Deirdre Bair, US-amerikanische Schriftstellerin, hat sich bereits mit Standard-Biographien über Anais Nin, Simone de Beauvoir, Simon Beckett oder Virginia Woolf einen Namen gemacht. 2003 veröffentlichte sie nun ein neues, 1166 Seiten starkes Opus, das wieder einmal mit an Perfektion grenzender Detailfülle den Leser regelrecht erschlägt – die Autorin soll für dieses Mammutwerk laut Klappentext lediglich 7 Jahre gebraucht haben (einfach bewundernswert). Gegenstand der Biographie ist Siegmund Freuds „Gegenspieler“, der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung. Ein Teil der Wissenschaft sehen Jung noch immer als geistigen Nachfolger Freuds; dem kann Bair allerdings Fakten entgegenhalten. Jung entwickelte im Laufe seines Lebens eigene Theorien und Modelle, die für das 20. Jahrhundert von entscheidender Wichtigkeit wurden. Die Autorin widmet sich jedoch neben den Ursprüngen und Entwicklungen seiner Psychologie dem Privatmann Jung. Sie beleuchtet sehr ausführlich, mit unendlich viel Quellenmaterial belegt und so dem Leser unglaublich plastisch geschildert das Leben Jungs: seine Ehe, seine jahrelange außereheliche Beziehung, sein schwieriges Verhältnis zu den eigenen fünf Kindern und seine ganz eigenen Probleme, sich in die bestehende Gesellschaft zu integrieren. Das Buch ist wohl mit Abstand das Beste, was seiner Art über C. G. Jung bisher erschienen ist; die aktuellste Literatur berücksichtigend und gleichfalls neue Quellen bearbeitend.
Deirdre Bair
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Deirdre Bair, bekannt geworden durch die Biographien über Simon Beckett und Simone de Beauvoir, hat sich in der vorliegenden Arbeit der Anais Nin (1903-1977) gewidmet. Nin ist wohl vielen insbesondere als produktive Tagebuchschreiberin und Autorin des „Delta der Venus“ bekannt. Daneben führte ein überaus unbeständiges Künstlerleben. Es war geprägt von ständig wechselnden Partnern, daneben war sie natürlich verheiratet; ihr Mann Hugo musste die Eskapaden der Ehefrau dulden, mit der Zeit fügte er sich immer besser in die Rolle eines bloßen Zuschauers. Sexuelle Kontakte hatte sie unzählige, entsprechende Fantasien auch; eine inzestuöse Beziehung zum eigenen Vater ist ebenfalls dokumentiert. Der bekannteste Namen unter ihren Liebhabern ist wohl der amerikanische Autor Henry Miller, mit dessen Frau June Anais gleichsam eine homosexuelle Beziehung einging. Zu persönlich-menschlichen Problemen, so schildert uns dies Deirdre Bair, hatte Anais Nin bereits in ihren Jugendjahren wenig Zugang: sehr ich-fixiert dachte sie lediglich ans ständige Schreiben und ihre sexuellen Eskapaden und wie sie aufkommende Bedürfnisse dieser Art schnell befriedigen konnte. Dass dazwischen immer wieder Schwangerschaften zu bewältigen waren, erschien nur als Randnotiz: die Kinder mussten auf dem schnellsten Weg wieder beseitigt werden, der Einsatz diverser Medikamente war dazu unerlässlich, eine gefühlskalte Einstellung ebenso. Allein vor ihrem 30. Lebensjahr „entledigte“ sie sich auf diese unemotionale Weise zweier Schwangerschaften. Nicht dass sie nicht ins Leben gepasst hätten wegen Geldmangel oder ähnlichen Sorgen - nein, es war einfach die Tatsache, dass sich Nin nicht um menschliches Leben in dieser Weise kümmern wollte. Ihr eigenes Leben war der Mittelpunkt allen Handelns und Denkens. Es zeigt sich hier ein sehr widersprüchlicher Charakter.
Meine bisherigen Kenntnisse über die Französin Anais Nin beschränkten sich auf ihren Klassiker „Das Delta der Venus“. Insoweit schrieb sie sicher Literaturgeschichte; Frauen, die erotisch-pornographischer Literatur schrieben, war bisher eine Seltenheit. So gesehen galt Anais Nin sicher als eine der Vorreiterinnen einer sexuellen Aufklärung und Emanzipation unter den weiblichen Autorinnen. Andererseits: der bohemehafter Lebenswandel, die starke Ich-Bezogenheit, die andererseits durch ständige Besuche diverser Psychoanalytiker behoben werden sollte (die z.T. ebenfalls ihre Geliebten wurden) hat etwas befremdliches, was die Genialität der kunstschaffenden Autorin m. E. relativiert.
Deirdre Bair, ehemalige Universitätsprofessorin und mittlerweile freie Autorin, schreibt in bewährt klarer, faktenreicher Qualität. Sie ist kritisch-hinterfragend, wo man die Autorin Nin reflektieren sollte; andererseits präsentiert sie in einer meisterlichen Materialfülle (nur übertroffen in ihrer C. G. Jung-Biographie) einen sehr ambivalenten Charakter. Auf diese Weise gelingt ihr einmal mehr eine einwandfrei-gute Biographie.
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