Koontz startete spannend in „Der Wächter“ mit der Beschreibung eines über den Zaun zu dem Luxusanwesen des Hollywood-Schauspielers Chaning Manheim, genannt „Das Gesicht“, geworfenen schwarzen Pakets – darin ein zusammengenähter Apfel, dessen Inneres statt eines Kerngehäuses ein künstliches Auge barg.
Der Sicherheitschef Ethan Truman sezierte das bösartige Geschenk, wobei er direkt meine Sympathie erlangte. Die riesige Villa bot ein fabelhaftes Setting, zumal es mehrere zum Schmunzeln anregende eigensinnige Charaktere unter den Angestellten gab, welche allerdings eher am Rande vorkamen.
Auch der Hauseigentümer trat zu keiner Zeit persönlich auf, denn wie im Klappentext angedeutet, richtete sich das geplante Verbrechen gegen seinen Sohn Aelfric, bevorzugt mit Fric angesprochen, welcher von einem unbekannten Anrufer vor dem bevorstehenden Eindringen eines Molochs gewarnt wurde, weshalb er sich ein sicheres Versteck suchen solle.
Unterdes jagte Ethan mit seinem ehemaligen Polizeikollegen Hazard den Absender der schwarzen Geschenkboxen und grübelte gleichzeitig über seinen kürzlich verstorbenen Freund Dunny nach, alle Anzeichen deuteten nämlich darauf hin, dass er von den Toten auferstanden war …
Als Antagonisten verfolgte man den Anarchisten Corky bei seinem Versuch, möglichst viel Chaos in der Gesellschaft zu stiften. Rasch erfuhr man von seinen Plänen in Bezug auf das Anwesen des Hollywood-Schauspielers und von der Übereinstimmung seiner Figur mit der diffusen Bedrohung des Molochs.
In diesen drei Perspektiven – Fric, Ethan, Corky – lag die größte Schwachstelle des Romans: Er war deutlich zu langatmig. Humoristische Vergleiche kennt man von Koontz zur Genüge; hier gab es zu viel davon, zu wenig Spannung. Mitunter verlor sich die Geschichte in Geschwafel – vor allem für Corky hätte ich mir weniger Sprechzeit gewünscht.
Ich meine, als Leser hatte man nach dem ersten Kapitel des Ober-Fieslings kapiert, was für ein Typ er war, man brauchte wirklich keine zwanzig weiteren Beispiele seiner Grausamkeiten inklusive endlosen Herumphilosophierens. Fairerweise muss ich mich gleichwohl als Anti-Fan von Psychopatenperspektiven im Allgemeinen zu erkennen geben.
Trotz der geringen Spannung fand ich mit der Zeit großen Gefallen an der Atmosphäre (abseits der Corky-Kapitel): Die Villa, in der man immer wieder neue Bereiche oder Technologien kennenlernte. Fric, der für sein Alter überaus intelligente Hollywood-Sohn – heute würde man wohl „Nepo-Baby“ sagen –, der über alle Eventualitäten nachdachte und unter der Absenz seiner Eltern litt, während er Pläne für eine Zukunft in einem weniger abgehobenen Umfeld schmiedete.
Grandios wurde auf den Showdown hingearbeitet, was selbstverständlich zu hohen Erwartungen führte. Corkys akribisch geplantes Eindringen per Zeppelin las sich unglaublich spannend, das Finale selbst wirkte hingegen fast überhastet: (SPOILER) Anstatt einer Verfolgungsjagd durch das zuvor in allen Einzelheiten beschriebene Anwesen, wurde Frics Versteck im Treibhaus über die in der Villa installierten Bewegungsmelder sowie die E-Mail eines Angestellten sofort gefunden. Es folgte ein wenig Herumgeballere sowie das Auftreten von Ethans totem Freund Dunny, der diesen – wie vorher enthüllt – als sein Schutzengel vor dem Tod bewahrte.
Anschließend wurde näher auf diese Thematik eingegangen: Schon früher hatte man erfahren, dass die Schutzengel gewissen Regeln unterlagen, so zum Beispiel den ihrer Zielpersonen Nahestehenden nur indirekt helfen durften. Nun begleitete man Dunny nach Verrichten seines Dienstes in einen Aufzug zu Himmel und Hölle, wo Hannah, sein und Ethans ehemaliger, an Krebs verstorbener Schwarm, ihn ins Paradies geleitete. Dies war gleichermaßen interessant wie ein wenig abgehoben. Ich frage mich, inwiefern es Parallelen zu Koontz' früherem Roman „Der Schutzengel“ gibt.
Im letzten Kapitel erlebte man Fric und Ethan zusammen, Letzterer nun als eine Art Ersatzvater, vor der Ankunft des „Schattenpapas“. Sie wahrten über die übernatürlichen Hintergründe des Einbruchs in die Villa gemeinsam Schweigen, was sie näher zusammenschweißte. (SPOILER ENDE) Ein schöner Schluss, wie ich finde.
Fazit: „Der Wächter“ war zuweilen recht langatmig, dafür überzeugte mich der Roman mit seiner netten Atmosphäre und den Charakterdynamiken. Koontz-Fans werden ihn lieben.







































