Fazit
Dem rein (populär)wissenschaftlichen Anteil würde ich 5 Sterne geben, dem politischen Anteil jedoch eher 2.
Die 5 Sterne ergeben sich daraus, dass die Erkenntnisse über unsere Vergangenheit für mich komplett neu waren und mir eine neue Sichtweise eröffnet haben. Wie glaubhaft diese Erkenntnisse sind,weiß ich nicht, ich habe die Quellen nicht überprüft, kann mir aber auf Grund unserer Kultur gut vorstellen, dass zuvor einiges absichtlich übersehen wurde und zumindest überdacht werden sollte. Es hat tatsächlich Spaß gemacht die Vergangenheit zu besuchen und festzustellen, dass auch unsere Vorvor…..fahren schon sehr reflektiert gewesen sind. Natürlich finde ich es schade, dass ich die Vorstellung von der utopischen Jäger und Sammler - Gesellschaft aufgeben muss, aber ich kenne lieber die Fakten und entwerfe mir auf Grund dessen eine neue Utopie (hehe (-;), als einfach den Teil zu ignorieren, der mir nicht gefällt.
Die zwei Sterne für den politischen Anteil ergeben sich einmal aus der Art und Weise, wie er im Buch eingebracht wird. Man muss nämlich wirklich von einem Anteil reden, da die eigene Meinung der Autoren wild in den Text gemischt wird. Statt die eigene Meinung zu kennzeichnen und sinnvoll zu begründen, wird eher nach dem Motto gearbeitet, dass die sinnvoll wirkende Kritik an der mit der Historie beschäftigen Arbeit anderer Anthropologen und Archäologen, nahelegt, dass die Folgerung der Autoren für unsere aktuelle Zeit genau so gut belegt ist. Zwar handelt es sich bei der politischen Meinung eben um die eigene Meinung, sodass ich mir da kein Urteil erlaube, aber es fehlt mir an einer glaubhaften Begründung (was ich unten noch erläutere). Das ist schade, denn die Feststellung, dass es schon sehr früh große Städte gegeben hat, die dezentral organisiert waren und sozialen Wohnungsbau betrieben und trotzdem lange friedlich existiert haben, ist auch für die heutige Zeit sehr interessant.
Letztendlich halte ich die Vorteile des Buches (neue Sichtweise) für deutlich wichtiger als die Nachteile (schlecht eingestreute Politik), sodass ich auf gute 4 Sterne komme.
Für wen geeignet, für wen nicht
An sich würde ich behaupten, dass dieses Buch für jeden historisch Interessierten ein Gewinn ist, da es alte Funde durch die Vermischung von Anthropologie und Archäologie zu neuen Erkenntnissen verknüpft. Wenn die Erkenntnisse, die die Autoren gewinnen, tatsächlich korrekt sind, dann müsste auch der Schulstoff überarbeitet werden. Allerdings muss ich dabei hinzufügen, dass man auch mit der eingestreuten politischen Meinung zurecht kommen sollte, und diese halte ich in einiger Hinsicht für extrem, sodass viele daran Anstoß nehmen könnten. Wenn man die eingestreuten Hinweise jedoch überlesen kann um dann seine eigenen Schlüsse zu ziehen (die allerdings je nach Lesart wirklich jedem politischem Spektrum ein Argument in die Hand gibt), dann halte ich dieses Buch für wirklich wertvoll.
War es gut zu lesen
Ich habe mir das Ebook gegönnt und es auch nicht bereut. Es sind zwar zwei bis drei Karten im Buch enthalten, die in einem Ebook natürlich nicht so gut dargestellt sind, aber ansonsten fand ich es doch sehr viel besser lesbar als den Schinken, den das Buch im Hardcover darstellt. Die Anzahl der Seiten ist im Ebook jedoch variabel, was ich etwas seltsam finde. In Adobe Digital Editions hat das Buch 1000 Seiten, wobei die ersten 700 Seiten den eigentlichen Inhalt darstellen, auf meinem Ebook-Reader hat es > 1200 Seiten, von denen 900 den eigentlichen Inhalt darstellen. Auf jeden Fall habe ich mich gut gefühlt, dass ich die 900 Seiten in ein paar Tagen durch hatte (-;
Es fällt mir schwer dieses Buch zu beurteilen. Einerseits habe ich schon lange kein Sachbuch mehr mit einem solchen Tempo gelesen, weil ich immer wissen wollte, was es noch zu überdenken gibt. Andererseits hatte ich das Gefühl, dass es keinen wirklichen roten Faden gibt und die Autoren vor allem gegen andere Wissenschaftler austeilen wollten.
Für den rein wissenschaftlichen Anteil würde ich volle 5 Sterne geben. Zwar habe ich selbst weder Vorwissen in der Archäologie noch in der Anthropologie und kann somit auch nicht beurteilen wie revolutionär die Ansichten wirklich sind. Mein Schulwissen entspricht allerdings dem, was die Autoren als überholt bezeichnen: Erst die egalitären Gruppen von Jägern und Sammlern, dann die neolithische Revolution mit der Entwicklung von Patriarchat, Monarchie und z.B. auch Sklavenhandel und am Ende die Entwicklung der Demokratie.
Auch wenn die Autoren selbst zugeben, nicht alle Interpretationsmöglichkeiten in Betracht gezogen zu haben, finde ich ihre eigene Interpretation der gegeben Artefakte sehr gelungen. Demnach gab es nie eine gerechte Ursprungsgesellschaft, sondern auch zu Zeiten der Jäger und Sammler schon viele verschiedene soziale Strukturen, die z.T. sehr gerecht waren, z.T. aber auch grausam und ungerecht. Das Jagen und Sammeln war dabei für die Menschen viel attraktiver als die anstrengende und zeitaufwendige Landwirtschaft, sodass die Einführung der Landwirtschaft keine Erfindung war, die sich in kurzer Zeit auf der Erde verbreitet hat, sondern sich über Jahrtausende entwickelte und z.T. selbst von landwirtschaftlich geprägten Gesellschaften ganz wieder aufgegeben wurde. Außerdem begründen die Autoren glaubhaft, dass viele frühere Kulturen sehr wohl über ihre eigene Gesellschaft reflektiert haben und sich bewusst für oder gegen bestimmte Lebensweisen entschieden haben.
Ein Schwerpunkt der Autoren liegt auf den indigenen Gemeinschaften Nordamerikas, denn gerade dort zeigt sich, dass die Europäer eine sehr einseitige und überhebliche Sicht auf ihre eigene Kultur hatten (und haben). Natürlich konnten die Europäer, die ihre fleißige Eroberung damit begründet haben, sie müssten die Zivilisation verbreiten, nicht einsehen, dass die indigene Bevölkerung möglicherweise viel reflektierter und überlegter war als ihre eigene Bevölkerung. Und den wichtigsten Personen einer Monarchie fällt es wohl schwer einzusehen, dass eine gerechtere Gesellschaft sehr wohl möglich ist und keineswegs dazu führen muss, dass die Bevölkerung in den Zustand einer ungebildeten Affenhorde zurückfällt.
Aber auch unserer heutigen (westlichen?) Gesellschaft werfen sie vor, zu kurzsichtig zu sein, und absichtlich bestimmte Interpretationsmöglichkeiten von Funden zu ignorieren. Insbesondere führen sie dafür Beispiele für Städte auf, die durchaus demokratisch (nicht nur Griechenland mit ihrem hohen Anteil an Sklaven) oder sogar dezentral organisiert waren und über Jahrhunderte scheinbar friedlich existiert haben.
An genau dieser Stelle komme ich aber zu meinem größten Kritikpunkt: die Autoren vermischen meiner Meinung nach ihre eigene Haltung zu sehr mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Es hätte mich nicht gestört, wenn sie aus ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen Lehren für die heutige Zeit ziehen. Auch wenn ich mit ihrer eigenen anarchistischen Sichtweise nicht immer übereinstimme, wird wohl keiner behaupten, dass es nichts zu verbessern gäbe. Es passt sogar gut zum Buch, denn was ich vor allem mitgenommen habe, war, dass es nötig ist, seinen Horizont zu erweitern, sich selbst in Frage stellen zu können und Alternativen zumindest in Betracht zu ziehen. Allerdings kennzeichnen sie ihre eigene Meinung nicht, sondern nutzen scheinbar sogar die Kritik an anderen Archäologen oder Anthropologen dazu, ihre eigene politische (!) Meinung zu unterstützen (nach dem Motto: ich habe Ihnen jetzt diese grandiosen Erkenntnisse im Bereich der Archäologie geliefert, da muss meine Haltung zu aktuellen politischen Themen doch richtig sein).
Auch mit dem Inhalt dieser Meinung stimme ich nicht komplett überein. Ja, ich würde mich als eher „links-grün-versifft“ betrachten, denn ich halte Kapitalismus ganz und gar nicht für die Antwort auf alle Fragen und halte einen sozialen Staat für ganz und gar nicht überflüssig (Ausgleich von Nachteilen ist eben was anderes als Gleichheit). Auch wenn die eigene Meinung der Autoren nie explizit genannt wird, habe ich es doch so verstanden, dass sie unsere heutige Demokratie kritisieren (sind allerdings Amerikaner, ist ja noch was anderes als das deutsche System), weil sie einem die Freiheit nimmt und die falschen Personen an die Macht bringt.
Schon mit dem Freiheitsbegriff der Autoren habe ich aber so meine Probleme. Die Autoren nennen drei Grundformen der Freiheit: die Freiheit sich zu bewegen, die Freiheit Befehle zu missachten und die Freiheit soziale Beziehungen neu zu organisieren. Ob das so stimmt sei mal dahingestellt, aber was sie meines Wissens nach nie erwähnt haben, ist, dass Freiheit grundsätzlich dadurch beschränkt ist, dass man nicht alleine auf der Welt ist und auch durch Umweltbedingungen (zum Beispiel Gene) in seinen Möglichkeiten eingeschränkt. Wenn ich mir jetzt die einzelnen Aspekte der Freiheit der Autoren ansehe und ihre Beispiele in historischen Gesellschaften, dann fällt mir immer irgendein Punkt ein, an dem sich dies nicht eins zu eins auf unsere heutige Gesellschaft übertragen lässt. Denn dadurch, dass wir eine größere Anzahl an Menschen sind und zusätzlich noch viel stärker vernetzt sind, entstehen eben ganz andere Probleme. Vor allem die Aussage, dass die Entwicklung der Technik für die Entwicklung der Gesellschaft nachrangig ist, halte ich dabei für falsch. Das mag zum Beispiel für die Entwicklung der Abwassersysteme gegolten haben, die vor allem einen Komfort- und Gesundheitsvorteil geboten haben. Wenn ich mir aber die Entwicklung der Kommunikations- und Transportmittel ansehe, dann halte ich das sogar für essentiell, denn unserer heutiger Staat ist überhaupt nur möglich, weil wir so schnell über so weite Strecken kommunizieren können. Die Kulturen haben sich viel stärker aneinander angepasst und gleichzeitig fallen Kriege heute viel extremer aus. Die Anforderungen sind eben andere.
Als Musterbeispiel für Freiheit werden die Wendat genannt, die sich scheinbar nicht bereit fanden, sich irgendeiner Macht zu unterwerfen, weder ihren eigenen Hauptleuten, noch ihren Vätern. Und es soll auch keine Strafe gegeben haben, der sie sich unterworfen haben. Auch die Wendat hatten allerdings ein Justizsystem, bei dem Missetäter dadurch bestraft wurden, dass die gesamte Sippe oder Familie eine Kompensation zu leisten hatte, sodass es bei den Familien und Sippen lag, die eigene Verwandtschaft unter Kontrolle zu halten. Wie das wiederum ablief wird nicht genannt, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es immer perfekt funktioniert hat (auch damals wird es dominante und weniger dominante Persönlichkeiten geben haben). Allerdings stimme ich insofern mit den Autoren darin überein, dass heutzutage die persönlichen Beziehungen zu stark nachgelassen haben. Dass diese es sowohl einfacher machen, ein Justizsystem zu etablieren, das nicht vom unpersönlichen Staat geführt wird, wie auch präventiv zu arbeiten, kann ich mir gut vorstellen.
Dass die falschen Personen an die Macht gelangen, liegt meiner Meinung nach hingegen weniger am politischen System als an der Kultur, also daran, was die Menschen eines Landes glauben, was an einem Menschen bewundernswert ist. So hat Amerika, in dem scheinbar nichts so sehr verehrt wird wie finanzieller Erfolg, eben manchmal einen rücksichtslosen Geschäftsmann und Italien manchmal einen Macho an der Spitze (und die Deutschen humorlose Personen? … (-;).
Diesen Anteil des Buches würde ich eher mit zwei bis drei Sternen beurteilen, denn sie liefern meiner Meinung nach keine gute Analyse.
Durch die Vermischung all dieser verschiedenen Anteile hat mir oft der rote Faden gefehlt und es entstanden einige Längen. Da ich den wissenschaftlichen Anteil für wichtiger halte, gibt es dennoch 4 Sterne.
Hat es meinen Erwartungen entsprochen
Auch wenn ich das Buch alles in allem nicht so gut geschrieben fand, weil es viele Dinge vermischt und nicht zum Punkt kommt, hat es meinen Erwartungen mehr als entsprochen. Ich wollte meinen Horizont erweitern und das hat dieses Buch auf jeden Fall geschafft. Das Buch ist allerdings sehr anspruchsvoll in der Hinsicht, dass man wirklich alles in Frage stellen muss, was man glaubt zu wissen. Bei mir ist dadurch zum Beispiel die Gewissheit verloren gegangen, dass die Menschen in bestimmten Situationen grundsätzlich friedlich miteinander umgehen. Zwar scheint es zu stimmen, dass für Jäger und Sammler Sklaven keinen Sinn hatten, aber ansonsten scheinen sie nicht unbedingt friedliebender gewesen zu sein als wir. Ich habe immer gehofft, dass es einen natürlichen Hang zu Frieden unter den Menschen gibt, was unter diesen Gesichtspunkten natürlich falsch ist. Allerdings hat es auch zu jeder Zeit Systeme gegeben, die um einiges egalitärer waren als unser System, was zeigt, dass es vor allem wichtig ist, selbst zu fördern, was man für wichtig und richtig hält.
Auch wenn das Buch insofern anspruchsvoll ist, ist es mehr als lohnenswert es zu lesen. Es erweitert die Möglichkeit auch unsere Zukunft zu gestalten um ein Vielfaches.