Loyalitäten

von Delphine de Vigan 
4,7 Sterne bei57 Bewertungen
Loyalitäten
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Beeindruckend und erschütternd zugleich!

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Inhaltsangabe zu "Loyalitäten"

Der 12-jährige Théo ist ein stiller, aber guter Schüler. Dennoch glaubt seine Lehrerin Hélène besorgniserregende Veränderungen an ihm festzustellen. Doch keiner will das hören. Théos Eltern sind geschieden und mit sich selbst beschäftigt. Der Junge funktioniert und kümmert sich um die unglückliche Mutter und den vereinsamten Vater. In ihren Augen ist also so weit alles gut. Doch Théo trinkt heimlich, und nur sein Freund Mathis weiß davon. Der Alkohol wärmt und schützt ihn vor der Welt. Eines Tages wird ihn der Alkohol ganz aufsaugen, das weiß Théo. Doch wer sollte ihm helfen? Hélène, seine Lehrerin, würde es tun, doch wie soll das gehen, ohne dass er die Eltern verrät? Mathis beobachtet das alles voller Angst. Zu gerne würde er sich seiner Mutter anvertrauen, aber Théo ist sein einziger Freund. Und einen Freund verrät man nicht. Außerdem würde er damit auch seinem großen Bruder in den Rücken fallen, denn der besorgt den Alkohol für die Minderjährigen. Und er ist es auch, der das gefährliche Spiel in dem schneebedeckten Park vorschlägt, bei dem Théo bewusst den eigenen Tod in Kauf nimmt.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783832183592
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:180 Seiten
Verlag:DuMont Buchverlag
Erscheinungsdatum:13.09.2018

Rezensionen und Bewertungen

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    SharonBakers avatar
    SharonBakervor 2 Tagen
    Stark, realistisch & emotionsgeladen ...

    Théo ist ein unauffälliger Schüler, still, selbstständig und schreibt gute Noten und doch hat seine Lehrerin ein komisches Gefühl bei Ihm. Auch die Mutter von seinem besten Freund beäugt die Freundschaft kritisch und misstrauisch. So ganz unbegründet ist der Verdacht auch nicht, denn hinter Théo stehen zwei zerstrittene Eltern, eine schlimme Scheidung und Kontakt untereinander schon lange nicht mehr. Théo muss so zwischen einer unglücklichen Mutter und einen depressiven Vater hin und her pendeln. Keiner will von anderen was wissen und jeder erdrückt ihn mit seiner Last. Das wird Théo zu viel, er ist mit diesen Leben überfordert und sucht dringend einen Ausweg. Diesen findet er in der Wärme von Alkohol und dem Taubheitsgefühl. Wie lang wird das gut gehen? Wem wird Théos zerbrochene Seele auffallen? Und wie weit darf Loyalität zu den Eltern gehen?

    Delphine de Vigan hat ein neues Buch und wieder kein leichtes Thema gewählt. Loyalitäten begleiten uns unbewusst den ganzen Tag. Wir entscheiden nach Gefühl und Zuneigung, Verschweigen oder vermitteln, weil wir loyal zu jemanden stehen. Aber wo kommt das her, wann hört das auf und ist man immer gerecht? Das versucht die Autorin mit der Geschichte eines Scheidungskindes einzufangen und nimmt wie immer das Skalpell der genauen Beobachtung in die Hand. Ob mir diese Geschichte gefallen hat, erzähle ich euch nun.

    Die Geschichte wird aus mehreren Sichten geschildert. Da haben wir natürlich zuerst Théo, er ist zwölf und hat schon die Last zwei erwachsener zu tragen, nämlich die seiner Eltern. Als Scheidungskind muss er zwischen Vater und Mutter hin und her pendeln und darf keinen vom anderen erzählen. Er versucht es jedem Recht zu machen und wird von ihren Gefühlen erdrückt. Der Vater rutscht in eine Lebenskrise und Depression, Théo darf es aber keinem erzählen, so ist die Zeit bei seinem Vater extrem belastend. Aber sobald er bei der Mutter ist, muss er alles abstreifen und darf nicht zeigen, wie fertig er sich fühlt. Er wandert durch die starken Gefühlswelten seiner Eltern, deren Gefühle er nicht verletzten möchte, und muss dabei ein Minenfeld durchlaufen. So versucht er, seinem Alltag unbemerkt und fast durchsichtig zu überleben. Der einzige Lichtblick ist seine Freundschaft zu Mathis und das Geheimnis des Alkohols.

    Da bekommen wir auch schon die zweite Sicht Mathis, der Théo schon lange zur Seite steht und seinem Freund bei seiner Trinkerei besteht. Erst ist es ein Spaß, aber bald fühlt sich Mathis nicht mehr wohl bei der Sache und macht sich Sorgen um seinen Freund. Er weiß das Théo zu Hause Probleme hat, kann sie aber nicht ganz greifen und ist hilflos. Aber auch bei Mathis zu Hause ist nicht alles in Butter und hier haben wir die nächste Stimme. Mathis Mutter Cécile hat mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen und entdeckt ein Geheimnis in ihrer Ehe, was diese komplett in einem anderen Licht erscheinen lässt. Aber obwohl sie damit mehr als ausgelastet ist, ist ihr die Freundschaft von ihrem Sohn Mathis mit Théo ein Dorn im Auge, da sie diesen Jungen merkwürdig findet und er einen schlechten Einfluss auf Mathis hat. So versucht sie immer wieder, Mathis zu überreden auch mit anderen Kindern sich anzufreunden.

    Und die letzte Stimme ist Hélène, eine Lehrerin von Théo und die Einzige, die ahnt, dass mit Théo etwas nicht stimmt. Sie beobachtet ihn genau und merkt kleine Veränderungen, kann diese aber nicht so konkretisieren, dass das Schulamt was unternimmt. Aber sie bleibt am Ball und je mehr sie sich hineinsteigert, bringt sie sich selbst und ihren Job in Gefahr. Dabei kann sie sich vorstellen, was mit Théo nicht stimmt, da sie selbst ein Opfer von Missbrauch in der Kindheit war.

    So wechselt die Geschichte ständig die Perspektive und wirft ein ganzes Spektrum an Loyalitätsfragen auf. Zum einen die Loyalität zu den Eltern, zur Freundschaft, zu seinem Partner und natürlich zur Schule. Alle befinden sich in irgendeiner Zwickmühle, keiner möchte so gern aus der Komfortzone raus und keiner wirklich was hinterfragen. Jeder ist mit der eigenen Last erdrückt und versucht sich ohne große Explosionen durch die Probleme zu schiffen. So wird ein Kind dazu genötigt für jeden Elternteil eine Rolle zu spielen und die Wahrheit für sich zu behalten, weil sie selbst zu feige sind. Man will es ja Mama und Papa recht machen, ein guter Sohn sein und geliebt werden. So sind wir erzogen, wir wollen geliebt werden und sind allein schon deshalb loyal. Delphine de Vigan ist selbst ein Scheidungskind und kann aus ganz persönlichen Gründen hier ein wirklich genaues Bild geben. Das beschreibt sie auch wieder ganz kurz und mit treffenden Worten, dass es direkt ins Herz trifft und man sich selbst in einigen Situationen wieder findet. Dieses kleine Buch hat eine unglaubliche Wucht in sich, man spürt die Ohnmacht, die Hilflosigkeit und die Wut und weiß, genau so ist sie, unsere Welt, in der wir nicht mehr richtig hingucken.

    Loyalitäten ist ein starkes Buch, was mit Gesellschaftskritik, Offenheit und Weisheit ans Werk geht und ein ganz genaues erschreckendes Bild wiedergibt. Dabei packt es einem und berührt emotional sehr. Diese Autorin hat es wirklich drauf seine Leser Themen zu erklären und diese kritisch nachdenklich zurück zulassen. Dickes Kompliment dafür.
     

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    DaniB83s avatar
    DaniB83vor 3 Tagen
    Kurzmeinung: Sehr berührend! Geht unter die Haut!
    Berührend

    Was schon am Klappentext über allem anderen prangert, gilt für das gesamte Werk von Delphine de Vigan: Liebe ist alles.

    Der Schüler Théo ist ein guter Schüler, verlässlich und selbständig. Irgendwann beschließt er, mit seinem besten Freund Mathis immer und immer mehr Alkohol in ihrem Schulversteck zu trinken. Die aufmerksame Lehrerin Hélène merkt etwas, schafft es aber nicht, Théo auszuliefern, sondern versucht, ihm irgendwie selbst zu helfen. Dabei gerät sie auch mit dessen Mutter in einen Konflikt und Mathis hat mit seiner eigenen Maman Cécile auch genug zu kämpfen.

    Das Buch ist in mehrere Kapitel aufgeteilt, deren Betitelung die jeweils betreffende Person liefert. Dabei werden die Textstellen über die Jugendlichen Mathis und Théo von einem personalen Erzähler übernommen, während die der Erwachsenen einen passenden Ich-Erzähler zugeteilt bekommen. Diese Abgrenzung wirkt sehr einleuchtend und schafft Distanz zu den jungen Leuten, die ja sichtlich Blödsinn machen.

    Auf nur wenigen Seiten schafft es die Autorin, eine in sich geschlossene Welt zu erschaffen, in der es mehr Probleme gibt, als es zuerst scheint. Das Werk ist aufbauend und der Leser/die Leserin erfährt Seite für Seite immer mehr über die (inneren) Konflikte der ProtagonistInnen. Zum Glück schaffen es die Charaktere immer wieder, sich sehr vorsichtig zu verhalten und eben Loyalität zu leben. Das einzig Unsichere ist der Schluss, denn ab da kann man sich nicht mehr sicher sein, ob der Wert „Loyalität“ für die Personen noch aufrecht erhalten werden kann. Dazu muss man sich selbst eine Meinung bilden. 

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    LesenistLuxuss avatar
    LesenistLuxusvor 5 Tagen
    Kurzmeinung: Beeindruckend und erschütternd zugleich!
    Rezension Loyalitäten von Delphine de Vigan

    Kurzbeschreibung Loyalitäten von Delphine de Vigan

    Der Lehrerin Hélène fällt das ungewöhnliche Verhalten des zwölfjährigen Théo auf – sie macht sich Sorgen, dass er zuhause misshandelt werden könnte. Immer wieder sitzt Théo müde und teilnahmslos im Unterricht, zuckt bei jeder Kleinigkeit zusammen und scheint verwirrt. Was Hélène jedoch nicht erahnt, ist der wahre Grund für Théos Verhalten. Der sitzt zwischen allen Stühlen, versucht, seinen getrennt lebenden Eltern alles recht zu machen und weiß sich nicht anders zu helfen, als einen sehr gefährlichen Ausweg aus seiner Situation zu suchen.

    Rezension Loyalitäten von Delphine de Vigan

    Aus der Sicht verschiedener Personen wird nach und nach Théos Geschichte erzählt.

    Théo


    Da ist einmal Théo selbst, zwölf Jahre alt. Er lebt immer abwechselnd eine Woche bei seiner Mutter und bei seinem Vater. Die beiden sprechen seit der Scheidung kein Wort mehr miteinander, und nicht nur das: seine Mutter kann den Gedanken kaum ertragen, dass Théo vielleicht Spaß bei seinem Vater hat. Sie schimpft über ihn, ignoriert Théo wenn er dort war, und Théo muss alle seine Kleider waschen, wenn er zu ihr zurück kommt, damit er ja nicht nach seinem Vater, dem “Scheißkerl” riecht.

    “Er möchte sich in die Arme seiner Mutter flüchten. Sich im Duft ihres Parfüms beruhigen. Doch immer stößt er gegen die Steifheit ihres Rückens, diese an den Körper gelegten Arme, den gespannten Nacken, die raschen, knappen Bewegungen – sie kann ihn nicht umarmen, es fällt ihr schon schwer, ihn anzusehen, sie ist nur mit einem vollauf beschäftigt: den aus dem Land der Schande zurückgekehrten Sohn auf ihr Terrain zu lassen.” (Théo, Loyalitäten von Delphine de Vigan, S. 114)

    Als wäre das nicht genug, ist sein Vater seit Langem arbeitslos, tablettenabhängig und versumpft in seiner winzigen Wohnung im Dreck, solange Théo bei seiner Mutter ist. Der Junge ist vollkommen hin und her gerissen und seine Eltern sind viel zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, als dass sie sich wirklich um ihn kümmern würden.

    “Théo lernte sehr schnell, die Rolle zu spielen, die von ihm erwartet wurde. Sparsam gesprochene Worte, neutraler Gesichtsausdruck, gesenkter Blick. Man musste sich unbedingt bedeckt halten. Auf beiden Seiten der Grenze drängte sich das Schweigen als das beste, das am wenigsten gefährliche Verhalten auf.” (Théo, Loyalitäten von Delphine de Vigan S. 46)

    Hélène


    Dann ist da Théos Lehrerin Hélène. Sie ist besorgt, weil Théo immer wieder müde und abwesend in ihrem Unterricht sitzt. Die Schulkrankenschwester findet keine Ursache und der Direktor ist der Meinung, sie übertreibt mit ihrer Sorge. Aber keiner weiß um Hélènes Vergangenheit und dass sie selbst aus einer Familie kommt, in der alle unter dem gewalttätigen Vater zu leiden hatten, der auch Hélène misshandelt hat. Dementsprechend ist sie schnell alarmiert. Allerdings steigert sich Hélène meiner Meinung nach auch ziemlich in die Sache rein, ihre eigene Vergangenheit steht ihr so deutlich vor Augen, dass sie für andere Aspekte gar nicht mehr offen ist:

    “Und da sah ich die Verletzungen auf seinem Körper, ich sah sie so deutlich, als wäre seine Kleidung genau über diesen Stellen zerrissen, damit die Prellungen und das Blut sichtbar wären.” (Hélène, Loyalitäten von Delphine de Vigan, S. 48)

    Obwohl Théo überhaupt keine körperlichen Verletzungen hat, bildet sie es sich ein. Sie leidet fast schon körperlich mit ihm, meiner Meinung nach eine völlig überzogene Reaktion, auch wenn es natürlich gut ist, wenn Lehrer aufmerksam bei solchen Fällen sind.

    “Sah ich etwa so aus, als würde ich das auf die leichte Schulter nehmen? Ich wache jede Nacht auf, weil mir die Angst den Atem nimmt, und brauche oft Stunden, um wieder einzuschlafen. Ich habe keine Lust mehr, mit meinen Freunden auszugehen oder ins Kino, ich verweigere mich jeder Zerstreuung.” (Hélène, Loyalitäten von Delphine de Vigan, S. 47)

    Und doch ist es Hélène, die sich als Einzige wirklich um Théo zu sorgen und zu kümmern scheint.

    Mathis und Cécile


    Neben Théo und Hélène, die im Fokus der Geschichte stehen, gibt es weitere Kapitel aus der Sicht von Mathis – Théos bestem Freund, der ihn einerseits unterstützt und sich andererseits Sorgen macht, aber nicht stark genug ist, jemandem davon zu erzählen – und Cécile – der Mutter von Mathis, die findet, dass Théo ein schlechter Umgang ist.

    Die Personen in diesem Buch sind alle wunderschön detailliert herausgearbeitet, es wird dargestellt, welche Probleme jeder von ihnen hat und man versteht dann Vieles besser. Während ich am Anfang dachte, dass Cécile eine eingebildete Vorstadtmutter ist, erfährt man nach und nach von ihrer Geschichte und welche eigenen Probleme bei ihr zugrunde liegen. Obwohl ich sie dann immer noch etwas unsympathisch fand, konnte ich doch einige ihrer Verhaltensweisen besser nachvollziehen.

    Der Hintergrund


    Was aber ist denn nun das Geheimnis von Théo? Théo wird nicht misshandelt. Zumindest nicht körperlich; ab wann man von psychischer Misshandlung sprechen kann, kann ich nicht beurteilen. Aber Théo steht zwischen seinen Eltern und der Loyalität, die er beiden gegenüber an den Tag legt. Er liebt seine Eltern, auch wenn er das so nie sagt. Man spürt es, in dem, wie er sich verhält, wie er sich um seinen Vater kümmert und seine Wohnung aufräumt, wie er versucht, seiner Mutter nicht von der Zeit beim Vater zu erzählen – was sollte er auch sagen? Dass sein Vater benebelt und lethargisch im Bett liegt? Das wäre seiner Mutter vermutlich recht und würde sie nur in ihrer Ablehnung bestätigen. Théo ist eigentlich ganz allein.

    Und so flüchtet sich Théo in den Alkohol. Als ich das gelesen habe, war ich erstmal total geschockt. Mit 12 Jahren? Da ist er doch eigentlich noch ein Kind. Für Théo ist es die einzige Möglichkeit, aus seiner Welt zu entfliehen. Zusammen mit Mathis besorgt er immer wieder Alkohol und sie trinken ihn in einem geheimen Versteck in der Schule. Während es Mathis aber zunehmend zu viel wird, trinkt Théo immer weiter.

    “”Théo trinkt Alkohol, als wollte er daran sterben.” Seit mehreren Minuten schon geht ihm dieser Satz durch den Kopf, ernst, schwerwiegend und so schwer auszusprechen.” (Mathis, Loyalitäten von Delphine de Vigan, S. 107)

    Mathis schaut hilflos dabei zu, wie sein Freund immer mehr und immer stärkeren Alkohol trinkt. Er würde sich gerne jemandem anvertrauen, weiß aber nicht wem. Lehrerin Hélène? Oder wäre das Verrat? Seiner Mutter? Die hält sowieso nichts von Théo. Théos Vater? Ist kaum ansprechbar. Théos Mutter? Scheint ihm unerreichbar und auch das käme ihm wie Verrat vor. Was also soll er tun?

    Meine Meinung


    Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen. Die Geschichte ist unheimlich fesselnd und man fühlt mit den Protagonisten, besonders mit Théo und Hélène mit. Ich wurde stellenweise wirklich traurig beim Lesen und habe mich mehr als einmal daran erinnert, mein eigenes Leben mehr zu wertschätzen – denn zum Glück bin ich von all diesen Situationen weit entfernt. Mir als Mutter hat das Herz weh getan bei Théos Beschreibungen seiner Eltern. Ich bin mir sicher, dass sie ihn auf ihre Art lieben, aber wie man so sehr mit sich selbst beschäftigt sein kann und weder mitbekommt, wie sehr das eigene Kind leidet, noch dass es in eine Alkoholsucht abrutscht – mit 12 Jahren! – kann ich nicht nachvollziehen.

    Solche Konstellationen gibt es sicherlich nicht nur in Paris, wo das Buch spielt, sondern an ganz vielen Orten dieser Welt: Kinder, die viel zu früh viel zu viel Verantwortung tragen müssen und so alleine sind, dass sie sich in irgendeine Sucht oder in Gewalt flüchten. Bei Théo scheint es nicht darum zu gehen, Aufmerksamkeit zu gewinnen, sondern eher darum, zu verschwinden und nicht mehr nachdenken zu müssen.

    Dass Hélène so eine aufmerksame Lehrerin ist, die wohl als Einzige in Théos Umfeld richtig bemerkt, dass mit dem Jungen etwas nicht stimmt, finde ich bewundernswert. Vermutlich stumpft man, gerade in Problemvierteln, schnell ab und vielleicht braucht es so einen persönlichen dramatischen Hintergrund wie Hélènes, um immer noch ein Gespür dafür zu haben, wann es einem Kind nicht gut geht. In ihrem Fall vermute ich jedoch, dass es sie in nicht allzu ferner Zukunft kaputt machen wird, wenn sie sich bei jedem “Problemfall” so hineinsteigert.

    Fazit


    Loyalitäten hat mich sehr beeindruckt und mit vielen Eindrücken zurückgelassen, über die ich sicherlich noch lange nachdenken werde. Ein ernstes Buch mit vielen wahren Aspekten darin. Delphine de Vigan hat einen sehr interessanten und eindrücklichen Schreibstil, der für diese Geschichte perfekt war. Obwohl es kein klassischer Roman mit Höhe- und Tiefpunkten ist, sondern eher die Darstellung einer gesellschaftlichen Situation, war ich gefesselt und kann das Buch nur wärmstens empfehlen.

    Lest die ganze Rezension und weitere hier!

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    WinfriedStanzickvor 5 Tagen
    Man kann das Buch und vor allen Dingen die Personen lange nicht vergessen



    Das neue Buch von Delphine de Vigan hat mich tief beeindruckt und bewegt. Sie erzählt daran von Menschen, die allesamt eine Bürde mit sich herumtragen, die aber nicht offensichtlich werden darf. Ihr Leiden am Leben und ihrem Schicksal, ihre Scham, ihre Lügen anderen gegenüber und die Geschichten, die sie erzählen, um andere nicht zu verletzen, sie zu schützen und um selbst irgendwie zu überleben –all das sind „Loyaliäten“, denen sie sich unausgesprochen verpflichtet wissen und die sie an den Rand ihrer Kräfte bringen.

    Die Hauptpersonen des kleinen Romans, dem es gelingt auf knappem Raum mehr zu erzählen als so mancher dicker Wälzer, sind der 12-jährige Theo, seine Lehrerin Helene, seine Mutter Cecile und sein Freund Mathis. Abwechselnd lässt de Vigan diese Personen in einer fortlaufenden, sich durchaus spannend zuspitzenden Handlung erzählen, wobei die beiden Erwachsenen in der Ich-Form berichten.

    Helene, der Lehrerin, fällt der neue Schüler Theo Lubin bald auf. Sie spürt, dass mit dem Jungen irgendetwas nicht in Ordnung ist, und bemüht sich, in Gesprächen mit dem Schulleiter zu erklären, was sie spürt.  Auch einem befreundeten Kollegen namens Frederic öffnet sie sich, doch der, durchaus auch beunruhigt, hält ihren seelischen Zustand für „kurz vor dem Zerspringen“ und rät ihr, alles nicht so ernst zu nehmen.
    Helene ist nicht überzeugt, zumal sie bei Theo die ganze Zeit der Handlung über immer mehr besorgniserregende Veränderungen feststellt. Doch sie scheint in den Loyalitäten ihrer Schulbürokratie gefangen und als sie endlich durchbricht, scheint es zu spät.

    Auch mit den Eltern hat Helene gesprochen, aber die sind geschieden und scheinen nur mit sich selbst beschäftigt. Theo indes, ein ruhiger und guter Schüler, kümmert sich (Loyalitäten!) um die unglückliche Mutter und den vereinsamenden und verwahrlosenden Vater.

    Theo ist mit allem überlastet und trinkt heimlich Alkohol. Der wärmt ihn und schützt ihn vor der ihm als unwirtlich erscheinenden Welt. Nur sein Freund Mathis weiß von Theos immer stärker werdendem Alkoholkonsum, schweigt aber. Theo weiß genau, was der Alkohol schlussendlich mit ihm machen wird, doch er ist hilflos. Er spürt, dass seine Lehrerin Helene ihm helfen möchte, aber er kann doch nicht seine Eltern verraten!
    Auch Mathis würde gerne seiner Mutter von seiner Angst um Theo erzählen, doch er ist doch sein einziger Freund. Außerdem würde er dann seinen älteren Bruder bloßstellen, der den Alkohol für Theo und andere Minderjährige besorgt.

    Immer mehr spitzt sich die Lage zu, keiner wagt wirklich einzugreifen, zu viele Loyalitäten stehen dagegen. Und als Mathis` Bruder ein Spiel im schneebedeckten Park vorschlägt, ist Theo bereit, seinen eigenen Tod in Kauf zu nehmen und zu suchen.

    Das Spiel läuft aus dem Ruder und als die endlich von Mathis informierte Helene im Park ankommt, und zwei Mal zu dem leblosen Theo sagt: „Ich bin da“, weiß man nicht, ob es nicht schon längst zu spät ist.

    Delphine de Vigans Roman dieselt wie auch ihrer früheren Bücher sehr lange im Leser nach. Er geht ihm unter die Haut. Man kann das Buch und vor allen Dingen die Personen lange nicht vergessen. Wie viele Theos und Mathisse sitzen da in unseren Klassenzimmern und wie viele Lehrer nehmen überhaupt noch wahr, was mit ihnen los ist?

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    Adina13s avatar
    Adina13vor 5 Tagen
    Bedrückende Geschichte

    Im neuen Buch „Loyalitäten“ von Delphine de Vigan geht es um den 12jährigen verschlossenen Theo. Er sucht Wärme und Trost indem er seine Ängste und Sorgen in Alkohol ertränken will. Seine Eltern bemerken es nicht., zu sehr sind Sie mit sich selbst beschäftigt. Sein bester Freund Mathis erkennt das Problem aber er will ihn nicht verraten. Seiner Lehrerin Helene fällt auf, dass etwas nicht stimmt mit ihrem Schüler, schafft es aber nicht zur Mutter oder zu Theo durchzudringen. Die Autorin beschreibt wunderbar und einfühlsam in kurzen Episoden die Gefühle und Schicksale der einzelnen Charaktere, schon nach wenigen gelesenen Seiten ist der Leser gefesselt. Der Roman ist kurzweilig und die Wortwahl ist einfach gehalten. Es ist eine bewegende Geschichte mit dem Aufruf, nicht weg zuschauen und einem stillen Hilfeschrei, wie diesen nicht zu ignorieren. Das Buch ist uneingeschränkt weiter zu empfehlen.

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    Buchraettins avatar
    Buchraettinvor 6 Tagen
    Kurzmeinung: Ein so kleines Büchlein mit so einer geballten Macht an Emotionen- vollste Leseempfehlung
    Ein so kleines Büchlein mit so einer geballten Macht an Emotionen- vollste Leseempfehlung

    Das Buch bewirkt einen gewissen Lesesog bei mir als Leser, man ist gefesselt, obwohl es eigentlich keine schöne Geschichte ist.

     Es wird abwechselnd von verschiedenen Personen erzählt, die sich alle kennen und auch verbunden sind. Hier passt wieder der Titel sehr gut.

     Es gibt die Lehrerin von Theo, die als Kind geschlagen wurde und da sehr sensibel auf Veränderungen der Schüler, insbesondere Theo, reagiert. Mathis ist Theos Freund. Er macht bei den Unternehmungen mit, spürt aber, dass er nicht weitergehen will.  Mathis Mutter, spürt auch etwas in Theo, das sie auf Distanz gehen lässt und auch ihr Sorgen um den Umgang von Theo mit ihrem Sohn bereitet. 

    Mir fiel auf beim Lesen, dass alle als Ich-Erzähler berichten in den jeweiligen Kapiteln, in denen immer eine Person im Mittelpunkt steht. Das wird auch immer namentlich gekennzeichnet über den Abschnitten. Allein Theo ( auch Mathis) ist kein Ich-Erzähler.  Man betrachtet ihn von außen, aber es wird dennoch immer wieder auch von seinen Gefühlen gesprochen, aber es bleibt im Dunklen, es wird nur angerissen und genau das bewirkt, dass ich als Leser neugierig bin. Was ist da los mit ihm?

    Das Buch beginnt mit einem kurzen Text über „Loyalitäten“. Verbindungen zu Menschen, Verbindungen in der Kindheit, Abmachungen, Treue – wenn man das Buch liest, wird genau das in den einzelnen Perspektiven deutlich.

    Mathis, der Freund von Theo. Theo, der zwischen seinen Eltern steht. Mathis Mutter und die Beziehung zum Ehemann und dessen dunkles Geheimnis. Helene, Theos Lehrerin, die spürt, dass etwas nicht stimmt.

    Das Buch hat schon eine eher düstere Stimmung. Es wirkt emotional auf mich als Leser, fast erdrückend, ich konnte das nicht am Stück lesen.

    Es überrollt einen ein wenig mit den Gefühlen, die hier aus den Zeilen sprechen. Dennoch ist es fesselnd und ich als Leser wollte wissen, was ist genau los- für mich war Theo der Mittelpunkt dieser Geschichte.

    Die Sprache im Buch ist sehr klar. Aber sie transportiert eine gewissen Schwere, Melancholie und irgendwie das Gefühl, dass sich da etwas Schlimmes zusammenbraut. Als Leser habe ich so eine angespannte Erwartung bekommen, eine gewisse Unruhe, das ist der Autorin sehr gut gelungen.

    Ein so kleines Büchlein mit so einer geballten Macht an Emotionen- vollste Leseempfehlung

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    Girdies avatar
    Girdievor 6 Tagen
    Starkes Buch zu den Unwägbarkeiten unserer Gesellschaft

    Entsprechend des Titels ihres Romans „Loyalitäten“ zeigt die Französin Delphine de Vigan die innere Verbundenheit des zwölfjährigen Theo mit seinen geschiedenen Eltern. Auch das Cover zeigt Verbindungen. Die Farbstreifen, jeder in einer anderen Farbe und vor den Überschneidungspunkten eine Weile für sich laufend, bringen die Persönlichkeit des Individuums zum Ausdruck.

    Théos Eltern sind schon einige Jahre geschieden und haben das gemeinsame Sorgerecht. Eine Woche lebt Theo bei seinem Vater, in der folgenden Woche bei seiner Mutter, die in unterschiedlichen Stadtteile von Paris ihre Wohnungen haben. Seine Mutter möchte längst nichts mehr über ihren früheren Mann erfahren, während sich Théos Vater aufgrund seiner Arbeitslosigkeit zunehmend der Gesellschaft entfremdet. Théo möchte helfen, aber die Vorgaben seiner Eltern, welche Informationen über sie nach außen gegeben werden dürfen, sind streng. Er versucht sich dem Dilemma zu entziehen, in dem er seinen Kummer im Alkohol ertränkt. Sein gleichaltriger Freund Mathis hält zu ihm und beginnt für ihn zu lügen. Die Biologielehrerin von beiden hat einen Verdacht, doch ihr wird nicht geglaubt.

    Delphine de Vigan erzählt aus vier unterschiedlichen Perspektiven. Während die Lehrerin Hélène und Cécile, die Mutter von Mathis, in der Ich-Form berichten schaut die Autorin auf die Minderjährigen Théo und Mathis als allwissende Erzählerin. Beide erwachsenen Protagonistinnen haben in ihrer Jugend Demütigendes erlebt, die Erinnerung daran bleibt. Delphine de Vigan dringt ganz tief ein in das Beziehungsgeflecht der Gesellschaft, das nicht nur von Gesetzen sondern auch von Werten und Normen bestimmt wird. Dabei nehmen die sozialen Netzwerke einen immer höheren Stellenwert ein.
    Théo fühlt sich zwar seinen Eltern gegenüber verpflichtet, aber durch ihre Unfähigkeit zum Vorbild sucht er einen Ausweg. Die Situation macht Théo sprachlos, er traut keinem mehr. Durch Alkohol betäubt er sein Bewusstsein, erhofft sich aber vielleicht unterschwellig, dass sein verändertes Verhalten auffällt. Hélène weiß durch eigene Erfahrung, dass vieles aus der Familie nicht nach außen dringt. Ihr Wunsch, hinter die Fassade von Théo zu schauen, stößt auf Unverständnis mit dem Hinweis auf gesellschaftlich konformes Verhalten.

    Mathis ist ein typischer Jugendlicher zu Beginn der Pubertät. Er beginnt die Rolle seiner Eltern zunehmend in Frage zu stellen, sich mit Gleichaltrigen und älteren Jugendlichen zu vergleichen und sich deren Handlungsweisen zu eigen zu machen. Seine Freundschaft zu Théo hält länger an als zu jedem anderen und dadurch fühlt er sich ihm, zum großen Glück für seinen Freund, durch ein starkes Band verbunden.

    Die Autorin hält den Schluss bewusst offen und ließ mich mit Hoffnung für alle Beteiligten aus dem Roman zurück. „Loyalitäten“ ist ein starkes Buch zu den Unwägbarkeiten unserer Gesellschaft. Es stimmt äußerst nachdenklich und hallt noch lange nach.

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    milkysilvermoons avatar
    milkysilvermoonvor 7 Tagen
    Kurzmeinung: Eine empfehlenswerte Lektüre, die nachdenklich macht und noch eine Weile bei mir nachklingen wird
    Unsichtbare Verbindungen

    Théo Lubin ist erst zwölfeinhalb Jahre alt und hat bereits ein Alkoholproblem. Seine Eltern haben sich scheiden lassen. Nun kümmert sich der Junge um die unglückliche Mutter und den vereinsamten Vater. Théos Lehrerin Hélène bekommt mit, dass etwas mit dem stillen Schüler nicht stimmt. Doch ihre Beobachtungen nimmt niemand so richtig ernst. Auch Thèos Freund Mathis Guillaume weiß nicht, was er tun soll, denn sein eigener älterer Bruder besorgt den Alkohol und plant ein gefährliches Spiel, das Théo das Leben kosten könnte…

    „Loyalitäten“ ist ein berührender Roman von Delphine de Vigan.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus einigen kurzen Abschnitten. Im Wechsel werden die Kapitel aus unterschiedlichen Sichtweisen erzählt: Lehrerin Hélène (Ich-Perspektive), Théo, Mathis und Cécile (ebenfalls Ich-Perspektive). Dieser Aufbau ist gut durchdacht.

    Der besondere Schreibstil ist eindringlich, einfühlsam und gleichzeitig intensiv. In sprachlicher Hinsicht tritt das ganze Können der Autorin zutage. Schnell entfaltet die Geschichte eine Sogwirkung, der ich mich nur schwer entziehen konnte, sodass ich das Buch nur ungern zur Seite gelegt habe.

    Die Charaktere wirken sehr lebensnah, haben sie doch alle ihre Ecken und Kanten. Durch den Perspektivwechsel kann man sich gut in sie hineindenken und ihr Verhalten nachvollziehen.

    Auch inhaltlich konnte mich der Roman überzeugen, denn trotz der eher wenigen Seiten mangelt es ihm nicht an Tiefgang. Eine Stärke ist es, dass gesellschaftskritische Komponenten nicht fehlen. Dabei geht es nicht nur um die Alkoholkonsum von Minderjährigen. Auch wichtige zwischenmenschliche Aspekte wie Liebe, Treue, Vertrauen, Schuld und andere Verflechtungen werden beleuchtet. Dabei dreht es sich um die Folgen der Loyalitäten, jene unsichtbare Verbindungen, die alle Personen betreffen. Dadurch regt die Geschichte zum Nachdenken an.

    Trotz der ernsten Themen wird die Handlung nicht langweilig, sondern bleibt bis zum Ende spannend und fesselnd. Zudem gelingt es der Autorin, mit der Geschichte zu bewegen und betroffen zu machen.

    Das schlichte, aber ansprechende Cover und der kurze, prägnante Titel, der sich stark am französischen Original („Les loyautés“) orientiert, passen nach meiner Ansicht dazu hervorragend.

    Mein Fazit:
    „Loyalitäten“ von Delphine de Vigan ist ein gelungener Roman über Themen, die uns alle angehen. Eine empfehlenswerte Lektüre, die nachdenklich macht und noch eine Weile bei mir nachklingen wird.

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    Lumicercas avatar
    Lumicercavor 7 Tagen
    Kurzmeinung: Hilfeschreie, ob laut oder leise, sollten wahrgenommen werden.
    Sensibles Thema, hervorragend dargestellt     

    Hier der Autor ein sensibles Thema hervorragend dargestellt. Viele Trennungskinder leiden unter den Streitigkeiten der Eltern und oft wird es auf ihren "noch jungen" Schultern ausgetragen. Keiner hört einem zu und jeglicher Hilfeschrei wird ignoriert. So auch bei Théo, er sucht Trost und Wärme in dem er Alkohol trinkt. Er möchte wissen wie es sich anfühlt wohl behütet zu sein. Seine Freund Mathis steht ihm bei. Beide werden von Mathis Mutter beim Trinken erwischt. Es folgen keine klärenden Gespräche und der Kontakt zu Théo wird verboten. Mit der Begründung er wäre eine schlechter Umgang für ihn. Die Lehrerin von den Jungs vermutet irgendwas stimmt nicht mit Théo, aber ihre Worte finden keinen Zuhörer. Für mich ist das Buch ein Aufruf nicht weg zu schauen, sondern zu handeln. Und die stillen Hilfeschrei nicht zu ignorieren.

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    -Leselust-s avatar
    -Leselust-vor 7 Tagen
    Große und bewegende Geschichte auf wenigen Seiten

    Kurzmeinung:
    Delphine De Vigan schafft es auf wenigen Seiten eine große und bewegende Geschichte zu erzählen. Ohne Kitsch und Pathos schreibt sie über schwere Schicksale und erschafft Figuren, die alle ihr Päckchen zu tragen haben und in ihrem Leiden sehr authentisch sind.


    Meine Meinung:
    Der Roman beschäftigt sich in den Kapiteln abwechselnd mit 3 Personen.

    Zunächst ist da Théo, der zu Beginn des Romans fast 13 ist und sich immer weiter in sich zurückzieht, bis er sich schließlich in den Alkohol flüchtet.
    Delphine De Vigan liefert eine erschreckende, aber sehr realistische Beschreibung dessen, was mit einem Kind passieren kann, wenn sich die Eltern auf unschöne Weise trennen. Das zwischen den Stühlen Stehen. Es beiden recht machen zu wollen. Das kommt sehr gut rüber. Außerdem muss Théo viel zu viel Verantwortung übernehmen für sein Alter. Beide Eltern sind nicht für ihn da, kümmern sich nicht um ihn. Sind zu beschäftigt mit sich selbst. Im Gegenteil muss Théo sich um sie kümmern, will ihnen alles recht machen. Das alles wird sehr eindrücklich beschrieben. Mehrmals wollte ich die Eltern am liebsten schütteln und anschreien, was sie ihrem Kind da antuen. Wie sie sein stummes Leiden nicht wahrnehmen können. Wollte Théo am liebsten in den Arm nehmen.

    Außerdem gibt es Hélène. Die Lehrerin hat in ihrer Kindheit Missbrauchserfahrungen gemacht und ist deswegen besonders wachsam und empfänglich für Anzeichen. Sie ist sehr besorgt um Théo, was schließlich fast schon zur Besessenheit wird. Mehrmals überschreitet sie Grenzen, überwacht zum Beispiel Théos Elternhaus. Sie hat ihre Missbrauchserfahrungen noch nicht verarbeitet und wird durch Théo gewissermaßen retraumatisiert. Alte, schmerzhafte Erinnerungen kommen wieder hoch und sie kann ihre Sorge um Théo schlecht von ihren Erinnerungen abgrenzen. Den Beschützerinstinkt, den sie Théo gegenüber hat, konnte ich als Leserin aber sehr gut nachvollziehen.

    Eine weitere Figur ist Cécile, die Mutter von Théos bestem Freund Mathis. Cécile hatte selbst auch keine einfache Kindheit. Sie macht sich Sorgen um ihren Sohn und den vermeintlichen schlechten Einfluss, den Théo auf ihn hat. Außerdem sieht sie sich plötzlich mit einer schrecklichen Dunklen Seite ihres Mannes konfrontiert. Sie macht in dem Buch eine sehr spannende Entwicklung durch und war für mich ein sehr interessanter Charakter, den ich gern verfolgt habe.

    Jede der Figuren in der Geschichte leidet, hat ihr Päckchen zu tragen. Bei einem 13-jährigen Junge ist es aber natürlich besonders schwer zu ertragen.

    De Vigan erzählt von großem Leid, allerdings in einem eher nüchternen Ton. Sie dramatisiert nicht, schreibt ohne übertriebene Rührseligkeit oder Pathos. Das hat mir gut gefallen und die Schicksale für mich eigentlich noch umso eindrücklicher werden lassen. Die Autorin konfrontiert den Lesenden mit Fragen der Moral. Ist es vertretbar, aus den richtigen Gründen etwas Falsches zu tun? Zum Beispiel Hélène, die aus Sorge um ihren Schülern die Grenzen ihrer Befugnisse überschreitet. Oder Cécile, die aus Sorge um ihren eigenen Sohn die Augen vor dem Leid des jungen Théo verschließt.
    Dabei stellt sich dem Lesenden unweigerlich die Frage, was man selbst in dieser Situation tun würde. Dabei gelingt es De Vigan jedoch, ohne erhobenen Zeigefinger zu schreiben sondern wirklich nur unvoreingenommen die Fragen aufzuwerfen und die Situationen ohne Wertung darzustellen.

    Sehr gut gefallen hat mir auch, wie sich die Geschichte langsam aufgebaut hat. Schon von Anfang an hatte ich beim Lesen ein unangenehmes Gefühl. Diese dunkle Vorahnung hat sich immer weiter verstärkt, je weiter die Geschichte fortgeschritten ist. Wie in einer Abwärtsspirale werden die Geschehnisse immer dramatischer, spitzen sich immer weiter zu, bis sie schließlich in ihrem dunklen Tiefpunkt münden. Dabei braucht De Vigan nur wenige Seiten, um diesen großen Spannungsbogen aufzubauen und die Ereignisse eskalieren zu lassen. Dennoch wirkt nichts davon überstürzt oder gehetzt.


    Fazit:
    In diesem Buch steckt noch so viel mehr, als der Klappentext vermuten lässt. Auf wenigen Seiten erzählt Delphin de Vigan eine große und bewegende Geschichte. 

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    jenvo82s avatar
    jenvo82vor 2 Monaten
    Dieses Buch möchte ich auch lesen. Inhaltlich spricht es mich sehr an, von der Autorin habe ich schon viele positive Lesermeinungen wahrgenommen.
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    -Leselust-s avatar
    -Leselust-vor 3 Monaten
    Bisher habe ich noch kein Buch von der Autorin gelesen. Aber diese hier spricht mich vom Inhalt her sehr an. Vielleicht wird das ein Vigan- Einstieg. :)
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