Warum die Geschichte der Nationalmannschaft nie unpolitisch war
Der Spannungsbogen dieser anderen Geschichte der deutschen Nationalmannschaft reicht vom jüngsten bis zum zweitjüngsten Cheftrainer. Otto Nerz wurde 1926 mit 34 Jahren Reichstrainer, Julian Nagelsmann im September 2023 Bundestrainer. Am Beispiel der insgesamt zwölf Nationaltrainer, darunter die Weltmeister Sepp Herberger (1954), Helmut Schön (1974), Franz Beckenbauer (1990) und Joachim Löw (2014), lässt sich, so die bewährte Autoren-Doppelspitze Dietrich Schulze-Marmeling und Bernd-M. Beyer in ihrem neuen Buch, „die jeweils vorherrschende politische Stimmungslage in Deutschland“ trefflich beschreiben.
Der ehemalige Sozialdemokrat Otto Nerz trat 1933 der SA und ein Jahr später der NSDAP bei. Der erste hauptamtliche Reichstrainer beschwor die „Gefahr der Verjudung im Fußball“ und propagierte einen „judenfreien europäischen Sport“. Bevor der Freund von Karl Eberhard, Leibarzt des Holocaust-Cheforganisators Heinrich Himmler, 1949 in einem sowjetischen Sonderlager starb, war er u. a. für die Leidenswege der jüdischen Nationalspieler Gottfried Fuchs und Julius Hirsch mitverantwortlich.
Davon zeugt einer der in diese scharfsichtige Geschichtschronik eingebauten Exkurse. Gottfried Fuchs, der mit zehn Toren in einem Länderspiel gegen Russland immer noch den deutschen Rekord hält, und Julius Hirsch, als Torjäger beim Deutschen Meister Karlsruher FV einer der besten deutschen Stürmer, wurden wie alle Juden bereits 1933 „freudig und entschieden“ aus der Nationalelf und ihren Vereinen „entfernt.“
Das lange Martyrium von Julius Hirsch, zu dessen Ehren der DFB jährlich den „Julius Hirsch Preis“ verleiht, endete im März 1943 mit dessen Ermordung in Auschwitz. Dem nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich inhaftierten Gottfried Fuchs gelang 1940 wie durch ein Wunder die Flucht nach Kanada. Nerz-Nachfolger Sepp Herberger arrangierte sich zwar mit dem NS-Regime, „schützte“ jedoch seine Nationalspieler vor der Nazipropaganda und wurde im Entnazifizierungsverfahren lediglich als Mitläufer eingestuft.
Auch der vor 125 Jahren 1900 gegründete Deutsche Fußball-Bund erwies sich mit Spitzenfunktionären wie DFB-„Fußballführer“ Felix Linnemann als willfähriger Steigbügelhalter des NS-Regimes. Der ehemalige Nationalspieler Rudolf Gramlich war als Mitglied der Waffen-SS im polnischen Krakau an einem Erschießungskommando und einer Vergeltungsaktion mit über 900 ermordeten Menschen beteiligt. Nach dem Kriegsende avancierte der spätere Ehrenpräsident von Eintracht Frankfurt als Vorsitzender des Bundesliga-Ausschusses ab 1967 zu einem der mächtigsten Männer im deutschen Fußball.
Hermann Neuberger, 1944 einer der jüngsten NS-Hauptmänner im Generalstab, gilt als einer der Väter der Bundesliga. Der autoritäre DFB-Präsident spielte anlässlich der WM 1978 in Argentinien eine verhängnisvolle Rolle. Er sympathisierte mit der herrschenden Militärdiktatur, verweigerte trotz bester Junta-Kontakte den Erfolg versprechenden Einsatz für die Freilassung der in der Folterhaft ermordeten deutschen Studentin Elisabeth Käsemann und empfing den früheren Nazi-Oberst Hans-Ulrich Rudel, Gründer eines NS-Hilfswerks in Argentinien, im WM-Quartier der Nationalmannschaft, einem Erholungsheim der argentinischen Luftwaffe. Nach dem Finale rügte Neuberger die Spieler von Vizeweltmeister Niederlande, weil sie dem Diktator und Massenmörder Jorge Rafael Vileda den Handschlag verweigert hatten.
Dass die Geschichte der Nationalmannschaft immer ein Spiegelbild der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung war bzw. ist, zeigen auch die Ausführungen über das Brandt’sche „Wagnis der Demokratie “, das während der WM 1974 - mit dem deutsch-deutschen „Systemvergleich“ - von Franz Beckenbauer, Paul Breitner & Co. in der spartanischen Sportschule Malente geübt wurde, bis hin zum „Fall Özil/Erdogan“ vor der WM 2018 und der „Mannschaft unterm Regenbogen“ bei der verkorksten Winter-WM 2022 in Katar.
Auch die EM 2024 hatte eine politische Schlagseite. Und da sind wir wieder bei Julian Nagelsmann. Der SPIEGEL schrieb: „Nagelsmann tut auf den EM-Pressekonferenzen das, was Scholz unterlässt. Er erklärt sein Handeln.“ Starkolumnist Sascha Lobo lobte gar den „nagelsmannschen Gemeinschaftspatriotismus.“ Doch als der smarte Zeitenwende-Bundestrainer mit einer Umfrage konfrontiert wurde, nach der immerhin jeder Fünfte der Befragten sich mehr „weiße Spieler“ in der Nationalelf wünschte, kritisierte Nagelsmann nicht etwa diese rassistische Einstellung, sondern die “Scheiß-Umfrage“.
AfD-Rechtsaußen Björn Höcke verachtet „einen Fußball, dem aus jeder Pore die Regenbogenideologie quillt", und betont: "Heute kann ich mich nicht mehr mit unserer Nationalmannschaft identifizieren". Die vom Thüringer AfD-Vorsitzenden propagierte (und gerichtlich sanktionierte) Nazi-Parole „Alles für Deutschland“ könnte auch als Überschrift des dunkelsten Kapitels in der Nationalmannschafts-Geschichte dienen: Für die bleiernen 25 Jahre zwischen 1920 bis 1945. Die völkisch-antidemokratische Saga vom „deutschen Volksgemeinschaftsgeist“ und „fremder Mentalität“: Sie ist in rechten Kreisen leider wieder salonfähig! Um so wichtiger ist ein solches Aufklärungsbuch.
Joseph Weisbrod
Info: Dietrich Schulze-Marmeling, Bernd-M. Beyer: „Politik im Spiel – Die andere Geschichte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft“. 2025. 320 Seiten. 26 Euro. Edition einwurf