David Markson Wittgensteins Mätresse

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Inhaltsangabe zu „Wittgensteins Mätresse“ von David Markson

Die Künstlerin Kate hält sich für den letzten Menschen auf Erden. Doch gab es sie wirklich - jene Apokalypse, die nur sie allein verschont hat? Oder ist Kate wahnsinnig? Die Künstlerin Kate hält sich für den letzten Menschen auf Erden. Doch gab es sie wirklich - jene Apokalypse, die nur sie allein verschont hat? Oder ist Kate wahnsinnig? In einem Strandhaus an einer unbekannten Küste dokumentiert eine Frau ihre Suche nach den Überlebenden einer namenlosen Katastrophe, durchforstet ihre Erinnerung an Kunstwerke, Bücher und Artefakte einer untergegangenen Zivilisation. Und während Kate rastlos über den Globus reist, in den größten Museen der Welt übernachtet und an den verlassenen Monumenten unserer Kultur umherstreicht, entspinnt sich wie nebenbei eine irrwitzige Geschichte der westlichen Welt: von Homer, der womöglich eine Frau war, über Aristoteles' Lispeln bis zu Rembrandts rostbrauner Katze, von Guy de Maupassants Abneigung gegenüber dem Eiffelturm zu Brahms' Abneigung gegenüber Kindern. Doch dann und wann, tief verborgen zwischen den Zeilen, scheint eine Trauer auf, die vermuten lässt, dass Kates Geschichte womöglich eine ganz andere ist.

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  • Aus der Zeit gefallen oder: "Die Welt ist alles, was der Fall ist."

    Wittgensteins Mätresse
    HeikeG

    HeikeG

    20. May 2013 um 15:19

    "Was für eine außerordentliche Veränderung stattfindet ..., wenn erstmals die Tatsache ins Bewusstsein dringt, dass alles davon abhängt, wie eine Sache das erste Mal gedacht wird, wenn, in der Folge, Denken in seiner Absolutheit eine augenscheinliche Wirklichkeit ersetzt." Dieser Gedanke von Sören Kierkegaard könnte als Leitmotiv für das Buch des1927 in Albany geborenen und 2010 in New York verstorbenen Autors der Postmoderne stehen. Denn David Marksons lässt den Leser an einem ungewöhnlichen Denkprozess seiner Protagonistin teilhaben. Sie denkt sich eine Welt, die irgendwie aus der Zeit fiel, neu. Der Roman entpuppt sich als Aufzeigung von Möglichkeiten, nahezu unerschöpflichen Möglichkeiten. Zeit ist dabei unbedeutend und einen festen Ort gibt es gleichfalls nicht. "Wittgensteins Mätresse" - auch dies ein Gedankenspiel - ist die Wiedererschaffung und Belebung der Welt, mittels Benennung derselben. "Bedeutet aus der Zeit gefallen wahnsinnig, oder bedeutet aus der Zeit gefallen einfach vergessen?", fragt sich die 47-jährige, vielleicht auch 50-jährige Kate, ehemalige Künstlerin, Malerin, die offensichtlich völlig allein auf der Welt zu sein scheint. Kein Lebewesen. Nichts. Man erfährt nur, dass sie einen Mann hatte und einen Sohn. Aber beide sind tot, gestorben in Mexiko. Wo ist der Rest der Menschheit? Starb das gesamte Leben? Warum blieb nur sie übrig? Was war passiert? "Bestimmt ist die Wirklichkeit verändert. Eines Morgens wachst du auf, und jede Farbe hat aufgehört zu existieren." Suchend bewegt sie sich durch die ganze Welt, hinterlässt in riesigen Blockbuchstaben Botschaften auf Kreuzungen, um zu signalisieren, dass sie lebt. Dass es noch Leben gibt. Doch niemand erhört sie. Querfeldein fährt sie mit den zurückgelassenen Reliquien einer ehemaligen Zivilisation durch die absolute Lebensleere, übernachtet in den großen Museen der Welt, im Metropolitan, im Louvre, in der Tate Gallery, im Rijksmuseum, den Uffizien, der Eremitage, dem Prado. Die Rahmen der berühmten Gemälde verbrennt Kate, um sich im Winter warm zu halten, die Bilder jedoch nagelt sie wieder sorgfältig an die Wand. Ihre Odyssee durch verlassene Orte gleicht einem einzigen großen Schauen nach... Ja, nach wem oder was eigentlich? "War es wirklich eine andere Person, die ich so dringend entdecken wollte, bei all jenem Schauen, oder war es nur meine eigene Einsamkeit, die ich nicht ertragen konnte? Beim Wandern durch dieses unendliche Nichts." Ein Strandhaus, das offensichtlich in Springs-East Hampton, New York, liegt ("Jackson Pollock ist mit seinem Auto in einen Baum gekracht, von dem Ort, wo ich in diesem Augenblick sitze, nicht mehr als zehn Minuten mit dem Lieferwagen entfernt, am elften August 1956"), wird ihre scheinbar letzte Herberge. Hier tippt sie ihre Gedanken in eine Reiseschreibmaschine. Und kommt zur überraschenden Erkenntnis, "dass sie paradoxerweise praktisch ebenso allein gewesen ist, bevor all das passiert war, wie sie es jetzt war." Schon einmal las ich ein Buch mit einem ähnlichen Geschehen: Thomas Glavinics "Die Arbeit der Nacht". Während der österreichische Autor erkundet was der Mensch ist, wenn keine Menschen mehr da sind und herausfindet, dass fortschreitende Langsamkeit töten kann, lotet Markson, dessen Buch bereits 1988 in den USA erschien, die Möglichkeiten einer Weltenneuschreibung anhand der Kunst und der Reduzierung des Ichs auf sein Selbst aus. In den endlosen Gedankenmäandern und sich wiederholenden Monologen seiner Protagonistin, die einem zunächst recht schwerverdaulich oder schwerfällig vorkommen mögen, die sich jedoch mit jeder Seite verfeinern und einen zunehmenden Sog erzeugen, liegt eine große, tiefe Wahrheit und Klugheit. Warum das Buch erst jetzt, von Sissi Tax übrigens formidabel übersetzt, seinen Weg in den deutschsprachigen Raum gefunden hat, bleibt ein großes Rätsel. Hat Marksons Text doch eine derart fesselnde Intensität, die ihresgleichen sucht. Kate, die auf ihrer langen Odyssee durch die Welt sich zwar fast allen Gepäcks entledigt hat, dem "Gepäcks im Kopf" jedoch nicht entfliehen kann, grübelt über endlos viele Dinge nach, bildet hunderte Querverbindungen, leitet ab und wieder her. Ein scheinbares Wirrwar, ein immer wiederkehrender Fitz in einem aufgewickelten Wollknäuel, der versucht wird, zu entwirren und sich dabei immer mehr zu verheddern scheint. Das was nach außen dringt wirkt zunächst wie unzusammenhängende Verworrenheiten. "Obgleich unzusammenhängende Verworrenheiten hin und wieder bekannt dafür geworden sind, als die Grundbefindlichkeit des Dasein zu gelten. Vermutet man." Homers Ilias ist immer wieder Gegenstand ihrer Betrachtungen. Hinzu kommen viele Maler und Philosophen. Nietzsche, van Gogh, Modigliani, Rembrandt, Brahms, Picasso, Sappho, John Ruskin und natürlich Wittgenstein werden immer wieder unterschiedlichsten, beinahe absurden Betrachtungen unterzogen. Letztendlich bleibt die große Frage: Sind unsere Alltagswahrnehmung von Vielfalt und Bewegung vielleicht doch nur bloßer Schein? Vielleicht stellt sich Marksons Mätresse nur die Frage, "die ihr Herr und Geliebter auf dem Papier nicht stellt: Was wäre wenn irgendwer wirklich in einer tractatusierten Welt leben müsste?" (Anm.: Der Tractatus logico-philosophicus ist das erste Hauptwerk Wittgenstein), wie David Foster Wallace bei einem Versuch der Deutung des Romans überlegt. Fazit: "Zusätzlich dazu, dass man sich an Dinge erinnert, von denen man nicht weiß, wie man sie erinnert, scheint man auch Dinge zu erinnern, von denen man keine Ahnung hat, woher man sie jemals wusste". "Wittgensteins Mätresse" ist ein Buch wie ein Spiegel. Und was dieser Spiegel widerspiegelt ist auch unser Selbst, ein Bildnis unserer Welt. Oder vielleicht doch nur deren Fälschung? Eines wird nach der Lektüre allerdings deutlich klar, dass die Vergangenheit selbst immer kleiner ist, als man geglaubt hatte." Und die von Kate gelegten Spuren offensichtlich kein Weg sind und möglicherweise gar absichtlich in die Irre gelegt wurden. Denn "nichts bezieht sie auf etwas, also bezieht sie alles auf alles, das ihr zur Verfügung steht, und das ist eben: alles." (Elfriede Jelinek) Einfach nur großartig!

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