Didier Decoin Der Tod der Kitty Genovese

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Inhaltsangabe zu „Der Tod der Kitty Genovese“ von Didier Decoin

'Die meisterhafte Rekonstruktion eines Verbrechens – Truman Capotes Kaltblütig ebenbürtig' Le Point

'Didier Decoins herausragendes Buch erzählt eine wahre Begebenheit. Trotzdem handelt es sich um einen Roman, dessen besondere Stärke nicht auf die dramatischen Vorgänge, von denen er berichtet, zurückzuführen ist, sondern auf die außerordentliche literarische Qualität, die ihn von der ersten bis zur letzten Seite auszeichnet.' Le Magazine Littéraire

Queens, 13. März 1964: Um 3.15 Uhr stellt die 28-jährige Kitty Genovese, die von ihrer Schicht als Kellnerin nach Hause kommt, ihren Wagen in der Nähe ihres Apartments ab. Als sie aus dem Auto steigt, nähert sich ihr ein Mann. Dieser Mann ist Winston Moseley, der mit seiner Frau und zwei Kindern ebenfalls in Queens lebt. Winston Moseley arbeitet als Bürokraft, hat -keine Schulden, ist nicht vorbestraft und bisher nie auffällig geworden. Trotzdem erregt etwas an der Art, wie er sich Kitty Genovese nähert, deren Misstrauen. Sie versucht, eine Notrufsäule zu erreichen, wird jedoch von Moseley eingeholt und auf offener Straße niedergestochen. Über einen Zeitraum von einer halben Stunde wird Kitty Genovese von Winston Moseley vergewaltigt, schwer verletzt und am Ende ermordet – während mindestens 38 Zeugen ihre Schreie hören und aus erleuchteten Fenstern heraus das Geschehen beobachten.
Die anhaltende Untätigkeit von Zeugen nennt man seit Kitty Genoveses Ermordung 'Bystander-Effekt' oder auch 'Genovese-Syndrom'.

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    Sie sieht sich auf dem Hof um. Er ist ungefähr zehn Meter breit, fünfzehn Meter lang und vollständig betoniert bis auf einen runden Blumengarten in der Mitte und halbkreisförmige Blumenbeete an den Kanten, wo der Beton an die vier Gebäude grenzt, die den Apartmentkomplex bilden. Vier Bänke rahmen den Blumengarten in der Mitte ein. Die Gebäude sind fünf Stockwerke hoch. Kat hat keine Ahnung, wie viele Wohnungen sich in dem Komplex befinden, aber sie weiß, dass ungefähr die Hälfte von ihnen Ausblick auf den Hof haben, und sie sieht, dass hinter einigen Fenstern Licht brennt. So viel Licht in so vielen Wohnungen hat sie noch nie brennen sehen, wenn sie von der Arbeit nach Hause kam. In mindestens einem Dutzend der Wohnzimmer brennt Licht. Es sind bestimmt dreißig oder mehr Menschen, die hinter erleuchteten oder dunklen Fenstern stehen. Sie erkennt Gesichter, die zu ihr hinunterblicken. Bei einigen kann sie das Weiß der Augäpfel sehen. „Hilfe“, sagt sie. „So hilf mir doch jemand.“ (S. 89) Katrina Marino kommt mitten in der Nacht von ihrem Job nach Hause. Sie wohnt im Erdgeschoss eines Apartmentkomplexes in New York. Im Innenhof, direkt vor ihrer Haustür, wird sie von einem Unbekannten überfallen und niedergestochen. Trotz der späten Stunde sind noch viele ihrer Nachbarn wach. Das Verbrechen bleibt nicht ungehört, doch das Unfassbare geschieht: Niemand kommt Katrina zur Hilfe. Ryan David Jahn benutzt für seinen Debütroman aus dem Jahr 2009 als Basis eine wahre Begebenheit: Den Mordfall Kitty Genovese, einen der wohl berühmtesten Kriminalfälle. Am 13.03.1964 wurde die 28 Jahre alte Barmanagerin nachts in der Nähe ihrer Wohnung in einem Apartmentkomplex in New Yorker Stadtteil Queens von ihrem Mörder Winston Moseley niedergestochen und vergewaltigt. Moseley wurde zwischendurch gestört und flüchtete, kehrte aber nach einigen Minuten zurück und vollendete seine Tat. Insgesamt dauerte das Verbrechen mehr als eine halbe Stunde. Kitty Genovese lebte noch bei Eintreffen des Krankenwagens, verstarb aber auf dem Weg ins Krankenhaus. Warum der Fall weltweite Berühmtheit erlangte, ist die Tatsache, dass mindestens 38 Personen Teile des Verbrechens wahrgenommen hatten, aber niemand eingriff. Auch die Polizei wurde erst nach 35 Minuten gerufen. Eine große Diskussion über mangelnde Zivilcourage und Gefühlskälte brach in Amerika los, nachdem die New York Times mit der Schlagzeile aufwartete: „Thirty-eight who saw murder didn't call the police“. Durch den Fall Genovese wurden psychologische Studien angeregt, die sich intensiv mit dem Zuschauer- oder Bystandereffekt beschäftigten, der besagt, dass einzelne Augenzeugen eines Unfalls oder Verbrechens mit geringerer Wahrscheinlichkeit helfend eingreifen, wenn weitere Personen ebenfalls dabei stehen. Das Buch umfasst etwa zwei Stunden erzählte Zeit und wird multiperspektivisch im Präsens erzählt. Zunächst begleitet der Leser Katrina Marino durch den ersten Kapitel bis zur ersten Attacke. Doch dann wechselt Jahn zu mehreren verschiedenen Personen, die mit diesem Verbrechen in Berührung kommen werden. Darunter sind ein korrupter Polizist, ein Nachbar, der bei Katrinas Eintreffen den Parkplatz verlässt und sie knapp zwei Stunden später finden wird, ein Rettungssanitäter, der Mörder, aber vor allem eine ganze Reihe von Nachbarn. Sie alle bekommen etwas vom Geschehen mit, aber unternehmen nichts, zum einen überblicken sie die Tragweite des Verbrechens nicht, zum anderen gehen sie davon aus, dass ein anderer Hilfe verständigt, einige sind auch einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt. So betreibt Jahn über seine Figuren eine Art Gesellschaftsstudie eines Amerika in den 1960ern: Korrupte Polizei, Rassismus, Homosexualität, selbstbestimmtes Sterben, Ehebruch, Kindesmissbrauch. Die Themen werden teilweise nur kurz angeschnitten und können so ihre Wucht nur bedingt entfachen. Obwohl gut gemacht, fand es irgendwie zu viel. Die stärksten Momente hat „Ein Akt der Gewalt“ für mich sowieso bei den Kapiteln mit Katrina. Vor allem da man weiß, dass der Autor hier einen wahren Fall aufgreift. Das Martyrium der jungen Frau, die allein in ihrem Blut liegt und um Hilfe fleht, die leben will und noch schwerverletzt durchhält bis der Krankenwagen eintrifft, um dann doch vorm Eintreffen im Krankenhaus zu versterben – diese Tragik kann der Autor überzeugend transportieren und lässt den Leser durchaus erschüttert zurück.

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    • 11
  • ... und sie taten nichts.

    Der Tod der Kitty Genovese

    Stefan83

    „Die Welt ist ein gefährlicher Ort. Nicht wegen denen, die Böses tun, sondern wegen denen, die dabei zusehen und nichts tun, um es zu verhindern.“ Albert Einsteins Zitat setzt den Schlusspunkt in dem gerade mal 160 Seiten umfassenden Tatsachenbericht, der, in Romanform verfasst, zum Besten gehört, was ich im Genre des sogenannten „True Crime“ zwischen den Händen gehalten habe. Und die Worte des schlauen Mannes mit der langen Zunge sind auch mehr als gut gewählt, bezieht doch Didier Decoins Rekonstruktion eines echten Verbrechens ihre Stärke nicht nur aus den dramatischen Vorgängen des Tathergangs, sondern auch aus der beklemmenden Ungeheuerlichkeit – was zu gleichen Teilen am Vorgehen des Mörders wie dem Verhalten der zahlreichen Zeugen liegt. Queens, 13. März 1964: Um 3.15 Uhr stellt die 28-jährige Kitty Genovese, die von ihrer Schicht als Kellnerin nach Hause kommt, ihren Wagen in der Nähe ihres Apartments ab. Als sie aus dem Auto steigt, nähert sich ihr ein Mann. Dieser Mann ist Winston Moseley, der mit seiner Frau und zwei Kindern ebenfalls in Queens lebt. Winston Moseley arbeitet als Bürokraft, hat keine Schulden, ist nicht vorbestraft und bisher nie auffällig geworden. Trotzdem erregt etwas an der Art, wie er sich Kitty Genovese nähert, deren Misstrauen. Sie versucht, eine Notrufsäule zu erreichen, wird jedoch von Moseley eingeholt und auf offener Straße niedergestochen. Über einen Zeitraum von mehr als einer halben Stunden wird Kitty Genovese von Winston Moseley vergewaltigt, schwer verletzt und am Ende ermordet – während mindestens 38 Zeugen ihre Schreie hören oder aus erleuchteten Fenstern heraus das Geschehen beobachten. Niemand hilft … Die Aufgabe einer Rezension ist es naturgemäß, den vorliegenden Inhalt eines Buches sachlich zu beschreiben, zu analysieren und zu bewerten, um unter anderem etwaig interessierten Lesern bzw. potenziellen Käufern einen kurzen Überblick zu geben und eventuell sogar bei der Entscheidungsfindung unter die Arme zu greifen. Didier Decoins „Der Tod der Kitty Genovese“ hebelt diese übliche Herangehensweise jedoch bereits nach wenigen Seiten aus, so dass am Ende der Lektüre viel mehr die eigenen Gefühle, als der vorliegende Text verarbeitet werden wollen. Seit „Kaltblütig“ von Truman Capote – das völlig zurecht von dem politischen Wochenmagazin „Le Point“ auf dem Titelbild als Vergleich hinzugezogen wird – habe ich nicht mehr eine solche Anteilnahme an dem Inhalt eines Buches empfunden, fühlte ich derart intensiv den Finger in die Wunde gelegt, ob die eigenen Beteuerungen der Zivilcourage im Angesicht eines Verbrechens wirklich standhalten würden. Wie hätte ich selbst in dieser Situation reagiert? Wie würde ich damit umgehen, nichts getan zu haben? Wie anmaßend ist es von mir, Scham und Wut angesichts der 38 (!) Personen zu empfinden, die sich tatenlos abgewandt und damit den Mord an dieser jungen Frau im Prinzip erst ermöglicht haben? Wo sich sonst die Behandlung eines Verbrechens auf die Tat selbst konzentriert, beleuchtet Decoin das Vergehen aus psychologischer Sicht. Wir wissen wer das Opfer ist, was es vorher tat, was ihr Umfeld war. Wir wissen, dass der Angeklagte der Täter war, wissen warum er es getan (auch wenn wir weit davon entfernt sind, es zu verstehen bzw. verstehen zu wollen). Wir wissen, wie die Geschworenen im Prozess entscheiden werden. Was wir aber nicht wissen ist: Welche Rolle haben die Zeugen gespielt? Wie ist es möglich, dass 38 Menschen NICHT gesehen haben wollen, dass vor ihren Augen, unter ihren Fenstern, vor ihrer Haustür, ein brutaler Mord geschehen ist. Und warum eine Frau – mehrmals – so laut sie konnte um Hilfe schrie, ohne diese von irgendjemanden zu erhalten. Decoin geht diesen Punkt geschickt an, indem er aus der Perspektive eines fiktiven Erzählers – ein Anwohner, welcher zum Zeitpunkt des Mordes gemeinsam mit seiner Frau verreist war – die schrecklichen Ereignisse dieser Nacht minutiös rekapituliert. Und er tut dies mit einer präzisen, pragmatischen Sachlichkeit, welche die grausamen Umstände genauso hervorhebt, wie der Schnee das Blut des Tatorts. Didier Decoins schriftstellerische Fähigkeiten angesichts einer solchen, wirklich begangenen Gewalttat hervorzuheben, ist nicht ohne einen gewissen makabren Zynismus, aber dennoch notwendig, ist es doch die Wahl der Worte, die hier relativ schnell den Schutzpanzer des Lesers durchdringt, weshalb zumindest mir dieses relativ kurze Buch stärker an die Nieren ging, als so mancher 500 Seiten umfassenden Serienkillerplot. Schnörkellos und vor allem ohne moralischen Fingerzeig skizziert er diesen halbstündigen Ausfall des menschlichen Mitgefühls, der es Moseley erlaubte, sein Verbrechen ohne größere Störung zu begehen und in seinem Sinne zu beenden. Eine halbe Stunde – vom ersten Stich des Messers über die zwischenzeitlich geglückte Flucht Kittys bis hin zur Vollendung der Tat im Hausflur eines riesigen Mehrfamilienhauses. Erst hier, das Opfer ist bereits tödlich verletzt und geschändet worden, greift eine der Zeuginnen zum Telefonhörer. Viel zu spät … Auch wenn sich Decoin mit Verurteilungen zurückhält (lediglich in der Aussage des ermittelnden Polizisten deutet er die Abscheu angesichts des Ausbleibens jeglicher Hilfeleistung an), ist „Der Tod der Kitty Genovese“ natürlich ein Fingerzeig auf den Mangel an Zivilcourage, der mit Sicherheit kein Relikt der 60er – erst im August 2008 kam es in Queens wieder zu einem ähnlichen Verbrechen – sondern immer noch Teil unserer Gesellschaft ist. Der Fall zeigt gleichzeitig auf, wozu Menschen fähig und wozu sie eben nicht fähig sind, was, und das haben Sozialpsychologen herausgefunden, im höchsten Maße von der Gruppendynamik abhängig ist. Je mehr Menschen Zeuge eines Verbrechens sind, umso mehr verlässt sich jeder einzelne auf das Einschreiten des anderen, wird sich untereinander im Stillen die Verantwortung zugeschoben, um nicht selbst in die schrecklichen Umstände mit hineingezogen zu werden. Genau diese Thematik griff 1964 auch der „New York Times“-Journalist Martin Gansberg auf, welcher die Diskussion über Zivilcourage mit seiner schonungslosen Reportage über den Mord an Kitty Genovese befeuerte. Seitdem nennt man die anhaltende Untätigkeit von Zeugen auch „Bystander-Effekt“ oder „Genovese-Syndrom“. Gansbergs Reportage wird – wie auch Decoins Buch – sicherlich einige schockiert und sprachlos gemacht, aber angesichts der vielen ähnlichen Fälle in den Jahren danach, nur wenig Wirkung gezeigt haben. Beide geben sie zwar Antworten auf viele Fragen, aber die eine, bereits oben genannte, kann nur jeder für sich selbst – und das wohl ebenfalls nicht ohne Zweifel – für sich beantworten: Was hätte ich getan? „Der Tod von Kitty Genovese“ ist von literarisch herausragender Qualität. Eine protokollarische, klar gegliederte Kriminalgeschichte, welche genauso tief berührt und schockiert, wie sie nachdenklich macht. Für mich eines der besten Bücher meines persönlichen Lesejahrs 2014.

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    • 3

    Gulan

    23. December 2014 um 20:39
  • Rezension zu "Der Tod der Kitty Genovese" von Didier Decoin

    Der Tod der Kitty Genovese

    parden

    21. August 2012 um 16:45

    DEN DAUMEN IN DIE WUNDE... ... legt Didier Decoin mit seinem Roman über die wahre Begebenheit um die Ermordung der 28-jährigen Kitty Genovese. Als Kitty Genovese im März 1964 um 3.15 Uhr von ihrer Schicht als Kellnerin nach Hause kommt, ihren Wagen in der Nähe ihres Apartments abstellt und aus dem Auto steigt, nähert sich ihr ein Mann. Etwas an der Art, wie er sich ihr nähert, erregt Kitty Genoveses Misstrauen. Sie versucht, eine Notrufsäule zu erreichen, wird jedoch eingeholt und auf offener Straße niedergestochen. Obwohl sie immer wieder um Hilfe ruft, wird sie über einen Zeitraum von mehr als einer halben Stunde vergewaltigt, schwer verletzt und am Ende ermordert - während mindestens 38 Zeugen ihre Schreie hören oder sogar aus erleuchteten Fenstern heraus das Geschehen beobachten. Niemand hilft... Nach Einsicht der alten Akten zu Zeugenbefragungen und Gerichtsverhandlung, hat Didier Decoin in diesem Roman die Rekonstruktion des Verbrechens gewagt. Dabei ist es ihm gelungen, eine atmosphärisch dichte Erzählung zu weben, die genaue Bilder der Umgebung vermittelt und dabei Opfer, Täter und einen unbeteiligten Beobachter zu Wort kommen lässt. Sachlich geschildert, wird dennoch die Ungeheuerlichkeit der Vorgänge deutlich - sind doch die Zeugen des Vorfalls durch ihr Nichtstun zu großen Teilen für den Tod der Kitty Genovese verantwortlich... Im Anschluss an die Rekonstruktion des Verbrechens und seiner Folgen legt der Autor im Nachwort nochmal nach. Er legt Ergebnisse wissenschaftlicher Experimente zum Phänomen der Untätigkeit von Zeugen vor: wenn nur 2 Personen einen Hilferuf vernehmen, greifen sie in 85% aller Fälle ein, bei 3 Zeugen sind es schon nur noch 65% und bei 6 Personen lediglich noch 31% - sobald andere anwesend sind, diffundiert die Last der Verantwortung. Und so wird schnell deutlich, dass der "Bystander-Effekt" oder auch das "Genovese-Syndrom" (benannt nach o.g. Mordfall) kein einmaliges Phänomen ist. Sondern Gültigkeit hat bis in die heutige Zeit. Selbst Einstein kannte dies schon und meinte dazu: "Die Welt ist ein gefährlicher Ort. Nicht wegen denen, die Böses tun, sondern wegen denen, die dabei zusehen und nichts tun, um es zu verhindern." (S. 159) Beeindruckend und aufwühlend!

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  • Rezension zu "Der Tod der Kitty Genovese" von Didier Decoin

    Der Tod der Kitty Genovese

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    06. May 2012 um 15:00

    Die Darstellung eines grauenhaften Verbrechens... * "Er hielt einen Augenblick inne, ehe er fortfuhr: "Laut Polizeibericht waren es achtunddreißig Tatzeugen. Achtunddreißig Menschen, Männer und Frauen, die das Martyrium von Kitty Genovese eine halbe Stunde lang aus der Ferne verfolgt haben. Schön im Warmen hinter ihren Fenstern. Einige von ihnen mit einer Decke über den Schultern, andere hatten noch Zeit gefunden in ihren Morgenmantel zu schlüpfen. Keiner hat irgendetwas unternommen, um die arme Frau zu retten." (S. 42) * "Der Tod der Kitty Genovese" berichtet über den grausamen Überfall und Mord an Kitty. Ihr Peiniger, Winston Moseley, wurde von unzähligen Nachbarn gesehen. Nachbarn, die später aussagten, dass sie dachten es handele sich um einen normalen Streit eines Paares oder Frauen, die ehrlich zugaben, es ihren Männern verboten zu haben sich da einzumischen. * Didier Decoin versteht es mit Worten umzugehen. Sein Schreibstil ist leicht und flüssig zu lesen - auch wenn einem manchmal die Haare zu Berge stehen. Er beschreibt den Mord an Kitty Genovese, die Gerichtsverhandlung und die Aussagen der Zeugen und es Täters ungeschönt und detailliert. * "Der Tod der Kitty Genovese" ist nicht nur ein Porträt des Mordes dieser jungen Frau, es schildert auch die fehlende Zivilcourage ihrer Nachbarn - niemand hätte erwartet, dass man sich zwischen Kitty und das Messer wirft - aber es wäre ein Handgriff gewesen den Telefonhörer abzuheben und die Polizei anzurufen. Ein verhalten, dass sich als Leserin dieses Buches schwer nachvollziehen lässt. * Im übrigen beruht das Buch auf einer wahren Begebenheit, die sich im Jahr 1964 zugetragen hat - und dieses Verbrechen hat auch dazu beigetragen, dass in Amerika eine einheitliche Notrufnummer eingerichtet wurde. * Erschreckend offen und ehrlich wird aufgezeigt, wie emotionslos Winston Mosley mit der Tatsache umgeht, dass er ein Leben ausgelöscht hat - und nicht nur eines, den Kitty war nicht sein einziges Opfer. Aber das Leben dieser jungen und lebensbejahenden Person hätte gerettet werden können! * "Dennoch war Gansberg der Meinung, wir sollten uns nicht allzu weit entfernen: Die Geschworenen seien sich, wie er sagte, bewusst, dass der Mord an Kitty Genovese nicht mehr den Rang einer Lokalnachricht, sondern nationale Bedeutung habe, und sie würden die Millionen von Menschen nicht enttäuschen wollen, die von ihrer Justiz erwarteten, schnell zu handeln, Strenge walten zu lassen und die junge Italoamerikanerin zu rächen, die lateinamerikanische Musik so sehr liebte und so gut zu Liedern von Arsenio Rodriguez und Johnny Pacheco tanzte, dass sie über den Tanzboden zu schweben schien, über den Asphalt, auf den geteerten Dächern der Wohnhäuser. Man nannte sie den angelo piccolo, den kleinen Engel, mit Beinen wie Trommelstöcke, die den Takt des Lebens angaben." (S. 134/ 135) * Im Nachwort erfahren wir übrigens, dass das Verhalten der Tatzeugen "Genovese-Syndrom" oder auch "Bystander-Effekt" genannt wird. * "Der Tod der Kitty Genovese" ist ein ergreifendes und schrecklich offenes Buch, dass mit Capotes "Kaltblütig" verglichen wird! Von mir eine Leseempfehlung!

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  • Rezension zu "Der Tod der Kitty Genovese" von Didier Decoin

    Der Tod der Kitty Genovese

    simoneg

    07. May 2011 um 22:28

    Ein irres Buch, sehr emotional. Immer wieder mußte ich mich daran erinnern, dass ich keinen Thriller lese sondern die Geschichte eines brutalen Mordes, einer abscheulichen Vergewaltigung, die in den 60er Jahren in New York stattgefunden hat. Bei der Polizei haben sich 38 Zeugen gemeldet und keiner hat der jungen Frau geholfen! Es war wirklich erschreckend, dass die junge Frau wegen dieser Ignoranz (? ich weiß nicht, wie ich das eigentlich nennen soll) sterben mußte. Leider war das Buch etwas zu dünn. Ich hätte mir da schon mehr Tiefe gewünscht. Vor allem auch zu der Frau des Täters. Sie war nämlich total ahnungslos. Zu Hause war er der treusorgende Familienvater, der sich liebvoll um seine zwei Kinder gekümmert hat. Das Buch ist auf jeden Fall lesenswert und zeigt auch uns Thriller-Fans, dass die Realität ebenso brutal sein. Warum ich lieber Thriller lese? Weil ich dann weiß, dass es nur Fiction ist. Es berührt mich dann nicht so.

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  • Rezension zu "Der Tod der Kitty Genovese" von Didier Decoin

    Der Tod der Kitty Genovese

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    30. April 2011 um 14:19

    ueens, 13. März 1964: Um 3.15 Uhr stellt die 28-jährige Kitty Genovese, die von ihrer Schicht als Kellnerin nach Hause kommt, ihren Wagen in der Nähe ihres Apartments ab. Als sie aus dem Auto steigt, nähert sich ihr ein Mann. Dieser Mann ist Winston Moseley, der mit seiner Frau und zwei Kindern ebenfalls in Queens lebt. Winston Moseley arbeitet als Bürokraft, hat keine Schulden, ist nicht vorbestraft und bisher nie auffällig geworden. Trotzdem erregt etwas an der Art, wie er sich Kitty Genovese nähert, deren Misstrauen. Sie versucht, eine Notrufsäule zu erreichen, wird jedoch von Moseley eingeholt und auf offener Straße niedergestochen. Über einen Zeitraum von einer halben Stunde wird Kitty Genovese von Winston Moseley vergewaltigt, schwer verletzt und am Ende ermordet während mindestens 38 Zeugen ihre Schreie hören und aus erleuchteten Fenstern heraus das Geschehen beobachten. "Die Welt ist ein gefährlicher Ort. Nicht wegen denen, die Böses tun, sondern wegen denen, die dabei zusehen und nichts tun, um es zu verhindern." Mit diesem Zitat von Albert Einstein endet "Der Tod der Kitty Genovese" von Didier Decoin, und genau darum geht es in diesem Buch, das auf einer wahren Begebenheit beruht und sich minutiös mit den letzten Minuten im Leben und Sterben der jungen Italoamerikanerin Catherine "Kitty" Genovese auseinandersetzt. Aus der Perspektive eines fiktiven Erzählers , des Schriftstellers Nathan Koschel, der zum Zeitpunkt des Mordes verreist war, rekapituliert Decoin die Ereignisse dieser Nacht. Präzise und genau ist die Sprache, jedes Wort sitzt und ließ mir bei der Lektüre mehr als einmal einen kalten Schauer den Rücken herunterlaufen. Die Ungeheuerlichkeit der Tatsache, dass, wie sich im Nachhinein herausstellte, 38 (!) unmittelbare Nachbarn die Tat ohne einzuschreiten beobachteten, ist erschreckend, aber stellt auch den unmittelbaren Bezug zu Ereignissen in unserem unmittelbaren Umfeld her. Und mehr als einmal habe ich mich gefragt, wie ich selbst in dieser Situation reagiert hätte, denn von ähnlichen Vorfällen liest man mittlerweile fast täglich in der Zeitung. Der Journalist der "New York Times", Martin Gansberg betrat hingegen 1964 mit seiner Reportage Neuland, indem er die ausbleibenden Reaktionen thematisierte und gnadenlos offenlegte und geradezu eine Diskussion über Zivilcourage herausforderte. Seit diesem Fall gibt es auch einen Begriff, der dieses Verhalten bezeichnet, nämlich das "Genovese-Syndrom", auch bekannt als "Bystander-Effekt". Der Mörder von Kitty Genovese, Winston Moseley, verheiratet, 2 Kinder Afroamerikaner, bis dato unbescholten entpuppte sich während des Prozesses als Serientäter. Er gestand zwei weitere Morde und diverse Vergewaltigungen. Seine Verurteilung zum Tode wurde allerdings in eine lebenslängliche Haftstrafe umgewandelt, die der mittlerweile 75jährige noch immer verbüßt, aber im November 2011 wird er wieder eine Anhörung zur vorzeitigen Haftentlassung haben. Ein erschreckendes Buch von herausragender Qualität, das es nicht nur meiner Meinung nach jederzeit mit Truman Capotes "Kaltblütig" aufnehmen kann. (5 von 5 Sternen, obwohl ich hier lieber, auch wegen der literarischen Qualität, mindestens 6 vergeben möchte)

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  • Rezension zu "Der Tod der Kitty Genovese" von Didier Decoin

    Der Tod der Kitty Genovese

    Clari

    03. March 2011 um 16:14

    Gewalttat und Untätigkeit: Psychogramm eines Verbrechens! Als Kitty Genovese 1964 an den Messerstichen und Vergewaltigungen durch Winston Mosely starb, sahen mehr als 38 Zeugen ihre Not oder hörten ihre Hilferufe. Keiner alarmierte die Polizei oder einen Rettungswagen! In meisterhafter Erzählkunst berichtet Didier Decoin von einem Verbrechen, das einer wahren Begebenheit nachempfunden ist. Hier geht es nicht um die Suche nach einem Mörder oder in erster Linie um die Grausamkeit seiner Verbrechen, denn Kitty war nicht sein einziges Opfer. Es geht um die psychologischen Finessen, mit denen Decoin die Zeugen in den Focus der Tat rückt. Wie verlaufen Verbrechen, wenn eine schweigende Mehrheit sich tatenlos innerlich abwendet und auf diese Weise erst einen Überfall ermöglicht, der an Grausamkeit kaum zu überbieten ist? In dem Krimi von Didier Decoin wird die Perspektive aus einer ungewohnten Richtung beleuchtet. Das Opfer steht fest. Der Täter steht fest. Seine Verbrechen werden zwar genauestens mit allen Details aufgeführt. Doch was ist mit den Zeugen? Ein Dichter und seine Frau werden als erstes befragt. Sie waren zur Tatzeit nicht im Haus und treten hier als Berichterstatter auf. Die Zeugenbefragung durch die Polizei zeigt mit makaberer Deutlichkeit, wozu Menschen fähig sind. Je mehr Zeugen es gibt, desto unwahrscheinlicher wird die Anzeige, da jeder innerlich dem anderen die Aktivität zur Hilfe überlässt. Mit diesem Roman beweist Decoin einmal mehr, dass wir nicht Herr unseres Handelns sind, wenn wir uns in den Fängen eines gruppendynamischen Prozesses befinden. Dabei schiebt einer dem anderen innerlich die Verantwortung zu, auch um sich selber vor den Schrecknissen des Verbrechens zu schützen. In einem Nachtrag wird auf das anerkannte Milgram -Experiment verwiesen. Der berühmte Sozialpsychologe Stanley Milgram forderte Studenten zur grausamen Bestrafung fiktiver Übeltäter auf. Die meisten von ihnen kamen dem Befehl nach, wenn sie von einer von ihnen geachteten Autorität dazu aufgefordert wurden. Es zeigt einmal mehr, dass Verbrechen ohne Menschlichkeit im weitesten Sinne keine Seltenheit sind. Mit fesselnden Worten und einem gut konstruierten Plot gelingt dem Autor ein faszinierendes Szenario. Man schaut in die Fratze vom Verlust menschlicher Werte und ist erschrocken über den Ausfall von Teilnahme und Hilfsbereitschaft. Literarisch wunderbar aufbereitet erzählt Didier Decoin eine wahrhaft außergewöhnliche Kriminalgeschichte. Die Gliederung in Zeugenvernehmung, Gerichtsverhandlung und Tatgeschehen gibt der Handlung einen fast protokollarischen Charakter. Der vielfach ausgezeichnete Autor lebt in Frankreich, und seine Übersetzerin Bettina Bach hat die Geschichte hervorragend ins Deutsche übertragen.

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