David Lagercrantz

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Auf einen Tagtraum mit...

David Lagercrantz löste in seinem Heimatland Schweden einen nationalen Skandal aus, als 2015 bekannt wurde, dass er mithilfe von Stieg Larssons hinterlassenem Teilmanuskript dessen herausragende Millennium Saga fortführen wird. Nach Teil 4, "Verschwörung", der mittlerweile verfilmt wird, erschien im Herbst 2017 der fünfte Band "Verfolgung", in dem endlich verraten wird, warum Lisbeth Salander ihr berühmtes Drachen Tattoo hat. Wir haben ihn für euch in München getroffen und mit ihm übers Schreiben, Träumen und Zlatan Ibrahimovic gesprochen...

Kära David, trevligt att träffas! Was ist dein Lieblingsgetränk beim Schreiben?

Zunächst einmal benötige ich meinen Morgenkaffe. Ich benötige eine ganze Menge Kaffee zum Aufwachen. Ich schreibe häufig früh am Morgen und dann über den Tag verteilt in kurzen Intervallen. Dazwischen lege ich Pausen ein und glaube, dass diese Pausen wichtiger sind, als man denkt. Es gibt sogar Studien, dass zu lange Konzentrationsphasen deine Kreativität vermindern können. Beim Schreiben stoße ich immer wieder auf Probleme oder Stellen, an denen es hakt. In den Pausen arbeitet mein Unterbewusstsein weiter an der Lösung dieser Probleme und so habe ich manchmal die besten Ideen, wenn ich gerade nicht schreibe.

Wie können wir uns deinen Schreibprozess und deine Pausen vorstellen?

Normalerweise habe ich die Grundidee natürlich bereits, bevor ich anfange zu schreiben. Aber dann gibt es Situationen wie heute. Ich habe eine kleine Erkältung aus England mitgebracht und mich hingelegt, um etwas zu schlafen. Ich habe in meinem Kopf seit längerem ein kleines Schreibproblem mit mir herumgetragen und plötzlich kam mir eine Idee und diese werde ich mit nach Hause nehmen und aufschreiben. Wenn ich schreibe, arbeite ich sehr sorgfältig mit dem Rhythmus und der Sprache, sogar umso sorgfältiger, je älter ich werde. Ich feile wirklich gründlich am Stil und spiele damit, Worte und Sätze wegzulassen, so dass ich den richtigen Rhythmus für meinen Text finde, um ihn so effektiv wie möglich zu gestalten. Für mich steht beim Schreiben wirklich die Sprache im Mittelpunkt. Schreiben ähnelt hierbei sehr der Musik, ich muss den Rhythmus spüren, einen Takt und den Fluss der Worte und Laute. Wenn ich nicht gerade eine Erkältung habe, gehe ich viel spazieren und treibe viel Sport und dabei kann ich wunderbar tagträumen. Dann kehre ich mit einer Menge Ideen zurück an den Schreibtisch.

Wo findest du die Inspiration für deine Thriller?

Das Problem an Krimis und Thrillern ist, dass eigentlich schon fast alles geschrieben wurde. Von daher beginne ich stets damit, mich vom Genre zu entfernen und finde meine Inspiration ganz woanders, zum Beispiel in der Wissenschaft. Die Idee für mein erstes Buch der Millennium Saga, "Verschwörung", kam mir, als ich mich mit Autismus beschäftigt habe und anschließend der Frage, wie man diese Thematik in einen Krimi einbringen kann. Bezüglich meines neuen Buches "Verfolgung" möchte ich gar nicht viel spoilern. Aber ich habe mich in die Wissenschaft rund um Zwillinge eingelesen und Genetik und mit der Frage, was uns kreiert, beschäftigt? Sind es die Gene oder das soziale Umfeld?

Was ist das schönste Feedback, das du von Lesern erhalten hast?

Mir ist es sehr wichtig, Feedback durch Leser immer gut zuzuhören. Ich kann schwer sagen, was das schönste Feedback ist, da ich versuche, immer zuzuhören und es als Schriftsteller sehr wichtig finde, nicht zu selbstsicher zu werden. Ein Geheimnis eines guten Schriftstellers ist, gut zuhören zu können, den Lesern ebenso wie den Lektoren und Kritikern. Es ist immer wichtig, offen zu sein, auch für Kritik. Denn die daraus resultierenden Zweifel sind ebenso wichtig wie die eigene Vision. Für mich gilt immer: Zuhören, zweifeln, schreiben, nochmals schreiben. Manchmal stelle ich bei Lesungen deshalb sogar selbst Fragen an das Publikum.

Du hast schon unter anderem mit Zlatan Ibrahimovic seine Biografie geschrieben, historische Romane und eben Thriller. Gibt es ein Genre darüber hinaus, das dich reizt?

Ehrlich gesagt, möchte ich alles schreiben, was mich voranbringt. Literatur sollte wie Liebe sein. Man sollte seiner Leidenschaft folgen. Ich habe gemerkt, dass ich mich als Autor weiterentwickle, wenn ich neue Herausforderungen annehme. Mein historischer Roman über Alan Turing war zunächst eine enorme Herausforderung für mich, aber ich habe innerlich für diese Geschichte gebrannt. Mit Zlatan Ibrahimovic war es wiederum eine ganz neue Erfahrung. Auf einmal hatte ich ein Gegenüber. Er hat einen großartigen Selbsthumor. Er hat die Aufgabe sehr ernst genommen und wir haben eine bewegende und tiefgründige Reise in seine Vergangenheit unternommen. Ich glaube, das war auch für ihn eine wahnsinnige Erfahrung, wie wir gemeinsam seine Geschichte ergründet haben und der Frage nachgegangen sind, wie er zu dem Menschen wurde, der er heute ist. Für mich als Autoren war es eine spannende Erfahrung, beim Schreiben ein gegenüber zu haben, mit jemandem zusammenzuspielen. Und so nahm auch meine Arbeit an der Millennium Saga und ihren Anfang, indem ich spürte, dass ich am besten bin, wenn ich mit jemand anderem zusammenspiele, in dem Fall Stieg Larsson. Von daher denke ich, dass es mich als Autor am meisten nach Vorne bringt, wenn ich ein ganz neues Gebiet erobern muss.

Hast du ein Lieblingswort?

Es gibt Worte, die ich besonders gerne benutze. Das Problem ist, dass ich dann irgendwann an den Punkt komme, dass ich fühle, dass ich ein neues Wort brauche. Ich muss also immer wieder neue Lieblingswörter in neuen Kontexten entwickeln. Ein Wort, das ich von der Bedeutung her sehr liebe, ist "Reminiszenz", es hat einen tollen Rhythmus und steht für eine kurze Erinnerung an etwas Früheres. Darüber hinaus mag ich Wörter, mit denen ich einen komplexen Zusammenhang kurz auf den Punkt bringen kann.

Welchen Job würdest du gerne für einen Tag ausüben?

Mein ursprünglicher Traum war es, Schauspieler zu werden. Meine Schwester ist Schauspielerin und ich habe eine Schauspielschule besucht. Aber wenn ich nur einen Tag hätte, hätte ich vielleicht einfach gerne einen Tag frei. Ich wäre einfach ein Schauspieler an einem freien Tag.

Prokrastinierst du machnmal?

Natürlich. Die ganze Zeit! Wir haben das verdammte Internet, Herrgott nochmal! Ich schreibe bereits extra an einem Computer, der nicht mit dem Internet verbunden ist. Aber das ist auch nicht so klug, da mein verbundener Computer ganz in der Nähe ist. Mein größtes Talent liegt wirklich nicht in der Konzentration. Aber, wie ich schon sagte, in den Pausen kommen mir bisweilen die besten Ideen.

Kannst du uns und den LovelyBooks Nutzern eine gute Fernsehserie empfehlen?

Unbedingt "The Crown". Ich empfehle die Serie aus zwei Gründen. Erstens, weil es eine absolut brillante BBC Produktion ist und zweitens, weil es die Serie schafft, einen für diese Zeit zu begeistern. Man beginnt tatsächlich, die Charaktere der Serie zu googeln und sich immer mehr in diese Zeit einzulesen. Was mich persönlich besonders freut, ist, dass ich verraten kann, dass wir die Schauspielerin der Queen Elizabeth II. in der Serie, Claire Foy, als neue Lisbeth Salander für die Verfilmung von "Verschwörung" gewinnen konnten.

Kannst du uns schon verraten, wann der Film in die Kinos kommt?

Er wird gerade gedreht und ist für Herbst 2018 geplant. Ich kann schon einmal verraten, dass er eine vollkommen neue Adaption ist und nicht an die anderen Millennium Filme anknüpfen wird.

Wir sind immer auf der Suche nach neuen Buch Tipps. Gibt es ein Buch, das du besonders gern verschenkst?

Da gibt es wirklich viele. Aber eins, das mir besonders am Herzen liegt, ist "Erklärt Pereira" von Antonio Tabucchi. Und dann sind da noch die Erzählungen von Jorge Luis Borges und "Du hast das Leben noch vor dir" von Romain Gary, das er noch unter dem Pseudonym Emile Ajar veröffentlicht hat. Das sind drei wunderbare Bücher für den Anfang.

Wohin sollten wir unbedingt einmal reisen und welches Buch sollte uns als Reiselektüre begleiten?

Das ist eine spannende Frage. Ich bin mir nicht sicher, ob man wirklich an den Ort fahren sollte, an dem das Buch spielt, das man gerade liest. Denn das ist doch die Schönheit der Bücher, dass man an zwei Orten gleichzeitig sein kann. Ich habe soeben Borges erwähnt. Seine Werke spielen in Südamerika und gehen ins Fantastische über. Ich habe sie im Frühjahr in Paris gelesen. Aber grunsätzlich würde ich sagen: Fahr an einen Ort, den du liebst, und lies ein Buch, das du liebst.

Apropos fantastische Literatur: Welches Tier wärst du?

Ich liebe die Fantasy Bücher von Philip Pullman. In diesen heißt es, dass jeder Mensch ein inneres Tier hat, eine Art Dämonen, der Teil von einem ist. Ich habe darüber mit meinen zwei kleinen Kindern gesprochen und festgestellt, dass ich ein Chamäleon wäre, das seine Gestalt ändern kann. Wir haben so viele verschiedene Tiere in uns, manchmal möchte ich unabhängig sein wie eine Katze und dann wieder so loyal wie ein Hund. Und manchmal möchte ich fliegen können wie ein Vogel.

Gibt es etwas, was du gerne können würdest?

Ich glaube, alle Künstler wie Schriftsteller und Maler beneiden Musiker. Ihre Kunstform ist so direkt. Wenn ich etwas schreibe, kann man das natürlich lesen, aber erst anschließend. Musik ist so wunderbar direkt. Ich wäre also wahnsinnig gerne ein Virtuose. Vielleicht würde ich mich für das Klavier entscheiden, oder die Gitarre. Ja, ich denke, die Gitarre ist noch besser, weil ich sie immer mitnehmen könnte.

Hast du eine heimliche Leidenschaft?

Das ist ein bisschen peinlich, da ich ja eigentlich den Anspruch habe, ein bildender Künstler zu sein. Aber ich liebe Happy Endings, vor allem je älter ich werde. Meine heimliche Leidenschaft ist es also, romantische Komödien mit einem banalen Happy End zu schauen.

Gibt es einen Buchcharakter, den du gerne treffen würdest, und was würdet ihr gemeinsam unternehmen?

Ich beschäftige mich jetzt so lange mit Lisbeth Salander, dass ich sie wahnsinnig gerne treffen würde. Gleichzeitig glaube ich, dass ich ein wenig Angst vor ihr hätte und furchtbar nervös wäre, weil sie so introvertiert, leise und brillant ist. Dann gibt es noch William von Baskerville aus Umberto Ecos "Der Name der Rose", der eine Anlehnung an die Figur des Sherlock Holmes darstellt, aber freundlicher ist als dieser. Das Buch gehört zu meinen Lieblings-Kriminalgeschichten und ist voller Wissen. Vielleicht würde ich ihn gerne treffen, denn er ist ähnlich brillant wie Lisbeth Salander. Und wenn man jemanden trifft, der brillant ist und dazu noch nett, wird man selbst brillant. Oder vielleicht nicht brillant, aber zumindest klüger. Ich würde dann gerne meine Ideen mit ihm besprechen.

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