David Motadel

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Rezension zu "Für Prophet und Führer: Die islamische Welt und das Dritte Reich" von David Motadel

Ein detailliertes und wichtiges Werk zur Zeitgeschichte!
Manuel_Deinertvor einem Jahr

Der Titel macht neugierig. Muslime haben für ihren Glauben UND Hitler gekämpft? Wie kam es dazu? Was trieb Muslime dazu? Und war das überhaupt vereinbar mit der Herrenrassen-Ideologie? Auf diese und noch viele weitere Fragen geht der deutsche Geschichtsprofessor MOTADEL ein.

In akribischer Feinarbeit durchforstete MOTADEL über 30 Lokal- und Nationalarchive in 14 Ländern und trug Handzettel, Tagebücher, NS-Unterlagen, Aufzeichnungen von Radiosendungen und etliches mehr zusammen. So entstand ein umfassendes Bild darüber, welchen Aufwand das NS-Regime unternahm, Muslime als Verbündete zu gewinnen.

Das Buch unterteilt sich in drei Abschnitte:

1. Muslime in der Kriegspolitik
2. Muslime in den Kriegsgebieten
3. Muslime in der Armee

Im ersten Kapitel ergründet MOTADEL die Ursprünge der westlichen Islampolitik. Die Kolonialzeit und der erste Weltkrieg werden beleuchtet und es wird erklärt, weshalb sich die westliche Politik überhaupt mit dem Islam befasste. Wieso spielte die Religion eine Rolle für Briten, Franzosen, Deutsche, Russen und Amerikaner? Antwort: durch die Instrumentalisierung des Islam sollten Muslime aufgerufen und mobilisiert werden, die jeweiligen kolonialen Besatzungstruppen im Kampf gegen einen gemeinsamen Feind zu unterstützen.

Diese Politik wiederholte und intensivierte sich dann im 2.Weltkrieg, als der Krieg sich auf den Balkan, den Nahen Osten und Nordafrika ausweitete. MOTADEL beschreibt, welch Aufwand das NS-Regime betrieb, um sich mit Hilfe von Handzetteln, Radiosendungen und Zugeständnissen bei der muslimischen Bevölkerung als Befreier von den Kolonialherrschern darzustellen.

Er stellt fest, dass diese Vorgehensweise rein taktische Gründe hatte. Hitler konnte allein mit deutschen Soldaten kein so großes Gebiet beherrschen und an allen Fronten zugleich kämpfen.

Im zweiten Kapitel erläutert MOTADEL die Vorgehensweise, die (vorgeschobenen) Begründungen Hitlers, nämlich die gemeinsamen Feinde: Juden, Bolschewisten und die Kolonialmächte. Von all dem wollte er die muslimischen Länder befreien. Der Islam mit seiner kriegerischen Natur kam Hitler dabei sehr gelegen. Viele Aufzeichnungen sprechen dafür, dass Hitler den Islam gar verehrte und ihn dem Christentum vorzog, weil der Islam Disziplin und Gehorsam verlangt und vor allem ein erstrebenswertes Paradies für gefallene Muslime verspricht.

MOTADEL gibt Einblicke in die Vorgehensweise: Respekt und Toleranz den Muslimen gegenüber, Wiedereinführung von Feiertagen und Religionsfesten – all das, was die Kolonialherrscher verboten oder versäumt hatten.

Im letzten Kapitel beschreibt MOTADEL den kriegerischen Alltag der Muslime, die in der Wehrmacht und der SS kämpften. Er nennt Beweggründe der Muslime, die meist nicht religiöser, sondern sehr pragmatischer Natur waren: Geld, Nahrung, Schutz der Familien, Entfliehen von Gefangenenlagern.

Und er nennt Gründe, weshalb trotz der Mühen die Islampolitik scheiterte: es gibt nicht DEN Islam. Es gibt unter den weltweiten Muslimen keine Einheit. Und nicht bei allen war das Religionsgefühl gleichstark ausgeprägt – und viele durchschauten die billigen Versuche Hitlers doch sehr schnell.

MOTADEL malt ein umfangreiches Bild über die Vorgehensweise der Nazis und der Reaktionen der Muslime. Es ist sehr detailliert und mit manchem s/w Foto geschmückt. Für meinen Geschmack wiederholt er sich dabei aber all zu oft, so dass man oftmals das Gefühl hat, ganze Abschnitte schon einmal gelesen zu haben. Natürlich ist das auch dem Umstand geschuldet, dass die Nazis in vielen Gebieten gleichsam vorgegangen sind. Dennoch: beim dritten ausführlichen Bericht über einen judenfeindlichen Handzettel, diverse Verhaltensanweisungen für Soldaten und einer propagandistischen Radiosendungen geht mir allmählich die Puste aus. Hier wäre weniger mehr gewesen. Vielleicht wäre es an manchen Stellen ratsam gewesen, statt eines mehrseitigen, durchgehenden Fließtextes mal eine kleine stichwortartige Zusammenfassung zu geben. Aber gut, es ist ein Fachbuch und kein SACHBUCH.

Am Ende beschreibt MOTADEL noch die amerikanische Islampolitik während des Kalten Krieges und der Neuzeit. Das ist sehr interessant, weil man durch die vorangegangene Lektüre plötzlich viel besser versteht, wie es soweit kommen konnte und wie die Islampolitik während der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts zum heutigen Erstarken des Islam und dem von ihm ausgehenden Terror führte.

FAZIT: ein sehr umfangreiches, höchst interessantes Werk, dem an manchen Stellen eine Kürzung gut getan hätte.


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