Von dieser Biografie bin ich ziemlich enttäuscht. Als Vermesserin, die zufällig am selben Tag wie Carl Friedrich Gauß (1777-1855) Geburtstag hat (30. April) habe ich mir deutlich mehr Einblick in die Vermessungskunde des großartigen Mathematikers erwartet. Vor allem auch deswegen, weil Autor Dieter Lelgemann (1939-2017) selbst Vermessungswesen in Essen und an der TU Berlin studiert hat und später als Wissenschaftshistoriker tätig war.
Der Titel „Gauß und Messkunst“ suggeriert eine Erwartung, die das Buch leider nicht erfüllt. Statt praktischer Vermessung, die, wie der Autor mehrfach betont, das Anliegen von Gauß gewesen ist, habe ich Dutzende mathematische Abhandlungen erhalten. Natürlich ist Geodäsie ohne Mathematik nicht möglich. Aber die Ableitung zahlreicher Formeln mögen für Mathematiker interessant sein. Alle jene, die wissen wollen, wie ein Gradmessungsnetz oder Triangulierungsnetz angelegt und vermessen wird, gehen leer aus. Gerade einmal wird die Dreiecksauflösung, wie man mit einer bekannten Seite und zwei bekannten Winkel die fehlenden Bestimmungsstücke erhält, gestreift. Mag sein, dass Lelgemann dies als Allgemeinwissen voraussetzt. Nun, immerhin wird auf S. 74 eine (Triangulierungs)Netzskizze der Gradmessung zwischen Göttingen und Hamburg abgebildet.
Außerdem fehlen Hinweise auf die Bedeutung Gauß‘ für das zivile und militärische Vermessungswesen, die bis heute ihre Gültigkeit hat. Weder geht der Autor detailliert auf die Landesvermessungssysteme von Deutschland, Österreich, Finnland und Russland, die für den Liegenschaftsverkehr (Kataster) nach wie vor das Gauß-Krüger-Koordinatensystem verwenden, noch auf die praktische Ausführung mit den damaligen Instrumentarium ein.
Im Abschnitt III beklagt Dieter Lelgemann die Vorherrschaft französischer Naturwissenschaftler im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, allerdings ohne Namen zu nennen oder einen Beweis dafür anzutreten. Hier hätte ich mir, vor allem als Bezug zu Carl Friedrich Gauß, der sich als geopolitischer Wissenschaftler gesehen hat, doch mehr erwartet. Ja natürlich ist es die Zeit der Französischen Revolution (1789) bzw. der Napoleonischen Kriege (bis 1815) die einen internationalen Austausch erschweren.
Interessant ist die psychologische Charakterstudie nach C. G. Jung, die im Jahr 2010 von der Psychologin Felicitas Heyne erstellt worden ist. Deren Conclusio: „Gauß war vom Charaktertyp her gesehen ein individualistischer Macher.“. (S. 102)
“Sie [Individualistischer Macher] sind ruhig, sachlich und rational, ausgesprochene Verstandesmenschen. Ihren Individualismus pflegen sie intensiv. Sie genießen es, ihre analytischen Fähigkeiten an neuen Aufgaben zu messen.
Dabei sind sie gleichzeitig sehr spontane und impulsive Typen, die gerne plötzlichen Eingebungen folgen und jede Art von Einschränkungen hassen. Sie sind gute und genaue Beobachter, die aufmerksam fast alles registrieren.
Für Zwischenmenschliches verfügen sie allerdings über nicht so feine Antennen und wundern sich gelegentlich, wenn sie bei anderen durch ihre direkte und unverblümte Art anecken.“ (S. 103)
Diese Charakterisierung klingt plausibel. Allerdings wird nicht erwähnt, warum sie erstellt worden ist.
Im Abschnitt V ist ein Teil der Korrespondenz von Gauß angefügt, aus der schon zuvor ausgiebig zitiert worden ist.
Fazit:
Dieses Buch hat meine Erwartungen leider nicht erfüllt, daher gibt es nur 3 Sterne.


