Das Buch hat mich in mehrfacher Hinsicht beeindruckt und zugleich enttäuscht.
Zunächst einmal ist der enorme Rechercheaufwand unübersehbar. Der Autor hat eine beeindruckende Fülle an Quellen, Zitaten und Dokumenten zusammengetragen und vermittelt den Eindruck, sich intensiv mit den Hintergründen des Ukrainekrieges beschäftigt zu haben. Positiv ist außerdem, dass er gleich zu Beginn klar feststellt, dass Russland den Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen hat und dieser völkerrechtswidrig ist.
Im weiteren Verlauf hatte ich jedoch zunehmend den Eindruck, dass das eigentliche Anliegen des Buches darin besteht, die von Wladimir Putin in seinen Reden vorgebrachten Begründungen für den Angriff auf die Ukraine Punkt für Punkt nachzuvollziehen und mit Quellen zu untermauern. Viele Kapitel wirken auf mich wie der Versuch zu zeigen, dass Putins Argumentation sachlich begründet oder zumindest weitgehend nachvollziehbar sei.
Ein Beispiel ist die ausführliche Behandlung der Behauptung einer “faschistischen Ukraine”. Über viele Seiten werden Beispiele und Quellen angeführt, die diese These stützen sollen. Was mir dabei fehlt, ist eine kritische Einordnung: Es wird kaum der Frage nachgegangen, wie vergleichbare rechtsextreme oder nationalistische Strömungen in Russland selbst oder in anderen europäischen Staaten zu bewerten wären. Dadurch entsteht für mich der Eindruck eines doppelten Maßstabs. Wenn das Vorhandensein extremistischer Gruppen bereits eine militärische Intervention rechtfertigen würde, müsste diese Logik konsequenterweise auch auf zahlreiche andere Länder angewendet werden, eine Schlussfolgerung, die der Autor nicht diskutiert.
Überhaupt hatte ich häufig den Eindruck, dass Fakten zwar sorgfältig recherchiert sind, aber oft nur einen Teil des Gesamtbildes zeigen oder ohne den notwendigen politischen und historischen Kontext präsentiert werden. Dadurch erhalten sie eine Richtung, die letztlich die Argumentation des Kremls eher bestätigt als kritisch überprüft.
Besonders schade finde ich, dass der Autor westlichen Medien vorwirft, den Konflikt einseitig aus ukrainischer Sicht darzustellen. Nach meiner Wahrnehmung verfällt er selbst in eine vergleichbare Einseitigkeit nur aus der entgegengesetzten Perspektive. Das schmälert aus meiner Sicht den Wert einer ansonsten beeindruckenden Recherche erheblich.
Hinzu kommt, dass Tatsachen häufig unmittelbar mit persönlichen Bewertungen und Schlussfolgerungen verbunden werden. Selbstverständlich darf ein Autor eine eigene Position vertreten. Ich hätte mir jedoch gewünscht, dass klarer zwischen belegbaren Fakten und deren Interpretation unterschieden wird. Gerade bei einem so komplexen und emotional aufgeladenen Thema wäre mehr Distanz und Ausgewogenheit der Glaubwürdigkeit des Buches zugutegekommen.
Mein Fazit: Der Recherchefleiß und die Materialfülle verdienen Anerkennung. Dennoch hinterlässt das Buch bei mir den Eindruck, dass die Auswahl und Interpretation der Quellen vor allem darauf ausgerichtet sind, Putins Sichtweise zu plausibilisieren. Deshalb empfehle ich, das Buch nur zusammen mit Darstellungen zu lesen, die den Konflikt aus anderen Perspektiven beleuchten. Nur so lässt sich aus meiner Sicht ein ausgewogenes Gesamtbild gewinnen.



