Future

von Dmitry Glukhovsky 
3,9 Sterne bei28 Bewertungen
Future
Bestellen bei:

Neue Kurzmeinungen

Positiv (16):
C

So stell ich mir das vor

Kritisch (1):
Ravells avatar

In Perversion ausartende, viel zu lange Passagen, flache Story, gemildert von innovativen Ideen, die leider das Buch nicht retten können.

Alle 28 Bewertungen lesen

Auf der Suche nach deinem neuen Lieblingsbuch? Melde dich bei LovelyBooks an, entdecke neuen Lesestoff und aufregende Buchaktionen.

Inhaltsangabe zu "Future"

Europa, in der Zukunft: Seit die Sterblichkeit überwunden wurde, ist der gesamte Kontinent zu einer einzigen Megapolis aus gigantischen Wohntürmen zusammengewachsen. Nur die Reichen und Mächtigen können sich in den obersten Etagen noch ein unbeschwertes Leben leisten, während die Mehrheit der Bevölkerung auf den niederen Ebenen ein beengtes Dasein fristet. Als der Polizist Nr. 717 auf den Anführer einer Terrorgruppe angesetzt wird, gerät er in ein Komplott, das bis in die höchsten Etagen der Gesellschaft reicht – und das die brutale Ordnung ins Wanken bringen wird.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783453317581
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:928 Seiten
Verlag:Heyne
Erscheinungsdatum:11.04.2016

Rezensionen und Bewertungen

Neu
3,9 Sterne
Filtern:
  • 5 Sterne9
  • 4 Sterne7
  • 3 Sterne11
  • 2 Sterne1
  • 1 Stern0
  • Sortieren:
    Wortmagies avatar
    Wortmagievor einem Jahr
    Die Zukunft ist eine Sardinenbüchse

    Dmitry Glukhovsky ist für mich kein Unbekannter. Der Lieblingsmensch ist ein enthusiastischer Fan der „Metro“-Reihe, bisher steckte mich seine Begeisterung jedoch nicht an. Ich schleiche schon lange um „Metro“ herum, konnte mich aber noch nicht zur Lektüre überreden. Als meine Mutter mir mitteilte, dass Glukhovsky einen dystopischen Einzelband veröffentlicht hatte, ergriff ich meine Chance. Ich beschloss, den russischen Autor durch „Futu.Re“ erst einmal kennenzulernen, bevor ich es mit „Metro“ versuchte. Ein sanfter Einstieg erschien mir erfolgsversprechender.


    In der Zukunft wurde das Altern bezwungen, abgeschafft, aus der Gesellschaft getilgt. In der megalomanen Metropole Europa wird jeder Mensch mit dem Recht auf Unsterblichkeit geboren. Um die Überbevölkerung unter Kontrolle zu halten, unterliegt die Fortpflanzung strenger Richtlinien. Das Gesetz über die Wahl fordert für das Leben des Kindes das Leben eines Elternteils. Illegale Schwangerschaften und Geburten sind keine Seltenheit. Jan Nachtigalls Aufgabe besteht darin, diese Verbrecher aufzuspüren und das Gesetz zu vollstrecken. Er ist stolz auf seinen Beruf. Wenn diese Systemgefährder keine Verantwortung für ihre Zügellosigkeit übernehmen wollen, muss er es eben tun. Eines Tages wird ihm von einem einflussreichen Senator ein Spezialauftrag übertragen, der seine Karriere entscheidend vorantreiben könnte. Er soll einen bekannten Terroristen und dessen schwangere Freundin ausschalten. Doch während des Einsatzes kommt alles anders als geplant und plötzlich findet sich Jan in der Gesellschaft der jungen Frau wieder, die er umbringen sollte. Sie stürzt sein Leben ins Chaos, stellt alles infrage, wofür er steht und weckt in ihm tiefe Zweifel: ist die Menschheit für die Unsterblichkeit geschaffen?


    Okay, das lief nicht wie erwartet. Ich möchte nicht behaupten, dass mein Versuch einer Annäherung an Dmitry Glukhovsky durch „Futu.Re“ vollkommen in die Hose ging, aber als erfolgreich kann ich dieses Experiment ebenfalls nicht bezeichnen. Ich fühle mich genauso schlau wie vorher. Meine Motivation, die „Metro“-Trilogie zu lesen, ist noch immer überschaubar. Tatsächlich verunsicherte mich „Futu.Re“ zusätzlich. Wäre das Buch einfach schlecht, hätte ich keinerlei Hemmungen, Dmitry Glukhovsky in das Nirvana der enttäuschenden Autor_innen zu verbannen. Dummerweise sind lediglich einige Aspekte fragwürdig – andere dafür jedoch hervorragend. Ich bin zwiegespalten.
    Das Design der Dystopie beeindruckte mich nachhaltig. Glukhovskys beängstigend vorstellbare Zukunftsvision stützt sich auf zwei korrelative Säulen: der Sieg der Wissenschaft über das Altern und die daraus resultierende Überbevölkerung der Erde, die ihrerseits verschiedene Modelle zur Populationskontrolle (z.B. das Gesetz über die Wahl) erzwang und eine unermesslich erweiterte und verdichtete Besiedlung des Planeten zur Folge hatte. Die Weite der Welt ist passé. Die Zukunft ist eine Sardinenbüchse, die Menschen stapeln sich buchstäblich. Die klaustrophobische Atmosphäre übertrug sich intensiv auf mich. Ich fühlte mich körperlich unwohl, erdrückt, eine Empfindung, die durch die dargestellte Sinn- und Ziellosigkeit der menschlichen Existenz verstärkt wurde. Niemand wird mehr von der eigenen Sterblichkeit gejagt; es fehlt die Triebfeder, die heute fieberhafte Forschung und den Wunsch, die Welt für die nächste Generation zu verbessern, befeuert. Wer denkt an die nächste Generation, wenn man ewig leben kann? Die einzige Ausnahme in diesem Sumpf der völligen Abgestumpftheit sind die wenigen Menschen, die das Funktionieren des Systems gewährleisten, obwohl der Protagonist Jan Nachtigall belegt, dass auch diese berufliche Befriedigung oberflächlich ist und keinen wahren Lebenssinn stiftet. Für mich ist Jan der Übeltäter, der eine durchgehend positive Leseerfahrung mit „Futu.Re“ verhinderte. Dmitry Glukhovsky entschied sich für die Ich-Perspektive, ergo befand ich mich während der gesamten Lektüre in Jans Kopf – ein Ort, an dem ich keinesfalls sein wollte. Während der ersten Hälfte des Buches konnte ich mich überhaupt nicht mit ihm arrangieren, fand ihn aggressiv, hasserfüllt und gewaltbereit; ein von Komplexen gequälter Junge im Körper eines Mannes mit minimaler Frustrationsgrenze. Rückblenden in Form von unrealistisch strukturierten Träumen sollten seine Persönlichkeit erklären und rechtfertigen, doch ich konnte trotzdem nur wenig Verständnis für ihn aufbringen. In der zweiten Hälfte ertrug ich ihn besser, da Jan eine berechenbare und durch die gekünstelte Handlung unausweichliche Wandlung durchlebt, aber beste Freunde konnten wir nicht mehr werden. Glukhovsky nahm mir die Möglichkeit, mich von Jan zu distanzieren und mich an anderen Figuren zu orientieren, weil es neben ihm keine nennenswerten Handlungsträger_innen gibt. Eingesperrt in den Gedanken eines misogynen Schlägers hatte ich kaum Freude an der Lektüre und musste mich voll auf die Dystopie konzentrieren, um durchzuhalten.


    Ohne die logische, realitätsnahe und atmosphärische Dystopie würde „Futu.Re“ auf meinem Stapel der durchgefallenen Bücher landen. Die Handlung wirkte allzu konstruiert, der Protagonist war eine Zumutung. Hoffentlich begegnet mir nie wieder eine Figur wie Jan Nachtigall. Wie konnte Dmitry Glukhovsky ein Buch schreiben, das sich völlig auf einen permanent unsympathischen Hauptcharakter verlässt? Meiner Meinung nach war ich nicht die einzige, die sich auf die pervertierte Version einer globalisierten Welt fokussierte. Ich glaube, dass sich Glukhovskys Augenmerk ebenfalls auf seine Zukunftsvision richtete, weshalb ihm offenbar nicht auffiel, dass sich der unausstehliche Jan durch eine unnatürliche Handlung hangelt. Ich zögere daher, ihm genug Vertrauen zu schenken, um die „Metro“-Trilogie zu lesen. Angeblich soll diese frei der hier benannten Mängel sein – aber was, wenn nicht?

    Kommentieren0
    0
    Teilen
    itwt69s avatar
    itwt69vor 2 Jahren
    Die Zukunft Europas - ein Horrorszenario

    Mit Futu.re ist Dmitry Glukhovsky ein packender SF-Thriller gelungen, der mich von Anfang an gepackt hat. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Trotz der über 900 Seiten war es nie langweilig, einzig die immer wieder auftretenden Gewaltexzesse und derbste Ausdrucksweisen waren ein wenig störend. Europa in gut 400 Jahren: Hoffnungslos überbevölkert ist die Fortpflanzung strengstens reglementiert: um seinen Nachwuchs behalten zu können, muss ein Elternteil in den nächsten 10 Jahren sterben. Alle 120 Milliarden Einwohner Europas altern aufgrund gentechnischer Eingriffe nicht. Wer sich den Gesetzen nicht unterwirft, wird ausgeschaltet, der nicht gemeldete Nachwuchs kommt ins Internat und wird zum gewissenlosen Killer erzogen. Jan ist solch ein illegal Geborener, der im Laufe seiner "Arbeit" feststellen wird, dass es noch etwas anderes als Arbeit, Vergnügen und diverse Gemütspillen zum besseren Befinden gibt. Eine sehr komplexe, geschickt aufgebaute Geschichte und ein Horrorszenario für die Zukunft, in der durchaus gesellschaftskritische Töne angeschlagen werden. Absolut grandios!

    Kommentieren0
    15
    Teilen
    FlorianEckardts avatar
    FlorianEckardtvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Ein spannendes und interessantes Buch, auch wenn etwa 100 bis 150 Seiten weniger auch gereicht hätten.
    Europa in der Zukunft

    In einer nicht allzu fernen Zukunft des 25. Jahrhunderts ist Europa nur noch eine Stadt. Überall drängen sich kilometerhohe Wolkenkratzer dicht an dicht. Nach den neuesten Gesetzesentwürfen hat jeder Mensch hier ein Recht auf Unsterblichkeit. Klar, dass das bei etwa 120 Milliarden Menschen allein in Europa zu Problemen führt.

    „Vergiss den Tod!“

    Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Ausruf lesen musste. Es ist der Leitspruch der Phalanx, einer Armee aus Unsterblichen, die in Europa für Recht und Ordnung sorgen. Auch der Protagonist ist ein Teil dieser Armee und deshalb oft in schwarzen Kampfanzügen unterwegs. Das Gesicht ziert dabei eine Maske mit dem Gesicht eines Gottes. Sie dringen in Wohntürme ein, in denen Menschen unerwünschten Nachwuchs gezeugt haben. Denn im ohnehin überbevolkerten Europa ist kein Platz mehr für weitere Menschen. Wer ein Kind zeugt wird vor die Wahl gestellt: Dein Kind oder dein Leben. Wer sich für sein Leben entscheidet, verliert sein Kind für immer. Der andere Elternteil bekommt einfach Ax gespritzt. Entscheidest du dich für dein Kind, bekommst du selber Ax gespritzt. Dabei ist Ax nichts weiter als ein biologische Waffe, die die mit Unsterblichkeit gesegneten Menschen altern lässt. Doch sie altern in mindestens siebenfacher Geschwindigkeit, so dass ihr Leben nach zehn Jahren als Greis vorbei ist. Dafür sorgt die Phalanx. Denn das Gesetz über die Wahl muss mit allen Mitteln durchgesetzt werden.

    Doch leider ist das Leben von 717 nicht so problemlos, wie er es gerne hätte. Ein privater Auftrag von Senator Schreyer und ein unerlaubter Aufenthalt im Badehaus sind da erst der Anfang. Jan soll einen Terroristen ausfindig machen und liquidieren. Natürlich läuft der Auftrag schief und zieht einen ganzen Rattenschwanz an Problemen nach. Dabei bringt ihn nicht nur die Liebe dazu, über sein Leben als Unsterblicher nachzudenken.

    Gestatten: 717.

    Auf den 928 Seiten erfährt man einiges über 717 alias Jan. Von seinem Leben im Internat und warum er so überzeugt von dem ist, was er tut. Alles ändert sich an dem Tag, an dem er den gesuchten Terroristen Jesús Rocamora ziehen lässt. Er beginnt tatsächlich langsam, aber sicher, sich Gedanken über sein Leben zu machen. Neben kleinen privaten Übeln und dem ewigen Erzfeind 503 hat er eben auch mit dem Bollwerk des europäischen Gesetzes zu kämpfen. Zugegeben: Ich habe sehr lange gebraucht um dieses Buch zu lesen. Klar, es hat 928 Seiten. Dennoch gab es leider einige Stellen, an denen die ständigen Rückblenden die Handlung unnötig in die Länge gezogen haben. Trotzdem ist das Buch bemerkenswert gut geschrieben und kann mit der einen oder anderen unerwarteten Wendung aufwarten. Gerade zum Ende hin nimmt die Handlung immer mal wieder rasant Fahrt auf. Deshalb kann ich trotz einiger Längen sagen: Das Buch sollte man gelesen haben, auch wenn 100 bis 150 Seiten weniger wahrscheinlich auch gereicht hätten.

    Kommentieren0
    3
    Teilen
    Ravells avatar
    Ravellvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: In Perversion ausartende, viel zu lange Passagen, flache Story, gemildert von innovativen Ideen, die leider das Buch nicht retten können.
    Leider enttäuschend

    Nach dem genialen Metro 2033 habe ich etwas ähnlich Großartiges von Glukhovsky erwartet. Ich wurde leider enttäuscht.

    Nach der Inhaltsangabe habe ich mich zunächst wahnsinnig auf das Buch gefreut. Es klang nach einer großen, monumentalen Geschichte, "das Schicksal der Menschheit" betreffend. Nicht wirklich. Es geht nur um Einzelschicksale, und der Protagonist hat nie direkt mit den "weltbewegenden" Ereignissen zu tun. Passagenweise fühlt man allerdings wirklich die dystopische Story mit, aber größtenteils ist es kein flüssiges Lesen.

    Die Gedanken der Hauptperson, oft lange Abschnitte einnehmend, sind repetitiv, unwichtig und nervig. Es macht keinen Spaß, ihm dabei zuhören zu müssen, wie er wieder und wieder die ewig selben Dinge in Frage zu stellen, sich Gedanken macht und Selbstzweifel hegt. Es ist einfach zu viel davon im Buch.

    Wovon auch viel zu oft und viel zu lang berichtet wird, sind Vergewaltigungen. Ich habe irgendwann aufgehört mitzuzählen, wie viele es sind, aber es wird jedes Mal detailreich beschrieben und das ist einfach nur grausam und pervers.

    Genauso wie sonstige Missbräuche. Ich will nicht seitenweise lesen müssen, wie jemand in seinen eigenen Fäkalien liegt oder irgendwie brutal zu Tode kommt.

    Dasselbe gilt für die Sexszenen. Hier war ich wirklich kurz davor, das Lesen einfach aufzugeben. Es wird zeitdeckend (!) und in jedem Detail davon berichtet. Und als man denkt, endlich ist es vorbei, tun sie es gleich nochmal. Nicht Story-relevant, nicht erotisch, nicht interessant, einfach nervig und langweilig.

    Auch gibt es generell Abschnitte, in denen sich Glukhovsky verrennt und viel, viel zu viel schreibt. Das tut der Geschichte einen starken Abbruch. Die Actionszenen sind viel zu detailliert für Actionszenen, aber trotzdem positiv hervorzuheben, da sie dennoch tolle Bilder liefern. Trotzdem, meiner Meinung nach hätte man die tausend Seiten auf dreihundert beschränken können und trotzdem die ganze Geschichte erzählt.

    Ohne zu Spoilern kann ich hier wenig dazu sagen, aber es gibt auch eine Menge Logiklücken.

    Positiv zu nennen, sind die innovativen Ideen Glukhovskys. Das Setting, die Erfindungen und das Weltgeschehen sind interessant und kreativ. Das Hauptthema, Geburtenkontrolle, das beleuchtet wird, hat mich persönlich eher weniger getroffen, aber das mag daran liegen, dass ich noch weit davon entfernt bin, selbst Vater zu werden, ich kann also schlecht beurteilen, ob dieser Schwerpunkt gut umgesetzt wurde. Auch die Symbolhaftigkeit hat mir gefallen, und einige Dialoge waren ebenfalls sehr interessant.

    Geteilter Meinung bin ich über die Charaktere, mit einigen kam ich gar nicht klar, ein paar waren ganz in Ordnung, andere Platzhalter. Unterm Strich würde ich sagen, eine durchschnittlich gute Arbeit.

    Fazit: Weit entfernt von dem , als was es angepriesen ist, und sich selbst in viel zu langen Passagen verlierend, häufig in Perversion ausartend. Die wirklich guten verarbeiteten Ideen entschädigen dafür leider nicht, und die Story als Ganzes ist nicht wirklich der Rede wert. Ich hätte dem Buch gern mehr gegeben, aber zwei Sterne sind das Maximum. Schade, ich hatte große Hoffnungen in Glukhovsky gesetzt, aber Future gehört für mich definitiv nicht zu seinen großen Werken. Dieses Buch ist nicht zu empfehlen, wollt ihr einen Eindruck vom genialen Potential des russischen Autors erhalten, lest lieber die Metro-Reihe.

    Kommentieren0
    13
    Teilen
    Siebens avatar
    Siebenvor 4 Jahren
    Erreicht nicht die Intensität von Metro 2033

    "Vom Autor des Bestsellers Metro 2033" prangt oben rechts in der Ecke des Covers zu "Futu.re". Das war einer von zwei Gründen, aus denen ich mir dieses Buch zugelegt habe, denn Metro 2033 ist eine der atmosphärisch dichtesten Geschichten, die ich je gelesen habe. Die Hoffnung, ein ähnlich intensives Erlebnis auch hier zu erfahren, ließ, gepaart mit der interessanten Thematik der mit Hochhäusern zugebauten Zukunftswelt, "Futu.re" also in meine Hände wandern.

    Am Ende war ich ein wenig enttäuscht. Eben jene dichte Erzählweise, die einen geradezu in die dunkle Untergrundwelt von Metro 2033 hineingesogen hat, konnte hier zu keinem Zeitpunkt wiederholt werden. Machte gerade das erste Kapitel, dessen Anfang sich mit dem Für und Wider von Aufzügen in den buchstäblichen Wolkenkratzern beschäftigt, Appetit auf das Setting der Geschichte, konnte alles folgende mir nie ein derart lebendiges Gefühl vermitteln. Zu schnell war der Effekt einer Gigapolis, in der die Wohnetage der sozialen Stellung gleichkommt, verpufft, obwohl darin noch so viel Potential gesteckt hätte, und es ging um ganz andere Dinge. Philosophische Dinge. Seitenlange innere Monologe des Protagonisten Jan über Gott (wortwörtlich) und die Welt. Das scheint ein generelles Phänomen, so lerne ich mit zunehmender Lektüre russischer Werke, der Autoren dieses Kulturkreises zu sein, denn auch Sergej Lukianeko verfällt allzu gerne in diese Muster. Wenn man soetwas mag, kann man sicher Spaß daran haben, für mein Emfpinden aber bremste es die Story immer wieder aus und ließ keinen richtigen Fluss aufkommen. So wurde der Roman mit über 900 Seiten auch deutlich zu umfangreich. Am interessantesten gestalteten sich schließlich gar die Stellen, in denen wir in Jans Kindheit, die er in einer Art Ausbildungslager verbracht hat, versetzt werden. Dort schritt die Handlung mit der höchsten Intensität vorran.

    Das Geschehen ist nichts für zarte Gemüter. Harte Sex- und Vergewaltigungsszenen kommen ebenso häufig vor wie kaltblütige Morde. Dass der Hauptcharakter in schöner Regelmäßigkeit daran beteiligt ist, macht es dem Leser schwer, ihn wirklich sympathisch zu finden. Zwar versucht Dmitry Glukhovsky durch die Zeichnung seiner Figur als der beliebte Anti-Held zu punkten, doch ist das für mein Empfinden etwas zu sehr "anti". Auch bei den Nebenfiguren findet sich niemand, den man wirklich mögen könnte. Es gibt die Schlechten und die nicht immer ganz so Schlechten. Und dann gibt es da noch die Frauen, allen vorran Annelie und Helen, deren Verhalten oft einfach zu wenig nachvollziehbar und zu sprunghaft ist. Gepaart mit der unwirtlichen Kulisse seines Romans verpasst Glukhovsky hier die Chance, den Leser emotional an seine Geschichte zu binden.

    So blicke ich nun zurück auf eine nicht schlechte, aber eben auch nicht wirklich gute Geschichte, die keinesfalls mit Metro 2033 zu vergleichen ist und der eine wesentliche Straffung mehr als gut getan hätte. Gerade am Ende kommt der Leser noch einmal in den vollen Genuss Jans Innenleben, denn dem letzten finalen Akt geht ebenfalls ein ausführlicher innerer Disput voraus. Es bleibt zu hoffen, dass Dmitry Glukhovsky sein bestes Pulver nicht schon mit Metro 2033 verschossen hat, denn das wäre allzu schade.

    Kommentieren0
    0
    Teilen
    Babschas avatar
    Babschavor 4 Jahren
    Europäischer Zukunftshorror

    Im 25. Jahrhundert hat die Menschheit endlich einen Impfstoff gegen den Tod gefunden. Jugend und Schönheit sind das Maß der Dinge, man wendet sich angeekelt von allem ab, was mit Alter und Siechtum zu tun hat und genießt, schön eingependelt in seinen Zwanzigern, sein ewiges Leben. Zumindest in Europa ist das so, wo mittlerweile 120 Milliarden Menschen in kilometerhohen Wohntürmen leben, die Armen lichtlos in winzigen Behausungen auf den unteren Ebenen und die reiche herrschende Klasse in riesigen Wohninseln über den Wolken. Europa ist zu einem einzigen Moloch verschmolzen, die Bauwerke früherer Zeiten sind entweder abgerissen oder einfach überbaut und versinken im Schmutz.
    Dem akuten Problem einer drohenden Überbevölkerung wird durch eine drastische, staatlich überwachte Geburtenkontrolle begegnet: Für jedes neugeborene Kind, das weiterleben soll,  erhält ein Elternteil eine Spritze, die rapide Alterung auslöst und nach etwa zehn Jahren zum Tod führt. Leben gegen Leben also. Für die Durchsetzung dieser drakonischen Vorgabe ist die verhasste Schwadron der „Unsterblichen“ zuständig, die bei Bedarf in kleinen verschworenen Einheiten aktiv wird. Zu ihnen gehört auch Jan Nachtigall, die Hauptfigur des Buches. Als seine Einheit eines Tages den Auftrag erhält, den Führer der im Untergrund agierenden „Partei des Lebens“ mit seiner schwangeren Lebensgefährtin zu eliminieren, läuft alles anders als geplant und die Dinge geraten komplett aus dem Ruder.

    Nach seinem starken Erstlingswerk „Metro 2033“ legt Glukhovsky erneut einen sehr visionären, eindrucksvollen und insgesamt überzeugenden Roman vor. Die Welt eines komplett „überdachten“ Europa voller weitgehend degenerierter Menschen, die sich im Genussrausch gegenseitig auf die Füße treten und von einer skrupellosen Machtelite am Gängelband geführt werden, ist so anschaulich und spannend ausgearbeitet, dass man als Leser sofort hierin abtaucht. Auch die zerrissene Hauptfigur ist in ihrer ganzen Tragik bis zum überraschenden Ende sehr sorgfältig konzipiert und in Wechselwirkung zu den sonstigen Charakteren glaubhaft umgesetzt. Mit bald tausend Seiten ist das Buch allerdings etwas zu voluminös geraten, manche Ereignisse und Wendungen erscheinen leicht konstruiert und inhaltliche Wiederholungen stören streckenweise den Lesefluss bzw. gehen zu Lasten der Spannung. Hier hätte man etwas straffen können. Absolut überflüssig und überzogen auch die teilweise abstoßend geschilderten Brutalitäten der Eingreiftruppen, insbesondere gegenüber der weiblichen Hauptfigur. Keine Ahnung, was der Autor damit bezwecken wollte. Eine verrohte Welt mit Menschen ohne jedes Mitgefühl kann man auch anders transportieren bzw. sie sollte idealerweise im Kopf des Lesers selbst entstehen. Aus meiner Sicht reduziert so etwas eindeutig die literarische Klasse eines Werkes.

    Abgesehen von diesen Einschränkungen, die für mich einen Stern Abzug kosten, aber die gute, lesenswerte Fiktion einer Welt, wie wir sie wohl alle nicht haben wollen.

    Kommentieren0
    12
    Teilen
    C
    Charles_Lee_Rayvor 5 Monaten
    Kurzmeinung: So stell ich mir das vor
    Kommentieren0
    Cailesss avatar
    Cailessvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Stellenweise zu lang, aber interessante Grundidee, die größtenteils gut umgesetzt wurde. Regt definitiv zum Nachdenken an!
    Kommentieren0
    gorgophols avatar
    gorgopholvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Überraschend gut zu lesen mit einigen zum Nachdenken anregenden Passagen
    Kommentieren0
    uberdads avatar
    uberdadvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Erstklassiker Zukunftsthriller!
    Kommentieren0

    Gespräche aus der Community zum Buch

    Neu

    Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

    Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

    Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach

    Hol dir mehr von LovelyBooks