Dirk Brauns

 3 Sterne bei 6 Bewertungen
Autor von Wir müssen dann fort sein, Im Inneren des Landes und weiteren Büchern.

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Die Unscheinbaren

Erscheint am 14.02.2019 als Hardcover bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch.

Alle Bücher von Dirk Brauns

Wir müssen dann fort sein

Wir müssen dann fort sein

 (5)
Erschienen am 18.02.2016
Im Inneren des Landes

Im Inneren des Landes

 (1)
Erschienen am 16.08.2012
Die Unscheinbaren

Die Unscheinbaren

 (0)
Erschienen am 14.02.2019
Cafè Auschwitz

Cafè Auschwitz

 (0)
Erschienen am 05.08.2015

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StefanieFreigerichts avatar

Rezension zu "Wir müssen dann fort sein" von Dirk Brauns

Hintergründiges über die Wechselwirkungen von Macht und Privatem
StefanieFreigerichtvor 3 Jahren

Dirk Brauns beleuchtet in seinem Roman „Wir müssen dann fort sein“ das Leben seines Protagonisten Oliver Hackert zwischen (Post-) DDR und Post-Sowjetunion – letzteres am Beispiel Belarus/Weißrussland. Das Buch ist in zwei Teile geteilt: ab S. 185 ist Hackert in Minsk, wo er als Auslandskorrespondent einer deutschen Zeitung mit seiner einheimischen Ehefrau lebt. Mit dem Ziel seines beruflichen Aufstiegs und der Möglichkeit einer Versetzung nach Berlin will er den Diktator Lomon in Minsk im Interview mit internen brisanten Informationen konfrontieren. Im Teil davor ist er in Deutschland, um an diese zu gelangen; sein Vater ist ein Freund desjenigen, von dem er sie erhalten will. Dummerweise ist der Kontakt zwischen Vater und Sohn vor 10 Jahren abgebrochen.

Brauns beherrscht bestimmte sprachliche Taktiken, an die ich mich erst gewöhnen musste, so eine Art „Schnitzeljagd“: Er streut eine Bemerkung ein, die ich anfangs noch überlas – später wird sie dann wieder aufgegriffen, dabei mal aufgelöst, mal erweitert, mal variiert.
So steht da „Unter der Zeltplane, an die ich denken musste, lag ein Toter.“ (S. 51). Dieser Satz steht allein, soll aber noch eine Rolle spielen.
Oder nach der Westflucht seines besten Freundes „Er hatte mir Nadine zurückgelassen, ein lebenshungriges Mädchen in einem, wie sich herausstellen sollte, sehr besonderen Zustand.“ (S. 81) Später werden die Folgen der Abtreibung geschildert.
Ebenso eingestreut sind die Reportagen, die Hackert veröffentlicht – welchen Zweck er dabei mit bestimmten Themen verfolgt, wird auch im Verlauf immer klarer.

Ab hier fällt es schwer, das Buch zu rezensieren, ohne zu spoilern – es geht quasi im Systemvergleich DDR und Weißrussland um Konflikte zwischen Vätern und Söhnen, darum, wie Menschen sich einer Idee voller ehrlich empfundenem Enthusiasmus verschreiben, wie andere rebellieren, weitere sich arrangieren, etliche leiden. Es geht um Schuld und –bewusstsein, Macht, Wissen. Viel Wissen wird nebenbei vermittelt (DDR, Belarus). Tragisch erscheint die Rolle des Vaters – inwieweit auch der Sohn am Ende in der Realität angekommen ist, scheitert oder einfach endlich aufgeklärt wurde, mag im Auge des Betrachters liegen. Speziell zu Hackert bleibe ich bis zuletzt unentschieden.

Ich lebe selbst in einer „gemischt deutsch-deutschen Familie“ und denke, dass (unabhängig von meinen Erfahrungen) nicht jedem Teile der Sicht von Autor Brauns zur Vergangenheit gefallen können: so redet er von dem „halben“ oder „kleinen“ Land DDR. Auch bezüglich der Wehrzeit des Protagonisten bei der Bereitschaftspolizei lässt er kein gutes Haar an den Volkspolizisten, ihre Beschreibung deutet an, als wären alle besoffen oder dämlich (S. 136). Das mag ich ebenso wenig wie die Filme, die z.B. Nazis oder Kleinkriminelle so darstellen, mit Verlaub, das diskreditiert auch etwaige Opfer. Über spezifisches „Kasernen-Verhalten“ hat man leider inzwischen auch beispielsweise zu bestimmten Bundeswehreinheiten aus den Medien lernen dürfen (rohe Leber essen). Auch die Beschreibung über Sex unter einigen der Männer aus Dominanz und als Ausweichhandlung war mir eher zu klischeehaft, das wird sonst gerne für Gefängnisse beschrieben.


Vorab – mir hat das Buch sonst sehr gut gefallen, bis auf etwas, das hier mehrfach erwähnt wurde: es gibt zwei Stellen, die auch ich als etwas zu sehr über die Kippe zwischen direkt und vulgär hinaus gegangen empfinde (den Kasernensex fand ich eher langatmig).
Zur Verdeutlichung zitiere ich hier bewusst:
Einmal geht es um erste sexuelle Erfahrungen des Heranwachsenden – mit etwas mehr Details als nötig.
-> Abschnitt ab S. 43 unten
„Vor meinem inneren Auge tauchten die geschwänzten Schultage auf, wenn mein Vater sich auf Lesereise begeben hatte. Mit den Frauen des Magazins, einer für damalige Verhältnisse freizügigen Zeitschrift, zog ich mich in dieses Zimmer zurück.
…bis S. 48 unten
„Das war nicht das Ende unserer Beziehung. Über Jahre liebten wir uns während der Lesereisen meines Vaters. Das Haus meines Vaters war ohne Nadine nicht vorstellbar. Obwohl sie drüben auf der Terrasse lag, war sie hier. Bei mir. Sie trabte durch die Räume und wollte gewichst werden.“
Auch beim zweiten Abschnitt geht es um seine Jugendfreundin Nadine. Während die Beziehung der beiden viel von einem Zweckbündnis hat, war Hackerts bester Freund Mike sehr verliebt in sie. Als Mike in den Westen flüchtet, kommen Hackert und Nadine wieder zusammen – davor hatte Nadine das Kind, das sie von Mike erwartete, abgetrieben.
-> S. 88/89 schildert auch die Konsequenzen direkt danach etwas zu plastisch für meinen Bedarf
Ich hoffe, dass der Autor sich mit diesen Szenen und dieser Wortwahl etwas gedacht hat – ich weiß jedoch nicht recht, was. Die Darstellung wirkt unangemessen und kontrastiert sehr mit der Darstellung später zu den Eheleuten Oliver Hackert und Darja, die fast technisch wirkt, eher an „Beamtendeutsch“ erinnert:
 „Organisch waren keine Aussetzer zu beklagen. Abgesehen davon, dass ich das Gefühl hatte, durch ein tiefschwarzes Vakuum zu trudeln, funktionierte in diesem Hotelzimmer alles prima. Ich verkehrte mit der Frau, die ich liebte. Ich achtete darauf, dass auch sie auf ihre Kosten kam und nicht dachte, sie wäre besser zu Hause geblieben.“ (S. 273)
Leider liest man den „Nadine-Part“ zuerst. Vielleicht geht es um diesen Kontrast, vielleicht liegen dem Autor diese Szenen nicht. Es könnte auch um das generelle Unwohlsein mit der Situation in der Jugendzeit gehen mit einem generellen Ekel oder…?!
Dann wieder zeigt Brauns was er kann, die Beschreibung des Interviews finde ich beeindruckend, der Autor war selbst Korrespondent.

Insgesamt – mit Abzügen für die temporäre Stil-Schwäche – ein Buch, durch das ich viel nachdenken musste zu den Wechselwirkungen von politischem Druck und privaten Beziehungen, über persönliche Verantwortung, familiäre Verpflichtungen, gesellschaftliche Freiräume und Zwänge.

Kommentare: 4
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raven1711s avatar

Rezension zu "Wir müssen dann fort sein" von Dirk Brauns

Mehr Charakterstudie als Thriller
raven1711vor 3 Jahren

Inhalt aus dem Klappentext:
Zehn Jahre lang hat Oliver Hackert, Korrespondent einer deutschen Tageszeitung in Minsk, seinen verhassten Vater, einen ehemaligen Volkspolizisten und systemtreuen Schriftsteller, nicht gesehen – nun nimmt er die Einladung zu dessen 75. Geburtstag an. Er will sich aber nicht aussöhnen, sondern nur Kontakt zu dessen Studienfreund Oleg Mitrochin bekommen. Mitrochin, der als sowjetischer Besatzungsoffizier in der DDR stationiert war, ging nach der Wende nach Weißrussland und wurde dort Gefängnisdirektor. Unlängst aber tauchte er unter, weil er mit seinem Gewissen nicht länger vereinbaren konnte, was in dem Minsker Gefängnis geschieht.
Oliver hat die Chance, als westlicher Journalist das erste Interview seit Jahren mit dem berüchtigten Diktator zu führen, der seine politischen Konkurrenten verschwinden ließ.
Einerseits liebt er Darja, seine weißrussische Frau, über alles und will sie und die Familie nicht gefährden – andererseits ist die Chance auf den Coup, den Diktator mit Mitrochins Informationen zu konfrontieren, extrem verlockend.
Als er sich entschließt, die Sache durchzuziehen, eskaliert die Situation auf allen Ebenen: das Treffen mit dem Vater endet im Desaster und kurz vor dem konspirativen Treffen mit Mitrochin in Minsk wird Oliver klar, dass er überwacht wird – ist sein Interview beim Diktator nur eine Falle für Mitrochin?

Meinung:
Oliver arbeitet als Korrespondent einer deutschen Tageszeitung in Minsk. Dort hat er sich sein Leben aufgebaut, eine Familie gegründet und lebt in relativer Sicherheit, angesichts der politischen Situation im Land. Eigentlich geht es ihm gut, doch der journalistische Ehrgeiz treibt ihn an und als er die Chance für ein Interview mit dem Staatsoberhaupt bekommt, greift er zu. Denn Oliver ist von der Unterdrückung im Staat nicht gerade begeistert. Mit der Einladung zum 75. Geburtstag seines Vaters, einem ehemaligen Volkspolizisten und sozialistischer Schriftsteller, hofft Oliver, über diesen an den Studienfreund Mitrochin zu gelangen, um Insiderinformationen für das Interview sammeln zu können. Doch das Treffen mit seinem Vater, den er seit 10 Jahren nicht mehr gesehen hat, verläuft anders als gedacht und Oliver wird mit seiner Vergangenheit und seinem Leben konfrontiert.
Oliver Hackert ist voller Komplexe. Mit seinem Vater verbindet ihn nicht viel, den Vorstellungen des Vaters wurde er nie gerecht. Seine Mutter ist früh verstorben und Olivers Vater war nicht in der Lage, die Familie zusammenzuhalten.
Oliver ist ehrgeizig, trägt aber viele Lasten aus seiner Vergangenheit mit sich rum, die er anscheinend nie richtig verarbeitet hat. Dirk Brauns zwingt seinen Protagonisten, sich mit seinem Leben und dem, was ihn ausmacht, auseinanderzusetzen. Die Charaktere sind alle gut ausgebaut und weisen genügend Komplexität auf um spannend zu sein. Richtig sympathisch sind sie einem zwar nicht, trotzdem konnte ich die meisten Handlungsweisen, Ängste und Zweifel der Protagonisten hineinversetzen.
Der Handlungsverlauf hat mich hier sehr überrascht, ging ich doch mit einer ganz anderen Vorstellung im Kopf an den Roman heran. Ich rechnete mit einem politischen Thriller, Verfolgungen und etwas Action. Das Kopfkino hatte viele entsprechende Szenen in meiner Vorstellung produziert. Der Roman ist aber viel subtiler, was die politischen Belange im Roman betrifft und stellt die Figur des Oliver Hackert in den Vordergrund. Das hat mich auf der einen Seite etwas enttäuscht, denn die Hauptfigur war mir, wie gesagt, nicht gerade sympathisch. Erzählt wird der Roman in der Ich-Perspektive und Oliver Hackert lässt und teilhaben an seinen Gedanken und seinem Leben. Die Kapitel haben eine angenehme Länge, sind nicht zu kurz, aber auch nicht zu lang und bremsen den Lesefluss nicht ein.
Aber neben der Enttäuschung über den Handlungsverlauf hat mich Dirk Brauns Schreibstil trösten können, denn dieser hat einen sehr eingängigen, gut lesbaren Schreibstil, der sehr detailverliebt ist, aber ohne zu Langweilen oder die Geschichte unnötig in die Länge zu ziehen. Passagenweise hat mich der Handlungsverlauf schockiert, teilweise sogar richtig angewidert und überrascht. Man sieht schon, dass der Leser hier viele Emotionen durchläuft.
Vielen Dank an den Galiani Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar.

Fazit:
Ich bin wohl mit den falschen Vorstellungen an diesen Roman herangegangen. Zwar beschäftigt sich das Buch sehr stark mit den weißrussischen Zuständen, im Vordergrund steht aber Dirk Brauns Hauptfigur, die mich leider nicht so stark packen konnte und mir im Verlauf des Buches nicht sympathischer wurde. Aber der Autor hat einen tollen Schreibstil und konnte mir, trotz dass die Geschichte so ganz meines wurde, trotzdem ein paar gute Lesestunden bereiten.
Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten.

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sabatayn76s avatar

Rezension zu "Wir müssen dann fort sein" von Dirk Brauns

'Hier zu sein, machte mich zornig.'
sabatayn76vor 3 Jahren

'Hier zu sein, machte mich zornig. [...] Man musste kein psychoanalytisches Genie sein, um zu ahnen, worum es hier ging.'


Inhalt:

Der Ich-Erzähler Oliver Hackert hat vor zehn Jahren den Kontakt zu seinem Vater abgebrochen, doch nun kommt er zurück in seinen Heimatort, in sein Elternhaus und zu seinem verhassten Vater, der seinen 75. Geburtstag feiert und seinen Sohn dabei haben möchte.

Doch Oliver interessiert sich wenig für seinen Vater oder eine Aussöhnung, sondern vielmehr für dessen Kontakt zu seinem Studienfreund Oleg Mitrochin. Dieser ist ein langjähriger Vertrauter des weißrussischen Diktators Arkadij Lomon, und Oliver, der als Korrespondent für eine deutsche Tageszeitung in Minsk tätig ist, möchte ihn interviewen.


Mein Eindruck:

Ich bin auch nach dem Lesen ein wenig ratlos, was ich von dem Roman halten soll, denn einerseits fand ich die Geschichte spannend erzählt, andererseits habe ich einige Kritikpunkte.

Trotz der oftmals sehr langen Sätze fand ich den Roman flüssig lesbar, und mir hat gut gefallen, dass der Autor den Leser von Anfang an neugierig machen und fesseln kann. Doch auf der anderen Seite haben mich die bisweilen sehr vulgäre Sprache sowie die meines Erachtens überflüssigen Passagen gestört, die unnötig und lediglich provozierend und ordinär sind.

Gelungen fand ich die Einblicke in die weißrussische Geschichte und Politik, das Leben und den Alltag im Land, auch wenn ich mir hier noch mehr Informationen gewünscht hätte. Letztendlich empfand ich diese Schilderungen als zu oberflächlich, und auch nach der Lektüre sind mir die Beweggründe für ein bestimmtes Handeln, die Gefühle zwischen den Protagonisten oder der treibende Motor hinter dem Verhalten der Figuren noch weitestgehend unklar.


Mein Resümee:

Packend erzählt, spannende Einblicke in das Leben in einer Diktatur, aber für meine Begriffe insgesamt zu oberflächlich und oft zu vulgär.

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