Dimitri Verhulst Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau

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Inhaltsangabe zu „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“ von Dimitri Verhulst

Es muss doch noch mehr geben als eine langweilige, vorgezeichnete Existenz ins Grab hinein, eine lieblose Ehe, die einem jede Selbstachtung raubt, und Kinder, die einem fremd sind – sagt sich der gut siebzigjährige Désiré Cordier eines schönen Tages. Und entwirft eine ungewöhnliche Strategie: Er beschließt, einen auf dement zu machen. Die Rolle des senilen Vergesslichen bereitet dem ehemaligen Bibliothekar nicht nur ein diebisches Vergnügen, er spielt sie auch so gut, dass ihn die Familie schließlich ins Pflegeheim bringt, wo er endlich frei zu sein meint …

Eine kurzweilige Annöherung an das Thema demenz - durchaus amüsant aber mit heftigen Nadelstichen.

— miss_mesmerized
miss_mesmerized

Das Leben als dementer Mensch im Heim: ehrlich, radikal, lustig, amüsant beschrieben (musste oft schmunzeln) aber mit sozialkritischem Ton

— Rapha
Rapha

Humorvoll, aber der Ernst der Sache steht hinter den Zeilen

— leserin
leserin

Dimitri Verhulst ist meiner Meinung nach immer lesenswert!

— Sumsi1990
Sumsi1990

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  • Dimitri Verhulst - Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau

    Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau
    miss_mesmerized

    miss_mesmerized

    27. December 2016 um 17:25

    Désiré Cordier hat genug vom Leben mit seiner Frau, die ihn andauernd bevormundet und ihm und den Kindern das Leben schon seit Jahrzehnten zu Hölle macht. Er beschließt, sich ein anderes Leben zu suchen und der einfachste Weg ist, sich dement zu stellen. Akribisch bereitet er den Ausstieg aus dem alten Dasein vor: mehr und mehr vergisst und vertauscht er, gezielt täuscht er Frau und Tochter bis diese schließlich mit ihm eine Untersuchung durchführen lassen: klarer Fall, der Mann ist dement und gehört in ein Heim. Mit Vergnügen setzt er dort sein Spiel fort, wenn er auch bisweilen ob der Missstände am liebsten seine Rolle aufgeben würde. Doch er erlebt auch unerwartete Überraschungen, denn sein genialer Plan ist gar nicht so originell, dass nicht auch andere auf diese Idee kommen könnten. Dimitri Verhulst gelingt ein interessanter Spagat mit seinem kurzen Büchlein. Zum einen ist es wirklich köstlich mit anzusehen, welchen Spaß Désiré an der Täuschung seiner Gattin hat, welche absurden Einfälle ihn seinen fortschreitenden Zerfall darstellen lassen. Urkomisch sind die Situationen und Dialoge – wenn sie nicht so realistisch wären. Der Protagonist erfüllt die Erwartungen, ebenso wie die wirklich Erkrankten, deren Umfeld damit leben muss. Die bittere Pille, insbesondere als er sich seiner geliebten Tochter nicht offenbaren kann und vor dieser ebenfalls die gewählte Rolle des dementen Vaters, der das eigene Kind nicht mehr erkennt, aufrechterhalten muss. Auch die Beobachtungen im Pflegeheim sind wenig erbaulich und vermutlich bitterer Ernst und Normalität für viele, die sich nicht dagegen wehren können. Dass das Happy End mit der wiedergefundenen Jugendliebe ausbleibt, ist einerseits für den Leser etwas schade, aber stimmig in der Gesamtschau: das Leben ist nun einmal nicht so. Und was das selbstgewählte Schicksal schließlich mit ihm macht, lässt einem doch recht melancholisch zurück. Eine interessante Annäherung an das Thema Demenz und unseren Umgang mit von dieser Erkrankung Betroffenen. Auch die Frage, wie man im fortgeschrittenen Alter noch aus dem eigenen Leben flüchten kann, wenn dieses scheinbar nicht mehr wert ist, weitergelebt zu werden, ist durchaus wert, überdacht zu werden. 

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  • Leber dement, als gefangen!

    Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau
    Sumsi1990

    Sumsi1990

    17. May 2016 um 09:18

    Vorweg muss ich sagen, dass ich wahnsinnig gerne Dimitri Verhulst lesen, diese Lektüre aber bei  mir schon einige Zeit her ist, sodass ich Erinnerungslücken zu entschuldigen erbitte. Dieser Roman handelt von dem alternden Bibliothekar Desire, welcher mit seinem Leben unzufrieden ist, in seiner Ehe nicht mehr glücklich ist und seinen Ausweg darin sucht, dement zu spielen. Es ist ein pardoxes Buch, da man sich eine solche Situation nicht vorstellen,  aber nachfühlen kann. Wie gesagt, ich lesen Verhulst extrem gerne und war somit auch von diesem Roman alles andere als enttäuscht. Sein Schreibstil und sein Humor sind einmalig und ich kann diesen Autor nur jedem ans Herz legen.

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  • Flucht vor dem Leben

    Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau
    taigala

    taigala

    22. August 2015 um 15:09

    Er flüchtet. Vor sich, vor der Welt, vor allem. Dass er (die Hauptfigur) hierfür einen so starken Schritt begeht und sich ins Altenheim bugsiert...mit Demenz...oha.
    Oftmals kam ich an den Punkt mich zu fragen, warum er nicht vorher sein Leben änderte, nicht vorher mehr unternahm. Im Rückblick über alles zu meckern...ich weiß et nich.
    Trotzdem amüsant zu lesen.

  • Schwarzer Humor ja gerne, aber nicht so

    Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau
    peedee

    peedee

    Désiré Cordier, 74 Jahre alt und ehemaliger Bibliothekar, hat genug von seinem unbefriedigenden Leben mit seiner Frau Moniek. Um von ihr loszukommen, beschliesst er, sich als dement auszugeben. Sein Schauspiel gelingt und er wird ins Geriatriezentrum Winterlicht eingewiesen. Sohn Hugo kann mit der Situation nicht gut umgehen und zieht sich zurück. Tochter Charlotte kommt ihn noch einmal im Heim besuchen – um endgültig Abschied zu nehmen. Im Heim hat es unterschiedliche Mitbewohner: seinen früheren Schwarm Rosa Rozendaal, den „Lagerkommandanten Alzheimer“, aber auch einer, der ihm auf die Schliche kommt… Erster Eindruck: Das Cover ist überraschend witzig mit einem tanzenden Pärchen gestaltet und hat einen eigenartigen Buchtitel. Dies war auch der Grund für den Buchkauf. Witzig fand ich z.B. die Aussage, dass Désirés Frau Moniek an chronischem Morbus Kaufrauschus leidet – einhergehend mit manischer Handtaschitis. Merkwürdig fand ich z.B., dass der Tiefpunkt in Désirés Vater-Karriere der Tag war, als Charlotte Vegetarierin wurde. Also bitte. Traurig machte mich Charlottes Monolog bei ihrem Abschiedsbesuch. Negativ fand ich die deftige Fäkalsprache, zudem ist ein Vorschieben von Demenz alles andere als ein Spass. Das Buch hat einerseits witzige Passagen, andererseits macht mich das Ganze traurig und auch wütend. Natürlich wird die Ehe mit seiner Frau Moniek nicht gerade liebevoll beschrieben (und ich lese ja nur Désirés Sicht), aber er verhält sich meiner Meinung nach feige, will sich der Situation entziehen und flieht sich in die Demenz. Anstatt sich das Leben gegenseitig zu vergiften, hätten die beiden sich besser getrennt. Dass Désiré mal Bibliothekar war, ist eigentlich auch völlig nebensächlich. Das Buchende war für mich überraschend. Die negativen Punkte haben für mich gegen Ende immer mehr zugenommen, sodass ich nur 2 Sterne vergeben kann - schade.

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    • 2
    Ay73

    Ay73

    12. April 2015 um 09:40
  • Ein zynischer, wenig mögenswerter Protagonist, viel schwarzer Humor und ein sehr ernstes Thema

    Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau
    anushka

    anushka

    Désiré hat sich jahrzehntelang in seine unglückliche Ehe gefügt, doch dann kommt ihm plötzlich eine Idee. Er will sich aus seinem einengenden Leben befreien und beginnt langsam, die Symptome einer Demenz zu simulieren. Der frühere Bibliothekar schildert teilweise sehr direkt, teilweise sehr bissig die Reaktionen seiner Umwelt auf seinen beginnenden Abbau und die Situationen im Pflegeheim. Hier fühlt er sich endlich einmal frei, auch wenn er das Simulieren bestimmter Symptome doch sehr lästig findet. Einerseits sind die Schilderung von Désiré witzig, andererseits teilweise sehr tragisch. Und immer steht die Frage im Raum: wie viel bekommen die Pflegeheimbewohner eigentlich tatsächlich davon mit, wie mit ihnen umgegangen wird? Die Sprache dieses kurzen Buchs ist mitunter sehr drastisch, da nichts beschönigt wird. Und auch wenn der Protagonist keinesfalls mögenswert ist - aber auch er ist immerhin schon 73 Jahre alt und auch an ihm ist das Alter nicht spurlos, wenn auch demenzlos, vorbeigegangen - so kommt doch viel Mitleid auf mit denen, die wirklich von Demenz betroffen sind. Désiré ist selbst sicherlich auch verbittert und was er tut, um seiner Ehefrau und teilweise auch seinen Kindern zu entkommen, ist nicht weniger bösartig als das, was er seiner Frau unterstellt. Keinesfalls ist er bemitleidenswert, denn er ist seinem "Unglück" nicht einmal mutig entgegengetreten. Lieber hat er den feigen Weg gewählt. Auch wenn der Humor des Autors tiefschwarz und sehr zynisch ist und man manchmal das Gefühl hat, der Humor ginge auf Kosten der armen Pflegebedürftigen, so liefert dieses Buch doch auch viele Denkanstöße und lässt einem mitunter das Herz schwer werden, wenn man an diese armen Menschen denkt. Und dann wird auch verständlich, dass das Leben dort als normal Funktionierender nur mit einer bösen Prise Humor zu ertragen ist.

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    • 2
  • Das Lachen bleibt oft im Hals stecken

    Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau
    variety

    variety

    09. November 2014 um 14:13

    Désiré (was für ein gewöhnungsbedürftiger Name für einen Mann, ich war sehr lange irritiert) hat genug von seinem Leben als treuer Ehemann und ehemaliger Bibliothekar. Er flüchtet in ein Heim für Demenzkranke. Was zu Beginn der Lektüre verwirrte und bei mir immer wieder zum Nachdenken führte, akzeptiert man irgendwann. Bis zum Moment, als er Rosa, seine Jugendliebe, sieht oder an der vermeintlichen Bushaltestelle im Garten der Klinik einen Mann trifft, der ihn entlarvt. Da wünschte ich mir mehr Tiefgang und wäre sehr froh gewesen, wenn das Buch länger als die 140 Seiten  gedauert hätte!

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  • Demenz als Weg zur Freiheit?

    Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau
    HarIequin

    HarIequin

    „Ich gehe über den Styx und packe ein: (…) die Sehnsucht nach einem T-Shirt mit der Aufschrift: DAS LEBEN BEGINNT MIT 74!“ (Seite 85) Désiré Cordier ist unzufrieden: sein Leben ist nur so an ihm vorbeigezogen, seine Ehe eine einzige Frustration und nun steht auch noch ein Umzug in eine kleinere Wohnung an – ohne Garten oder Keller als Fluchtmöglichkeit vor seiner besseren Hälfte. Wie soll er da wieder herauskommen? Als Lösung für sein Problem setzt Désiré auf eine Demenzerkrankung. Nach und nach „vergisst“ er einfach zu bezahlen, läuft in Frauenklamotten aus dem Geschäft und trägt einen Lampenschirm als Hut. Er überzeugt in seiner Rolle schließlich so sehr, dass er in ein Pflegeheim eingewiesen wird. Dort überlebt er einige Überraschungen, von seiner Jugendliebe bis zum ehemaligen Nazi ist alles dabei. Meinung Dimitri Verhulst erzählt in humorvollem Ton, wie aus dem Bibliothekar Désiré Cordier ein vermeintlich Demenzkranker wird, der die eigene Familie an der Nase herumführt. Dabei könnte Désiré nicht sarkastischer sein und sorgt mit seinen bissigen Bemerkungen immer wieder für Belustigung. Trotzdem ist es ein vielschichtiger und sozialkritischer Roman, der neben Humor auch in die Tiefe geht. Wie kann jemand in einem Pflegeheim als Demenzkranker mehr Freiheit sehen als in seinem eigenen Zuhause? Und so wird aus dem ganzen Roman eine tragische Komödie, die sich am Ende gut zusammenfügt.Der ungewöhnliche Titel des relativ dünnen Romans lockte mich an und er hat für mich gehalten, was er auf den ersten Blick verspricht: eine originelle, ausgefallene und komische Geschichte. Einziges Manko war für mich der fehlende Bezug zu Désiré und dass es mich nicht zu 100 Prozent mitgenommen hat. Ansonsten ein klasse Roman.

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    • 2
    gst

    gst

    25. October 2014 um 17:44
  • Wenn man den Partner satt hat - ab ins Heim??

    Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau
    dieFlo

    dieFlo

    Unser Protagonist sieht dem Ende seines Lebens entgegen und bemerkt dies daran, dass er erstens seinen Garten nicht mehr pflegen kann und deshalb ein Umzug aus dem Eigenheim in eine Wohnung ansteht und das der Körper nicht mehr wirklich so will, wie er soll. doch da ist noch etwas anderes, was zählt. Die Frau, genauer gesagt, diese Diskussionen, das Generve und eigentlich muss doch mal gut sein - das zumindest denkt sich unser Bibliothekar und sieht nur einen Ausweg. Wenn seine letzten Monate noch toll sein sollen, dann ohne diese Frau. Es war doch eh ein Fehler so viele Jahre mit ihr zusammen auszuharren, zu schweigen und ihre Ermahnungen zu ertragen ..... also muss eine Idee her. Diese ist ganz einfach: er will ins Heim, aber wie kommt man dahin? So ohne Schwächen? Also beginnt er so nach und nach auffällig zu werden, Dinge zu vergessen, sich zu verlaufen - wie gut, dass er so belesen ist. Der Plan geht auf. Schweren Herzens geben seine Kinder und die nicht geliebte Frau ihn in ein Heim und dort beginnt das Leben. Klar muss er schweigen, er darf sich nicht verraten ...... wie oft wird er innerlich lachen und dort trifft er sie wieder: Rosa - seine Jugendliebe, die leider dement ist ,-) Voller Ironie begleitet der Leser Desire, den Bibliothekar und kann manchmal herrlich schmunzeln.

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    • 4
  • Das Leben beginnt mit 74!

    Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau
    Ginevra

    Ginevra

    Désiré Cordier, Bibliothekar im Ruhestand, ist gerade 74 Jahre alt, als er eine folgenschwere Entscheidung trifft: er hat die ewigen Schimpftiraden seiner Ehefrau Moniek satt und will endlich wieder seine Freiheit haben. Ein Seniorenstift scheint ihm die perfekte Lösung zu sein. Also führt er seine Familie, Ärzte und Pflegekräfte an der Nase herum und mimt den Demenzkranken.  Nach einigen albernen, peinlichen und gefährlichen Aktionen landet er in „Haus Winterlicht“, wo er endlich ein eigenes Zimmer hat und rundum versorgt wird. Er trifft auf „echte“ Demente, auf einen Gleichgesinnten – und auf seine Jugendliebe Rosa Rozendaal… Doch das Paradies erweist sich immer mehr als Gefängnis, die herablassende Behandlung der älteren Generation durch genervte Pfleger wird zur Falle. Wie ein Undercover-Agent beobachtet Désiré den Pflegenotstand und wird immer mehr zum Zyniker, z.B. bezeichnet er seine Pfleger als „plärrende Arschabwischer mit vor Unterbezahlung vergrätzter Stimmung“. Als Rosa eines Tages spurlos verschwindet, trifft er eine weitere Entscheidung… Der flämische Autor Dimitri Verhulst wurde 1972 in Aalst geboren. Sein bisher bekanntester autobiographischer Roman, „Die Beschissenheit der Dinge“, wurde für den „AKO- Literaturpreis“ nominiert und 2009 verfilmt. Um sein Leben als Autor zu finanzieren, jobbte er in mehreren Ländern, u.a. als Pizzabote. Mir hat der sarkastische Erzählstil dieses zweifellos sozialkritischen Buches sehr gut gefallen. Immer wieder tauchten bei mir neue Fragen auf: warum lassen Menschen sich von anderen so in die Enge treiben? Welche scheinbar paradiesischen Rückzugs- Nischen bietet die Gesellschaft den Kranken und Schwachen an – und wie sieht die Wirklichkeit aus? Wie gehen wir miteinander um – besonders mit unserer älteren Generation? Und: worauf kommt es im Leben letztendlich an? Ein mehrschichtiges Lesevergnügen, das viele Fragen aufwirft und zum Nachdenken anregt - 5 von 5 Sternen und eine Leseempfehlung!

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    • 3
    dieFlo

    dieFlo

    17. August 2014 um 13:05
  • Rezension "Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau"

    Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau
    ReadingVienna

    ReadingVienna

    Tagein, tagaus..ständig dieses Gemecker von der schon längst zum Eisblock erstarrten Ehefrau, die mit nichts zufrieden zu sein scheint. Getrennte Schlafzimmer gehören bereits der Normalität an. Sogar der erste Furz vor der frisch Angetrauten ein paar Tage nach der Hochzeit werden Désiré übel genommen sodass er sich weitere für die Zukunft doch lieber verkniff. Mit einer lieblosen Ehe und zwei undankbaren Kindern gestraft, sucht der inzwischen schon 73-Jährige nach einem Ausweg. Dem Umzug vom Haus in eine kleinere Wohnung in der Stadt (wo er seiner Frau gar nicht mehr entfliehen könnte), sieht er mit großem Entsetzen entgegen. Sich weiterhin Beleidigungen von seiner Frau Moniek  (eigentlich Monique) hinsichtlich seines Unnützseins kann und möchte er sich nicht mehr anhören. Auch ihr ständiges Wetteifern mit den anderen Pensionisten wer besser beieinander ist und ihr grundlegendes Bedürfnis von anderen Menschen und überhaupt der Gesellschaft als die perfekte Familie dazustehen, ist für Désiré unerträglich. Was also tun, wenn man seine letzte Jahre auf Erden einfach nur in Ruhe und Frieden verbringen will? Genau! Man lässt seine Familie nach und nach im Glauben sie vergessen zu haben und gibt sich einfach als dement aus. Zunächst nur unscheinbar und unregelmäßig beschließt der pensionierte Bibliothekar statt Torte einen Toaster zu kaufen oder steigt in einen beliebigen Zug, ohne zu wissen wo er landen wird. Bald erreicht er sein Ziel und zieht in ein Pflegeheim. Moniek möchte sich ja nicht nachsagen lassen, sich nicht genug um ihren Ehemann gekümmert zu haben. Die Geschichte ist in zwei Teile gegliedert. Zuerst natürlich derjenige, der klar macht weshalb und vor allem wie Désiré es schafft seinen Plan in die Tat umzusetzen und der zweite Teil, der sich im Heim abspielt.  Der ausschlaggebende Grund für den Kauf von "Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau" war bei mir vor allem der Titel. Ich fand diesen unglaublich süß und auch treffen, da ich es von meiner Familie und auch von Freunden oft höre, dass die Eltern sich ständig necken, was mit dem Alter eher zunimmt als dass das Rumnörgeln weniger wird. Ich finde es ja ganz witzig Zeuge davon zu sein und dachte mir also bei dem Buch "wieso nicht?". Auch das Cover ist meiner Meinung nach sehr schön gestaltet. Es passt so gar nicht zu dem Bild, welches man sich von einem Bibliothekar eigentlich macht und läutet schon die Vorahnung auf so manche Verrücktheit ein. Das Buch ist ungemein charmant und verspielt geschrieben. Die Charaktere wirken realitätsnah und dadurch, dass es aus der Sicht von Désiré geschrieben ist, wird einer schnell mit seinen Gedanken und Gefühlen vertraut. Mit seiner Frau kennt er kein erbarmen und ich kann mich nicht erinnern auch nur ein nettes Wort über sie gelesen zu haben. Anscheinend ist sie ein richtiger Drache. Der Name des Protagonisten hat mich jedoch irritiert. Ich finde nicht, dass er zu dem alten Mann passt. Die Geschichte wird gegen Ende viel zu sehr gestrafft. Die letzten 20 Seiten hätte ich vermutlich anders geschrieben.  Fazit: Auf jeden Fall ein Kauf, den ich nicht bereue. Das Richtige für jeden, der eine lustige, schnelle und einfache Lektüre sucht! 

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    • 2
  • Würdevoll altern - ein unmögliches Vorhaben?

    Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau
    kleinechaotin

    kleinechaotin

    „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“ erzählt die Geschichte von Désiré, der eigentlich nur in Würde altern möchte. Mit seiner Frau an seiner Seite gelingt es ihm nicht und der bevorstehende Verkauf ihres Hauses betrübt ihn zusätzlich. Das Haus trägt zwar gänzlich die Handschrift seiner Frau - der Garten und der Keller sind sein Reich. Wie soll das in einer Wohnung funktionieren?  Désiré beschließt aus seinem Leben zu fliehen und beginnt eine Demenz vorzutäuschen. Er spielt diese so überzeugend, er kann sogar eine Ärztin überzeugen. Sie entmündigt ihn und er kommt in ein Pflegeheim. Im Pflegeheim verfällt immer mehr - seine Frau, sein Sohn und seine Tochter besuchen immer seltener. Seine Freunde, seine ehemaligen Kollegen und Nachbarn sowie sein eigener Bruder halten sich von ihm fern. Seine Bemühungen jeglichen Kontakt abzubrechen, tragen Früchte: Auszug, S. 123/124: „Sie nahm meine Hände und drückte sie fest. „Paps“, sagte sie, „Papa, schau noch mal her, schau mich ganz kurz noch mal an!“ Und ich wusste wahrhaftig nicht, wie ich meine Gefühle im Zaum halten sollte. Rosa Rozendaals Anblick hatte mir geholfen, doch inzwischen hatte man sie wieder auf ihr Zimmer bugsiert. „Du weißt wirklich nicht mehr, wer ich bin, was?“, wiederholte sie. Über ihre Wangen kullerten Tränen. „Mathilda!“, quiekte ich da, triumphierend: „Mathilda, ich wusste, dass du mich eines Tages hier rausholen würdest!“ Sie zuckte zusammen, stand auf und legte eine volle Packung Zigaretten vor mich auf den Tisch, küsste mich lang auf die Stirn und verschwand, ohne noch etwas zu sagen. Und wie ich geahnt hatte: Sie kam nie mehr zurück.“ Das ist eine der Szenen, die mir einen kalten Schauer über den Rücken gejagt hat. Seine Tochter Charlotte besucht ihn im Pflegeheim und schon zu Beginn des Besuchs weiß Désiré, dass dies ihr letzter Besuch werden wird um ihr Gewissen zu beruhigen. Mit klaren Formulieren, kurzen Sätzen und ohne überflüssige Verzierungen ist der Schreibstil von Dimitri Verhulst einzigartig. Dem Leser wird eine deutliche und klare Botschaft übermittelt, die sich teilweise auch zwischen den Zeilen rausdrängt. Von mir gibt es 5 Sterne, da mich das Buch einfach berührt hat. Es wirkt noch immer nach und es lässt mich einfach nicht los. 

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    • 5
    Buchraettin

    Buchraettin

    04. June 2014 um 08:53
  • Satirische Verzweiflung zwischen Pest und Cholera

    Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau
    ewigewelten

    ewigewelten

    01. June 2014 um 21:23

    »Ich musste einen Moment lang nicht aufgepasst haben – unversehens war ich alt und verbraucht.« Désiré ist ein Mann, der das Kämpfen aufgegeben hat: Resigniert ergibt er sich den Launen seiner Frau, die sich alle Mühe macht, sein Leben in eine Qual zu verwandeln. Er hält es aus, bis er vierundsiebzig ist, dann beginnt eine verrückte Idee in ihm zu reifen: Er entflieht dem biederen Kleinstadtleben, der Klatsch-Nachbarschaft und seinem Hausmonster – er beschließt, dement zu werden. Nach und nach legt er sich alle Symptome zu, »vergisst«, beim Einkaufen zu bezahlen und den Wohnwagen mit den den Urlaub zu nehmen, irgendwann auch alles andere. Dabei wählt er eine zweite Hölle, nur um der ersten zu entfliehen. Er erfährt Geheimnisse seiner Kinder, aber er kann sich ihnen nicht zu erkennen geben. Es dauert lange, bis man ihn endlich in ein Heim abschiebt. Seine Frau ist kurz vor dem Nervenzusammenbruch, nun glaubt er seine Freiheit gefunden. »Unnötig zu sagen, dass die Art unseres Wiedersehens und meine Bemerkung sie zutiefst kränkten, nicht zuletzt deshalb, weil sie gar nicht Camilla hieß, sondern Moniek. Moniek van Diest. Schöner Name. Macht sich gut auf dem Grabstein.« Verhulst schreibt zackig und ohne Schmuck, seine Sprache ist schwarz und zynisch, kennt weder Scham noch Respekt. Die Kapitelüberschriften verpackt er in einem makaberen Ratespiel, und auch sonst spürt man in den Seiten dieses Buches, das hier kein Unterschied zwischen ernsthafter und Unterhaltungsliteratur besteht. Das Thema kann dem Leser flau im Magen liegen, zieht Désiré auch noch so sehr darüber her. Die verlorene Bushaltestelle, die in den Pflegeheimen Einzug fand, die Sedativa, der Verlust des Lebenswillens. Lange ist unklar, ob Désiré wirklich einen guten Tausch gemacht hat – aber dann entdeckt er auch bei anderen Insassen seltsame Verhaltensweisen... Eine Satire, unter der wieder die »armen Irren« leiden, aber deren Humor man sich kaum entziehen kann.

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