden Argumentationen noch einmal oder erstmalig in Gänze vor Augen führen zu wollen. Denn Graeber ist es immer, Zuhörer und Leser und Leserinnen verblüfft vor der schlüssigen Einfachheit seiner Erkenntnisse zurückzulassen und dennoch das System, in dem die Welt zu hohen Teilen lebt (und als gegeben oder in sich stimmig voraussetzt), kritisch zu hinterfragen und aus seinen Beobachtungen ganz andere Schlüsse zu ziehen, als man vorher als „so ist es eben“ gedacht hätte.
Das dies mit seiner eigenen Prägung, vor allem durch den Vater, zu tun hat, davon kündet direkt als erster der versammelten Texte ein sehr persönliches Interview. Das aber, natürlich bei Graber, nicht nur persönliche Erinnerungen enthält, sondern umgehend vor Augen führt, dass „Finanz“ nur ein anderes Wort für „anderer Leute Schulden“ ist. Und schulden, sobald sie aufgenommen werden, das Verhältnis in Gläubiger und Schuldner und damit „Herr“ und „Abhängiger“ unterteilt. Ein System, das nicht zufällig oder „richtigerweise“ dann im Raum steht, sondern eine gezielte Strategie im Hintergrund erkennen lässt, für „die Wenigen“ die Güter immer mehr wachsen zu lassen und diese dafür „den Vielen“ mit allen möglichen lauteren und unlauteren Mitteln „abzunehmen“.
„Die Art, wie wir über die Finanzindustrie reden, hat fast gar nichts mit unseren tatsächlichen sozialen Beziehungen und erst gar nichts mit Klassenverhältnissen zu tun“. Eine Art des Redens und Denkens über die Finanzindustrie, die Graber intensiv richtig zu rücken versteht.
Das es eben sehr wohl um eine „Klassenunterteilung“ und die Herrschaft einer bestimmten Klasse geht.
Was auch in diesem Kompendium über dann die Aufhellung des Hintergrunds von „Bullshit-Jobs“, die Gründe, warum soziale Berufe eher wenig materille Entlohnung erhalten, hin zu einer „Kultur der kreativen Ablehnung“, eine durchaus ernstgemeinte Aufforderung zum „Ernst-Nehmen“ eines anarchischen Gesellschaftsansatzes hin zu Anstößen für ein eigenes, offenes Denken auch „außerhalb des bestehenden Systems“ im Verlauf der Lektüre bietet.
„Was bringt es, wenn es keinem von uns Spaß macht?“, ist dabei eine Frage, die nicht nur das eigene Hamsterrad reflektieren möchte, sondern auch die Blicke darauf lenkt, dass es so etwas natürlich nur dann in dieser breiten Ausprägung und je vehement verteidigt gibt, weil es eben einflussreichen Kreise tatsächlich „viel“ bringt.
Von vorne bis hinten eine gehaltvolle Form, sich dem Denken und den Schlüssen Graebers in breiter Übersicht zu nähern.





















