Dilek Güngör

 4,1 Sterne bei 36 Bewertungen

Lebenslauf von Dilek Güngör

Vermittlerin zwischen den Welten: Dilek Güngör, geboren 1972 in Schwäbisch Gmünd, ist eine deutsch-türkische Journalistin, Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie studierte Übersetzen in Germersheim, Journalistik in Mainz und Race and Ethnic Studies in Warwick, England. Heute ist sie als Journalistin bei der »Berliner Zeitung« und als stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift »Kulturaustausch« tätig. Güngör beschäftigt sich in ihrem Schreiben viel mit der deutsch-türkischen Verständigung, mit verschiedenen Kulturen und Integration. Ihre gesammelten Kolumnen aus verschiedenen Zeitungen erscheinen regelmäßig in Buchform. Außerdem ist sie stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift »Kulturaustausch« und schreibt als Gastautorin Beiträge für die Zeit-Online Kolumne »10 nach 8«. Neben ihrer Zeitungsarbeit verfasst sie auch Opernlibretti und Romane.

Neue Bücher

Cover des Buches Vater und ich (ISBN: 9783957324924)

Vater und ich

 (8)
Neu erschienen am 20.07.2021 als Hardcover bei Verbrecher.

Alle Bücher von Dilek Güngör

Cover des Buches Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter (ISBN: 9783492252669)

Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter

 (11)
Erschienen am 01.10.2008
Cover des Buches Ich bin Özlem (ISBN: 9783957323736)

Ich bin Özlem

 (9)
Erschienen am 20.02.2019
Cover des Buches Vater und ich (ISBN: 9783957324924)

Vater und ich

 (8)
Erschienen am 20.07.2021
Cover des Buches Unter uns (ISBN: 9783442734351)

Unter uns

 (5)
Erschienen am 04.09.2006
Cover des Buches Ganz schön deutsch (ISBN: 9783492248969)

Ganz schön deutsch

 (3)
Erschienen am 01.10.2007

Videos zum Autor

Neue Rezensionen zu Dilek Güngör

Cover des Buches Vater und ich (ISBN: 9783957324924)Nasuadas avatar

Rezension zu "Vater und ich" von Dilek Güngör

Vom Schweigen zwischen Vater und Tochter
Nasuadavor 7 Tagen

Ipek verbringt ein verlängertes Wochenende bei ihrem Vater; die Mutter ist mit Freundinnen im Kurzurlaub in einem Wellness-Hotel. Zwischen Vater und Tochter scheint die Nähe abhanden gekommen und Schweigen hat sich ausgebreitet. Wann hat es begonnen, fragt Ipek sich und wer ist für die fehlenden Worte verantwortlich?

Auf „Vater und ich“ der Autorin und Journalistin Dilek Güngör wurde ich durch die Longlist des Deutschen Buchpreises aufmerksam und es zog mich sofort an. Der gesamte Text ist eine direkte Ansprache an den Vater im Präsens und wirkt dadurch unmittelbar und sehr persönlich. Der Autorin gelingt es dabei perfekt, die Sprachlosigkeit zwischen Vater und Tochter einzufangen und obwohl die Prämisse hier eine völlig andere ist, fühlte es sich doch (unangenehm) bekannt an.

Ipeks Vater kam mit 21 Jahren als „Gastarbeiter“ nach Deutschland. Mit vierzehn war er von zuhause weggelaufen, lernte das Polsterhandwerk und musste schließlich zum Militärdienst. Ipek ist schon vor Jahren aus der schwäbischen Heimat nach Berlin gezogen – im Gegensatz zu ihren Freundinnen, die immer noch vor Ort leben und handfeste Berufe haben (Lehrerin, Physiotherapeutin, Bankangestellte). Ipek hingegen ist Journalistin und führt die interessantesten, komplexesten Interviews – nur mit dem eigenen Vater will das nicht mehr funktionieren:

„Überall fehlen mir die Worte, in deiner Sprache, in meiner Sprache und mit dir sowieso.“ (Ende Kapitel 7)

Früher machten sie Scherze miteinander, sahen gemeinsam Filme, aber heute gelingt ein ausführliches Gespräch nur noch, wenn andere dabei sind; die Mutter zum Beispiel, die gerne und viel redet oder Doktor Funke, der sich seine Möbel stets von Ipeks Vater aufbereiten lässt. Doch es gibt auch Lichtblicke. Beim gemeinsamen Kochen oder beim Polstern von Möbeln ist das Schweigen nicht mehr unangenehm, sondern wie ein stilles Ineinandergreifen von Zahnrädern. Und obwohl sie sonst immer ohne Ansprache miteinander reden, nennen sich die beiden am Ende kızım und baba, Tochter und Vater - und Ipek zieht ein wunderbares Fazit „Wir sind, wie wir sind.“ Einziges Manko des Romans? Viel zu kurz!

Kommentieren0
0
Teilen
Cover des Buches Vater und ich (ISBN: 9783957324924)Elenchen_hs avatar

Rezension zu "Vater und ich" von Dilek Güngör

Sprachlosigkeit
Elenchen_hvor 9 Tagen

"Ich will nicht reden, ich will Nähe, Vaternähe. Ich will Vertrautheit, ich will Selbstverständlichkeit, ein gelassenes Beieinandersein ohne Druck auf der Brust, ohne ein Ziehen im Bauch, ohne die Stimme im Ohr, die einen Makel darin sieht, Versagen, Gefühlskälte, Gleichgültigkeit." - Dilek Güngör, "Vater und ich"


Als ihre Mutter gemeinsam mit drei Freundinnen zu einer Wellness-Woche verreist, nutzt Ipek die Gelegenheit, drei Tage alleine mit ihrem Vater zu verbringen - ohne die Mutter, die sonst als Puffer zwischen den beiden dient. Denn wo früher gemeinsames Lachen und Scherze die Regel waren, herrscht heute nur noch unangenehmes Schweigen. Ipek hat vor, diese Fremde, die zwischen ihr und ihrem Vater herrscht, in den Tagen allein mit ihm zu überbrücken - doch kann ihr das nach so langer Zeit der Stille gelingen?


Auf gerade einmal 100 Seiten zeichnet Dilek Güngör in "Vater und ich" ein berührendes Bild einer komplizierten Vater-Tochter-Beziehung, in der die gemeinsame Sprache verloren gegangen zu sein scheint. Die Autorin spickt ihr Buch dabei mit vielen sehr, sehr schönen Sätzen - und belässt es thematisch auch nicht nur bei der Beziehung zwischen Vater und Tochter, sondern flicht in die Familiengeschichte auch deren Hintergründe mit ein. Ipeks Vater kam in den 70er Jahren als sogenannter Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Sowohl die Tochter, als auch der Vater haben mit Fragen bezüglich ihrer Identität zu kämpfen, auch Integration und Rassismus spielen eine Rolle - beispielsweise behauptet Ipek in der Schule, dass sie kein Türkisch könne, um sich vor Vorurteilen zu schützen. Dieses Motiv der fehlenden Sprache sowohl zwischen Vater und Tochter, als auch in der Gesellschaft fand ich besonders gut umgesetzt.


Dilek Güngör hat mich mit ihrem Roman bewegt und aufgewühlt. Ich mochte ihren Stil, ich mochte ihre Figuren - und hätte sie gerne noch so viel länger begleitet, als nur diese 100 Seiten. Der Geschichte fehlt es an nichts, nur würde ich unglaublich gerne erfahren, was nach diesen drei Tagen passiert ist und genauer in die Zeit davor eintauchen. So lag in dieser Kürze zwar viel Gefühl, das jedoch durch Länge noch hätte intensiviert werden können. Nichts desto trotz finde ich es ganz wunderbar, dass ich "Vater und ich" durch die Nominierung für den Deutschen Buchpreis für mich entdecken durfte.

Kommentieren0
0
Teilen
Cover des Buches Vater und ich (ISBN: 9783957324924)pardens avatar

Rezension zu "Vater und ich" von Dilek Güngör

Zwischen den Kulturen...
pardenvor 15 Tagen

ZWISCHEN DEN KULTUREN...

Als Ipek für ein verlängertes Wochenende ihren Vater besucht, weiß sie, dass er auf dem Bahnhofsplatz im Auto auf sie warten und sie nicht am Zug empfangen wird. Im Elternhaus angekommen sitzt sie in ihrem früheren Kinderzimmer, hört ihn im Garten, im Haus, beim Teekochen. Die Nähe, die Kind und Vater verbunden hat, ist ihnen mit jedem Jahr ein wenig mehr abhandengekommen, und mit der Nähe die gemeinsame Sprache. Ipek ist Journalistin, sie hat das Fragenstellen gelernt, aber gegenüber
dem Schweigen zwischen ihr und dem Vater ist sie ohnmächtig.

Dilek Güngör beschreibt die Annäherung einer Tochter an ihren Vater, der als sogenannter Gastarbeiter in den 70er Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam. Sie erzählt von dem Versuch, die Sprachlosigkeit mit Gesten und Handgriffen in der Küche, mit stummem Beieinandersitzen zu überwinden. Ein humorvoller wie rührender Roman über eine Vater-Tochter-Beziehung, mit der sich viele werden identifizieren können. 

(Klappentext)


Erster Satz: "Wann haben wir aufgehört, miteinander zu sprechen?"


Gerade einmal 112 Seiten umfasst diese leise Erzählung aus dem Verbrecher-Verlag, die es jetzt auf die diesjährige Longlist des Deutschen Buchpreises katapultiert hat. Der innere Monolog der Ich-Erzählerin Ipek oder auch deren meist sprachloser Dialog mit dem Vater dominieren das ansonsten unaufgeregte Geschehen. Doch innerlich beben Welten.

Ipek versucht dem beiderseitigen Unvermögen auf die Spur zu kommen, miteinander zu sprechen. Das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, da waren Ipek und ihr Vater sich nahe, damals, als sie noch ein Kind war. Quatsch machen und kuscheln, miteinander lachen und toben, Gesten stillschweigenden Einverständnisses. Doch mit dem Heranwachsen Ipeks veränderte sich das Miteinander. Es gab keinen unbefangenen Umgang mehr, beide zogen sich mehr und mehr zurück, hatten sich abseits vom Alltagsgeschehen nichts mehr zu sagen.

Den Kurzurlaub der Mutter sieht Ipek nun als Gelegenheit, sich dem Vater womöglich wieder anzunähern. Doch ist das schwieriger als gedacht, denn keiner der beiden vermag wirklich über seinen Schatten zu springen, der eigenen Sprachlosigkeit zu entkommen. Alltagsroutinen sorgen für Begegnungen und ein geregeltes Miteinander, die Sprache jedoch beschränkt sich meist auf das Notwendigste. Kleine Ausreißer wie Insider-Witze oder auch kleine Gesten der Aufmerksamkeit zeigen allerdings, dass sich Vater und Tochter nicht gleichgültig sind...


"Manchmal stelle ich mir vor, du wärst nicht mein Vater. Schon der, der du bist, aber eben nicht mein Vater, ein Fremder. Mit Fremden zu sprechen, fällt mir nicht ganz so schwer, ständig spreche ich mit Menschen, die ich zum ersten Mal treffe, frage sie Dinge, die ich dich nie zu fragen wagte."


In dem Versuch, die Sprachlosigkeit zwischen sich und dem Vater zu ergründen, lässt Ipek ihre Gedanken frei fließen. So springt sie immer wieder aus der Gegenwart in die Vergangenheit: in ihre eigene als Kind und als Heranwachsende, aber auch in die ihrer Eltern, die es in den 1970er Jahren aus der Türkei nach Deutschland gezogen hat. Dabei kennt sie die Geschichte ihres Vaters nur bruchstückhaft, meist erzählt von ihrer Mutter oder von anderen Angehörigen. 

Deutlich wird, dass sowohl ihre Eltern als auch sie selbst als türkischstämmige Deutsche zwischen den Kulturen stehen und wie schwierig es ist, dabei zu einer eigenen Identität zu finden. Ipek hat sich als Heranwachsende nicht nur wie jede:r andere Pubertierende von den Eltern distanziert, sondern zusätzlich noch von ihrer Herkunft, weil sie in der Schule dazugehören wollte. Diese kulturellen Differenzen haben die Sprachlosigkeit zwischen ihr und dem Vater sicher weiter verschärft...


"Viel später erst, an der Uni, lernte ich (...) ein tadellos gesprochenes Türkisch. (...) Zuhause, mit dir, sprach ich mein neues Türkisch nicht, es war mir peinlich, dir in deiner eigenen Sprache fremd zu sein. Wir sprechen Dialekt, der immer dann besonders lebendig wird, wenn du mit Verwandten aus dem Dorf am Telefon bist. Ich verstehe ihn, spreche den Dialekt aber nicht so wie du. Überall fehlen mir die Worte, in deiner Sprache, in meiner Sprache und mit dir sowieso."


Wie zu erwarten, erweist sich das Unvermögen miteinander zu sprechen als ein Produkt vieler Ursachen. Die kulturellen Differenzen, das Rollengefüge (Ipek fühlt sich den Eltern gegenüber immer noch als Kind) und auch die eigene Persönlichkeit (Ipek und ihr Vater scheinen sich durchaus ähnlich zu sein) führen zu einem im Grunde unlösbaren gordischen Knoten. Ipek selbst schwankt in ihren Gedankengängen und den oft eher hilflos anmutenden Versuchen, den Kontakt zum Vater zu intensivieren, zwischen Sehnsucht, Verzweiflung und einem pragmatischen "es ist eben so" hin und her.

Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass es sich bei diesem schmalen Büchlein um eine autofiktionale Erzählung handelt. Die Vorstellung, dass der eigene Vater der Autorin diese Zeilen womöglich lesen kann, hat etwas Tröstliches. Es sind in jedem Fall verbindene Worte, die vielleicht nicht die gegenseitige Sprachlosigkeit durchbrechen, wohl aber ein besseres Verstehen bedeuten können.

Eine leise-kraftvolle Erzählung, die zum Nachdenken anregt und über das letzte Wort hinaus nachhallt. 


© Parden

Kommentare: 10
14
Teilen

Gespräche aus der Community

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Hol dir mehr von LovelyBooks