Mit „Herz aus Stern“ versucht sich der deutsche Anime-Youtuber Nino Kerl, bekannt als Ninotaku erstmals als Autor eines Fantasybuches. Um die Hörbuchvariante dieses Erstlings, gesprochen von Synchronsprechergröße David Nathan, soll es in diesem Text gehen.
Hauptfigur des Buches ist die siebenjährige Su. Sie fühlt sich von ihrer Mutter vernachlässigt und weint eines nachts in ihrem Zimmer, als ihre Tränen von der Weltraumpiratenkatze Neko Neko für Diamanten gehalten werden und diese das Kind nach einigen Verhandlungen mit auf ihr Piratenschiff nimmt. Dort ist die Katze der Ausguck und wir lernen die anderen Hauptfiguren Kennen: Hachi der Hund ist Steuermann, Q-MA der Roboterbär ist Smutje und Aison der Löwenmensch ist Kapitän. Nachdem Su prompt in die Crew aufgenommen wurde, macht man sich daran, das Geheimnis der überall in der Milchstraße verschwindenden Sterne zu lösen.
So viel zumindest zur Theorie. In der Praxis erscheint die Aufgabe nicht allzu geheimnisvoll oder auch nur interessant, was an mehreren Problemen liegt. Das erste davon:
Der Spannungsbogen ist nichtexistent. Die Charaktere stolpern von einem Ort zum anderen und erhalten durch Deus ex Machina überall den Hinweis, wo sie als nächstes hinmüssen. Eventuell auftretende Schwierigkeiten werden in kürzester Zeit ohne Anstrengung gelöst. Gerade (Mary) Su wird in diesem Zusammenhang als für eine Siebenjährige überkompetent dargestellt. Sie hat für jedes Problem nahezu sofort eine Lösung parat und kann und weiß Dinge, die ihrem Alter absolut nicht entsprechen, zum Beispiel die genaue Tonfrequenz um Glas zu brechen nebst Anleitung, wie das zu erreichen ist. Ihren Kameraden wird jeweils eine bis zwei Situationen gegönnt, in denen sie glänzen können, ansonsten sind sie reine Stichwortgeber für das überbegabte Mädchen. Das hat auch mit dem zweiten Problem zu tun:
Alle Charaktere außer Su und Aison sind eindimensionale, uninteressante Schablonen. Selbst ihre Crewmitglieder werden auf jeweils genau eine Eigenschaft reduziert: Die Katze ist griesgrämig und der Hund ein stets gut gelauntes Plappermaul. Der Bär kocht und ist treu. Dies sind die einzigen Charaktereigenschaften, die Kerl ihnen zugesteht und die sie in jeder Szene ausleben, was auch zu sich auf ähnliche Art ständig wiederholenden Dialogen führt. Bei den Nebenfiguren setzt sich das Problem fort, dazu kommt, dass die Sätze von manchen von ihnen immer auf einem bestimmten Laut enden. So hängt ein Zug an jeden Satz ein „Tschu Tschu“ an, der Bösewicht ein „Klipp Klipp“. Ein Engel ruft nach jedem Satz „Heilig Heilig“. Das bringt mich zum dritten Problem des Buches:
Kerl verwendet eine Sprache, die er sicher als künstlerisch ansieht, die es aber mit fortschreitender Dauer schwer macht, das Buch zu hören oder zu lesen. Besonders deutlich kann man das an der immer weiter ausufernden Verwendung von Alliterationen erkennen. Werden sie anfangs noch häufig, aber vertretbar oft eingestreut, wird später jeder Ausdruck, bei dem das irgendwie möglich ist, in eine Alliteration gezwängt. Beispiele wären „Morast der Milchstraßen-Mysterien“ oder „Sie stellte stolz strahlend das kryptische Kunstwerk zur Schau“. Der Zuhörer bekommt den Eindruck, dass der Autor, nachdem er dieses Stilmittel verstanden hatte, wahnsinnig stolz auf sich war und es nun möglichst oft verwenden musste. Weitere Beispiele sind die laut Buch milchstraßentypischen Redewendungen („Hera hab Dank und Dank sei Dein“, „Vergib und vergiss, ich bitte dich“), die aber auch so unnatürlich oft verwendet werden, dass die gesamte Sprechweise der Figuren künstlich wirkt. Ihre Sprache ist ein Mischmasch von Deutsch, sehr praktisch für Su, und der Sprache des „Alten Volkes“. Das Alte Volk waren anscheinend raumfahrende Japaner, schließlich sind fast alle Lehnwörter aus dem Japanischen entnommen. Damit komme ich zum vierten Problem:
Auch viele der Charaktere und Konzepte sind anderen Werken entnommen. Animefans werden fast die Hälfte der Nebenfiguren aus anderen Werken wiedererkennen, ein weiteres Drittel wurde verschieden Erdmythologien entlehnt. Auch die Bewohner der Milchstraße sind alle Menschen, Tiere oder Hybride daraus. So wirkt das gesamte Buch wie eine Fanfiction aller möglichen Werke, die dem Autor in den letzten Jahren gefallen haben, in der eigene Ideen jedoch rar bleiben.
David Nathan liest das Buch souverän und mit vielen unterschiedlichen Stimmen. Seine gute Leseleistung kann dieses Buch jedoch auch nicht davor retten, mit zunehmender Dauer immer schwerer anzuhören zu sein.
„Herz aus Stern“ möchte ein unterhaltsamer Fantasyroman sein und scheitert daran umfassend. Es ist langweilig zu hören, die Charaktere sind uninteressant, die Welt zusammengeklaut und die Sprache anstrengend. Ich kann nur jedem davon abraten, Zeit in dieses Buch zu investieren.








