Mit "Badjens" erzählt Delphine Minoui eine Geschichte über weibliche Selbstbestimmung, Wut und Widerstand im Iran der Gegenwart. Der Roman erschien im Orlanda Verlag GmbH, übersetzt von Astrid Bührle-Gallet, und begleitet die sechzehnjährige Zahra, genannt Badjens, während der Proteste rund um „Frau, Leben, Freiheit“ im Herbst 2022. Auf einem Müllcontainer stehend, kurz davor ihr Kopftuch öffentlich zu verbrennen, blickt sie auf ihr bisheriges Leben zurück. Auf Unterdrückung, familiäre Kontrolle, Sehnsucht nach Freiheit und den Wunsch, endlich selbst über den eigenen Körper und das eigene Leben bestimmen zu dürfen.
Meine Meinung
Ich habe dieses Buch aufgrund des Umfangs innerhalb eines Tages gelesen. Die Sprache ist poetisch und sehr schön zu lesen. Während Badjens auf einem Müllcontainer steht und ihr Kopftuch verbrennt, entfaltet sich in Rückblenden Stück für Stück ihre Geschichte und mit ihr die Geschichte vieler junger Frauen im Iran. Die innere Zerrissenheit zwischen Angst und Widerstand kommt dabei sehr gut heraus. Badjens erzählt rückblickend von ihrer Kindheit, von Verboten und Demütigungen, aber auch davon, wie Social Media, Musik und westliche Popkultur ihr ein anderes Leben zeigen. Genau darin liegt für mich eine der zentralen Aussagen des Buches: Diese junge Generation kennt die Welt außerhalb der Grenzen des Regimes und lässt sich deshalb nicht mehr so leicht kontrollieren.
Dass der Roman auf Social-Media-Beiträgen und Interviews mit jungen Iranerinnen basiert, spürt man deutlich. Badjens wirkt nah an der Realität und macht die Dringlichkeit dieser Protestbewegung emotional greifbar. Gerade die Perspektive einer Jugendlichen funktioniert stark, weil sie die alltägliche Unterdrückung nicht abstrakt beschreibt, sondern körperlich erfahrbar macht: das Kopftuch, die Kontrolle über den weiblichen Körper, die Angst vor Blicken und Bestrafung.
Gleichzeitig hatte ich beim Lesen aber auch einen kleinen inneren Widerstand gegen die Darstellung der Familie. Obwohl mir bewusst ist, dass der Roman auf realen Erfahrungen, Social-Media-Beiträgen und Interviews basiert, wirkten viele männliche Figuren auf mich fast ausschließlich eindimensional grausam: der kontrollierende Vater, der privilegierte Bruder, der übergriffige Cousin. Mir fehlten hier teilweise Zwischentöne und differenziertere Charakterzeichnungen.
Dennoch verliert das Buch dadurch nicht seine Wirkung. Im Gegenteil: Die emotionale Kraft bleibt enorm. Vor allem, weil Minoui nie vergisst, dass hinter jeder politischen Bewegung Menschen stehen. In diesem Fall junge Frauen mit Sehnsüchten, Humor, ersten Lieben und dem Wunsch, einfach FREI leben zu dürfen.
Fazit
"Badjens" ist ein kurzer, intensiver Roman über weiblichen Widerstand, gesellschaftliche Kontrolle und die Sehnsucht nach Freiheit. Besonders empfehlenswert für Leser:innen, die sich literarisch mit den Protesten im Iran und feministischen Themen auseinandersetzen möchten. Wer vielschichtige Familienzeichnungen erwartet, könnte sich an manchen Figurenkonstellationen stören. Trotzdem ist dieses Buch eines, das emotional trifft, politisch relevant bleibt und lange nachhallt. Vielen Dank an Orlanda Verlag GmbH und NetGalley für das Rezensionsexemplar.